Einstieg in die Erörterung: Mit Liegestützen zum Bürgerentscheid

By | 3.12.2017

Ich habe ja oft genug geschrieben, dass ich mit der Erörterung hadere. Aber gut, auf ein Neues!

Vor vier Wochen gab es einen Bürgerentscheid in München, abgestimmt wurde über folgende Frage:

Sind Sie dafür, dass der Block 2 (Steinkohlekraftwerk) des Heizkraftwerks Nord bis spätestens 31.12.2022 stillgelegt wird?

Zusammen mit den Unterlagen zum Bürgerentscheid kam ein kleines vierseitiges Heftchen, in dem die Vertreter des Bürgerentscheids auf der einen sowie der Stadtrat auf der anderen Seite Stellung zu dem Entscheid nahmen – Pro und Kontra, These und Antithese. Diese Texte lasen die Schülerinnen und Schüler und mussten sich danach ohne größere Diskussion für eine Seite entscheiden. Also mit Ja stimmen, mit Nein, oder gar nicht erst zum Entscheid gehen – denn diese Möglichkeit sollte es auch geben. Dass bei Klassensprecherwahlen die Wahlbeteiligung immer 100% ist, irritiert mich ja jedesmal, also konnte, wer nicht wollte, einfach nicht abstimmen. Im Gegenteil, um die Mühsal des Wahlvorgangs wenigstens ein bisschen zu simulieren, musste jeder, der abstimmen wollte, zehn Liegestütze oder zwanzig Kniebeugen machen.

Trotzdem lag die Wahlbeteiligung bei 95% (München: um die 18%, glaube ich), das Quorum wurde damit erreicht (München: 10%, kleinere Städte: 20%), mit 55% stimmte eine knappe Mehrheit für Ja (München: 60%).

Danach begann die eigentliche Diskussion, zusammen mit einer Betrachtung der beiden Stellungnahmen: Welche Seite war überzeugender? Die Ja-Seite hat mehr, aber kürzere Punkte; die Nein-Seite wenige, ausgeführtere Argumente. Quellen gab es da keine, bei der Ja-Seite schon – andererseits waren die Belege dort nicht sehr relevant oder nicht von unparteiischen Organisationen. Die Ja-Seite war je nach Sichtweise entweder umfassend oder zu wenig konkret.

Daran schloss sich die Lektüre eines an sich nur mäßigen Kommentars der Süddeutschen Zeitung (Münchenteil) an, dessen Tenor war, dass Bürgerentscheide mit ihren Ja-Nein-Entscheidungen nicht das richtige Instrument für komplexe Probleme wie dieses seien. Und schon waren wir bei dem, was früher die dialektische Erörterung war, die vor sechseinhalb Jahren und anderthalb Lehrplänen zum letzten Mal in der Wildbahn beobachtet wurde. (Abitur 2011: „Erörtern Sie ausgehend von einer sorgfältigen Klärung des Zitats Hegels, inwiefern das von ihm diagnostizierte Problem auch auf den heutigen Kulturbetrieb zutrifft, und zeigen Sie Lösungsmöglichkeiten auf!“)

Inzwischen gibt es nur noch die antithetische Erörterung, oder das antithetische Erörtern, oder das Erörtern von Sachverhalten – aber die Wörter „dialektisch“ oder „Synthese“ stehen nicht mehr im Lehrplan. Dennoch schnappen die Schülerinnen und Schüler sie beim einen oder anderen Lehrer auf und wollen sie erklärt haben. Also bitte: Synthese heißt hier, dass man sich nicht abhängig machen soll von den Optionen, die einem der Aufgabensteller gibt, sondern die Möglichkeit haben soll, einen dritten, besseren Vorschlag darzubieten. Im Schulbuch steht das unter „Fazit“, was zu leicht auf eine oberflächliche Zusammenfassung des zuvor Geschriebenen oder einen exakt in der Mitte platzierten Kompromiss hinausführt.

(Download der Broschüre, notdürftig eingescannt.)

Für den Übungsaufsatz gibt es natürlich ein anderes Thema, mehr aus der Lebenswelt der Schüler. Ich glaube aber, dieser Ausflug in die Lebenswelt Münchner Bürger hat ihnen auch etwas gebracht.

3 thoughts on “Einstieg in die Erörterung: Mit Liegestützen zum Bürgerentscheid

  1. Hauptschulblues

    Schüler sollen sich auch immer wieder mit allgemeinen gesellschaftlichen Problemen auseinander setzen.
    Lustig findet Hauptschulblues die Idee Liegestütze und Kniebeugen in die Erarbeitung einzubauen.

  2. Hr.Paulsen

    Schon wieder so ein schöner Titel …
    Ich persönlich finde ja den Begriff der dialektischen Erörterung schöner und passender.
    Schlimm dagegen das Sanduhr-Prinzip. Das versuche ich immer zu verweigern, stimmt denn mein Gefühl des stärksten und schwächsten Arguments als Leser zwangsläufig mit dem des Autors überein?

  3. Herr Rau Post author

    Die dialektische Erörterung… schön war’s schon, aber ich habe auch viele gestellte Themen gesehen, die für eine echte Synthese nicht geeignet waren. Aber die Abiturthemen dazu mochte ich. – Das mit der Sanduhr hat mir auch nie eingeleuchtet, und ich erkläre das meinen SuS auch so. Echte Dialektik heißt doch eh nicht, dass ich eine Seite besser behandele als die andere, sonst bräuchte ich keine Synthese mehr. Lieber ist mir inhaltlicher Zusammenhang als Gliederungsprinzip.

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