Weird Menace: Spicy Mystery Stories August 1935

Die pulp magazines, das war eine Art seichte Unterhaltungsliteratur der USA hauptsächlich in den 1920er bis 1940er Jahren, abgelöst dann durch die Comic-Hefte. Ihren Namen haben die Magazine von dem billigen, holzhaltigen Papier, auf dem sie gedruckt waren, mit „wood pulp“ als Ausgangspunkt. Das Gegenstück waren die seriösen Magazine für Hausfrau und Hausmann auf teurerem Papier, die slicks.

Pulps gab es in allen möglichen Genres und Subgenres – Horror, Krimi, übermenschliche Verbrechensbekämpfer, Western, Liebesgeschichte, Science Fiction. Science Fiction auf der Erde, auf anderen Planeten, mit Raumschlachten oder mit Außerirdischen, technisch, weniger technisch – sehr auf den diskriminierenden Kunden ausgerichtet. Ganz ohne Sex oder mit ein bisschen Sex, das heißt: heftig wogende Busen und halbdurchsichtige Gewänder. Das gab es vor allem bei den Spicy Pulps aus dem Haus Culture Publications: Spicy Adventure Stories, Spicy Detective Stories, Spicy Mystery Stories, Spicy Western Stories.
Titelbild Pulp-Magazin

Anfang der 1930er brachten einige reguläre Detektiv-Pulps Geschichten mit übernatürlichen, bedrohlichen Geschichten; das kam an, ein neues Genre war geboren, und damit eine neue Reihe von Magazinen. Die Detektiv-Pulps kehrten zu ihren regulären Geschichten zurück oder stellten wie Dime Mystery (Book) Magazine ganz auf die neue Mode um. Diese Genre nannte man shudder pulps oder weird menace oder the weirds. Da ging es um sinistre Verbrechen, fehlende Körperteile, Entführung, Folter – eher unangenehmes Zeug. Ich habe eine Anthologie davon; deprimierende Lektüre.

Ein wenig besser – aber immer noch schlecht – ist die spicy Variante davon, und da habe ich gerade eine Faksimile-Ausgabe von Spicy Mystery Stories Vol I, No. 4, August 1935 gelesen. Hier die Geschichten darin:

(1) Robert Leslie Bellem, „The Executioner“

Enttäuschend, Bellem ist sonst einer der angenehm übertrieben blumigen Autoren. Hier eine schlichte Geschichte um den New Yorker Gerard, der einen Unfall erleidet und danach den Geist mit seinem ihm unbekannten eineiigen Zwillingsbruder Gerhardt (Scheidung, Emigration, Trennung der Kinder) in Deutschland taucht, der dort für Hitler als amtlicher Scharfrichter arbeitet und dazu gezwungen wird, seine Geliebte hinzurichten. (Die Zwillingstauschgeschichte ist völlig unnötig für die Handlung; in Deutschland ist Gerard auch nur ein bisschen ein verwirrter Gehrhardt. Am Ende sind beide tot.)

(2) Atwater Culpepper, „The Isle of the Restless Dead“

Schatzsuche mit einer kleinen Crew, Meuterei, verführerische exotische Frau (aber dazu mehr in späteren Geschichten), eine Bambuskathedrale eines wahnsinnigen Missionars, Juwelen. Ich kann mich an nicht viel erinnern aus dieser Geschichte; das spricht eher für sie. Ein paar Tahitianische Fremdwörter dazwischen, also nicht alles verloren.

(3) Ellery Watson Calder, „Cats of Cassandra“

Eine Wahrsagerin und cat lady erzählt ihrem Gast, der in Wirklichkeit ein Räuber ist, die Geschichte von Homers Kassandra, hat dann Sex mit ihm. Als sie sich in eine Katze verwandelt, tötet er sie, worauf er dann wiederum von ihren Katzen gefressen wird.

