Ignaz Ferdinand Arnold, Der Schwarze Jonas

arnold_der_schwarze_jonasDer Schwarze Jonas, Kapuziner, Räuber und Mordbrenner. Ein Blutgemälde aus der furchtbaren Genossenschaft des berüchtigten Schinderhannes. Aus einem Inquisitions-Protokoll gezogen ist ein – darf ich sagen berüchtigter? dabei wenig bekannter? – Räuberroman von 1805. Ich habe ihn in einer Ausgabe aus dem Jahr 2000 gelesen, print on demand, aber trotzdem ansprechend gemacht, leider mit einigen Tippfehlern, aber dafür in der Reihe „ExcentricClub“ erschienen – das macht Vieles wett.

In dem dtv-Band Lieblingsbücher von dazumal. Eine Blütenlese aus den erfolgreichsten Büchern von 1750-1860 (Hrsg. Horst Kunze), den ich nie ganz gelesen habe, weil mich der Satzspiegel abschreckt, taucht Arnold nur kurz auf – in einer langen Aufzählung von Autoren, die es trotz ihrer damaligen Popularität aus verschiedenen Gründen leider nicht in die Sammlung geschafft haben. Neben Arnold habe ich dort auch Karl Immermann und dessen Münchhausen gefunden (Blogeintrag dazu), wo mir zum ersten Mal das Genre des deutschen Geisterromans begegnete, wenn auch als Parodie. Auch Schiller versuchte mit „Der Geisterseher“ auf den Zug aufzuspringen, aber sein Herz war wohl nicht recht dabei.

Über den Autor

Arnold Ignaz Ernst Ferdinand Kajetan Theodor (Anzahl und Reihenfolge der Namen variieren) ist mir begegnet als Autor des Romans „Der Vampir“, des ersten deutschen Vampirromans, der leider nicht erhalten ist – wenn es denn nicht nur eine Messe-Ankündigung war, aus der dann doch gar nichts wurde. Er hat viel und universell geschrieben und wenig damit verdient (Bibliographie), hier eine ausgewählte Liste seiner reißerischen Titel, mit ein oder zwei harmlosen dazwischen, des schönen Kontrasts wegen.

  • Friedrike von Becheln, oder die vermeinte Fürstentochter. Etwas mehr als ein Roman.
  • Die Doppelte Ursulinernonne. Aus den Memoirs des Grafen R*** mit der aschgrauen Maske.
  • Das Bildniß mit den Blutflecken. Eine Geistergeschichte nach einer wahren Anekdote.
  • Gregor der Wunderthäter oder Hieronymus Knicker der Zweyte. Eine tolle Geschichte von Falk und Cramer.
  • Pinetti, Philadelphia und Enslin, oder die enthüllten Zauberkräfte. Eine Sammlung auserlesener leicht auszuführender magischer chemischer- und Karten-Kunststücke nebst den interessantesten Scherz- und Pfänderspielen zu Belustigung und Unterhaltung für frohe Gesellschaften.
  • Der Brautkuß auf dem Grabe, oder die Trauung um Mitternacht in der Kirche zu Mariengarten. Vom Verfasser der doppelten Ursulinernonne.
  • Der Vampir. 3 Bände, Schneeberg 1801 (nicht erhalten)
  • Theobul der Geisterkönig, oder das mohrische Grosmütterchen. Eine Zigeunergeschichte. Aus den Memoirs der Gräfin F***ina.
  • Schwester Monika, oder: Der Fürst als Jagdjunker. Eine moralische Erzählung aus dem Reiche der Wahrheit.
  • Zaubereien und Wunder nebst Geisterbeschwörungen und ihrer Erscheinung.
  • Mirakuloso, oder der Schreckensbund der Illuminaten. Ein fürstliches Familiengemählde aus dem Nachlaß eines Staatsverbrechers, und der rothen Maske auf dem Vischerad.
  • Die Nachtwandlerin oder die schrecklichen Bundesgenossen der Finsterniß. Aus den Memoires des Grafen F****, gegenwärtigen Staatsgefangenen zu S****n.
  • Der berühmte Räuberhauptmann Schinderhannes, Bueckler genannt. Ein wahrhaftes Gegenstück zum Rinaldo Rinaldini.
  • Nettchen von Neudietendorf, oder Unglück aus Schwärmerei.
  • Barbarina Cimarosa. Oder Freiheitsdrang und Gewissensqual. Ein Spiegel menschlicher Leidenschaften. Aus den hinterlassenen Memoirs des Herzogs von Arkos.
  • Euridane, die Tochter der Hölle. Eine Pfaffen- und Geistergeschichte (aus dem Nachlass des Grafen Portalegre).
  • Die Jungfrau von London oder geheime Geschichte von Hannover.
  • Malerische Wanderung am Arme meiner Karoline durch die Blumengefilde des Frühlings nach dem Thale der Liebe.
  • Die Meuchelmörderin nebst der Beichte ihrer Sünden. Aus den Papieren der Giftmischerin U****s (Geheimräthin Ursinus). Ein wahrer Roman, von ihr selbst geschrieben.
  • Der schwarze Jonas, Kapuziner, Räuber und Mordbrenner. Ein Blutgemälde aus der furchtbaren Genossenschaft des berüchtigten Schinderhannes. Aus seinem Inquisitionsprotokoll gezogen.
  • Die geheimen Bundesschwestern und der Mohrenprinz, Begründer einer genialischen Colonie in Afrika. Fragmente zu einem Sittengemälde aus der Brieftasche eines Reisenden.

