Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullektüren, Lesebücher.)

By | 23.5.2017

So lautete, verkürzt gesagt, das Erörterungsthema im bayerischen Abitur 2017, aufgehängt an einer Analyse der Argumente und Argumentationsweise einer Rede von Roman Herzog 1997. Bob Blume macht sich auch Gedanken über Literaturkanons, und darum, ob man Computerspiele im Unterricht so wie Texte behandeln sollte. Und weil ich heute mit meiner 9. Klasse die nächste Schullektüre ausgewählt habe, möchte ich auch meinen Senf zu Literatur im Deutschunterricht geben.

1. Ja, wir brauchen einen Literaturkanon.

(Gründe siehe irgendwo, da gibt es genug, die schenke ich mir.)

Aber wir kriegen nicht so leicht einen. Ich wüsste ja auch keine Instanz, die einen verbindlichen Kanon vorschreiben könnte. Und wem denn überhaupt? Sicher nicht den öffentlichen Bühnen; bleiben also die Schulen, und das Kultusministerium möchte ich sehen, dass eine längerfristig verbindliche Lektüreliste festlegt. Zumal das ja nur bundeslandübergreifend Sinn machen würde.

Einen Kanon in dem Sinn, dass eine Autorität formal ein Buch in eine Liste kanonisierter Bücher aufnimmt, wird es also nicht geben. Obwohl, so eine Art Walhalla oder wenigstens Ruhmeshalle wie hinter der Bavaria wär schon auch nett. Gipsabdrücke zentraler Werke, dann müsste man sie auch nicht lesen. — Was so ein Kanon im ursprünglichen Sinn ist, wissen manche Schüler übrigens sehr wohl: Im Star-Wars-Universum gibt es nicht nur die Filme, und Fernsehserien, sondern auch Bücher. Und manche dieser Bücher und Filme sind kanonisch, das heißt, ihre Handlung gehört offiziell, von Lucas, dann Disney abgesegnet, zum Star-Wars-Universum. Die alten Star-Wars-Comics von Marvel? Nicht kanonisch. Das Star Wars Holidy Special von 1978? Trotz Drehbuch von Lucas nicht kanonisch. Der Roman Die neuen Abenteuer des Luke Skywalker von Alan Dean Foster? Keine Ahnung. Als vor wenigen Jahren die jüngsten Filme ins Kino kamen, wurden plötzlich Jahrzehnte voller Romane aus dem Kanon gestrichen, sind jetzt Häresie, weil sie den neuen Filmen widersprechen. Bei Superhelden, Marvel und DC, und Sherlock Holmes, Star Trek und überhaupt jeder Serie gibt es kanonische und unkanonische Werke, und Aficionados diskutieren das Thema gerne.

Um so einen Kanon geht es also nicht. Trotzdem gibt es so etwas ähnliches. Im Studium hieß es: Kanonisch ist ein Buch dann, wenn man den Inhalt kennt, obwohl man es nie gelesen hat – weil es so oft zitiert wird, weil man so viel davon gehört hat, dass sich das ergibt. Wie groß ist der Buchkanon in Deutschland? Sehr, sehr klein. Wenn ich mit Schülern und Schülerinnen auf gemeinsame Werke zugreifen will, muss ich zu Filmen ausweichen, und selbst da gibt es wenige – Star Wars, Harry Potter. Bei Büchern: Harry Potter, noch. Nach der Schulzeit: Faust, Woyzeck. E.T.A. Hoffmann. Fontane.

Wie entsteht so ein literarischer Kanon? Indem überhaupt erst einmal gelesen wird, und indem über Bücher geredet wird – in Zeitungen, in Blogs, im Fernsehen, im Kino, in der Schule. Bei der Wahl einer Schullektüre ist es ein Faktor unter mehreren, ob ein Buch kanonisiert gehört, meiner Meinung nach. (Wessen sonst?) Bei zwei gleich geeigneten Werken nehme ich das, das Schüler in eine größere Gemeinschaft oder mit der Vergangenheit einbindet.

