Marco Polo, Die Reisen des Marco Polo

By | 10.9.2016

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren steht eine schöne englische Marco-Polo-Übersetzung bei mir im Regal, und jetzt habe ich sie endlich gelesen. Die erste Überraschung: Das Buch ist alles andere als ein Reisebericht; es ist nicht einmal besonders spannend. In einigermaßen geographischer Folge stellt Marco Polo die Reiche und Städte vor, die er gesehen hat. Ganz knapp steht da oft nur: welche Religion es gibt (Christen, Muslime, Götzenanbeter=Buddhisten), welche Bestattungsarten, welche Sprache, wem das Reich tributpflichtig ist, womit die Bewohner ihren Lebensunterhalt verdienen (Jagd, Ackerbau, Handwerk, Handel).

Aber die Details sind dann doch interessant. Marco Polo berichtet von dem Rohstoff, der aus einem Berg geschürft und zu Fäden gesponnen wird, aus denen man dann ein Hemd webt, das man – für Touristen – reinigt, indem man es ins Feuer wirft, wo es, statt zu verbrennen, wieder ganz weiß wird. Kurze Recherche bei Wikipedia: ja, das stimmt tatsächlich, auch andere, persische Reisende berichten von diesem Trick. Es handelt sich um ein Hemd aus Asbestfäden.

Wenn er von der fabelhaften chinesischen Stadt Hangzhou berichtet, nimmt er als Beispiel für deren Größe, dass jeden Tag 43 Ladungen Pfeffer in die Stadt gebracht werden, die Ladung zu 243 Pfund. Im Halbschlaf gerechnet: Bei einer Stadt von einer Million Einwohnern, und diese Zahl nennt auch Wikipedia für das 13. Jahrhundert, und je nach genauem Wert eines Pfundes sind das knapp 5 Gramm pro Einwohner – im Bereich des Möglichen.

Meistens beschreibt Marco Polo Dinge, die er selber gesehen hat, ab und zu auch Dinge, von denen man ihm nur berichtet hat, und die sind dann meistens kenntlich gemacht. Fast alles ist glaubwürdig, aber die Angehörigen so ziemlich jeder fremden Kultur – fremd vor allem für die, die ihm davon erzählt haben werden – werden zu Menschenfressern gemacht, vor denen Reisende sich hüten sollen. So etwa im Königreich Felch auf Sumata – zumeist Götzenanbeter, die jeden Tag einen neuen Götzen anbeten, und zwar das erste Objekt, das ihnen am morgen vor die Augen kommt. Klingt nach einer interessanten Religion.

Gewarnt wird außerdem vor den als Kuriositäten nach Europa gebrachten getrockneten Leichen angeblicher Pygmäen aus Indien: Alles gefälscht! Weder in Indien noch sonstwo gebe es solche Pygmäen. Vielmehr würden diese Gestalten in Sumatra gefertigt, und zwar aus einer Affenart. Man fange sie, rasiere sie, lasse nur am Kinn, Kopf und anderswo ein wenig Haar übrig und mumifiziere dann die Körper, bis sie wie kleine Menschen aussehen. Und das werde dann in alle Welt verkauft.

Das sieht dann wohl so aus wie dieser Schrumpfkopf, der ebenfalls von einem Affen stammt:

Affenkopf, geschrumpft

— Am Ende gibt es die kuriose Episode von der Tochter des Königs Kaidu, eines Neffen von Kublai Khan. Die war schön, aber gleichzeitig so stark, dass kein junger Mann im ganzen Königreich es mit ihr aufnehmen konnte. Ihr Vater wollte sie gerne verheiraten, aber sie weigerte sich und sagte, sie würde nur einen zum Mann nehmen, der sie im Ringkampf besiegen konnte, und nahm ihren Vater schriftlich dieses Versprechen ab.
Der schickte an alle Enden seines Reiches und lud Kandidaten ein: Besiegten sie seine Tochter im Ringkampf, erhielten sie sie zur Frau; ansonsten müssten sie ihr hundert Pferde schenken. Und einer nach dem anderen kam und versuchte sein Glück, doch die Tochter – Aigiarm, „Mondschein“ mit Namen – besiegte alle und hatte so schon mehr als zehntausend Pferde erhalten.
Um das Jahr 1280 herum kam aber der Sohn eines reichen Königs, der war jung und schön. König Kaidu redete seiner Tochter zu, sie solle doch beim Kampf nachgeben, da Kaidu den Prinzen sehr gern als Schwiegersohn gehabt hätte. Aber Aigiarm weigerte sich, und so kam es zu dem Ringkampf. Der Prinz setzte tausend Pferde statt hundert, aufgrund seiner hohen Stellung.
Aber der Prinz verlor, und Aigiarm heiratete ihn nicht, sondern zog mit ihrem Vater in viele Schlachten und zeichnete sich dort durch große Taten aus.
– Knochentrocken erzählt, und mehr erfahren wir nicht von dieser Geschichte.

– Mein liebstes Kapitel ist Kapitel 23 im vierten Buch, hier in seiner Gänze wiedergegeben:

Von der Meerenge von Konstantinopel

Bei der Meerenge, die in [das Schwarze Meer] führt, befindet sich auf der westlichen Seite ein Hügel, Faro genannt. Aber seit ich begonnen habe darüber zu schreiben habe ich meinen Sinn geändert, da so viele Leute alles darüber wissen, deshalb werden wir ihn nicht in unsere Beschreibung aufnehmen, sondern zu etwas anderem kommen. Und so werde ich erzählen von den Tartaren [des Westens] und ihren Herrschern.

2 thoughts on “Marco Polo, Die Reisen des Marco Polo

  1. D.

    Welche Ausgabe liest Du? Wenn die Edition taugt, wie Du schreibst, wäre ein Hinweis willkommen. Danke!

  2. Herr Rau Post author

    Der Herausgeber meiner Ausgabe ist Manuel Komroff, erschienen ist sie 1928 bei Boni & Liveright, „revised from Marsden’s translation“. Diese Fassung wird auch heute noch viel aufgelegt, ich hätte mir allerdings noch mehr Anmerkungen des Herausgebers gewünscht – sie bestehen in den nur sehr gelegentlich eingestreuten modernen Fassungen der Ortsnamen, und die sind für die Orientierung doch recht wichtig. An einer Stelle sind – aus historischen? kuriosen? Gründen – die Himmelsrichtungen vertauscht, so dass Marco Polo vonAustralien zu reden scheint. Erst die Recherche im Web hat das für mich aufgeklärt.

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