Irgendwo gibt es sicher schon eine Liste von Schauer-, Räuber-, Geheimbund- und Geisterromanen des frühen 19. Jahrhunderts. Die hätte ich dann mal gerne. Das sind exakt die für Leihbibliotheken geschriebenen Romane, die Karl May so äußerst ineffektiv in seinen Lebenserinnerungen geißelt – siehe Ende dieses Blogeintrags.

Über das Buch und andere Bücher

Es gibt einen historischen Schwarzen Jonas, dessen Geschichte vorgeblich erzählt wird, ein Räuber und Mittäter des ebenso historischen Schinderhannes – trotzdem ist alles am Roman von vorn bis hinten erfunden.

Jonas verübt schon als Knabe Diebstähle und andere Verbrechen, bald kommt der erste gemeinsame Mord am Hehler der Diebesbande hinzu, dann der erste eigene Mord, weitere Straftaten. Episodenhaft berichtet er von seinen Erlebnissen, die Raub, Mord, Unzucht in und außerhalb des Klosters beeinhalten; am Schluss wird er endgültig gefangen und hingerichtet. Gewürzt ist das mit einem Arsenal herkömmlicher und weniger herkömmlicher Motive der Schauerliteratur: Schlösser, Ruinen, Räuberbanden, Geheimbünde, Mönche, Sex, Mord, Sexualmord, Kannibalismus.

Interessant ist dabei, welche Rolle – lange vor der Postmoderne, die ja eigentlich schon mit Don Quijote beginnt – die Literatur spielt. So richtig angeheizt wird das Verhalten der jugendlichen Kleinganoven, als sie sich in eine Aufführung von Schillers Räubern stehlen. „Aber ein neues Gefühl begann sich bei den Szenen der Räuber in uns zu regen. Alle Knabenfurcht veschwand. Heldensinn durchströmte uns“, was zu dem Entschluss führt, „ein ähnliches Komplott zu stiften, und [wir] schwuren uns mit den gräßlichsten Eiden ewige Liebe und Freundschaft zu. […] Wir brannten vor Begierde, nur bald einen Spitzbubenstreich auszuführen.“ (Kapitel 2, S. 22f.) Wieder einmal sind es die Medien, die die Kinder ins Verderben reißen.

Auch später blitzt immer wieder die zeitgenössische Literatur durch. Bei unheimlichen Ereignissen weiß Jonas nicht, „was ich von dem sonderbaren Abenteuer denken sollte, das ich in eine Geistergeschichte, in Spießens, Tschinks oder sonst eines Modeschriftstellers Geschmack einzukleiden beschloß, sobald ich wieder daheim in meinen vier Pfählen war“ (Kapitel 5, S. 66).

Als Mitglied in der Bande des berüchtigten Schinderhannes verübt Jonas mit den anderen Räubern Diebstähle in der Stadt. Ein Räuber kommt dabei auf die Idee, „als Guckkastenmann aufzutreten, und zu jedermänniglichem Erstaunen die Geschichte von dem verruchten und verfluchten Räuberhauptmann Schinderhannes dem schaulustigen Pöbel im echten Bänkelsängerton“ vorzutragen – während die anderen Räuber, darunter der besungene Schinderhannes selber, die Zuschauer unbemerkt bestehlen (S. 112).