Das bringt mich zu Schullektüren.

2. Schule treibt Leuten nicht das Lesen aus

Ich lese das immer wieder mal, dass junge Leute so gern gelesen haben, bis die Schule ihnen das mit der Lektürebehandlung dort ausgetrieben hat. Ich glaube nicht, dass das oft vorkommt. In der Pubertät hört man aus verschiedenen Gründen mit dem Lesen auf. Dass man in der Schule Dürrenmatt lesen musste, dürfte nur in seltenen Fällen ein Problem sein. Wenn man dort Lieblingsbücher der Schüler zerredete, vielleicht; aber das kommt nicht vor.
Gleichfalls glaube ich nicht, dass Lektüre, wie man sie in der Schule einsetzt, Spaß machen muss. Es ist schön, wenn das so ist, aber Lesen kann eben auch Arbeit sein, das weiß jeder Geisteswissenschaftler und jeder, der sonst mit Texten arbeitet. Leseförderung in der Schule ist wichtig, aber ich bezweifle, dass Schullektüren, wie sie traditionell eingesetzt werden, dazu beitragen.

3. Ich möchte ein Lesebuch

Das mehr so als ceterum censeo: Was ist eigentlich mit den Lesebüchern passiert? Da gibt es sicher Forschung dazu, aber ich habe nicht die Zeit, ihr nachzugehen. Hier würde ich anfangen: Wikipedia, Notizen mit Quellen (pdf), ein Skript zur Geschichte der Deutschdidaktik (ganz unten auf der Seite). Bis Ende des 20. Jahrunderts hatten Schüler in Bayern ein Sprachbuch, das von meinen liebsten Deutschlehrern nie, und ein Lesebuch, das selten verwendet wurde. (Blogeintrag zu meinem Lesebuch der 11. Klasse.)

Danach verschwand das Lesebuch; Schülerinnen heute kriegen ein kombiniertes Sprach-/Lesebuch, das von Lehrern unterschiedlicher Generationen vermutlich unterschiedlich eingesetzt wird. Ich verwende es nach der Unterstufe nur noch als Materialquelle, vor allem für die Gedichte dort. Selbst die Prosatexte verwende ich nur gelegentlich. Die Erklärungen zum Aufbau eienr Erörterung oder die Arbeitsaufgaben zu den Texten verwende ich sehr selten. Trotz des Buches kriegen meine Schülerinnen und Schüler viel Papier: Die Textauswahl in den Sprachbücher ist viel zu gering. Exploratives Verhalten und offene Aufträge, die nicht an einen bestimmten Text gebunden sind, sind mit solchen Büchern auch schwer möglich, sondern nur mit einem Lesebuch.

Warum ist es verschwunden? Ich weiß es nicht. Damit die Schüler weniger tragen müssen? Weil Lesebücher nach Kanon riechen und der verpönt ist? Weil Schulen keines mehr gekauft haben und die Verlage deshalb keine produzierten? Weil die Verlage keine mehr produzierten, weil Lesebücher vielleicht lehrwerksunabhänging waren und deshalb nicht bei jedem neuen Lehrplan ein neues gekauft werden musste? Weil Lehrer nicht mit Texten allein arbeiten wollen, sondern Begleitmaterial dazu brauchen?

16 thoughts on “Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullektüren, Lesebücher.)

