Karl Immermann, Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken.

Muenchhausen_Herrfurth_1_500x763

Auf das Buch gekommen bin ich vielleicht über das Erzählspiel Die unfasslichen Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen. (Oder doch über Fontanefan, auf dessen Namen ich beim Immermann-Recherchieren mehrfach gestoßen bin?) Dann lag das Buch ein, zwei Jahre im Regal der zu lesenden Bücher, wanderte dann ins normale Bücherregal, und von dort dann doch wieder zurück – und zur Zeit lese ich es, und bin sehr überrascht.

Das Buch beginnt mit Kapitel 11, also so richtig in medias res. Der Enkel Münchhausens ist in einer kleinen Gesellschaftsrunde, beginnt zu erzählen, und erzählt und erzählt und kommt von einer Geschichte zur anderen, ohne sie je zu beenden, und ich fange an mir Stellen zu notieren, weil ich so viel schmunzeln muss.

„Nun also, dieser Mann betrat die Wachtstube…“ sagte das Fräulein, welche bei aller Begeisterung für den Erzähler sich doch nach einem rascheren Fortschritte der Geschichte sehnte.
„Noch nicht, meine Gnädige“, versetzte Münchhausen kalt, „so weit sind wir noch nicht. Die historische Darstellung erheischt langsame Entfaltung; auf den Landstraßen sind Eilwagen eingeführt, aber, Sie wissen es ja selbst, unsre Romanciers fahren in ihren Geschichten noch mit der sächsischen gelben Kutsche, welche sich ehemals zwischen Leipzig und Dresden bewegte, und zur Vollendung dieser Reise drei Tage gebrauchte, vorausgesetzt nämlich, daß der Weg gut war.“

Erst nach dem Kapitel 15 und einem Briefwechsel mit dem Buchbinder werden die Kapitel 1-10 nachgeschoben. (Der Buchbinder hat die Kapitel auf eigene Faust umgestellt, um dem Buch einen reißerischen Anfang zu geben, der beim Publikum besser ankommt.)

Von Karl Immermann hatte ich vorher nie gehört. Er steht zwischen Romantik und Realismus, zwei Streitschriften gegen Studentenverbindungen wurden auf dem Wartburgfest verbrannt. Also dann nochmal Wartburgfest nachlesen bei Wikipedia, Ideen für die Schule kriegen, und noch mal Mark Twain und Jules Huret über deutsche Burschenschaften herauskramen, und Turnvater Jahn*, aber das ist ein anderes Thema.

(*Aus Die deutsche Turnkunst: „Aber im Gegentheil darf man nie verhehlen, dass des Deutschen Knaben und Deutschen Jünglings höchste und heiligste Pflicht ist, ein Deutscher Mann zu werden und geworden zu bleiben, um für Volk und Vaterland kräftig zu würken, unsern Urahnen, den Weltret­tern, ähnlich. – So wird man am besten heimliche Jugend­sünden verhüten, wenn man Knaben und Jünglingen das Reifen zum Biedermanne als Bestrebungsziel hinstellt. Das Vergeuden der Jugendkraft und Jugendzeit durch ent­markenden Zeitvertreib, faulthierisches Hindämmern, brün­stige Lüste und hundswüthige Ausschweifungen wird auf­hören – sobald die Jugend das Urbild männlicher Lebensfülle erkennt. Alle Erziehung aber ist nichtig und eitel, die den Zögling in dem öden Elend wahngeschaffener Weltbürger­lichkeit als Irrwisch schweifen läset, und nicht im Vaterlande heimisch macht … Wer wider die Deutsche Sache und Spra­che freventlich thut oder verächtlich handelt, mit Worten oder Werken, heimlich wie öffentlich — der soll erst ermahnt, dann gewarnt, und so er von seinem undeutschen Thun und Treiben nicht abläset, vor jedermann vom Turnplatz ver­wiesen werden. Keiner darf zur Turngemeinschaft kommen, der wissentlich Verkehrer der deutschen Volksthümlichkeit ist und Ausländerei liebt, lobt, treibt und beschönigt.“ — Kann man zum Vormärz gut einsetzen, oder mal zusammen mit Ringelnatz‘ „Am Barren“ eine Stunde zur Leibesertüchtigung machen.)

