1. EduMuc Stammtisch (April 2017)

By | 13.4.2017

Vor ein paar Tagen war ich auf einem Meetup in München, das Christoph Aufmhoff organisiert hat: der 1. EduMuc Stammtisch. Veranstaltungsort und Gastgeber war Google mit seinem Community Event Space am Arnulfpark – Googlebier, Häppchen, sehr feine Location. Ziel des Meetups: Kontakt zwischen allen herstellen, die sich für Digitales in der Schule interessieren. Eltern, Lehrer, Schüler, Dienstleister. Tatsächlich waren dann nur eine gute Handvoll Lehrer da, was sicher auch an dem Termin in den Osterferien lag; der Großteil waren andere Bildungsinteressierte – Anbieter von Hardware, Anbieter von Software, Anbieter von Inhalten.

Zuerst stellte Kai Wörner von der Realschule am Europakanal in einem Vortrag die Schule und seinen Umgang mit den iPad-Klassen dort vor. Kurzfassung: Diese Schüler und Schülerinnen bringen eigene iPads mit, die Schule empfiehlt einige Apps, die sie kaufen sollen; und damit wird viel und sinnvoll gearbeitet. Dazu etwas Deutschbuch-Bashing (wobei gute Deutschlehrer eh notorisch wenig mit einem Buch arbeiten), Kritik an Hausaufgaben, „4.0“ und die übliche falsche Verwendung von „Dekonstruieren“. Dafür eine schöne und überzeugende Erklärung, warum Tablet-Klassen auch nicht besser bei Prüfungen abschneiden als andere Klassen: Prüfungen bleiben herkömmlich und prüfen gar nicht die Fähigkeiten ab, die Tabletklassen erworben haben – kein Recherchieren, Zusammenbauen, Sammeln, Kooperieren.

Dann stellte Simon Köhl das Projekt serlo.org vor – im weitesten Sinn eine Lernplattform, gemeinnützig, kostenlos, werbefrei, offen; mit schulischen Inhalten aufbereitet für ein Selbststudium. Videos, Aufgaben, Lösungen, Erklärungen. Schon recht groß, aber bislang vor allem Mathematik als Inhalt. Was ich von Mathematik gesehen habe, sieht sehr gut aus. – Allerdings gibt es gerade viele neue OER-Plattformen, über die ich nicht den geringsten Überblick habe..

Simon war kurzfristig eingesprungen für Christine Debold, deren Vortrag als Lehrerin und städtische Medienpädagogin leider ausfallen musste und auf nächstes Mal verschoben wurde. Für diesen Termin ist auch André Spang als Vortragender angekündigt; ich werde wohl nicht da sein, da gleichzeitig ein anderes Meetup stattfindet – Ukulele geht vor, von wegen lebenslanges Lernen und so.

(Apropos, was heißt lebenslanges Lernen denn genau? Nach dem lernpsychologischen Lernbegriff kann man nicht nicht lernen, und wird so oder so lebenslang lernen. Es kann also nur darum gehen, was und wie man zu lernen hat – also entweder darum, sich neue Aspekte der Welt zu erschließen, um sie auch gestalten zu können, oder vielleicht auch nur: verfügbar zu bleiben für die Arbeitswelt.)

Digitale Bildung ist ein Thema, das gerade viel umtreibt. Immer lesenswert sind Maik Riecken, Lehrer und Medienbildungsexperte am Niedersächsischen Institut für schulische Qualitätsentwicklung, der kürzliche über seine Erfahrungen mit Digitalem schrieb, Andreas Kalt, der differenziert über Turbo-Digitalisierung schreibt, und Dejan Mihajlovic, der „zeitgemäße Bildung“ statt „digitale Bildung“ als Begriff vorschlägt.

Kein Thema beim Meetup waren: das Fach Informatik, Systembetreuung, Lehrerausbildung. Das sind die Themen, die mich besonders interessieren. Trotzdem, ein produktives und lohnendes Meetup.

– Etwas unorganisch hier ein paar Thesen zur digitalen Bildung:

(1) Ein Pflichtfach Informatik ist nötig. Ich glaube nicht, dass das besonders viel mit digitaler Bildung zu tun hat, sicher nur wenig mit digitalem Lernen, aber viel mit zeitgemäßer Bildung. Wer nichts von Informatik versteht, versteht die Welt schlechter.

(2) Lehrer, die privat nur minimal mit einem Computer arbeiten, werden auch in der Schule nie groß mit digitalen Mitteln arbeiten. „Minimal“ heißt: Erstellen von Arbeitsblättern und Prüfungen mit MS Word, und einmal pro Woche E-Mail, dazu WhatsApp mit Freunden oder Kindern. Wie man daran etwas ändert, weiß ich nicht. Mit dem Alter hat das jedenfalls wenig zu tun.

(3) Veränderungen müssen von oben kommen. Und: Schulen brauchen eigene Systembetreuer, und zwar keine Lehrer.

(4) Schulbücher müssen digital werden. Mit oder ohne Schulbuchverlage, das wird sich zeigen.

(5) Natürlich gibt es ganz tolles Material zum Selberlernen im Web. Das Problem ist nur, dass Schülerinnen und Schüler häufig nicht das lernen wollen, was sie gerade lernen sollen. (Das Fernziel, dann ganz auf nicht-individuelle Lehrpläne zu verzichten, interessiert mich im Moment gar nicht.) Den meisten Schülern und Schülerinnen reicht das, was sie in der Schule kriegen. Und wer das in der Schule nicht versteht, der wird auch mit Material im Web nicht besser zurecht kommen. Deswegen halte ich Bildungsmaterial, das sich unmittelbar an Schülerinnen und Schüler wendet, für nicht sehr ergiebig. Aus Büchern konnte man immer schon etwas lernen, wenn man wollte; ich glaube nicht, dass das mit Videos so viel besser gehen wird.