  1. Fontanefan

    Ich stimme so zu, dass ich mir notiert habe, dass ich in einem eigenen Blogeintrag noch besonders darauf eingehen will.
    Lesebücher halte ich für so wichtig, weil die großartige „Rede des toten Christus“ und die „allmähliche Verfertigung des Gedankens“, die m.E. genauso zum Kanon gehören wie „Der Mond ist aufgegangen“ „Erlkönig“ und „Es war, als …“ der Zufälligkeit des Interesses von einzelnen Deutschlehrern ausgeliefert wären.
    Natürlich entsteht ein Kanon nur durch Gebrauch und davon reden, nicht durch Vorschriften.
    Zum Glück gibt es noch Schulnamen, so dass wenigstens an diesen Schulen das eine oder andere Werk (in Ausschnitten) des Schulnamensdichters bekannt wird. – Mir unvergesslich, wie bei einer Lesung des lyrischen und dramatischen Werks eines nicht unbekannten Dichters (irgendetwas zwischen 48 und 90 Stunden) eine Sechstklässlerin als einzige das Metrum des „Reineke Fuchs“ deutlich zu Gehör brachte (Erwachsene scheiterten daran). Natürlich gehört „Reineke Fuchs“ nicht zum Kanon; aber dass dieser Dichter nicht nur im zweiten Teil seines dem Namen nach bekanntesten Werkes mit dem jambischen Trimeter antike Versmaße verwendete, das sollte … Ich breche ab, um zum Tagesgeschäft zu kommen. – Der Blogeintrag folgt.

  2. Philippe Wampfler

    Mir gefällt die Kanondefinition, wonach es um Werke geht, die gemeinsam sind. Die kanonischen Texte in Bezug auf die Konstruktion fiktionaler Welten ist ja ein davon schon wieder gesondertes Thema.
    Die Frage ist: Was sind gute Methoden, eine solche gemeinsame Basis im Unterricht zu schaffen? So zumindest lese ich das Plädoyer für einen Kanon.
    (Differenzierte Argumente dafür und dagegen finden sich etwa bei Korte: fd.phwa.ch/wordpress/wp-content/uploads/2014/10/Korte-Verfahren-der-Textauswahl.pdf )
    Dass ein Lesebuch hier helfen könnte, bezweifle ich. Wenn »Fontanefan« von der »Zufälligkeit des Interesses« von Lehrkräften spricht, hat diese Zufälligkeit ja auch Vorteile: Sie erlaubt, die Werke zu bearbeiten, bei denen fundiertes Wissen und echte Begeisterung vorhanden ist. Lesebücher schränken die Auswahlmöglichkeiten radikal ein – ich vermute, die Verfügbarkeit von Kopiergeräten hat sie obsolet gemacht. Sie würden den Kanon weg von deiner ersten Definition zu einem inhaltlichen Rahmen ändern, in dem sich Deutschunterricht abspielen muss. Das fände ich sehr bedauerlich, mehr noch: falsch.
    (Meine aktuellen Kanon-Überlegungen: http://fd.phwa.ch/?page_id=816 )

  3. Tim Struck

    Sehr spannender Beitrag. Der kleine Nerd in mir muss dir aber in einem Punkt widersprechen: Mit Übernahme des Star Wars Universums sind die Inhalte des Expanded Universe nicht zur Häresie geworden, sondern zu Mythen bzw. Legenden (http://starwars.wikia.com/wiki/Star_Wars_Legends). Ja, sie sind nicht mehr Teil des Kanons, haben aber das Potenzial, wieder zum Kanon zu werden. Am Beispiel von Admiral Thrawn kann man sehen, wie eine Rekanonisierung erfolgen kann (https://en.wikipedia.org/wiki/Grand_Admiral_Thrawn)

    Ich glaube auch, dass ein Kanon wünschenswert wäre, aber fürchte, dass die Umsetzung nicht ganz trivial wäre. Aber der Versuch allein wäre schon spannend.

    Ansonsten bin ich sowas von für ein Lesebuch. Wir hatten eines im Deutschunterricht, und da waren wirklich ein paar Texte drin, die mich schwer beeindruckt haben.

  4. kecks

    das mit dem verschwinden des lesebuchs ist wohl der karriere des integrativen deutschunterrichts als didaktischem mainstream, der wiederum dem kompeten-dingens entwachsen ist, zu verdanken. wenn lesen und sprechen und zuhören und schreiben und sprachbetrachtungen und alles immer gleichzeitig oder wenigstens nicht getrennt an einzelgegenständen gelernt werden soll, ist es nur konsequent, dafür auch nur ein buch zu haben. der titel „deutschbuch“ des meistverkauften bandes in bayern passt da ganz gut, glaube ich, und kommt wohl auch nicht von ungefähr.

