Hörspiele in der Vertretungsstunde: und Hauff

Neulich Vertretung in einer fremden Unterstufenklasse gehabt. Schon im Referendariat hat man mir den Tipp gegeben, in solchen Vertretungsstunden Sachen auszuprobieren, die man mit eigenen Klassen nicht machen würde – und sei es nur, ein bisschen das Auftreten zu variieren, also mal streng zu spielen etwa.

Nach einer Viertelstunde wussten sich die Schüler und Schülerinnen nicht mehr selbst zu beschäftigen. Und weil ich gerade Wilhelm Hauff las, siehe weiter unten, suchte ich nach einer Hörspielfassung von “Die Geschichte von dem Gespensterschiff” und spielte sie der Klasse vor. Malen erlaubt, aber ruhig sitzen mussten sie.

Fazit: Das ging gut. Für die erste Hälfte hatte ich eine Hörspielfassung gefunden, für die zweite Hälfte dann ein Hörbuch. Ich weiß nicht, ob der Klasse der Unterschied bewusst wurde. Für die letzten zwei Minuten ließ ich das Hörbuch mit 1,25-facher Geschwindigkeit laufen, um nur ja rechtzeitig fertig zu werden; auch das ging. Immerhin unterhielten sich einige beim Herausgehen miteinander über den untoten Kapitän mit dem Nagel durch seine Stirn, und wie genau das funktioniert hat.

Leider hatte ich weder dabei noch online gefunden die Hörspielfassung meiner Kindheit, eine EUROPA-Kassette, die ich vor ein paar Jahren als mp3-Download nachgekauft habe. Die ist richtig gut, “mit dem legendären Hans Paetsch als Sprecher”, wie mein Freund Bernhard auswendig zu sagen weiß. Ich habe mich nie gegruselt dabei, aber unheimlich ist es eigentlich schon.

Diskographie der Europa-Hörspielfassung (1972)

Hörbuchfassung bei vorleser.net (mit Download-Möglichkeit, gut 24 Minuten)

Alternativ eine Fassung bei Youtube/LibriVox:

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Ab jetzt habe ich einige dieser Fassungen immer auf meinem Schul-USB-Stick dabei. Das Hörspiel mit gut 40 Minuten, die Lesung mit knapp 25. Und auch weitere Hörbuchfassungen von klassischen Novellen und Erzählungen – anhören und darüber reden: Kleist, “Das Erdbeben in Chili” (40 Minuten), Poe, “Das verräterische Herz” (16 Minuten), “Usher” (gut 50 Minuten).

Das sonore “Balsora” des Gespensterschiffs ist laut Hauffs Fußnote übrigens “Balsora, jetzt Bassora oder Basra, einst glänzende Handelsstadt am Schatt-el-Arab, ist gegenwärtig sehr herabgekommen.” Schau an, Basra, das wusste ich noch nicht.

Und auf das Gespensterschiff bin ich überhaupt nur deshalb gekommen, weil ich gerade vergnügt Das Wirtshaus im Spessart lese.

Wilhelm Hauff, Das Wirtshaus im Spessart

Als Kind hatte ich eine Jugendbuchausgabe dieser Sammlung. Sie hat keinen sehr großen Eindruck hinterlassen, aber ich sehe sie jedesmal im Regal, wenn ich bei meinen Eltern bin. Und ich kenne die schöne Verfilmung von 1958. Außerdem habe ich mich inzwischen etwas mehr mit Räuberromanen, Romantik und Biedermeier beschäftigt, mit Novellen und Novellensammlungen; Hauff begegnet einem da und dort noch als Name, obwohl er im Schulalltag überhaupt nicht mehr erscheint. Grund genug, Das Wirtshaus im Spessart herauszukramen und zu lesen – oder, wie das Buch auch heißt, Mærchenalmanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände auf das Jahr 1828.