Auch ein bisschen Eigenwerbung zum Thema Schinderhannes darf sein:

Wen dieser merkwürdige Mann, dieser seltene wildlaunige Natursohn interessiert, den verweise ich auf seine Selbstbekenntnisse, die unter dem Titel: Schinderhannes, genannt Bückler, der Räuberhauptmann, ein Seitenstück zu Rinaldo Rinaldini, in zwei Bänden, von ihm selbst geschrieben, herausgekommen sind. (S. 118)

Die genannten zwei Bände sind natürlich ein früheres Werk von I. F. Arnold selber.

In einem Streich von Schinderhannes (S. 122f.) zeigen sich die literarischen Vorbilder. Schinderhannes begleitet mit Jonas, der aber nur aus erzählerischen Gründen dabei ist, unerkannt einen Baron und dessen Tochter. Das Gespräch kommt auf Räuber, und der unerkannte Schinderhannes will den beiden „spaßeshalber“ erklären, wie dieser vorzugehen pflegt. Die folgende Szene wird als Dramenauszug dargestellt, einschließlich Regieanweisungen:

Baron: Er machts recht natürlich.
Baronesse: Wahrlich, Sie würden den Räuber Moor vortrefflich spielen.
Schinderhannes (mit viel Artigkeit): Meinen Sie?

— So furchtbar billig geschrieben ist das ganze gar nicht, man kann es vergnüglich und rasch lesen. Aber ich bin da auch recht resistent. Aber manchmal merkt man es doch. Jonas erschießt einen Bediensteten – „Er winselte in seinem Blute“ – und ein paar Zeilen darunter dessen Herrn – „Er winselte am Boden in seinem Blute“ (Kapitel 5, S. 98 – ein langes Kapitel bis zum Schluss, weil der Autor danach wohl vergessen hat, die Kapitelzählung weiterzuführen) – man müsste das Buch mal durchgehen, ob Erschossene bei Arnold grundsätzlich in ihrem Blute winseln.
Inhomogen und episodisch ist das ganze allerdings. Auf S. 73 hat mich das Ende einer ausführlichen Binnenerzählung überrascht, weil ich da schon vergessen hatte, dass der aktuelle Ich-Erzähler nicht der sonst ich-erzählende Jonas ist, sondern ein Spießgeselle. So richtig auseinander zu halten waren deren Abenteuer nicht. Als Jonas schon zum Ende des Buches hin Mitglied einer Räuberbande werden soll, erzeugt der Autor Spannung mit dessen Reaktion: „Ich trat schaudernd zurück.“ (S. 104) Nach allem, was Jonas bis dahin schon verbrochen hat, darf es keinen Grund für irgendein Schaudern geben. Derjenige, der ihn einlädt, ist der dicke Willem, ein Schulkamarad, den Jonas erst nicht erkennt – und ich auch nicht. Keine Ahnung, ob der zuvor schon einmal aufgetaucht ist, eventuell als „Euer getreuer Klosterknecht“, was auch immer.

Verbrechen

Einige der Abenteuer des Schwarzen Jonas sind eher harmlos-pikaresk. Viele enden aber mit Mord, häufig durch Gift. Er schwängert Mütter und Töchter, Nonnen und Bürgerstöchter. Ziemlich am Anfang seiner Laufbahn steht ein Sexualmord.

Ich rastete an ihren Busen, und während sie ganz entzückt im sinnlichem Genusse, von Wollust betäubt, da lag, zog ich mein Messer, das ich in dieser Absicht zu mir gesteckt hatte, hervor, schlitzte ihr den Bauch auf und meuchelte sie. […] Ich warf mich auf sie, und stach mit meinem breitklinigen Messer in ihren Körper, wie ich dazu kam, ihre Brüste sowohl als ihren Unterleib zerfleischte ich schändlich. (Kapitel 3, S. 33)

Da muss man schon schlucken. Erst am Schluss gibt es wieder ähnliche explizite Taten der ganzen Räuberbande, Schinderhannes ausgenommen:

Selten blieb indessen auch das schönste Mädchen über drei Tag leben, wir machten die meisten in den ersten vierundzwanzig Stunden kaputt. […] Der Keller lag so voll Kadaver, daß sich Knochenberge in die Höhe schichteten.
Ich und meine Genossen waren so weit von den Grenzen der Natur zurückgetreten, daß wir das Fleisch unserer Ermordeten, wenn es gesunde junge Leute waren, fraßen. […] Unter allen Teilen des menschlichen Körpers schmeckt sein Fleisch nirgends delikater als das zwischen der Hand, der Ballen, und was man aus den fortgesetzten Fingerknochen bis zur Wurzel schabt. (S. 120)

Und noch mehr davon.