  5. Herr Rau Post author

    @Tim: Danke für die Ergänzung. Ich bin ja wirklich nicht so auf dem Laufenden im Star-Wars-Universum, mehr so solide Grundkenntnisse, in prägenden Jahren erworben.

    @kecks: Integrativer Deutschunterricht ist gut, aber der hört in der Praxis nach der 8. Klasse auf (indirekte Rede, und Passiv beim Protokoll).

    @Philippe:
    >Lesebücher schränken die Auswahlmöglichkeiten radikal ein
    Ich glaube das nicht – Kopiergeräte gibt es ja weiterhin. Und „fundiertes Wissen und echte Begeisterung“ sind rar geworden unter Deutschlehrern und Lerngebeleitern; man nimmt, was im Buch ist, oder was man immer genommen hat, und nie, nie, nie ein Werk, das länger ist als zwei Seiten. Wegen Kopiergerät. Wer blättert im großen Conrady? Liest selber mal Rilke? Entdeckt ein obskures Werk der Aufklärung, das sonst nie verwendet wird? Die gibt es, und die können gerne eine Koper davon machen. Außerdem: Solange der Lehrer die Kopien austeilt, können Schüler nicht auswählen und erforschen; Querlesen kann man gar nicht üben. Ich will niemandem sein Kopiergerät verbieten, aber 300 Gedichte, kanonisiert in einem Buch zur Verfügung der Schüler unter Anregung des Lehrers, gerne unter konkurrierenden anderen Kanons, damit würde ich sehr gerne und sehr gut arbeiten.

  6. Hauptschulblues

    Ich meine, wir brauchen unbedingt einen Kanon. Andere Staaten haben ihn auch, haben allerdings nicht die kleinstaatlerischen Kultusbürokratien. Diese sind ein großes Hindernis, da sich alle 16 jeweils besonders profilieren wollen.
    Lesebücher – ich habe sie als Schüler und Lehrer geliebt und als letzterer regelmäßg eingesetzt. War eine größere Pause ohne Lesen, nörgelten die Kids herum, bis wieder gelesen wurde. Meist wurde nicht interpretiert oder diskutiert; der Spaß am Lesen stand im Vordergrund.
    Ich habe eine große Lesebuchsammlung aller Schularten zu Hause, angefangen mit meinem ersten Lesebuch in der Grundschule „Mein erstes Buch“ (es war mein zweites) über die Lesebücher der 70er und 80er und 90er Jahre, bis es halt die typischen Lesebücher nicht mehr gab (schade).
    Zum Kanon gibt es auch ein Lesebuch, das bei mir schon ganz abgegriffen im Regal steht: (abgeschrieben aus Wikipedia) „Die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher war eine pädagogisch ambitionierte Artikelserie der Feuilleton-Redaktion der Wochenzeitung Die Zeit. 1980 erschien eine Buchausgabe dieser Essays im Suhrkamp Verlag, herausgegeben von Fritz J. Raddatz, deren Verkaufserfolg das große Interesse an dieser Art Kanonbildung bestätigte; die Essaysammlung liegt 2009 in der unveränderten 13. Auflage vor.
    Der Erfolg der Unternehmung führte dazu, dass das Projekt fünf Jahre später um eine Sammlung ZEIT-Bibliothek der 100 Sachbücher ergänzt wurde, die Buchausgabe 1984 besorgte wiederum Raddatz als Herausgeber. Schließlich folgte in den Jahren 2002 und 2003 eine Artikelserie, die einen 50 Werke umfassenden Lesekanon für Schüler vorschlagen wollte, die ZEIT-Schülerbibliothek.“
    Die Jury dieses Projekts waren immerhin Ralf Dahrendorf, Manfred Eigen, Theodor Eschenburg, Wolf Lepenies, Golo Mann, Alexander Mitscherlich, Fritz J. Raddatz, Thomas von Randow und Uta Ranke-Heinemann.
    Das waren gute Vordenker und die Liste der 100 wäre ja immerhin schon einmal eine gute Diskussionsgrundlage, oder etwa nicht?