Zurück zu Münchhausen. Der Roman erschien 1839, und er beginnt liebevoll verschachtelt, gedrechselt, ironisch, verspielt. Hier Gedanken zu einer peinlichen Gesprächspause in der geselligen Runde:

Wer hat nicht einmal die Last solcher Windstillen in der Gesellschaft erfahren? Die gesamte Sozietät sitzt wie eine Flotte, die sich auf dem unbewegten Meeresspiegel nicht zu rühren vermag. Schlaff hangen die Segel herab, verzweiflungsvoll schaun alle Blicke nach ihnen hinauf, ob nicht ein frisches Lüftchen sie endlich schwellen wolle. Umsonst! Das ist, als ob ein Rad in der Schöpfung gebrochen, und die ganze Maschine mit Sonne, Mond und Fixsternen in Stockung geraten sei. So sucht eine in Windstille versetzte Gesellschaft auch verzweiflungsvoll nach einem Gedanken, nach einer Vorstellung, ja nur nach einer Redensart, um sie in die Segel der Konversation zu hauchen; vergebens! Nichts will über die Lippen, nichts hörbaren Laut gewinnen. Der Mythus sagt, in solchen Zeiten fliege ein Engel durch das Zimmer, aber nach der Länge derartiger Pausen zu urteilen, müssen zuweilen auch Engel diese Flugübungen anstellen, deren Gefieder aus der Übung gekommen ist. Endlich pflegt einer sich zum Opfer für das Gemeinwesen darzubringen, er fährt mit einer ungeheuren Dummheit heraus, und damit ist der Zauber gelöset, das Band der Zungen entfesselt; die Ruder klatschen, die Segel sausen, der Kiel schwirrt lustig durch das Meer von Kunst, Stadtneuigkeiten, Politik, Krankheits- und Gesundheitsumständen, Religion und Karnevalsbällen.
Nachdem das Schweigen in der Gesellschaft, von welcher hier die Rede ist, etliche Minuten gedauert hatte, und die verschiednen Affekte der Schweigenden in die heiße Sehnsucht, ein menschliches Wort zu vernehmen, übergegangen waren, sagte das Fräulein zu Münchhausen plötzlich, wie von einem guten Geiste erleuchtet: „Es pflegt doch immer im Sommer schöneres Wetter zu sein, als im Winter.“

Die Zuhörer Münchhausens bestehen aus dem verarmten Baron, bei dem er untergekommen ist, dessen unverheiratet gebliebener Tochter, und einem verrückt gewordenen Dorfschullehrer. Verrückt geworden ist der übrigens, nachdem er einen neuen modernen Lehrplan bekommen hat:

Da ereignete es sich, dass die allgemeinen Steigerungen des Zeitalters auch einen neuen Lehrplan im Lande hervorriefen, der bis zu den Dorfschulmeistern umbildend durchgreifen sollte. Seine Vorgesetzten schickten ihm ein Lehrbuch der deutschen Sprache zu, eines von denen, welche die ABC-Wissenschaft tiefsinnig und philosophisch begründen wollen, und erteilten ihm die Weisung, seine bisherige rohe Empirie zu rationalisieren, sich selbst zuvörderst aus dem Buche zu unterrichten, und dann danach die veränderte Belehrung der Jugend anzufangen.
Der Schulmeister las das Buch durch, er las es noch einmal durch, er las es von hinten nach vorn, er las es aus der Mitte, und er wusste nicht, was er gelesen hatte. Denn es war darin gehandelt von Stimmlauten und Mitlauten, von Auf- In- und Umlauten; er sollte daraus die Laute trüben und verdünnen lernen, er sollte durch Säuseln, Zischen, Pressen, durch Näseln und Gurgeln die Laute hervorbringen, er vernahm, daß die Sprache Wurzeln treibe und Seitenwurzeln, er erfuhr endlich daraus, daß das I der reine Urlaut sei, und dass dessen Erzeugung durch starkes Zusammendrücken des Kehlkopfes nach dem Gaumen hin geschehe.
Er bat Gott um Erleuchtung in diesen Finsternissen, aber sein Flehen prallte zurück von dem ehernen Himmel. Er setzte sich wieder vor das Buch, mit der Brille auf der Nase, um schärfer zu sehen, wiewohl er bei Tageslicht wohl noch ohne Gläser fertig werden konnte. Ach, nur deutlicher traten seinen bewaffneten Augen die furchtbaren Rätsel des Daseins, die Sause-, Zisch-, Press-, Nasen- und Gurgellaute entgegen! Darauf legte er das Buch weg, fütterte seine Gänse und gab einem Jungen, der gerade dazukam und sagte, der Vater wolle das Schulgeld nicht zahlen, zwei derbe Maulschellen, um durch das praktische Leben Aufschluß für die Theorie zu gewinnen. Umsonst. Er aß eine Knackwurst, sich körperlich zu stärken. Vergebens. Er leerte einen ganzen Senftopf, weil er gehört hatte, dieses Gewürz schärfe den Verstand. Eitles Bemühen!
Er legte das Buch abends vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen. Leider fühlte er am anderen Morgen, daß weder die Wurzeln, noch die Seitenwurzeln ihm in den Kopf gedrungen waren. Gern hätte er das Buch, wie Johannes jenes vom Engel getragne, auf die Gefahr der empfindlichsten Leibschmerzen hin, verschlungen, wäre er dadurch des Inhaltes Meister geworden; aber welche Hoffnungen konnte er nach dem Bisherigen von einem so gewagten Versuche hegen? Die Schule stand still, die Kinder fingen Maikäfer, oder jagten die Enten in den Teich. Die Alten aber schüttelten den Kopf und sagten: „Mit dem Schulmeister hat es seine Richtigkeit nicht.“ Eines Tages, nachdem er sich wieder in seinen verzweiflungsvollen Bemühungen um den Sinn der Dünnung und Trübung abgearbeitet hatte, rief er: „Wenn ich dieser Bestie von Buch nur erst an einem Flecke beigekommen bin, so gibt sich vielleicht das übrige von selbst!“ – Er nahm sich vor, zuvörderst den reinen Urlaut I nach der Anweisung des Buchs zu erzeugen.
Er setzte sich daher auf seinen Grasfleck zum Rinde, welches dort, unbekümmert um rationelle Lauterzeugung, empirisch brummte, stemmte die Arme in die Seite, drückte den Kehlkopf stark nach dem Gaumen hin, und stieß nun die Töne hervor, welche sich auf solche Weise veranstalten lassen wollten. Sie waren höchst sonderbar, und so auffallend, dass selbst das Rind vom Grase emporblickte und seinen Herrn mitleidig ansah. Eine Menge Bauern hatte der Schall herbeigezogen; sie standen neugierig und verwundert um den Schulmeister her. „Gevattern!“, rief dieser und ruhte einen Augenblick von seiner Anstrengung aus, „passt einmal auf, ob es der reine Urlaut I wird?“ Darauf gab er sich wieder an die Kehlkopf-Gaumendrückung. „Gott behüte!“, riefen die Bauern, und gingen nach Hause, „der Schulmeister ist übergeschnappt, er quiekt schon wie ein Ferkel.“

In dieser Situation redet ein vorbeikommender Student dem Lehrer ein, er sei ein Nachkomme der alten Spartaner, worauf der seine Schule spartanisch umkrempelt und prompt entlassen wird.

(Aus zwei Gründen fühle ich mich beim Lachen ertappt. Ist das nicht einfach ein typischer Lehrer, der mit der – hier ja vielleicht sogar sinnvollen – neuen wissenschaftlichen Herangehensweise nicht anfreunden kann? Und zweitens habe ich im Sprachenstudium oft genug selbst die Hand an den Kehlkopf gepresst, um auf Stimmhaftigkeit zu testen, und den Kardinalvokal i vom englischen Lang- und Kurzvokal i zu unterscheiden geübt…)

Das Buch steckt irgendwo in der Mitte zwischen Romantik, Biedermeier und Realismus – einer vernachlässigten Ecke der Literatur, in die auch Ludwig Tiecks „Des Lebens Überfluss gehört“. Das Spiel mit der Ironie und der Form ist romantisch, die Putzigkeit darin manchmal schon biedermeierisch. Denn nach den ersten 15 Kapiteln beginnt Buch 2, und das ist wieder ganz anders. Hier eine kurze Übersicht:

Buch 1: Münchhausens Enkel landet bei einer verarmten adligen Familie, bestehend aus Baron, Tochter Emerentia, und – noch wenig thematisiert – dem Findelkind Lisbeth. Er erzählt wirre Geschichten, zu den Zuhörern zählt auch ein ehemaliger Schullehrer. Witzig, abwechslungsreich, durcheinander.
Buch 2: Ein junger schwäbischer Adliger ist inkognito unterwegs (Flucht vor Frauengeschichte, ähnlich wie Werther) und landet in einem idyllischen Bauernhof. Lob des patriarchalisch ursprünglichen Lebens. Alles sehr putzig und eher langweilig. Der Adlige ist auf der Suche nach „Schrimbs oder Peppel“, der ihm ein Leids getan hat. Trifft auf Lisbeth.
Buch 3: Mehr über Münchhausens Diener, verfressen wie Sancho Panza, vertröstet statt wie dieser auf einen Gubernatorsposten auf eine Position in der von Münchhausen angekündigten Fabrik, die Luft zu Steinen presst und als Baumaterial verkauft. (Luftschlösser, anybody?) Auch der Baron ist begierig, mitzumachen, und Münchhausen, dem die Lüge zu viel wird, versucht ihn mit einer breit angelegten, weit hergeholten Lügengeschichte aus dem klassischen Griechenland abzulenken. Dem Lehrer geht es wieder besser, er tritt auch seine alte Stelle an, nachdem besagtes Schulbuch „neuerdings bei einer abermaligen Umgestaltung des Schulplanes auch schon wieder abgeschafft worden“ ist.
Buch 4: Fängt wieder unvermittelt an, diesmal mit einem jungen Münchhausen als Ich-Erzähler, ohne Erzählrahmen. Handlung: Eine Satire auf die Geistergläubigkeit der Zeit, die sich in Büchern wie Die Somnambüle eigener Art, oder die Seherin von Grossglattbach in ihrer wahren Gestalt äußert. Zwei Wissenschaftler erforschen mit Münchhausens Hilfe Dämonen und Bessessene und das Zwischeenreich allgemein.
Buch 5: Die Liebesgeschichte auf dem idyllischen Bauernhof entwickelt sich weiter. Zutaten: Der junge Adlige, inkognito, und Lisbeth, das Findelkind von Münchhausens Gastgebern. Am Schluss eine eingeschobene kurze Märchennovelle.
Buch 6: Der liebende Adlige aus dem letzten Buch besucht die Familie seiner Lisbeth. Trifft auf dem Weg den berühmten deutsch-türkischen Reiseschriftsteller Semilasso (das Pseudonym von Fürst Pückler-Muskau). Der in Ungnade gefallene Münchhausen erhält Unterstützung durch seinen Autor und wird bedrängt durch allerlei Gestalten. Im 15. Kapitel Rede zur Verteidigung der Lüge – mal mit dem Gespräch über den Götzen Gesellschaft in Effi Briest vergleichen?
Buch 7: Mehr Verwicklungen auf dem Bauernhof, bis hin zu Mord und Totschlag. Deutlich weniger idyllisch. Kein Münchhausen mehr.
Buch 8: Auflösung der Verwicklungen. Auch kein Münchhausen mehr. Im Anhang dann wie bei Dragnet: „Was später mit ihnen geschah.“

Auch wenn ich noch nicht mal die Hälfte des ganzen Buchs gelesen habe, will ich meine Gedanken jetzt schon sammeln, sonst werde ich nie fertig.

Revolutionär ist es nicht, obwohl der Adel kritisiert wird:

„Leider“, erwiderte der Diakonus, „sind unsre höheren Stände hinter dem Volke zurückgeblieben, um es kurz und deutlich auszusprechen. Dass es viele höchst ehrenwerte Ausnahmen von dieser Regel gebe, wer wollte es leugnen? Sie befestigen aber eben nur die Regel. Der Stand als Stand hat sich nicht in die Wogen der Bewegung, die mit Lessing begann und eine grenzenlose Erweiterung des gesamten deutschen Denkens, Wissens und Dichtens herbeiführte, getaucht. Statt dass vornehme Personen geboren sind, die Patrone alles Ausgezeichneten und Talentvollen zu sein, halten bei uns noch viele Große das Talent für ihren natürlichen Feind, oder doch für lästig und unbequem, gewiß aber für entbehrlich. Es gibt ganze Landstriche im deutschen Vaterlande, in welchen dem Adel, ein Buch zu lesen, noch immer für standeswidrig gilt, und er statt dessen lärmende, nichtige Tage abhetzt, wie in den Zeiten jener Bürgerschen Parforcejagd-Ballade.

Gleichzeitig gibt es im zweiten Buch eine idyllische Putzigkeit, wie sie bei Disney nicht nerviger sein könnte:

Allgemach begann es auch im Walde am Boden sich zu rühren. Ein Igel kroch schläfrig durch das Laub; ein Wieselchen zog den geschmeidigen Leib aus einer Steinspalte, nicht breiter, als der Kiel einer Feder, hervor. Buschhäslein sprangen mit vorsichtigen Sätzen, zwischen jedem innehaltend, sich duckend und die Löffel legend, ins Freie, bis sie, mutiger geworden, auf dem Rain am Kornfelde sich emporhoben, tänzelten, miteinander spielten, und die Vorderläufe zu scherzenden Schlägen brauchten.

