Anlässlich einer Zugfahrt an einem Spieltag der Bundesliga

By | 19.5.2017

Einen mir bekannten Sportlehrer habe ich gefragt, wie denn der Sportunterricht, oder die Sportlehrer, oder zumindest er, zu singenden und Bier trinkenden Fußballsfans im Zug stehen. Die Kurzfassung: Gehört halt dazu. Und Bier trinken in Zügen sei („inzwischen“) ja ohnehin verboten, also sei das kein Problem mehr.

Ich habe das Gefühl, er hat es sich da zu einfach gemacht. Wenn er gesagt hätte, dass es eh keine Rolle spielt, was Lehrer machen, und dass sich die Gesellschaft nicht durch Schule ändern lässt – einverstanden, sehe ich genauso. Aber trotzdem sollten Sportlehrer klar machen, dass man sich so nicht verhält, auch nicht als Fußballfan. Sah der Kollege anders. Geselligkeit gehöre nun mal zum Sport, und dass Geselligkeit mit Bier verbunden ist, ist ein Phänomen unserer Gesellschaft und hat nichts mit Sport zu tun.

Das hat mich unbefriedigt gelassen. Also habe ich mir mal den Lehrplan Sport angeschaut, ob da etwas dazu drinsteht, wie man sich als Fan verhält. Tut es nicht. Aber sonst ist Sport für so ziemlich alles zuständig: Studierfähigkeit, Entwicklung eines Werteverständnisses, den verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Umwelt (Integration von sportlichen Aktivitäten in eine umweltorientierte Lebensgestal­tung). Wie man „die eigenen Interessen unter Beachtung konkurrierender Ansprüche [durchsetzt]“, wie man „fragwürdige Trends und Sportkonzepte [durchschaut]“. Zentral und auch tatsächlich wichtig scheinen mir Begriffe Fairness und Spielregeln zu sein.

Die Schüler erkennen, inwieweit die Strukturen der gewählten Sportarten faires und partnerschaftliches Handeln fördern, erschweren oder sogar unterbinden können. Gleichzeitig erfahren sie auch, wie Regeln und Interaktionsformen geändert werden können, um einen die Gemeinschaft fördernden und Freude bereitenden Sport zu gewährleisten. Dabei erkennen sie, inwieweit sportliche Handlungsmuster zwischenmenschliche Umgangsformen positiv oder negativ beeinflussen können. Durch Anerkennen und Einhalten von Regeln, partnerschaftlichen Umgang mit dem sportlichen Gegner, faires Verhalten bei Sieg und Niederlage entwickeln die Schüler wichtige Kompetenzen weiter, die es ihnen ermöglichen, bei außerschulischen Situationen in Familie, Freizeit und Beruf mutig und fair Position zu beziehen.

Gerade im Sportunterricht könnten Schüler lernen, dass Regeln auch dann gelten, wenn niemand hinschaut; dass ein Regelverstoß auch dann einer ist, wenn der Schiedsrichter ihn nicht gesehen hat. In der Praxis ist das aber wohl anders.

Eines stört mich an den Regeln: wenn ich das richtig verstanden habe, ist innerhalb der Regeln alles erlaubt, notfalls muss man die Regeln ändern und das Verhalten den neuen Regeln anpassen. Ich möchte aber eine Gesellschaft, in der es erlaubte Dinge gibt, die man trotzdem nicht tut. Die Inhalte finde ich trotzdem lobenswert. In der Praxis glaube ich nicht, dass da viel gelernt wird. Aber in anderen Fächern ist der Lehrplan ja auch nur aus Papier.*

*Stimmt schon seit zehn Jahren nicht mehr – nur noch digital, also noch flüchtiger.

7 thoughts on “Anlässlich einer Zugfahrt an einem Spieltag der Bundesliga

  1. Klaus

    Sportlehrer halt… Sind bei uns an der Schule auch spezielle Persönlichkeiten

  2. Herr Rau Post author

    Wobei die sich schon auch unterscheiden. Ich kenne mindestens drei Arten.

  3. Joël

    Schon seltsam wie manche Blogbeiträge tief vergrabene Erinnerungen hervorbringen. Ich musste beim Lesen an all meine Sportlehrer denken. Es gab nur einen den ich wirklich mochte. Es war der Einzige bei dem wir NICHT Fuß-, Hand- und Basketball spielen mussten, also all das Gruppenzeugs. (bei dem sich mir auch heute noch nicht erschließt wie man das toll finden kann)
    Es setzte mehr auf individuelle Sachen. Schwimmen, Leichtathletik, Geräteturnen. Da ich damals sehr gelenkig war und Ausdauer hatte, schnitt ich mit brillanten Noten ab.

