Karl May, Am Stillen Ocean

By | 29.10.2014

Überraschendes Fundstück:

Es ist unberechenbar, welche Störungen und Umwälzung die Einführung eines neuen Thieres in der ursprünglichen Thierwelt eines Ortes hervorbringen kann. So hat z.B. in Neu-Seeland der flügellose Kiwi der Uebersiedelung des europäischen Hundes nicht widerstehen können, und ebenso droht die dort eingeführte Katze dem Kakapo, einem dortigen Kukuk, der auf niederen Zweigen zu nisten pflegt, mit dem vollständigen Untergange. Nicht allein die wilden Völkerstämme sind es, die bei der Ankunft des weißen Mannes ihr Todesurtheil empfangen, auch die Hausthiere, welche ihn begleiten, bringen den freien thierischen Bewohnern der Wildniß Verderben und Vernichtung.
(„Der Kiang-lu“ 1880, später aufgenommen in Am Stillen Ocean)

Der Kakapo, ich glaub’s nicht! Der Kakapo ist kein Kuckuck, sondern ein flugunfähiger Papagei; der einzig flugunfähige Papagei, den es gibt. Auf Neuseeland, ja. Den Kakapo wählten schon Douglas Adams und Mark Carwardine als eine der bedrohten Tierarten, die sie in Die letzten ihrer Art (Last Chance to See) vorstellten, und daher kennen und lieben wir ihn.

Der Kakapo ist inzwischen tatsächlich vom Aussterben bedroht (Rote Liste, critically endangered), im März 2014 gab es noch 126 Exemplare. Der Grund für das Aussterben ist der, den May schildert – zu den von May genannten Katzen (und wohl auch Ratten) kamen nach 1880 noch dort ausgesetzte Hermeline, Frettchen und Wiesel hinzu, die die überhand nehmende Zahl der Kaninchen reduzieren sollten. Rettungsversuche für den Kakapo begannen schon 1891.

Hier trägt Adams aus dem Buch vor:

Unbedingt empfehlenswert, das ganze Buch. Das Fortpflanzungsverhalten des Kakapo ist tatsächlich bizarr, Wikipedia hat eine Menge Information dazu. Unter anderem kann man dort den männlichen Balzruf hören oder (als .ogg) herunterladen. Mit meinen alten müden Ohren höre ich den originalen Balzruf dort tatsächlich nicht – die Frequenz liegt unter meiner Hörschwelle, der Ton ist zu tief. Auf Wikipedia gibt es eine um eine Quinte herauftransponierte Fassung, da höre ich den Ruf tatsächlich. Schöner ist es natürlich, sich die Originaldatei in eine Audiobearbeitungssoftware zu laden, dort zu sehen, dass da etwas ist, das man nicht hört, und dann selber die Frequenz zu erhöhen, bis man die Töne hört.

kakapo

Am Stillen Ocean ist kein Roman, sondern eine Sammlung von fünf Einzelerzählungen, die teilweise weiter in einzelne Episoden aufgeteilt sind. Der Held ist wieder mal Kara Ben Nemsi/Old Shatterhand, hier durchweg „Charley“ genannt, aber die Geschichten spielen weder in Nordamerika noch in Nordafrika oder Arabien oder auf dem Balkan, sondern in der Südsee und China, und sind lose miteinander verknüpft. In der ersten Geschichte geht es um einen Machtkampf in der Südsee, in der zweiten, längeren und interessantesten, um Flusspiraten in China. Die dritte Geschichte beginnt in einem Bahnhof in einem „berühmten Centralpunkt des westfälischen Kohlen- und Eisenwerkbetriebes“, wo der Erzähler das auserkorene Opfer einer Bande von Trickbetrügern wird. Sie wollen ihn bei einer Runde Three-Card-Monte ausnehmen, aber das klappt natürlich nicht. (Später verschlägt es die Geschichte noch nach Moskau und in die Mongolei, wo er jeweils wieder auf die Trickbetrüger stößt.) In der vierten und fünften Geschichte geht es um Piraten auf Ceylon (heute: Sri Lanka) und Java.

Über Land und Leute habe ich in diesen Geschichten sehr viel gelernt. Kunststück, stellt sich heraus, denn Karl May wollte seinen Lesern genau das beibringen. In seiner Autobiographie Mein Leben und Streben schreibt May durchaus kritisch – aber ehrlich gesagt: eher noch begeistert – über die Räuberromane seiner Kindheit und vergleicht sie mit den braven didaktischen Büchern:

Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie, nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. […] Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Ganz klar, May spricht sich für die Unterhaltung aus, nähert sich aber auch sehr der Trivialliteratur, wenn er lobend erwähnt, dass die Wünsche des Lesers jeweils sofort erfüllt werden. Der ganze, lesenswerte Abschnitt steht noch einmal am Ende dises Blogeintrags.