Gleichzeitig wird sich über Emerentias Schwärmerei lustig gemacht:

„Ich stand heute in der Frühe schon mit einer Fülle von Ahnungen von meinem Lager auf. Die Strümpfe sahen mich so bedeutend an, in den Pantoffeln war ein stilles Wesen und Weben, die lange Schnuppe des Nachtlichts, welches herabgebrannt war, wies tiefsinnige Figuren. Ist es mir doch einmal bestimmt, daß nichts gewöhnlich um mich sein kann, bin ich doch in allen meinen Tagen das Spielwerk dunkler, hoher Mächte gewesen!“

Die mittelalterlich-mächtige Romantik gibt es nur noch als profanisiertes Relikt:

Schon von weitem zeigten Zinnen, hohe Mauern und Bastionen, dass der Ort, einst ein mächtiges Glied im Bunde der Hansa, seine große, wehrhafte Zeit gehabt habe. Der tiefe Graben war noch vorhanden, wenngleich zu Baumpflanzungen und Küchengärten verwendet.


Fazit: Münchhausen ist bislang trotz des zweiten Buches sehr vergnüglich zu lesen. Ich will tatsächlich wissen, wie es weitergeht. Es bringt mich auf Ideen, anders als der vielgerühmte Jean Paul, mit dem ich nie warm geworden bin. Immer wieder gibt es schöne Formulierungen, etwa die Kritik der Ziegen an der Quelle Hippokrene an der Schmeißfliege, die sich von Kot ernährt statt von feinen Kräutern: „Fühlst du denn nicht, du armer Gesunkener, dass uns alle, Ziegen, Käfer und Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brütenden Mutter aussäte, die Speise aus der Hand der Götter, nicht aber sie aus der Pforte, die da stets nur auslässt und nimmer ein, zu empfangen?“
Don Quijote und Tristram Shandy werden beide erwähnt, sind auch als Ahnen erkennbar. Es gibt im Münchhausen relativ wenige Figuren, und bisher kein echtes Leid. Vielleicht unterscheidet dass das Buch vom romantischen und romantischkritischen „Sandmann“, vom märchenhaft-realistischen Gottfried Keller. Ich wusste jedenfalls nicht, dass es so etwas in der deutschen Literatur gibt.
Das Buch ist umfangreich, ich lese es abwechselnd auf Papier und als ePub, je nach Lesesituation. Das Lesen auf dem Tablet führt dazu, dass ich mir leicht Stellen anmerke und als Mail an mich selber weiterleite.

Schließen will ich mit einem Zitat aus Immermanns Roman Die Epigonen, auf das ich im ZUM-Wiki gestoßen bin, und das mir zu seiner merkwürdigen Stellung in der Literaturgeschichte zu passen scheint:

Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen, und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt. Die große Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre Väter von ihren Hütten und Hüttchen aus unternahmen, hat uns eine Menge von Schätzen zugeführt, welche nun auf allen Markttischen ausliegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben. Aber es geht mit geborgten Ideen, wie mit geborgtem Gelde, wie wer mit fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet, wird immer ärmer.

Tagged: Tags

4 Thoughts to “Karl Immermann, Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken.

  1. Eine wunderschöne Einführung, der ich viele Leser wünsche.

    Bei dieser Lektüre habe ich entdeckt, dass zeno.org offenbar einen verderbten Text hat. Man folgt wohl besser Gutenber.spiegel.d. Dort heißt es über die „Epigonen“:
    „Aber es geht mit geborgten Ideen, wie mit geborgtem Gelde, wer mit fremdem Gute leichtfertig wirthschaftet, wird immer ärmer.“

  2. Vielen Dank für den ausführlichen Lesetipp!
    Ich lese zur Zeit 4 Bücher (fast) parallel, meist aber hintereinander:
    3 Krimis, Friedrich Ani „Süden“ und die beiden letzten von Donna Leon, natürlich in Englisch, und „Who I Am“ von Pete Townshend.
    Letzterer schreibt wirklich gut. Er hatte ja in den 80ern schon „Horse`s Neck“, einen Erzählungsband, veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.