Aufklärung und Zensur

Eine der „Zehn Thesen zu Produktion, Rezeption und Erforschung des Schauerromans um 1800“, die Dirk Sangmeister in: Barry Murnane/Andrew Cusack (Hrsg.), Populäre Erscheinungen. Der deutsche Schauerroman um 1800. München: Wilhelm Fink 2011 aufstellt, lautet: Die Schauerromane dieser Zeit verstoßen zwar gegen innerliterarische Regeln, was „Dezenz, Ästhetik und zeitgenössische Romantheorie“ betrifft, verstoßen aber nur selten gegen außerliterarische Regeln der Zensur. Sie würden von vornherein zensurkonform geschrieben (weil sie sonst nicht in Leihbibliotheken aufgenommen werden würden). Also Sex und Gewalt, ja, aber keine Kritik am Staat.

Eine interessante These, die erstmal glaubwürdig klingt. Aber ich kenne mich da nicht aus. Eine Passage in Der Schwarze Jonas hat bei mir zu kognitiver Dissonanz geführt. Jonas ist als wandernder Kapuzinermönch verkleidet und Teil einer zechenden Gesellschaft von Beamten und Soldaten. Ein Rittmeister spottet ganz besonders über die Mönche. „Alle Gründe, die jemals von den Aufklärern gegen den Mönchsstand vorgebracht wurden, erschöpfte er und machte sie durch seine militärische Kraftsprache noch weit auffallender und beleidigender“ (S. 76) Das ganze krönt er mit einer ganzen Seite von Spottversen auf Priester und Mönche:

Vor allem sei dein Tor den Priestern stets verschlossen,
Den Kutten jeder Art, und Ordensmitgenossen.
Von weitem fliehe sie; die Welt hat keine Seuche,
Deren Verheerungshauch dem Priesterorden gleiche

Damit hat die Zensur wohl kein Problem. Im Zug von Napoleons Säkularisation haben Klöster keinen guten Ruf, verderbte Mönche sind ein Standardtopos der Schauerliteratur. Das Kloster im Schwarzen Jonas ist verderbter, als Umberto Ecos Abtei es je war (S. 88f.). Weil Jonas ja doch die Hauptperson der Geschichte ist, ist der Leser mit ihm gegen den Soldaten eingestellt, auch wenn Jonas nur ein verkleideter und tatsächlich schurkenhafter Kapuziner ist. Jedenfalls hebt Jonas zu einer Gegenrede an, einer „Deklamation gegen die Soldaten“, angeblich nur als Scherz. Sehr ausführlich (S. 78-82 in meiner Ausgabe):

Narren seien die Soldaten, weil sie im Frieden faulenzen und im Krieg töten, ohne beleidigt worden zu sein, plündern und rauben, ohne Strafe zu fürchten. Auch vor der Religion können sie nicht bestehen. („Welches Gebot übertritt nicht dieser Stand und rühmt sich dessen noch?“) „[D]arauf angewiesen, ohne alles Selbsturteil über Recht und Unrecht zu tun, was ihm ein anderer gewöhnlich in Teufelsnamen hieß, ist er nicht als ein Mitglied des Staates zu betrachten, sondern ein bloßes Werkzeug.“ Dabei sei der Soldatenstand den Zielen des Staates sogar hinderlich:

Der Staat hat die Pflicht, die wahre Bestimmung der Menschen nicht zu hindern. Ausbildung seiner Kräfte und beständiges Streben, frömmer, weise und gerechter zu werden, ist die Bestimmung des Menschen. Wie kann er diese Bestimmung erreichen? Wie kann der Staat seine Pflicht erfüllen, wenn eine Menschenklasse den Herrn in ihm spielt, und die anderen Bürger unterdrückt; eine Menschenklasse, die keine Ausbildung als gewisse mechanische erhält, die blindlings dem Willen Einiger oder eines Einzigen folgen muß und daher nicht weise werden darf, weil es nicht ohne Selbstprüfung möglich ist, und die ihr ganzes Gefühl für Recht und Unrecht unterdrücken muß, weil sie die Menschheit ausziehen und sich zum Mordinstrument eines andern muß: Kann so der Staat, kann auf diese Weise der Mensch seine Bestimmung erreichen?

Also ich als Zensor hätte da eingegriffen.

Als Nächstes lese ich dann wohl mal Schillers „Geisterseher“.

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