Demnach enthält das Buch auch einige der ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, die man als junger Mensch immer übersprungen hat. Anders war das übrigens bei dem Band, den ich eine Woche zuvor gelesen hatte: Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger enthält kaum solche störenden Landschaftsszenen. Dafür besteht es aus zu vielen Variationen von: Feinde Verfolgen, Gefangennehmen und -genommenwerden, Anschleichen und Belauschen, Befreien von Gefangenen. Auf die Dauer merkt man da schon eine gewisse Wiederholung. Da ist Am Stillen Ocean sehr viel abwechslungsreicher – andererseits enthält das dafür nervende Sidekicks, etwa der sehr flach gezeichnete Sir John Raffley (mit genau drei Merkmalen: spleeniger Engländer, wettet gern, hat eine Klappstuhl-Fernrohr-Regenschirm-Kombination) und in der letzten Geschichte den mehr als üblich rassistisch gezeichneten Quimbo.

Sprachliches

Am Stillen Ozean ist ein Fundort für das seltene Dschungel-Femininum, wie es sich – neben der Pluralform – auch bei alten Kipling-Übersetzungen findet. Oft ist hier vom Dschungel im Plural die Rede, da verwundert der Artikel „die“ nicht: „Da in die dichten Dschungeln nur sehr schwer einzudringen ist“ (GR11, S. 534). Manchmal ist dabei unklar, ob es sich um Singular oder Plural handelt: „Wir liefen durch die Dschungel nach der Küste zurück“ (GR11, S. 568) – ein Akkusativ-Singular oder ein Plural, diesmal ohne „n“?
Aber ein echtes Femininum ist auch einmal dabei: „dann kam die Dschungel, eine undurchdringliche Verwickelung von üppigen Rankengewächsen, Schlingpflanzen und Sträuchern“ (GR11, S. 426). Allerdings gibt es auch einmal ein eindeutiges Maskulinum/Neutrum: „nicht weit von uns im Dschungel verborgen“ (GR11, S. 435). Zitate in diesem Fall jeweils nach der digitalen Ausgabe, also nicht überprüft.

Und dann ist da noch Karl Mays Verwendung von „jedenfalls“. Heute wird das Wort verwendet, um an Vorangegangenes anzuknüpfen, entweder rein bestätigend oder konzessiv-abwehrend. (Ich habe jedenfalls nichts davon gewusst!) Auch das Deutsche Wörterbuch (Grimmsches Wörterbuch) nennt diese Bedeutung: „nach einem zugebenden, voraussetzenden, behauptenden vordersatze: mochte er auch in not sein, jedenfalls durfte er einen solchen schritt nicht thun“. Allerdings kennt es auch eine Bedeutung, die es heute nicht mehr gibt: „es steht im sinne einer nachdrücklichen bejahung: ‚kommst du?‘ jedenfalls“. Und dieses an nichts vorher Gesagtes anknüpfende „jedenfalls“, das hat May recht oft. In folgenden Sätzen steht das Wort synonym für „gewiss, sicherlich, zweifellos“.

Er ruderte sich an der Küste hin, jedenfalls um sein Lotsenboot zu holen, und wir hielten auf unsere Jacht zu.

Als wir das Zwischendeck passierten, wo die Räuber angebunden waren, stieß der Kapitän einen leichten Fluch aus, jedenfalls vor Grimm darüber, daß wir Quimbo gefunden hatten

Ich war gezwungen, das Schleichen aufzugeben, und sprang, obgleich ich in der Eile das Gespenst nicht sah, auf die Hinterluke zu. Wenn ich diese, aus der er jedenfalls gekommen war, besetzte, konnte er uns nicht entgehen.

Die Gefangenen wurden im Vorderraume untergebracht und scharf bewacht, dann ging es an eine Untersuchung des Raumes. Er enthielt eine reichliche und jedenfalls zusammengeraubte Ladung von Zimmet, Reis, Tabak, Kaffee, Ebenholz und – geraubten Frauen.