(4) Carl Moore, „Mate for Medusa“

Wir begeben uns zum ersten Mal in echtes weird menace territory. Ein Reporter besucht das Labor eines exzentrischen weltberühmten Chirurgen, das sich inmitten eines Sumpfes vor der Stadt befindet. Der hält seine Schwägerin gefangen, nachdem seine Frau – ihrer Schwester – Opfer seiner Experimente wurde. Der Reporer ertastet den Puls der Schwägerin:

There was no mark to mar the unflecked perfection of her loveliness; the racing heart-beat burning through soft flesh into the palm of his questing hand proved she had merely fainted.

Overwritten, much? Die Erwachte berichtet davon, wie sie davor schon mal erwacht war, weil sie von einem fremden Mann – eben nicht befingert wurde, denn:

The fumbling, passionate digits that swept across burning breasts, caressing he vibrant flesh, were not fingers. They were toes!

Kursiv im Original. Der verrückte Chirurg hat einem Patienten die Arme abgenommen und sich und seinem – schwarzen – Unterling jeweils einen dritten Arm verpasst. Der Armlose macht sich wieder an sein Opfer:

Seeking, probing toes skimmed caressingly over every curve of her round hips, across those tapering thighs so white in the moonlight

Den Rest der Beschreibung schenke ich mir. Die Frau des Doktors lebt noch, ist aber zu einer grotesken Riesing verformt; seine Assistenten lehnen sich aus niederen oder nicht niederen Gründen gegen ihn auf; die Helden werden gerettet und auch für die Ehefrau gibt es wohl noch Heilung.

(5) E. Hoffmann Price, „Naga’s Kiss“

Eine fast schon brauchbare Geschichte. Burma; der weiße Finlay unter abergläubischen Eingeborenen, unterstützt von seinem treuen Sikh-Gefährten. Eine Riesenschlange macht das Dorf unsicher, oder vielleicht ist es ein Schlangendämon? Eine geheimnisvolle Frau erscheint in manchen Nächten und verführt Finlay. Ist sie in Wirklichkeit das Schlangenmonster? Nein, stellt sich heraus, ist sie nicht, aber sie ist ein anderes Schlangenwesen. Am Ende tötet der Sikh die Schlangenfrau. – Interessant ist, wie sie im Bettgeflüster versucht, Verständnis für die Schlangenwesen zu erwecken.

(6) Jerome Severs Perry, „Dead Legs Walk“

Wieder weird. Ein Paar nackter wandelnder Frauenbeine – ohne Körper darüber – erschreckt den Zeitungsmann Dexter im nächtlichen Schlafzimmer; als der Licht macht, liegen zwei amputierte Frauenbeine und ein Drohbrief auf dem Boden: Er solle sich heraushalten, sonst gehe es ihm und den Beinen seiner Verlobten Doris schlecht; gez. The Doctor of Death.

Doris wohnt mit ihrer Halbschwester und dessen Ehemann zusammen. Ihr französisches Dienstmädchen ist verschwunden. Die Polizei wird verständig, die amputierten Beine sind verschwunden. — Der Drohbrief kann nur von Professor Astro kommen, einem Scharlatan, gegen den Dexters Zeitung eine Kampagne führt. Dexter dorthin:

The place was a brooding, rococo frame structure overshadowed by ancient, gnarled trees that wispered with a thousand sinister tongues in the night wind. Grotesque wooden ornamentation, twisted carvings, rotting and weather-decayed filigrees marked every inch of the black facade of the house; shuttered, unlighted windows loomed liked close eyes of a corpse. […] A malevolent, noxious atmosphere of foreboding permeated the very air that surrounded the house. In the trees above Dexter’s head, a bat flitted eerily… An owl hooted…

Das ist schon sehr viel sinistre Atmosphäre auf einmal. Zu viel, das ahnt der geübte Leser bereits: Professor Astro ist unschuldig, auch wenn die Leiche des Zimmermädchens bei ihm gefunden wird:

Her nude body gleamed whitely in the bluish light; her breasts, firm and heavy and crimson-centered[,] were rounded melons of pathetic, lifeless beauty.
And her swelling white thighs ended horribly in blood-raw, hacked ends of flesh from which pinkish bones protruded nauseatingly…

Es war wieder der Schwager, und alles nur ein elaborierter Plan.

