Schüler ganzheitlich

Vor Weihnachten habe ich zweimal Schüler außerhalb der Schule gesehen, wo sie mir gut gefallen haben. Das war einmal beim Abschiedsessen mit den italienischen Austauschschülern (und, äh, -lehrern). Allein die Tatsache, dass ich die Schüler erfolgreich mit Messer und Gabel an einem gedeckten Tisch hantieren gesehen habe, hat sie gleich zwei Jahre älter gemacht. In der Schule traut man ihnen oft kaum mal den Umgang mit einem Lineal zu.
Und ein paar Tage später, andere Schüler, im Theater, schummriges Licht, keine Schultasche weit und breit – schon wieder zwei Jahre älter.
Schüler werden in der Schule schon recht jung gehalten von uns Lehrern, aber Schüler benehmen sich auch recht jung in der Schule, und das schaukelt sich gegenseitig hoch.

6 Thoughts to “Schüler ganzheitlich

  1. Schöne Beobachtung. Wer kann das entmündigende Schaukelsystem ändern? Von den Schülern kann man es am wenigsten erwarten. Also? Und hast Du auch schon mal beobachtet, wie sich Lehrer in der Fortbildung verhalten, wenn sie ihnen vorgesetzt und vorgekaut wird, wie den Schülern in der Regel der Unterricht? – Genauso wie ihre eigenen Schüler. Da möcht‘ man den erwachsenen Pädagogen kaum zutrauen, daß sie ein Sparkassen-Überweisungsformular ohne Beistand ausfüllen können.

  2. ausgeprägtes schülerverhalten beobachtet man doch nicht nur in fortbildungen, ich denke da mal an eine dienstberatung…aber ich glaube, das ist überall so.
    was aber die die schüler betrifft: ich finde nicht, dass es ein entmündigendes schaukelsystem gibt,(s.o.) ich habe den eindruck, dass sich schüler schon ihres alters bewusst sind und dies auch durchzusetzen wissen. wenn ich bedenke, wer von den schülern alles wo arbeitet (fast filialleitung netto, allein an der tankstelle, kasse fast überall …)
    Außerdem finde ich es auch nicht schlimm, wenn sich schüler in der schule wie schüler verhalten, wo sollen sie sich denn sonst so verhalten? immer nur mündig und quasi erwachsen ist doch auch langweilig und nicht altersgemäß, außerdem können sie dann nicht aus eventuellen fehlern für später lernen…:)

  3. Natürlich ist es richtig, dass sich Schüler wie Schüler verhalten sollen. Ist aber auch eine tautologische Forderung.
    Meine Schüler sind teilweise zwanzig Jahre alt, in der 11. Klasse dürfen sie wählen und Autofahren. Da ist mir egal, ob erwachsen langweilig ist – ich selber komme ganz gut damit zurecht. :-) Und Fehler machen Erwachsene außerhalb der Schule auch noch genügend, denke ich.

  4. Lieber Herr Rau,

    mir ging es ja nur darum, den Schülern auch ein gewisses Maß an Unreife zuzugestehen. Das ist doch in diesem Alter schon noch normal, oder? Das hat nichts damit zu tun, sie nicht ernst zu nehmen. Auch nicht damit, ihnen keine Verantwortung zu übertragen oder ihnen die Folgen eines Verhaltens nicht zu zeigen.
    Eigentlich wollte ich nur darauf hinaus, dass nicht alles immer so bierernst betrachtet werden muss…Aber da habe ich wohl meine Gedanken nicht schlüssig genug dargelegt.
    P.S. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie sich auch schon seit zwanzig Jahren an das Erwachsensein gewöhnen dürfen?

  5. Friedensangebot: Vielleicht sehen wir das gar nicht so anders. Unreife ist klasse, mit der rechne ich bis ins hohe Alter, und die gestehe ich doppelt jungen Menschen zu. Klar müssen sie Fehler machen. Die interessanten Fehler machen sie aber außerhalb der Schule. Dass nicht alles bierernst betrachtete werden sollte, glaube ich auch; ich hoffe, ich komme in diesem Blog nicht als zu ernster Bedenkenträger rüber.
    Ich bin jetzt, richtig, bald vierzig Jahre alt; der Übergang ins Erwachsenenleben war fließend. Schon als Teenager war ich sehr selbstständig, als Student dann sowieso.
    Widerspricht sich die Selbstständigkeit mit Unreife? Vielleicht gar nicht mal so sehr.
    Ob das altersgemäß ist oder nicht, ist gar keine so einfache Sache. Am Gymnasium sind die Schüler in der Entwicklung gegenüber Gleichaltrigen außerhalb der Schule ohnehin zurück. (Oder waren es zumindest vor zehn Jahren, ich habe die Forschung nicht verfolgt.) Was ist jetzt wirklich altersgemäß?

  6. Natürlich nehme ich Ihr Angebot an, ich war mitnichten auf Konfrontation aus.

    Ich bin im Moment nicht der Meinung, dass sich Selbständigkeit und Unreife ausschließen. Selbständigkeit (im engeren Sinne) hat mit praktischen Lebens-und Überlebensstrategien zu tun, das klappt doch irgendwann. (Davon gehe ich jedenfalls aus, ich bin seit meinem 14.Lebensjahr von zu Hause weg, Internat, Studium, Ausland…)
    Unreife hingegen geht jetzt eher in die Richtung, Dimensionen den eigenen Handelns nicht abschätzen zu können und an Scheidewegen- mangels Erfahrung- falsche Entscheidungen zu treffen.
    Altersgemäß ist…das ist schwer zu beantworten, vielleicht eben doch die Tatsache, dass Schüler außerhalb der Schüler mit Schlag 18 als straf-, heirats-, fahr-, kredit- und wie auch immer mündig betrachtet werden. Oder arbeiten Ihre Oberstufenschüler nicht an Kassen diverser großer Unternehmen, als Tankstellenpersonal und und und…? Das ist hier in meiner Wirklichkeit dann doch altersgemäß.

    So, nichts für ungut.

    Ach da fällt mir doch noch etwas ein. Altersgemäß ist sicher, das Erwachsensein zu splitten in Dinge, die nun einfacher sind – Autofahren, Trinken, Clubs… und auf der anderen Seite in das Erwachsenenleben, das noch lange warten kann (Vernünftig feiern, kultiviert Rotwein trinken, nicht so über die Stränge schlagen, immer höflich bleiben, ein geregeltes und eingefahrenes Alltagsleben …

    Also das, was man dann doch später nicht immer so richtig schafft-oder nur bedingt.
    ja, herr rau-ihnen noch einen schönen abend, denn ich werde jetzt erstmal bügeln…

    p.s. lehrermäßige Verbesserung : Alte Kantine der Kulturbrauerei, falls Sie noch mal nach Berlin kommen und den Ort suchen…:)(ist echt nur nett gemeint)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.