Wochenende

Heimkehr von einer fröhlichen Feier.

Spät und schön gefeiert. Dementsprechend müde gewesen am nächsten Tag. Trotzdem brav gelaufen, Zombies gejagt, Podcast veröffentlicht.

Für das Mediencurriculum Lehrpläne gelesen, auch der anderen Fächer. Ja, aus Misstrauen und Erfahrung. In Sport 10 steht jetzt drin: „gegenseitiges Feedback zur Schiedsrichtertätigkeit auch unter Zuhilfenahme digitaler Analysemethoden“. (Daneben: Autogenes Training und Gesellschaftstanz.) Bin sehr gespannt, wie sich das in der Realität niederschlagen wird, zumal das Aufzeichnen von Schülern und Schülerinnen datenschutzrechtlich schwierig ist.

Durch die Presse ging vor ein paar Tagen, dass in Sachsen Lehrmaterial an Schulen verwendet wird, das von „europiden, negriden und mongoliden Menschenrassen“ spricht. Große Aufregung. Tatsächlich steht das so ähnlich im aktuellen Lehrplan von Sachsen, Biologie, Gymnasium, S. 32 (letzte Überarbeitung: 2017): „Merkmale von europiden, negriden und mongoliden Menschen“ – soweit ich weiß, sind diese Begriffe wissenschaftlich schon lange überholt. Direkt danach steht zwar: „Antirassismus als Gebot des Humanismus“, aber das macht es nicht viel besser – nachdem man kurz vorher nahelegt, dass es so etwas wie Rassenmerkmale gibt, soll man sie jetzt dann wohl nur aus humanistischen Gründen leugnen. Dabei fehlt nach aktuellem Konsens ja schon die wissenschaftliche Grundlage dafür.

Apropos aktueller Konsens: Ich bin, bei aller Liebe zum kantischen Selberdenken, ein großer Freund des Mainstreams. Abseits des Mainstreams gibt es Leute mit Geheimwissen, dass vom Mainstream (Big Pharma, Main Stream Media, Staat und Industrie) unterdrückt wird: Impfgegner, Homöopathen, Schröpftherapeuten, Brain-Gym-Jünger, Reichsbürger, Birther, Truther, Flacherdler, Holocaustleugner – sie alle eint die Verschwörungstheorie, alle fordern Sie, dem Establishment zu misstrauen.

Sonstiger Status: Lese gerade spannendes Buch, komme aber vor überbordendem Notizenmachen nicht weiter.

10 Thoughts to “Wochenende

  1. In westdeutschen Schulen war man in der erweiterten Nachkriegszeit in Sachen bedenkliches Lernmaterial gern etwas lax. In meiner Zeit auf dem Gymnasium (1966-1975) war der „Kleine Schmeil“ unser Biologiebuch, und zwar in einer Ausgabe von 1939, wenn ich mich recht entsinne. Die enthielt auch einen einigermaßen unappetitlichen Abschnitt über Rassenkunde. Unser Biologielehrer wies uns bei Ausgabe der Bücher an, diesen Abschnitt zu ignorieren, mehr nicht.

  2. Ich habe nur mal ein paar Exemplare von „Unser Sexualleben“ (1968) aus der Schulbibliothek entfernt (Blogeintrag), weil das sonst keiner getan hat. Veraltet genug, aber kein Vergleich zu tatsächlich noch Büchern aus der Nazizeit. – Bei uns gab’s nur mal eine Kaffeetasse im Lehrerzimmer mit Hakenkreuz auf der Unterseite, aber die hat sich dann wohl mal ein Sammler gekrallt.

  3. Das mit den Negriden, Europiden und Mongoliden Menschen kenne ich auch noch aus meiner Schulzeit, Bücher aus den 80er Jahren.

    Ich finde es zwischen unangenehm und mittelmäßig als Einstiegspunkt.
    Zum einen weil das eben auf Eickstedt und Peters zurückgeht (eng verbandelt mit den absurden Rassentheorien der Nazizeit), zum andern weil es überholt ist. Es wurde Mitte der 90er durch ein (weitaus komplexeres) Modell abgelöst.

    Didaktisch kann ich den Ansatz noch so ein bisschen verstehen, man geht vom einfachen Modell mit drei (auch noch hauptsächlich phänotypisch, also rein äußerlich betrachteten) Bevölkerungsgruppen („Rassen“) zum komplexeren über, in dem es je nach Gruppierung zwischen sieben (sehr grob), ~40, oder (IIRC) jenseits der 50 sind.
    Das ist so ein bisschen wie in der Chemie, wo man ja auch noch erstmal den Rutherford lernt, und dann den Bohr, bevor man in die Nähe von den extrem komplexen Modellen geht, die heute Stand der Forschung sind.

    Also ja, ich denke schon man kann es machen, aber ich finde dass der Kontext da schon wichtig ist. Wenn man so tut als wären Menschen überall auf der Welt unabhängig ihrer Herkunft hinsichtlich ihrer Merkmale identisch, dann macht man sich ja zu Recht lächerlich, einfach weil es offensichtlich nicht stimmt.
    Es ist nur natürlich dass man sich über die Unterschiede Gedanken macht. Daher kommen ja auch die in der Vergangenheit (und leider bis heute) verbreiteten wirren Ideen zu dem Thema.
    Gerade deswegen finde ich sollte man darüber sprechen und zeigen wo es falsch ist. Es gibt da genügend Ansatzpunkte, an sich ist es schon überraschend dass dieses höchst krude Modell mit offensichtlichen Schwächen so lange überlebt hat. Möglicherweise weil man sich in den Nachkriegsjahren lieber nicht mit dem Thema beschäftigt hat?