Die Rahmenhandlung ist die, die man aus dem Film kennt: In einem Wirtshaus tief im Schwarzwald finden einige Reisende Unterkunft, werden aber bald misstrauisch: das Wirtshaus stellt sich zwar nicht als vollständige Räuberhöhle heraus, aber doch als Ort, an dem eine Räuberbande eine reisende Adlige entführen will – mit einem edlen Räuberhauptmann. Heiteres Verwirrspiel um geschlechterübergreifende Verkleidung, ; eigentlich alles ähnlich wie im Film, nur mit weniger Liedern, und dass die im Film nicht verheiratete Lilo Pulver am Schluss mit dem Räuberhauptmann geht statt mit ihrem Verlobten.

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Die Binnenerzählungen sind:

  • Die Sage vom Hirschgulden
    Spielt im Mittelalter, “vor vielen hundert Jahren, ich glaube, das Schießpulver war noch nicht einmal erfunden” , auch wenn es später Kanonenschüsse gibt. Ritter, Erbestreitigkeiten, ein bisschen Magie; basiert auf einer älteren Sage mit interessantem historischem Kern.
  • Das kalte Herz
    Begegnet einem ganz gelegentlich in der Schule und ist wohl die bekannteste Erzählung aus diesem Band. Spielt im Schwarzwald, es geht um einen Köhler und zwei übernatürliche Wesen in handfest irdischer Manifestation. Der Köhler geht einen finsteren Pakt ein, den er zwar nicht bald, aber doch eines Tages bereut. War mir als Kind zu wenig fantastisch – und ja, nähert sich trotz allen Geistern schon dem Realismus; ich glaube, viel fehlt nicht mehr und wir wären bei Gottfried Keller oder Jeremias Gotthelf (obwohl ich von dem nur “Die schwarze Spinne” kenne). Interessant die Deutung vom Mann in der Midlife-Krise, von der ich bei Wikipedia gelesen habe.
  • Saids Schicksale
    Der junge Said muss Abenteuer mit Räubern, bösen Kaufleuten in Bagdad, und Seenot überstehen, bevor sich sein glückliches Schicksal erfüllt. Die märchenhafteste, heiterste der Geschichten.
  • Die Höhle von Steenfoll
    Die irritierendste Geschichte, wenn auch nicht sehr. Online nicht viel dazu gefunden, außer den Beitrag von Dieter Bartetzko in der Reihe “Mein Lieblingsmärchen” bei faz.net. Die eine Hälfte eines alten Männerpaars wird von Verlangen verzehrt – nach Reichtum? Jedenfalls: einen Schatz zu finden, einen ganz bestimmten, dämonischen.

Das Wirtshaus im Spessart ist leicht zu lesen und, na ja, harmlos. Kein Vergleich zum sprachlich sperrigeren und inhaltlich brutaleren Kleist, etwa von “Das Erdbeben in Chili” oder “Die Verlobung in St. Domingo”, nur zwanzig Jahre zuvor. Über das Wesen des Menschen und der Welt habe ich nicht viel dabei gelernt, ein bisschen mehr über das Wesen des Erzählens, aber vielleicht bin das nur ich.

In der Schule bietet sich an: Der Vergleich zu Schillers Räubern – die Biedermeier-Schwundstufe der Räuber; vielleicht gar ein paar Seiten Trivialroman Der schwarze Jonas; Vergleich mit dem Wandern in Eichendorffs “Taugenichts”. Dann das Motiv des Wirtshaus mit Räubern darin: Procrustes bei den Griechen; “A Terribly Strange Bed” von Wilkie Collins (der Gast übernachtet in einem Zimmer mit Himmelbett, dessen gepolsterte obere Seite langsam nach unten geschraubt werden kann, um den Schläfer zu ersticken); “Rattle of Bones/Das Skelett des Magiers” von Robert E. Howard – Howards Held Solomon Kane kommt zu Beginn der Geschichte in einem finsteren Wirtshaus im Schwarzwald (sic!) an, es gibt dort einen mörderischen Wirt und Räuber. Dazu Friedrich Hebbel, “Die Nacht im Jägerhause”, wo ähnlich, wie im “Taugenichts”, die Räuberhöhle gar keine ist. Siehe auch den Artikel “From Homer to ‘House of 1000 Corpses’: The Role of Hospitality in Rural Horror”.