(7) Don King, „Hell Hole of Horror“

Die Zirkusbesitzerfamilie Elkins scheint verflucht; es verschwinden im Lauf von Jahren mehrere ihrer Kinder. Der Polizist Lane ermittelt auf eigene Faust; die Spur führt in den Black Forest, wo es Schlangenspuk gibt und er eine exotische Schöne trifft:

It was already too dark to see the feminine ripeness that was so rapturously soft against him, but Lane’s sense of touch was keen enough to appreciate each quivering hill and each undulating valley of her figure.

Man möchte sich waschen nach der Lektüre. Auffällig die Metaphorik aus der Geologie, mit der hier Frauenkörper beschrieben werden. (Ein paar Zeilen davor erscheint noch „firm hillocks“.) Aufgeräumt aund aufgeklärt wird alles hektisch auf der letzten Seite der Geschichte: Böse alte Frau entführt Elkins Kinder und wandelt sie in Schlangenwesen um, die sie dann als Freaks an Zirkusse verkauft, um sich zu rächen. Stirbt an ihren eigenen Schlangen.

(8) Charles R. Allen, „Out of the Tomb“

Martin, Reporter, kriegt mit, wie im Hotelzimmer nebenan die schöne Helen einen kryptischen Drohbrief kriegt; als sie zum angeführten Ort fährt (einem örtlichen Friedhof mit Vampirlegenden), folgt er ihr heimlich mit dem Betreiber des Hotels, Costigo. Damit ist für erfahrene Leser alles klar. Auf dem Friedhof ist es unheimlich, am Ende stellt sich heraus, dass Costigo der unbekannte Mann war, der Helen und ihren Vater epresst hat (der war mit „Hasheesh“ willenlos gemacht worden). Costigo wird erschossen. – Eine zivile Geschichte, keine zu übertriebenen Stellen, nichts Unappetitliches, auch die Frauenkörperbeschreibung hält sich in Grenzen. Bin ich schon mal dankbar für.

(9) Charles A. Baker, Jr., „Bride of the Serpent“

Hier merkt man, dass die Autoren nach Wortzahl bezahlt wurden. Sich wiederholende Beschreibungen, die nichts zur Wirkung beitragen. – Sandra und ihr Ehemann Clive sind irgendwo in einem für sie exotischen Land; wir erfahren nicht mal einen Namen, aber es gibt natives und tropical heat. Die beiden besuchen Clives Cousin Malik, dessen Haus ganz im Schlangenmotiv gehalten ist: Teppich, Wandbehänge, Kaminsims, Feuerzangen, Leuchter. In der Nacht geht Sandra wie hyptnotisiert in das Haus, trifft eine Riesenschlange, liebkost sie auf metaphorisch auffällige Weise, bevor Clive die Schlange erschießt – und das Haus anzündet, denn der Schlangenleichnam war verschwunden; stattdessen lag dort Maliks toter Körper!

(10) Arthur Wallace, „Death Vault of Venus“

Ein frisch verheiratetes Paar im Bus Mailand-Rom. Der hat einen nächtlichen Unfall; in Begleitung eines anderes Fahrgasts, Dr. Vecchio (sic) suchen sie das in der Nähe gelegenen Haus von dessen Bekannten auf, Dr. Cagliostro (sic). Gruselschloss mit groteskem Zweg Ubaldo, mit Stiletten. Als wär seit Ann Radcliffe und der gothic novel nichts passiert. Vecchio ist ein ehemaliger Kollege von Cagliostro, der ein wahnsinnsiger, mordender Wissenschaftler, der dessen Frau und Tochter gefangen hält. Er wird überwältig.
Zuerst wollte ich lobend die Brocken Italienisch erwähnen, die man in der Geschichte aufschnappen kann, aber non podemos liberarnos kam mir recht Spanisch vor.


Zum Format: Alle Geschichten beginnen auf einer geradzahligen Seite, also links; so kann man auf die ersten Seiten jeder Geschichte eine große, über zwei Seiten gehende Illustration platzieren. Nach acht oder zwölf Seiten wird die Geschichte abgebrochen, falls sie nicht gerade zu Ende ist, damit die nächste Geschichte wieder auf einer Doppelseite beginnen kann; die letzten ganzen oder halben Seiten der ersten Geschichte stehen viele Seiten später am Ende des Magazins („Continued on page 118“).