  7. Herr Rau Post author

    Danke für die Anregung, Hauptschulblues – die ZEIT-Bibliothek habe ich mitgekriegt, aber nie in der Schule eingesetzt, das werde ich mal machen.

  8. FD

    „Und „fundiertes Wissen und echte Begeisterung“ sind rar geworden unter Deutschlehrern und Lerngebeleitern; man nimmt, was im Buch ist, oder was man immer genommen hat, und nie, nie, nie ein Werk, das länger ist als zwei Seiten. Wegen Kopiergerät. Wer blättert im großen Conrady? Liest selber mal Rilke? Entdeckt ein obskures Werk der Aufklärung, das sonst nie verwendet wird?“

    Das ist aber eine auffallend schlechte Meinung von der nachwachsenden Deutschlehrer-Generation oder habe ich das falsch verstanden? Können Sie das vielleicht ein wenig spezifizieren oder mit Beispielen konkretisieren?
    Vielleicht ein ganz subjektiver Eindruck aus dem Germanistik-Studium dazu: Lehramtler fallen tatsächlich selten durch tiefgehenden Einstieg in die Materie auf (aktueller Forschungsstand, weitergehende Einordnung von Texten usw), das würde sich dann natürlich auch zwangsläufig im Deutschunterricht widerspiegeln.

    PS: Kanon finde ich immer gut. Denn wer viel von dem kennt, was alle kennen, der hat Vorteile. Allerdings würde ich diesen sehr schlank halten, zB ein Text pro Jahrgangsstufe.

  9. Lempel

    An meiner Uni gab es einen Kanon. Eine Anthologie zur Lyrik , interessanterweise von der FSI Germanistik herausgegeben. Die Anthologie habe ich noch, blättere ab und an darin und verwende die Sammlung auch für meinen Unterricht. Daneben gab es noch einen „Lektürevorschlag“ eines NDL-Lehrstuhls. An den habe ich mich im Studium brav gehalten und verdanke dieser beispielsweise die Lektüre von „Die Pietisterey im Fischbeinrocke“ der Gottschedin. Leider habe ich die Liste nicht mehr.

  10. Herr Rau Post author

    >Das ist aber eine auffallend schlechte Meinung von der nachwachsenden Deutschlehrer-Generation oder habe ich das falsch verstanden? Können Sie das vielleicht ein wenig spezifizieren oder mit Beispielen konkretisieren?

    Ungern, so öffentlich… Vielleicht ist das ja normal; auch die Generation vor meiner war anders, und die nach meiner ist es auch. Und, um das ganze positiver darzustellen: Deutschlehrer und -lehrerinnen haben ja meist zwei Fächer, und bei der mir zugänglichen nicht repräsentativen Stichprobe sehen die meisten ihren Schwerpunkt nun mal im anderen Fach, aus verschiedenen, nachvollziehbaren Gründen. (Ich muss mich ja inzwischen selber fast dazu rechnen.) — Ich mache das auch fest an der Zahl an Lektüre-Begleitmaterial, das ich so sehe. Es ist völlig legitim und empfehlenswert, sich am Anfang auf fertiges Material bei Lektüren zu verlassen, damit man weiß, was man eigentlich mit Faust oder Effi Briest anfangen soll. Aber irgendwann sollte das nicht mehr sein müssen, weil… na gut, überzeugende Gründe fallen mir nicht ein, also vielleicht doch bloß Dünkel? Für fachliche Gespräche ist vielleicht einfahc auch weniger Zeit da als früher.

    An meiner Uni gab es keinen Kanon, Lempel, aber Listen empfohlener Werke; die für Deutsch hat mich damals weniger interessiert und war auch weniger explizit, aber die für englischsprachige Literatur habe ich viertelherzig durchgearbeitet – und bei einem Geheft von vier Seiten war das schon eine Menge.