  4. Hauptschulblues

    Mein Sportlehrer (1960-69) war noch stark vom Dritten Reich geprägt.
    Die Sportlehrer, die ich in späteren Jahren kennenlernte, hatten auch noch oft krasse Einstellungen zu Behinderungen oder Handicaps.

  5. peter

    Eins vorneweg: ich bin Sportlehrer.

    „innerhalb der Regeln [ist] alles erlaubt, notfalls muss man die Regeln ändern und das Verhalten den neuen Regeln anpassen. Ich möchte aber eine Gesellschaft, in der es erlaubte Dinge gibt, die man trotzdem nicht tut.“

    Richtig. Ich glaube, da sprichst du ein Grundproblem an, das vor allem damit zu tun hat, dass bei uns der Wettkampfgedanke im Sport eine so zentrale Rolle einnimmt. Und das ist auch der große Unterschied, der es schwierig macht, Sport und Gesellschaft zu vergleichen. In der Gesellschaft geht es Gott sei Dank nicht immer darum, besser als der andere zu sein. Im Sport ist in vielen Sportarten jedoch das primäre Ziel, den Gegner zu schlagen. Und danach richtet sich alles aus. Leider eben auch in Formen, die mit Sportlichkeit nichts mehr zu tun haben. Vor allem sehr gute Fußballer fallen hier immer wieder auf. Sicher haben da die Trainier einen enormen Einfluss.

    Andererseits gibt es auch Bestrebungen, das Fair Play viel stärker in den Fokus zu richten. Paradebeispiel ist hier Ultimate Frisbee mit dem zentralen Spielgedanken Fair Play („Spirit of the game“). Konsequenterweise wird hier auf einen Schiedsrichter verzichtet. Interessanterweise gibt es aber auch hier Wettkämpfe und Meisterschaften, die funktionieren!

  6. Herr Rau Post author

    An den anstrengenden Zugfahrten ist der Wettkampfgedanke allein nicht schuld, aber insgesamt wohl schon zentral. Er spielt auch bei manchen Sportlehrern eine größere Rolle als bei anderen. Bei Judo war es eigentlich ähnlich befriedigend, sauber durch die Luft zu fliegen, wie jemanden selbst auf den Boden zu werfen – aber gut, ich habe auch nie an Wettkämpfen teilgenommen.
    Schön, dass das bei Ultimate Frisbee läuft!

  7. Tanja

    Hm, möglicherweise sind diejenigen Fans, die schon besoffen zum Spiel erscheinen, nicht diejenigen Fans, denen der Sport an sich was bedeutet. Wahrscheinlich auch nicht die, die sich selbst sportlich (körperlich meine ich) besonders hervortun. ;-)

    Meine Jungs gehen auch zum Judo (noch bei den Jüngsten). Und wir schätzen sehr die ruhige, disziplinierte Art des Trainings, die freundschaftliche Atmosphäre und die konsequente, faire Durchsetzung der Regeln (z.B. „Wir halten den Partner (nicht Gegner!) im Kampf beim Wurf fest, damit er sich beim Fallen nicht weh tut!“ u. ä.). So kommt es, dass auch zurückhaltendere Kinder wie meine dort „zu Wort“ kommen und Erfolge haben. Wir wollten gar nicht erst ausprobieren, ob sie genug Ellbogen besitzen, um in der Fußballmannschaft bestehen zu können.

    Ich selbst hatte vor den meisten Dingen im Sportunterricht Angst (den Ball ins Gesicht zu kriegen, vom Schwebebalken zu purzeln, vom Beckenrand zu springen, über den Bock zu hüpfen,…). Es muss am Lehrer oder an der Unterrichtssituation gelegen haben, denn in meiner Freizeit habe ich damit in der Regel kein Problem gehabt (Stürze von Zwei-Meter-Pferden, das berüchtigte „Totenkopf“-Schwimmabzeichen, in 15 Meter Höhe über die Seilbrücke, am Ende der Zehnerkette durchs Eisstadion, alles weggesteckt und mit Freuden weitergemacht).

    Ich hoffe, dass meine Kinder alle lieben Sportlehrer abbekommen und keiner ihnen den Spaß am Sport verleiden wird. Auch keine betrunkenen Fans.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.