Karl May wiederlesen: Orientzyklus, Band 6 (Der Schut)

Vor zwei Jahren habe ich die Bände 1-3 gelesen, letztes Jahr die Bände 4-5, jetzt bin ich endlich auch zu Band 6 gekommen.

Titelbild "Der Schut"Kara Ben Nemsi und Halef sind weiterhin auf der Jagd nach dem Schut und seinen Genossen. Sie verfolgen den schwer verwundeten Mübarek und Barud el Amasat, begleitet werden sie von Osko (der sich wegen der Geschehnisse aus Band 1 an Barud rächen will) und Omar (der sich an Baruds Bruder Hamd el Amasat rächen will).

Der Mübarek stirbt an seinen Wunden und am Angriff eines Bären; Osko tötet Barud; sie weichen der Falle aus, die ihnen der Köhler Scharka stellt: Dort gibt es eine als Meiler getarnte Höhle, in der Gefangene verwahrt und getötet werden. Die Helden befreien dabei ihren alten Freund Sir David Lindsay. Zuvor war Lindsay Gefangener des Schut und gibt ihnen wertvolle Hinweise zum Aufbau dessen unterirdischer Anlage, wo noch andere Gefangene warten: der reiche Skipetar Stojko Wites und Henri Galingré.

Zusammen reiten sie zu Kara Nirwan, dem angesehenen Betreiber des Newera-Khan, nehmen ihn gefangen und bezichtigen ihn, der Schut zu sein. Die Einwohner des Dorfes sind mehr als skeptisch. Als es den Helden gelingt, die Gefangenen zu befreien, muss der Schut allerdings fliehen – noch besteht außerdem die Möglichkeit, den letzten Teil des Schurkenplans auszuführen: Hamd el Amasat hatte sich bei der Familie Galingré eingeschlichen und begleitet jetzt Henri Galingrés Frau und Kind mit dem Vermögen der Galingrés, angeblich zum Kauf neuer Waren bestimmt. Die Familie soll allerdings in eine Schlucht geworfen werden.

Kara Ben Nemsi erreicht die Gruppe noch rechtzeitig, verfolgt den Schut, der in einer Schlucht stirbt. Omar blendet Hamd el Amasat, tötet ihn aber nicht. De Zusammenhänge werden aufgeklärt: In Band 1 war Kara Ben Nemsi ja auf einen kurz zuvor ermordeten Franzosen gestoßen, nahm die Verfolgung dessen Mörders auf (Hamd el Amasat), der dabei Omars Vater tötete, worauf sich Omar der Verfolgung anschloss. Der Franzose war Paul Galingré, Sohn von Henri, auf der Suche nach seinem Onkel.

Ein Anhang erzählt von einem letzten Besuch bei Halef und seinem Stamm und dem Tod Rihs bei einer sinnlosen Racheaktion der Beduinen.

— Fazit: Meh. Bonuspunkte für die Dinge, an die ich mich noch aus meiner Kindheit erinnere: Die Jagd auf den Bären und das Braten der Bärentatzen, das mit Kennerhand geworfene Wurfbeil, das erst am Boden entlang fliegt und dann nach oben steigt. (Das wollte mir als Kind nie richtig plausibel erscheinen und ist es wohl auch nicht.) Die ganze Köhleranlage: So und durch anschließendes Nachfragen bei meinen Eltern habe ich gelernt, was ein Köhler ist. Das Fläschchen mit Phosphor, um im Dunkel Licht zu haben. Und was Pökeln ist.

Es gibt wie immer viel Anschleichen und Lauschen, aber relativ wenig Gefangenenbefreiung. Diesmal trifft Kara Ben Nemsi nicht auch Unbeteiligte am Straßenrand, zu denen er freundlich ist und die ihm dafür hilfreiche Hinweise oder Rettung in späterer Not geben. Überhaupt ist das Personal sehr übersichtlich, ein Diagramm wie bei den letzten Malen nicht nötig. Die Schurken werden recht früh dezimiert, die Heldengruppe bleibt konstant. Bis auf den überflüssigen Anhang gibt es verhältnismäßig wenig penetrantes Christentum; das war schon mal schlimmer. (Aber der Anhang.)

Der Schut als anerkannter Mann im Dorf doppelt sich ein wenig mit dem Mübarek als anerkanntem Mann in seinem Dorf. Neu aber die Situation, wie Kara Ben Nemsi inmitten des eher feindseligen Dorfes einen Gefangenen macht. Die Anlage des Schut und deren Zerstörung erinnert ein wenig an den Schatz vom Silbersee.

Auffällig wieder einmal die Parallele zu Sherlock Holmes beim Spurenlesen:

Da diese Schärfe fehlt, so hat der Mann keine Fußbekleidung getragen; er ist barfuß gewesen. Willst Du das nun einsehen?«
»Wenn Du es in dieser Weise erklärst, muß ich Dir Recht geben.«

Man kann Halef da schon ein bisschen als genervt lesen, wenn man möchte:

»Kannst du dir denken, wer hier gegangen ist?« fragte ich Halef.
»Nein, Effendi,« antwortete er. »Da du mir deine Meinung noch nicht mitgeteilt hast, weiß ich noch nicht, von welchem Gedanken ich auszugehen habe.«

Insgesamt kann ich Band 1 und Band 3 des Orientzyklus‘ noch zur Lektüre empfehlen. Die letzten drei Bände, die auf dem Balkan und nicht mehr im Orient spielen, haben mir als Kind gefallen, jetzt stören mich ihre Schwächen mehr als bei den anderen Bänden.

Tagged: Tags

One thought to “Karl May wiederlesen: Orientzyklus, Band 6 (Der Schut)”

  1. H. war nie Karl-May-Fan in seiner Jugend, obwohl alle seine Freunde um ihn herum die Bände verschlangen und die Schulbücherei alle Dutzende von Bänden anbot. Er weiß nicht, warum, war halt so. Die Filme machten ihn allerdings an, führten aber hinterher auch nicht zur Lektüre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.