    Hier die Lektürevorschläge meines Deutschlehrers aus der 11. Klasse:

  11. Regine Franck

    Lieber Herr Rau
    hier schreibt eine, die sich bei jeder Pflichtlektüre (damals las man ja noch reihum laut in der Klasse Abschnitte vor) die Gesamtausgabe besorgt/geliehen hat und dann irgendwo anders „im Buch“ steckte … auch im Echtermeyer und im Tausendmund…
    Verwirrt und ganz verirrt: Do great minds think alike (https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/lesen-statt-twittern-literatur-ist-mehr-als-die-zufaellige-bekundung-von-befindlichkeiten-ld.1295976) oder habe ich da etwas missverstanden?
    Aus der prächtigen Schweizer Sommernacht grüsst
    r.

  12. Herr Rau Post author

    Danke für die Grüße; Sommernacht klingt zauberhaft. — Ich glaube, das ist Zufall; vielleicht war ja auch das letzte Abitur hier Auslöser für erneute Kanondiskussion, die ja ohnehin immer wieder auftaucht.

    Jede Ukulele-Gruppe hat ihr eigenes Songbook, auch mit kanonischen Liedern drin, die jeder kennt; das erleichtert den Einstieg in eine solche Gruppe sehr. So stelle ich mir auch eine Lyrik- oder Kurzprosa-Anthologie für meine Schule vor, mit Klassikern und individuellen Favoriten der Lehrer und Lehrerinnen. Will ich auch schon lange machen.

  13. Erik Dietrich

    Ja ja, der Kanon – ein leidiges aber spannendes Thema…
    Ich bin nun seit fast 10 Jahren im Schuldienst verschiedener Bundesländer, nämlich Rheinland-Pfalz (ohne Zentralabitur) und NRW (seit 2005 mit Zentralabitur), außerdem seit nun zwei Jahren teilabgeordneter Studienrat im Hochschuldienst. Da kommt man fast zwangsläufig dazu, eine im Studium erworbene Kanon-Antipathie zu überdenken und zumindest zu relativieren.
    Zunächst einige Überlegungen zur Notwendigkeit und zum Vorhandensein eines schulischen Kanons:
    – die Einführung des Zentralabiturs in Folge der PISA-Bewältigung nach 2005 in beinahe allen Bundesländern (mit RLP als „gallischem Dorf“) und damit verbunden die Vorgaben der KMK zum Deutschunterricht der Oberstufe haben zu einer extremen Verknappung dessen, was in der Schule gelesen wird geführt. Mit einem Halbsatz der KMK werden ca. 1000 Jahre deutschsprachiger Literaturproduktion weggewischt und kommen in Schule faktisch nicht mehr vor: „Die Schülerinnen und Schüler erschließen sich literarische Texte von der Aufklärung bis zur Gegenwart…“ -. dies gilt zumindest für NRW. Durch teils sehr umfängliche Lektürevorgaben für die Oberstufe (in einem besonders krassen Durchgang „Don Carlos“, „Prinz Friedrich“, „Dantons Tod“, „Tauben im Gras“, „Traumnovelle“, Lyrik (Barock, Romantik,Expressionismus) plus „Auszüge aus Erzähltexten der Neuen Sachlichkeit“) wurde die Freiheit der Lektürewahl völlig ausgeschlossen. Operatoren entsprachen fast wortgleich den Lehrwerken eines großen Schulbuchverlags. Die Profiteure des Zentralabiturs sind nicht die SuS durch größere Vergleichbarkeit sondern die Schulbuchverlage. Ein literarischer Kanon für die Schule ist meines Erachtens nicht notwendig. Er beraubt mich als Lehrer weitgehend der Möglichkeit, Lektüren nach der Interessenlage der SuS auszuwählen, spontan ein ganz aktuelles Werk zu behandeln oder eigene Schwerpunkte zu setzen.
    In der Lehramtsausbildung hingegen bin ich inzwischen ein Verfechter von Leselisten und eines breit aufgestellten Lehrangebots, das die „Klassiker“ angemessen berücksichtigt (es kann nicht sein, dass in den letzten zehn Semestern der Uni, an die ich abgeordnet bin, nicht ein Seminar zu Brecht, Heine, Hölderlin, Eichendorff, Grass angeboten wurde – bei sechs literaturwissenschaftlichen Professuren und diversen Mitarbeitern). Die angehenden LuL haben ein Recht auf breit gefächerte Lehre, sie müssen einen Kanon kennenlernen können, um auf dieser Basis begründet auswählen zu können und nicht auf Gedeih und Verderb der Vorauswahl von Cornelsen und Schöningh ausgeliefert zu sein.

