ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher

By | 2.8.2017

Neulich ging es um Literaturkanons, und da wurde ich auf diese Sammlung hingewiesen: 1978 bis 1980 erschienen die Kolumnen in der Zeit, es wurde jeweils ein Werk der Weltliteratur in einem kurzen beschreibenden Essay vorgestellt.

Titelbild Suhrkamp-Taschenbuch

Die Sammlung ist selbst ein Zeitdokument. Man merkt, dass sie noch aus einer prä-postmodernen Zeit stammt: „Krimi wird nun nicht geboten, es sein denn, man hielte Dostojewskis ‚Dämonen‘ für einen“, schreibt Herausgeber Fritz J. Raddatz gönnerhaft in seinem Vorwort. Die Grenze zwischen U- und E-Literatur wird noch ganz hart gezogen. Der Beitrag zu Dantes Göttlicher Komödie beginnt: „Die Deutschen haben ein gestörtes Verhältnis zu Dante.“ Man möchte den Autor schütteln, oder in den Arm nehmen, denn nein, den Deutschen ist Dante so etwas von egal, die haben gar kein Verhältnis zu ihm. Dass unter den 100 Werken gerade mal ein einziges ist, das von einer Frau geschrieben wurde, ist den Herausgebern selber aufgefallen; im Vorwort wird diese Beobachtung – wiederum gönnerhaft – gelobt als „Argument, das die sympatische kritische Wachheit unserer weiblichen leser dokumentiert.“ Aber das ist kein Problem, denn ausgewählt wurde „ausschließlich nach literarischen Kriterien.“ Diese Kriterien zu hinterfragen, so weit war man damals noch nicht. In der Jury saßen nur Männer, und – adding insult to injury – der Beitrag zum Buch der einzigen Autorin, Anna Seghers‘ Das siebte Kreuz, ist der einzige Beitrag, der nicht von namhaften Intellektuellen verfasst wurde, sondern von einer 17-jährigen Schülerin.

Von den hundert Werken habe ich etwa ein Viertel gelesen. Weltliteratur ist drin, mit Schwerpunkt Deutschland, und daneben Europa, das ist legitim. Ganz wenig Amerika, gar kein Asien oder Afrika. Swift, Fielding und Sterne, aber weder Jane Austen noch eine Brontë-Schwester noch Mary Shelley. Das Nibelungenlied ist drin, in Ordnung – ist das eigentlich Weltliteratur, oder hätte man das in Deutschland nur gerne? Trotzkis Autobiographie ist drin, ein wenig sonderbar. Goethes Werther wird als avantgardistisch gelobt, weil man so unmittelbar dran ist an dem armen Mann. Dafür

opfert man dann gern den schon damals allwissend und schwatzhaft sich selber feiernden, sogenannten „ironischen“ Erzähler, der uns mit seinen entsetzlich langen Romanen, in denen er auf Zehenspitzen hin- und herhuschend alles hübsch und artig dekoriert, bis zum heutigen Tage zu Tode langweilt. (Reinhard Lettau)

Also, ich mag den lieber als den Werther. — Die Auswahl hat mich bisher dazu gebracht, Faulkner zu lesen (nicht mein Fall), mich wieder mal an die Langwerke Kafkas zu machen (interessieren mich viel weniger als die Kurzprosa), Kleist wiederzulesen (immer ein Vergnügen) und Hebel (dito). Spuren von Ernst Bloch klang interessant und ist in der Post.

2 thoughts on “ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher

  1. Hauptschulblues

    Es ist natürlich so eine Sache mit einem Literaturkanon.
    Der aus der ZEIT ist ein Kind seiner Zeit, männerdominiert und und mit deutschem Blick verfasst.
    Trotzdem war ich damals sehr froh, dass es ihn gab und dass er Stoff zur Auseinandersetzung bot.

  2. Herr Rau Post author

    Oh, falls das nicht kalr geworden ist: Auch heute bin ich froh um ihn, für die Auseinandersetzung und die Anregung.

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