Das erinnert mich an einen Schüler in einem meiner aktuellen Kurse, der „schon“ ähnlich als Allerweltsbestätigung verwendet: „Können Sie die Frage beantworten?“ „Schon.“

Anhang: Aus Karl Mays Bibliographie Mein Leben und Streben

Hintergrund: Es geht um einen Nebenjob des jugendlichen Karl May in einer Wirtschaft, wo er unter anderem zum Kegelaufstellen beschäftigt ist. Dort entdeckt er Abenteuerromanzen:

Und doch gab es in dieser Schankwirtschaft ein noch viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und ähnliche böse Sachen, nämlich eine Leihbibliothek, und zwar was für eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich und äußerlich geradezu ruppige, äußerst gefährliche Büchersammlung, wie diese war, nochmals gesehen! Sie rentierte sich außerordentlich, denn sie war die einzige, die es in den beiden Städtchen gab. Hinzugekauft wurde nichts. Die einzige Veränderung, die sie erlitt, war die, daß die Einbände immer schmutziger und die Blätter immer schmieriger und abgegriffener wurden. Der Inhalt aber wurde von den Lesern immer wieder von neuem verschlungen, und ich muß der Wahrheit die Ehre geben und zu meiner Schande gestehen, daß auch ich, nachdem ich einmal gekostet hatte, dem Teufel, der in diesen Bänden steckte, gänzlich verfiel. Was für ein Teufel das war, mögen einige Titel zeigen: Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann, von Vulpius, Goethes Schwager. Sallo Sallini, der edle Räuberhauptmann, Himlo Himlini, der wohltätige Räuberhauptmann. Die Räuberhöhle auf dem Monte Viso. Bellini, der bewundernswürdige Bandit. Die schöne Räuberbraut oder das Opfer des ungerechten Richters. Der Hungerturm oder die Grausamkeit der Gesetze. Bruno von Löweneck, der Pfaffenvertilger. Hans von Hunsrück oder der Raubritter als Beschützer der Armen. Emilia, die eingemauerte Nonne. Botho von Tollenfels, der Retter der Unschuldigen. Die Braut am Hochgericht. Der König als Mörder. Die Sünden des Erzbischofs u. s. w. u. s. w.

Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Bücher, einstweilen darin zu lesen. Später sagte er mir, ich könne sie alle lesen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und ich las sie; ich verschlang sie; ich las sie drei- und viermal durch! Ich nahm sie mit nach Haus. Ich saß ganze Nächte lang, glühenden Auges über sie gebeugt. Vater hatte nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht, die gar wohl verpflichtet gewesen wären, mich zu warnen. Sie wußten gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir zusammenbrach. Daß die wenigen Stützen, die ich, der seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, nämlich mein Glaube an Gott und mein Vertrauen zu ihm.

Die Lektüre tut seiner Seele gar nicht gut, bildet allenfalls seinen Geist ein wenig. Die heldenhaften Räuber machen Mays moralischen Kompass kaputt:

Die Psychologie ist gegenwärtig in einer Umwandlung begriffen. Man beginnt immer mehr, zwischen Geist und Seele zu unterscheiden. Man versucht, sie beide auseinander zu halten, sie scharf zu definieren, ihre Unterschiede nachzuweisen. Man behauptet, daß der Mensch nicht Einzelwesen sondern Drama sei. Soll ich mich dem anschließen, so darf ich das, was auf meinen kleinen, erst im Entstehen begriffenen Geist und das, was auf meine kindliche Seele wirkte, nicht mit einander verwechseln. Die ganze Vielleserei, zu der ich bisher gezwungen gewesen war, hatte meiner Seele nichts, gar nichts gebracht; nur das winzige Geisterlein hatte die Wirkung davon gehabt, aber was für eine Wirkung! Es war zu einem kleinen, monströs dicken, wasserköpfigen Ungeheuer aufgestopft und aufgenudelt worden. Der sehr gut, ja vielleicht außergewöhnlich veranlagte Knabe hatte sich zu einer unartikulierten geistigen Mißgestalt verwandelt, die nichts Wirkliches besaß als nur ihre Hilflosigkeit. Und seelisch war ich ohne Heimat, ohne Jugend, hing nach oben nur an dem erwähnten starken, unzerreißbaren Tau und wurde nach unten nur dadurch an der Erde festgehalten, daß ich für König und Vaterland, Gesetz und Gerechtigkeit diejenige mehr poetische als materielle Hochachtung empfand, die aus den Tagen stammte, an denen die elf Heldenkompagnieen Ernsttals sich gebildet hatten, den schwer bedrängten Monarchen Sachsens und seine Regierung von dem Untergang zu erretten. Nun aber wurde mir auch dieser Halt genommen, und zwar durch die Lektüre dieser schändlichen Leihbibliothek. Alle die Räuberhauptleute, Banditen und Raubritter, von denen ich da las, waren edle Menschen. Was sie jetzt waren, das waren sie durch schlechte Menschen, besonders durch ungerechte Richter und durch die grausame Obrigkeit geworden. Sie besaßen wahre Frömmigkeit, glühende Vaterlandsliebe, eine grenzenlose Wohltätigkeit und warfen sich zum Ritter und Retter aller Armen, aller Bedrückten und Bedrängten auf. Sie zwangen die Leser zur Hochachtung und Bewunderung; alle Gegner dieser herrlichen Männer aber waren zu verachten, also besonders die Obrigkeit, der Schnippchen auf Schnippchen geschlagen wurde. Und vor allen Dingen die Fülle des Lebens, der Tätigkeit, der Bewegung, die in diesen Büchern herrschte! Auf jeder Seite geschah etwas, und zwar etwas Hochinteressantes, irgend eine große, schwere, kühne Tat, die man zu bewundern hatte.