Auffälliges: Der Held ist stets ein Mann; gibt es einen zweiten Mann als Nebenfigur, stellt sich dieser am Ende als der drahtziehende Schurke heraus. Eine Ausnahme ist (5), aber vielleicht zählt ein Sikh nicht als ebenbürtig. Der Mann besiegt das Böse stets, mit Ausnahme von (1) und (3) – in der letzten Geschichte ist das aber auch kein Held, sondern ein Räuber; und auch in diesen Geschichten stirbt – wie in allen – der Schurke. (3) und (5) sind die einzigen Fälle, in denen sich die Frau als zumindest teilweise böse herausstellt; sonst ist sie Opfer und muss gerettet werden. Die Frau ist entweder bereits mit dem Mann liiert (6, 9, 10) oder die beiden werden nach der Rettung ein Paar (2, 4, 7, 8). Zweimal hat die Frau eine Schwester oder Halbschwester (4, 6), das ermöglicht, diese stellvertretend für die Frau zum Opfer oder zur Mittäterin zu machen. Wissenschaft taucht als Chirurgie auf und ist gefährlich (4, 10). Verwirrspiel um Körperteile gibt es in (4) und (6).

Siehe auch: Ignaz Ferdinand Arnold, Der Schwarze Jonas (Blogeintrag) – das Äquivalent aus der deutschen Räuberromantik.

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2 Thoughts to “Weird Menace: Spicy Mystery Stories August 1935

  1. Netter Beitrag, gerne gelesen. :)

    Diese Geschichten sind in der Tat recht… ‚grimdark‘, mit der interessanten Ausnahme dass die Helden in der Tat mehrheitlich überleben wie es scheint.

    Nach heutigen Maßstäben ist das „spicy“ aus dieser Zeit natürlich eher gähn. Aber man muss ein Werk ja immer im Kontext seiner Zeit und seiner Zielgruppe, in dem Fall (alleinstehende?) Männer ohne Internet ;) in den 1930er Jahren, betrachten, und diese Körperbeschreibungen wurden in jener Zeit schon als sehr risqué betrachtet, also jedenfalls für ein Medium das man noch legal konsumieren darf.
    Das Menschen- und insbesondere Frauenbild dieser Geschichten ist natürlich ebenso ein Kind seiner Zeit, nicht sehr überraschend.

    ‚The Concise Oxford Companion to American Literature‘ schreibt zum verlegen von Pulp Magazinen es sei „the business of purveying predigested daydreams to people who cannot dream for themselves“, und ich denke das ist auch der Grund warum diese Hefte bei Ihnen nicht so richtig gut ankommen. Angesichts ihrer vergleichsweise wohlwollenden Einstellung zum ebenfalls ‚grimdark‘ daherkommenden H.P. Lovecraft oder dem guten alten E.A. Poe scheint das zunächst überraschend, aber es ist dann wohl doch die fehlende Qualität, die den größeren Ausschlag gibt als einfach nur die mystisch-düstere Grundstimmung einiger dieser Geschichten.

    Wir hatten ja (auch schon Jahre her glaube ich) mal hier in den Kommentaren über Robert E. Howard gesprochen, und der passt hier gut dazu finde ich, denn auch er ist ja originär ein Pulp Magazine Autor gewesen. Mit ein wenig mehr Qualität wie die obigen Stories, aber für mich ist er praktisch die Untergrenze des lesbaren.

    Gruß
    Aginor

  2. Bei den Pulps gibt es große Qualitätsunterschiede, es gibt viel gute Science Fiction (Stanley G. Weinbaum); es gibt H. P. Lovecraft, der sich sicher nie am Publikum orientiert und seine eigenen Formen (und Formeln, ja) geschaffen hat. Der Hinweis auf REH ist gut. Der schrieb auch manches Schlechte, aber deutlich besser als das oben. Ich kenne nur seine fantastische Literatur; seine Boxer-Geschichten könnten ähnlich formelhaft sein, aber kompetenter geschrieben. Vermutlich sind sowohl Spicy als auch Weird Menace extrem formelhaft.

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