Pflichtfach Informatik

(Älterer Eintrag, einst verworfen, jetzt doch veröffentlicht, auch weil Maik übers Pflichtfach gebloggt hat.)

Die Aufregung um ein neu eingeführtes Zentralabitur in einzelnen Bundesländern, die man gelegentlich bei Twitter mitkriegt, ist für mich aus Bayern nicht leicht nachvollziehbar. Wir habe das seit Jahrzehnten; die Gewohnheit erzeugt Akzeptanz. Dabei habe ich zum Beispiel am diesjährigen Informatik-Abitur schon auch etwas auszusetzen. Da gab es eine Aufgaben zu einer „Datenbankabfrage (z.B. in SQL)“ und eine zum Implementierung einer solchen in einer objektorientierten Sprache, letztlich Java. Im Lehrplan der 11./12. Jahrgangsstufe tauchen weder Datenbanken noch SQL auf. SQL ist Stoff der 9. Klasse, in der Oberstufe lässt sich das allenfalls mit gutem Willen aus „Zusammenspiel der verschiedenen Beschreibungstechniken beim Systementwurf: Datenmodellierung – Ablaufmodellierung – funktionale Modellierung – Objektmodellierung“ ableiten, das beim Programmierprojekt auftaucht. Meine Rückfrage am ISB blieb unbeantwortet. Nu, ich habe halt flexibel und angemessen korrigiert. Kein Problem.

Wenn ich bei Twitter davon lese, warum es kein Pflichtfach Informatik geben soll und kann, schwanke ich ähnlich zwischen Amüsement und Verwirrung. Wir haben das in Bayern seit über zehn Jahren. Das muss deswegen nicht jedes Land oder Bundesland haben. Aber wer will, der kann.

Der Hintergrund ist der: Andere Bundesländer haben so ein Pflichtfach nicht; manche Leute auf Twitter möchten es einführen, andere Leute auf Twitter möchten stattdessen mehr Medienbildung an Schulen, gerne auch nicht in einem eigenen Fach.
Selber habe ich in dieser Frage nichts zu gewinnen oder zu verlieren: In meinem Bundesland an meiner Schulart gibt es dieses Pflichtfach, und es wird es geben, solange ich Lehrer sein werde. Ich bin Beamter auf Lebenszeit und muss nichts publizieren und muss nicht um Kunden werben. Ich habe nichts zu verkaufen. Neutral bin ich natürlich trotzdem nicht: Ich unterrichte seit über zehn Jahren das Pflichtfach Informatik und muss mir allein schon deshalb einreden, dass das sinnvoll ist; die Alternative wäre ja, dass ich meine Zeit sinnlos verbracht hätte.

Was haben Leute gegen ein Pflichtfach Informatik? Viele wollen stattdessen etwas anderes: a) Erstens sehen sie die Gelegenheit, eine Menge alter Zöpfe abzuschneiden. Informatische Inhalte seien schon wichtig, aber dieses lehrerbestimmte Unterrichten in abgegrenzten Fächern sei nicht mehr zeitgemäß – warum nicht gleich die Gelegenheit nutzen, Lehrer als Lernbegleiter und mündige Schüler und so weiter. Ich bin selber nicht so revolutionär. Mir würden bereits gute digitale Schulbücher reichen; andere möchten lieber gleich das Konzept Schulbuch abschaffen. b) Zweitens halten sie die Inhalte der Medienbildung für so wichtig, dass sie in allen Fächern eine Rolle spielen müssen und nicht nur in einem Fach. So wie bei anderen fächerübergreifenden Aufgaben der Schule: Lesen und Schreiben und Verkehrserziehung. Nun, letztere findet nicht statt, und die ersten beiden… einmal bin ich da grundsätzlich skeptisch, wie groß die Rolle der weiterführenden Schule dabei tatsächlich ist. Und wieviel die einzelnen Fächer dazu beitragen, ist vielleicht auch unterschiedlich.

Aber gut, wer kein Fach Informatik will, weil er überhaupt Fächer abschaffen will: Das halte ich für falsch, aber konsequent. Ich lese aber auch immer wieder, dass man kein Fach Informatik einführen kann, weil das so schwierig ist mit der Stundentafel und wo sollen überhaupt die Lehrer herkommen. Dieses Argument halte ich für unseriös, eben weil das in Bayern ja auch geklappt hat.

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