Aber faszinierend ist sie halt schon, die Trivialliteratur:

Was dagegen war in all den Büchern geschehen, die ich bisher gelesen hatte? Was geschah in den Traktätchen des Pfarrers? In seinen langweiligen, nichtssagenden Jugendschriften? Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. Und welche bewundernswerte, unwandelbare Gerechtigkeit gibt es da. Jeder gute, ehrenhafte Mensch, mag er zehnmal Räuberhauptmann sein, wird unbedingt belohnt. Und jeder böse Mensch, jeder Sünder, mag er zehnmal König, Feldherr, Bischof oder Staatsanwalt sein, wird unbedingt bestraft. Das ist wirkliche Gerechtigkeit; das ist göttliche Gerechtigkeit! Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Das Schlimmste an dieser Lektüre war, daß sie in meine spätere Knabenzeit fiel, wo alles, was sich in meiner Seele festsetzte, für immer festgehalten wurde. Hierzu kam die mir angeborene Naivität, die ich selbst heute noch in hohem Grade besitze. Ich glaubte an das, was ich da las, und Vater, Mutter und Geschwister glaubten es mit. Nur Großmutter schüttelte den Kopf, und zwar je länger, desto mehr; sie wurde aber von uns andern überstimmt. Es war uns in unserer Armut ein Hochgenuß, von »edeln« Menschen zu lesen, die immerfort Reichtümer verschenkten. Daß sie diese Reichtümer vorher andern abgestohlen und abgeraubt hatten, das war ihre Sache; uns irritierte das nicht! Wenn wir lasen, wieviel bedürftige Menschen durch so einen Räuberhauptmann unterstützt und gerettet worden seien, so freuten wir uns darüber und bildeten uns ein, wie schön es wäre, wenn so ein Himlo Himlini plötzlich hier bei uns zur Tür hereinträte, zehntausend blanke Taler auf den Tisch zählte und dabei sagte; »Das ist für euren Knaben; er mag studieren und ein Dichter werden, der Theaterstücke schreibt!« Das letztere war mir nämlich, seit ich den »Faust« gesehen hatte, zum Ideal geworden.

Ich muß bekennen, daß ich diese verderblichen Bücher nicht nur las, sondern auch vorlas, nämlich zunächst meinen Eltern und Geschwistern und sodann auch in andern Familien, die ganz versessen darauf waren. Es ist gar nicht zu sagen, welchen unendlichen Schaden eine einzige solche Scharteke herbeiführen kann. Alles Positive geht verloren, und schließlich bleibt nur die traurige Negation zurück. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen verändern sich; die Lüge wird zur Wahrheit, die Wahrheit zur Lüge. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung zwischen gut und bös wird immer unzuverlässiger! das führt schließlich zur Bewunderung der verbotenen Tat, die scheinbar Hilfe bringt. Damit ist man aber nicht etwa schon ganz unten im Abgrunde angelangt, sondern es geht noch tiefer, immer tiefer, bis zum äußersten Verbrechertum.

Schlimm, schlimm. Selten ist Trivialliteratur so ineffektiv verdammt worden.

(Zum ganzen Buch.)

6 thoughts on “Karl May, Am Stillen Ocean

  1. Peter Ringeisen

    Jedenfalls ein sehr schöner Blogpost, zumal ich ohnehin Karl May seit meiner Jugend schätze (wenn auch in gewandelter Form). Möglicherweise teilen wir eine Eigenschaft, nämlich eine gewisse „angeborene Naivität, die [wir] selbst heute noch in hohem Grade besitze[n]“.
    Die stilistische Marotte jedenfalls (eine von vielen), das Wort „jedenfalls“ einzusetzen, wo man es nicht erwarten würde, ist mir schon öfter aufgefallen, und ich freue mich, dass ich damit in guter Gesellschaft bin. Jedenfalls.

  2. Lempel

    Können Sie vielleicht den Ruf über Kopfhörer hören? Ich war zuerst enttäuscht und dachte mir schon, auch meine Ohren seien alt und müde, als aus dem Laptop nichts zu hören war. Über Kopfhörer ging’s dann aber.

  3. Herr Rau Post author

    Tatsächlich! Über Kopfhörer höre ich das sehr gut. Ich wusste ja, dass ich hier nur low fidelity höre, aber dass die Tiefen dermaßen verschwinden, das wusste ich nicht.

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