  14. Herr Rau Post author

    Ja und nein. Die Frage, welche Form ein – von mir ja gewünschter – Kanon haben kann und soll, ist ja ungeklärt. Sicher kann das nicht so sein, dass ein Kultusministerium, oder gar ein Schulbuchverlag, alle drei Jahre wechselnd eine sehr kleine Zahl von Werken zur Pflichtlektüre erhebt. Und weil das in Bayern nicht so ist, habe ich auch keine Probleme mit dem Zentralabitur, begrüße es sogar – das gibt es es seit lang vor meiner Geburt, und vorgeschrieben ist als einzige Lektüre Faust. Davon fühlt sich kein Deutschlehrer hier gegängelt. (Von anderen Dingen schon.)

    Aktuelle Werke soll man schon auch lesen, und die können ja noch nicht kanonisiert sein. Aber „spontan ein aktuelles Werk“ heißt dann, dass man sich bewusst gegen ein alternatives nicht aktuelles Werk entscheidet.

  15. Erik Dietrich

    Ich habe in RLP gern in den letzten Wochen der 13 – nach den Abiturklausuren gibt es da noch einmal vier bis 6 Wochen Unterricht bis zur Notenverkündigung – ein „aktuelles Werk behandelt. Das waren Romane oder Erzählungen wie „Der Hals der Giraffe“, „Die Vermessung der Welt“, „Der Kameramörder“ oder das Drama „Rebuplik Vineta“. Inztwischen gibt es zu allem „eifachdeutsch“ oder Vergleichbares, damals kamen die Werke sozusagen frisch vom Verlag. Das lief immer „off the record“, maximal für die mündlichen Prüfungen (Viertfach oder evtl. Nachprüfung LK) und gehörte für die SuS (wie ich vielfach gehört habe) zu den schönsten literarischen Erfahrungen ihrer Schulzeit. Das ist mir in NRW leider genommen. Ich bin sicher, man könnte sich unter Germanisten relativ problemlos auf einen Schulkanon einigen – ob schulintern oder landes,- gar bundesweit. Die bayerische Variante, nur den „Faust (1?)“ finde ich begrüßenswert. Die NRW-Variante hingegen führt zu oft absurden Aufgabenstellungen im Abitur (sehr schön über die letzten Jahre in Herrn Tholens Blog nachzulesen), die neben erschreckender Einfallslosigkeit auch oft von fachlich bedenklicher Qualifikation geprägt sind. Auch das an Schöninghs „einfachdeutsch“ Entlangunterrichten, um bloß nichts evtl. Relevantes zu übersehen ist eine Folge. An der Uni bedeutet das dann, dass alle „Tauben im Gras“ „Don Carlos“ und „Effi Briest“ kennen (und ca. die Hälfte idente Tafelbilder auswendig gelernt hat), aber niemand den „Faust“, „Den Prozess“ und den „Sandmann“.
    Es gab immer einen heimlichen Kanon – warum schafft es die KMK nicht, einen Kanon der Möglichkeiten zu formulieren, der den Lehrern nicht sagt: „Du musst mit jedem Kurs ‚Galilei‘ lesen“ sondern: „Ein Drama von Brecht“, der es ermöglicht, Schülerinteressen und -fähigkeiten in die Auswahl einzubeziehen und nicht auf niedrigstem Niveau gleichmacht, der Mittelalter, Frühe Neuzeit und Barock ermöglicht? Das kann ich in NRW derzeit alles nicht.

  16. Pingback: ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher – Lehrerzimmer

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