    Und klar, es gibt da viele interessante Phänomene, z.B. dass manche Populationen resistenter oder eben anfälliger für Krankheiten wie Sichelzellenanämie sind, dass Asiaten oft die Alkoholdehydrogenase fehlt, usw.
    Auch dass sich Pigmentierung der Haut oder andere körperliche Merkmale unterschiedlich entwickelt haben, und warum, das ist natürlich spannend.
    Ich denke es ist schwer die Grenze zu ziehen zwischen dem, und eben jenen unwissenschaftlichen und politischen Auswüchsen.
    Aber vielleicht hilft gerade da die Genetik. So kann man z.B. anhand der Genetik die Absurdität der Rassentheorie erkennen, denn da sieht man dass innerhalb einer „Rasse“ die genetischen Unterschiede größer sein können als die zwischen zwei äußerlich sehr unterschiedlichen Menschen zweier verschiedenen „Rassen“.

    Daher finde ich es an sich interessant, darauf einzugehen, den Bezug zu den politischen Auswüchsen herzustellen, und anhand des aktuellen Stands der Wissenschaft, von mir aus auch mit einem einigermaßen aktuellen, vereinfachten Modell, aufzuzeigen wie hier die Biologie für politische Zwecke missbraucht wurde (und wird), und wie das funktioniert.

    Mit dem Holzhammer zu kommen und zu sagen man darf solche Kategorisierungen nicht machen… klingt für mich kontraproduktiv. Aber ich habe natürlich nicht die Bücher dazu gelesen, vielleicht ist es in der Praxis nicht ganz so schlimm wie es klingt.

    Gruß
    Aginor

  4. Ich sollte vielleicht noch nachtragen, dass die Ausgabe dieses befremdlichen Bio-Buchs keinerlei ideologischen Beigeschmack hatte, sondern höchstwahrscheinlich idiotischem Geiz (damals: „Lehrmittelknappheit“) entsprang. Im Chemie-Saal der gleichen Schule hing damals nämlich noch ein Periodensystem der Elemente aus 1911, dem Jahr des Schul“neu“baus. Um 1970 rum wurde dieser Chemiesaal für eine sechsstellige Summe renoviert und modernisiert. Was nicht neu angeschafft wurde, war ein zeitgemäßes Periodensystem. „Zu den Elementen, die da fehlen, kommen wir ja sowieso nicht.“

  5. Und nicht zu vergessen: Chemtrails und die Protokolle der Weisen von Zion. Ich persönlich finde es ja faszinierend, wie nahe die Dinge beisammen sind. Also wie schnell Leute zuerst nur einer Theorie verfallen und dann nach und nach immer mehr davon glauben.

  6. @Matthias:
    In dem Zusammenhang ist aus meiner Sicht besonders bemerkenswert, dass manche Leute sogar mehrere sich widersprechende Verschwörungstheorien unterstützen.
    Es werden praktisch für jede Situation von jeder VT die passenden Teile genommen und die unpassenden ignoriert.

    Gruß
    Aginor

  7. @Aginor Da finde ich sogar interessant, dass die Quellen, denen man glaubt einfach irgendwer sein kann, der von sich sagt, er muss leider anonym bleiben, der aber genau die Theorie bestätigt. Weil jeder, der was anderes sagt, ja Teil der Verschwörung sein muss.

    Ein Bekannter hat mir letztens eine Mail bzgl. Chemtrails geschickt, in der lauter anonym bleibende Piloten, Flughafenmitarbeiter oder sonstige Personen „auspacken“. Auch werden erhöhte Konzentrationen von Werten im Boden in den Raum geworfen, von denen unklar ist, wer die wann, wo und mit welcher Methodik erhoben hat. Davon ist er auch nicht mehr abzubringen. Seine persönlichen Beobachtungen am Himmel würden ihm das ja bestätigen. Inzwischen fließt in seinen Sprachgebrauch aber auch „die Besatzer“ ein, wenn er von den USA redet, und dass die Bundesrepublik ja kein souveräner und legitimer Staat sei.

  8. Seufz.

    (Und ja, @Aginor, Holzhammer oder Offensichtliches leugnen ist kontraproduktiv. Aber den naiven Rassebegriff, über den kann man reden.)

  9. @Herr Rau:
    Definitiv. Muss man sogar, finde ich. Es ist erschreckend wie verbreitet der immer noch ist. Und vor allem entsteht der Eindruck, dass das wider besseres Wissen auch nicht besser zu werden scheint.

    @Matthias:
    Kenne auch ein paar von der Sorte, leider. Es tut weh das zu sehen bei manchen Leuten, die ansonsten keine Dumpfbacken sind, das betrifft oft nur spezielle Themen.

    XKCD dazu:
    https://xkcd.com/258/

    Gruß
    Aginor

  10. Vielleicht sollte man mal bei der Begrifflichkeit anfangen. Verschwörungstheoretiker gibt es vermutlich nicht, sondern eher nur Verschwörungsgläubige. Der Verschwörungsgläubige hält etwas für wahr und glaubt daran, weil er daran glauben will. Mit einer (wissenschaftlichen) Theorie oder gar mit Wissen hat das gar nichts zu tun. Deswegen lassen sich selbst höchst widersprüchliche Versatzstücke wunderbar amalgamieren, weil sie ja geglaubt und nicht gewusst werden. In letzterem Fall würde auch noch relativ Tiefbegabten auffallen, dass da was nicht stimmen kann.

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