Ich habe mich für diesen Blogeintrag zum ersten Mal mit Hauff beschäftigt; ich wusste nicht, dass er so jung gestorben ist, gerade mal mit fünfundzwanzig Jahren. Dabei habe ich bei Wikipedia gelesen, dass er eine Parodie und Kritik an der seinerzeitenen Bestseller-Erzählung “Mimili” von Heinrich Clauren geschrieben hat. Und was Wikipedia zu Mimili schreibt, klingt dann doch irgendwie interessant:

Mimili ist eines der am meisten in Grund und Boden kritisierten Werke der deutschen Literatur, woraus sich schließen lässt, welch ein Ärgernis die Erzählung, vor allem aber ihr buchhändlerischer Erfolg für die etablierte Literaturszene war. […] Mimili befand sich lange auf dem Index für jugendgefährdende Schriften, von dem das Werk erst im Februar 2008 gestrichen wurde.

Gelesen habe ich Das Wirtshaus im Spessart in der Version von Project Gutenberg, die allerdings leider so viele kleinere Scanfehler enthält, dass ich jetzt wohl auch noch herausfinden muss, wie man Korrekturen an Gutenberg schickt.

5 Antworten auf „Hörspiele in der Vertretungsstunde: und Hauff“

  1. Danke dir. Volkmann-Leander sagte mir nichts, aber ich habe mal reingeschaut und nach etwas Suchen auch eine Digitalbuchversion gefunden und freue mich schon darauf.

  2. Oh, Hauffs Märchen, die mochte ich sehr als Kind. Ich war ab der 1. Klasse eine Bücherfresserin und mangels Leihbibliothek vor Ort war ich neben meinen eigenen Büchern auf die als kostbar gehütete Nachkriegsbibliothek meiner Mutter angewiesen und musste ganz schnell lernen, Fraktur so flüssig zu lesen wie moderne Typographie. Hauff, Volkmann-Leander, eine gar schaurig-kitschig illustrierte Andersen-Ausgabe, das habe ich alles verschlungen. Hauffs „Karawane“ mochte ich am liebsten. Ich glaube, wir hatten auch dieses Hörspiel vom Gespensterschiff, das war schon sehr, sehr gruslig. Die Geschichte von der abgehauenen Hand hat mein Venedig-Bild nachhaltig geprägt.

    Den Zwerg Nase finde ich auch ganz großartig (die kochenden Tiere!), aber natürlich ist das Kalte Herz die Krönung von allem, auch wenn man den übernatürlichen Teil nicht so mag. Allein die Schilderung des Flößerhandwerks!

    Vor einigen Wochen habe ich in Basel eine der letzten dortigen Aufführungen des ausgezeichneten neuen Stücks „Andersens Erzählungen“ gesehen, das nächstes Jahr dank dem neuen Intendanten ans Residenztheater kommen soll, allerdings ohne den großen musikalischen Aufwand, den Basel betrieben hat,. Wenn es auch nur halbwegs so gut ist, wie dort, wird es sehr empfehlenswert. Andersen selbst, eine skurrile Gestalt mit seinen Märchenfiguren im Schlepptau, erzählt in einer höchst krisenhaften Nacht das Märchen von der kleinen Meerjungfrau, dessen Themen sich auf bewegende Weise mit seinem eigenen Leben verschränken.

  3. Dann werde ich die Karawane wohl auch noch lesen. Abgeschnittene Hand klingt vielversprechend. Im Moment hole ich Volkmann-Leander nach, ich habe dabei “Vom unsichtbaren Königreiche” zu meiner Sandmann-Stoffsammlung hinzugefügt und schmunzle gerade über den Teufel, dem seine Großmutter die Kleidung waschen muss, weil er ins Weihwasser gefallen ist.

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