The Good Old Days

Ich bin ja gerade in England und habe fünf volle Tage schönsten Wanderns in den Cotswolds hinter mir. Zuerst wollte ich regelmäßig davon bloggen, aber das machte Frau Rau viel besser als ich; und ich hatte mehr Vergnügen daran, abends dazusitzen, aus den Fenstern zu schauen, zu lesen – keinesfalls erschöpft, aber ein bisschen überwältigt. Einen bebilderten Blogeintrag dazu hole ich nach, wenn ich wieder in Deutschland bin.

(Danach beginnt gleich die Kolloquiumswoche; einen Großteil der Abiturkorrekturen habe ich mit ziemlichem Aufwand vorher korrigieren können, aber ein bisschen was steht noch aus.)

Beim abendlichen Fernsehen hier entdeckte ich eine Sendung, die mich um Fassung ringen ließ; ich dachte alle wichtigen Sendungen und Serien zumindest dem Namen nach zu kennen, aber das war und ist wohl nicht so.

„The Good Old Days“ ist eine britische Serie, die von 1953 bis 1983 im Fernsehen lief, ich sah – ohne jegliche Vorwarnung – eine Folge von 1973:

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Was war denn das? Ein aus der Zeit gefallenes Kabarett mit alten Nummern, leicht angestaubt wie bei der Muppet-Show. Ein marktschreierischer Master of Ceremonies mit schlechten Witzen, ganz Kermit. Kostüme wie beim Königlich Bayerischen Amtsgericht – und ja, das Publikum ist echtes Publikum; man kam edwardianisch kostümiert zu den Aufführungen. Und das Publikum amüsiert sich wie bei Heinz Schenk im Blauen Bock. Dazu zeitgenössische Künstler, etwa Sandie Shaw („Puppet on a String“), die alte Balladen singen, und Artisten. WTF?

Stellt sich heraus, dass „The Good Old Days“ eine Sendung war, die das englische Kabarett des frühen 20. Jahrhunderts nachahmte. Moderne Künstler natürlich, aber Akrobatik im Stil von damals, sentimentale Balladen und frivole Music-Hall-Lieder, wie ich sie sonst nur aus Geschichten von P.G. Wodehouse kenne.

Geht das in Deutschland, heute? Die Sänger müsste hinter den Liedern zurücktreten, sich verkleiden, nicht aus der Rolle fallen; das fällt sicher schwer. Außerdem gibt es in Deutschland keinen gleichartigen Fundus an wirklich alten Liedern, die das Publikum wie in England, früher zumindest, mitsingen könnte. Die Lieder der 30er und 40er Jahre sind durch den Nationalsozialismus verbrannt. Vielleicht eine einmalige 1970er-Jahre-Show stattdessen? Disco noch einmal nachspielen?

6 Antworten auf „The Good Old Days“

  1. Ist das nicht Variété auf Deutsch? Music Hall ist mir aus der eigenen Familie gut bekannt, mein Vater und mein Onkel spielten darin als Kinder, vor dem Ersten Weltkrieg (die Sendung natürlich auch).

  2. Ich kenne mich mit amerikanischem Vaudeville besser aus als mit Music Hall, und besser als mit Deutschland in den 1920er und 1930er Jahren. Variété und Kabarett kenne ich aktiv nur aus der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart, wo sich die Bedeutungen sicher geändert haben. Es kann also durchaus sein, dass Variété die bessere Bezeichnung ist.

  3. Großen Dank für den Hinweis. Ich habe mir gleich auch The Good Old Days vom 16:04:1972 mit einem großartigen Auftriff von Eartha Kitt angesehen. Was Ihre Frage, ob das in Deutschland ginge, angeht, bin ich so skeptisch wie Sie: Die Kabarett-Tradition der 20er (Friedrich Hollaender u.a. – empfehlenswert: Cabaret Berlin von earbooks: http://www.earbooks.net/titel/show-tanz-film/cabaret-berlin/) ist in der Tat durch die Nazis vernichtet worden.
    Robin Williams hat das mal auf den Punkt gebracht: https://youtu.be/GwwJw849HWc
    Williams erzählt hier von einer deutschen Talkshow, in der er gefragt wurde, warum es in Deutschland so wenig (gute) Comedy gebe.
    Seine Antwort: Haben Sie schonmal daran gedacht, dass es daran liegt, dass ihr alle lustigen Menschen umgebracht habt …

  4. Vielen Dank zurück, GBlog, für den Link zu Eartha Kitt. Ausgesprochen reizvoll.

    @Aginor: Von allen Ländern und Bundesländern, die ein zentrales Abitur (oder eine Matura) eingeführt haben, hört man ähnliche Klagen, dass es diesmal besonders schwer war. Das war jetzt auch in England so, wo einige Änderungen eingeführt worden waren. Die konkreten Matheaufgaben in Österreich kann ich nicht beurteilen, bis auf die erste angeführte, Aufgabe 6, die wirklich sehr leicht war.

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