(6) Schüler und Schülerinnen müssten mehr Verantwortung für ihr Lernen übernehmen. Im Moment sind die Lehrer dafür verantwortlich und werden dafür verantwortlich gemacht. Hausaufgaben gibt es immer weniger, also auch weniger eigene Arbeit; Facharbeiten werden immer kleinschrittiger betreut, selbstständige benotete Aufsätze zu Hause wurden abgeschafft; Anwesenheiten immer penibler überwacht – wobei häufiges Blaumachen dann doch wenig Konsequenzen hat.

5 thoughts on “1. EduMuc Stammtisch (April 2017)

  1. Ivo

    Hallo.

    > Lehrer, die privat nur minimal mit einem Computer arbeiten, werden auch in der Schule nie groß mit digitalen Mitteln arbeiten. […]

    Dieses Problem haben wir an unserer Schule auch. Wir versuchen das zu lösen, indem ich von der Schulleitung bestimmt wurde, den Kolleginnen und Kollegen als „offizieller“ Ansprechpartner zu dienen. Nicht, dass ich das vorher nicht schon war. Aber jetzt ist es „offiziell“. Und das „offiziell“ zieht doch mehr KuK an, als wenn man nur der Nerd ist.

    Außerdem führe ich regelmäßig Online-Umfragen durch, an welchen Themen die KuK am meisten interessiert sind. Zu diesen Themen halten ich oder andere KuK dann kleine SchiLFs. Die KuK kommen freiwillig. Oder eben nicht. Aber die SL ist immer dabei und das „motiviert“. Dass die SL immer mit gutem Beispiel voran geht freit mich persönlich am meisten. Mir wurde in dieser Beziehung noch nie der geringste Kiesel in den Weg gelegt.

    Außerdem gibt es ab und an kleinere Treffen, bei denen KuK ihre Ideen und Arbeitsweisen, Methoden und Fehltritte vorstellen, die sie mit dem Computer gemacht haben. Das ist mir am liebsten.

    Dazu kommt, dass wir zur Einführung unseres „Digitalen Konzeptes“ (vor ca. 3 oder 4 Jahren) einen längeren Aufenthalt außerhalb der Schule hatten, wo gezielt schulische Arbeitsweisen mit dem Computer besprochen und ausprobiert wurden. Dort hatten wir knapp 3 Tage Zeit und konnten viel lernen.

    Dann gibt es noch eine zentrale Ablage, wo alles Digitale von (fast) allen KuK hinterlegt ist. Eine Fundgrube für neue Ideen und Anregungen.

    Wir sind eine kleine Schule. Da geht sicher das Eine oder Andere auf dem kleinen Dienstweg. Das ist mir klar. Aber ich kann damit sehr gut leben. Und ich hoffe, meine Mitstreiter/innen auch.

    Aber wie Maik schon schrieb: „Ich konnte all das, was ich heute vermeintlich kann, nicht sofort. Das brauchte alles viel Zeit – Zeit, die wir anderen Menschen auch zugestehen sollten.“ (https://riecken.de/index.php/2017/04/mehr-wir-wagen/)

    Und da du das Alter erwähntest: Die jüngeren KuK sind nicht unbedingt so fit, wie ich mir das immer vorgestellt hatte.

    Leider habe ich von diesem Treffen erst danach erfahren. Ich hätte den Weg aus Bayerisch-Schwaben gern auf mich genommen. Das nächste Mal vielleicht.

  2. Hokey

    Deine Fußnote 6 spricht mir aus dem Herzen. Ich ergänze um „Binnendifferenzierung“, die so etwas wie individuelles Lernen simulieren soll, letztlich aber nur zur Verarbeitsblattisierung des Unterrichts führt und den einzelnen Schüler schleichend der eigenen Auseinandersetzung mit Inhalten entfremdet: Statt sich konzentriert einer schwierigen Aufgabe zuzuwenden, wird einfach etwas Leichteres vom differenzierten Material genommen – und da verbleibt man dann gerne (ganz im eigenen Tempo).

    Das Digitale macht mir gerade am wenigsten Kopfschmerzen. Das kommt so oder so, es bleibt nur die Frage: Wie.

  3. Herr Rau Post author

    „Das Digitale macht mir gerade am wenigsten Kopfschmerzen. Das kommt so oder so, es bleibt nur die Frage: Wie.“
    @Hokey: Das sehe ich auch so. Ich begrüße es, wenn ganz viele Leute ganz viel von Digitalem reden, weil dann die Entscheider mitkriegen, dass es so etwas gibt, aber selber mitzureden habe ich nur mäßig Lust.

    @Ivo: Der nächste Termin ist der 11.5., jedenfalls angekündigt, steht noch nicht im Meetup. Was du an deiner Schule beschreibst, sieht auch nach Digitalisierung von oben aus – die Schulleitung scheint dahinter zu sein. Das halte ich für notwendig. Wir haben digitales Notenbuch und Kommunikationssystem, Sprechstundenbuchung online, alles schön und von oben. Was wir nicht haben: Alles auf Unterrichts- oder Fächerebene.

    @Kai: Lehrerbildung – ach, bis das zu den Seminarlehrern und ins Kultusministerium vorgedrungen ist… bleibt alternativ die Uni, da ließe sich vielleicht eher etwas machen. Ich glaube, mehr zentrale Tools vom KuMi würden da helfen.

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