Sprachkrise um 1900

So lautet ein Unterkapitel im Q12-Deutschbuch, und das Thema mache ich immer sehr gern. Heute war der Einstieg in die Jahrhundertwende, alter Blogeintrag dazu, aber ein bisschen etwas Neues gibt es schon. Meine Kurzfassung: Im Naturalismus versucht man die Natur (also: die Wirklichkeit, nicht den Wald) abzubilden, ganz so wie sie ist; um die Jahrhundertwende stellt sich heraus, dass das mit der Wirklichkeit nicht so einfach ist, wie man sich das vielleicht vorgestellt hat. Mein Einstieg ist dazu dieser Text von Hermann Bahr, augenscheinlich zum Impressionismus in der Malerei, aber letztlich dann auch zur Literatur:

Denken wir uns, Leonardo hätte zufällig die Technik des Impressionismus entdeckt. Er hat ja viel versucht und gern herumprobiert. Es wäre ihm also zugestoßen wahrzunehmen, dass die Farbe, in Flecken oder Punkten aufgetragen, eine Macht, eine Wahrheit erhält, die ihr sonst fehlt, und dadurch verführt, hätte er ein solches Bild gemalt, das, in der Nähe ein unerklärliches Gewimmel, auf einige Entfernung erst seine Form annimmt. Das hätte ihn gewiss gereizt. Schon weil es schwer ist. Auch weil es recht ein Vergnügen für seine mathematische Neigung gewesen wäre. [..] Und nun mögen wir uns ihn bei der Arbeit einmal von Messer Bandello besucht denken, der gern, wenn er Zeit hatte, zu ihm kam, auf einen kleinen Plausch und um ihm zuzusehen. Dem hätte er stolz seine Erfindung gezeigt und hätte ihm erklärt, wie es ihm durch sie möglich geworden, manche Erscheinungen, besonders gewisse Reflexe des Lichtes, einzufangen, die so flüchtig sind, dass die meisten Menschen sie gar nicht gewahren, sondern erst jetzt, da er sie gemalt, allmählich auf sie achten würden. Und wir meinen den klugen Bandello fast zu sehen, wie er neugierig zuhört, die Worte des Meisters an seinem Bilde prüft, ein paarmal nickt, aber dann doch, als jener verstummt, leise und fast ein wenig spöttisch lächeln muß, indem er sagt: „Wohl erinnere ich mich, Messer Leonardo, solche Erscheinungen, wie Ihr sie nennt, und besonders der ganz eigenen Reflexe, die sich manchmal auf die Körper legen, wie Wolken über den Himmel ziehen; und es ist mir oft ein Spaß gewesen, das zierliche weiße Näschen einer hochgeborenen und wohlgestalten Dame, wenn wir durch den Garten in der Sonne gingen, plötzlich an der Spitze grasgrün gefleckt zu sehen, ganz wie Ihr es hier auf Eurem komischen Bilde gemalt habt. Aber Ihr wisst so gut wie ich, mein werter Freund, dass das Näschen deswegen doch nicht grün ist, sondern weiß bleibt und es nur unsere Sinne sind, die uns täuschen. […] Ferner erlaubt mir, Euch zu sagen, dass ich hier, dicht an das Bild herantretend, mich gar nicht auskennen kann und keineswegs weiß, was es denn eigentlich sein soll. Nun habt Ihr freilich von mir verlangt, mich fünf Schritte weit aufzustellen; dies sei die Bedingung. Aber erlaubt mir, zu bemerken, Messer Leonardo, daß das nicht die Bedingung der Natur ist. Die Natur entsteht nicht erst, wie Euer Bild, wenn ich mich in ein bestimmtes Verhältnis zu ihr gebe. Sie vergeht nicht, wenn ich es verlasse, die Natur ist immer da, ob ich bin oder nicht. Euer Bild wird erst, wenn ich es ansehe.

Hermann Bahr

Ist die Nase grün oder sieht sie grün aus? Tatsächlich keine leichte Frage, ich sage nur Weißabgleich beim Fotografieren. Die Wirklichkeit kriegen wir nur über unsere Sinne gefiltert mit, und die sind zu täuschen beziehungsweise interpretieren die Eindrücke halt auch anders. Ein schönes Beispiel, erst ein paar Jahre alt, ist the dress. Dazu gibt es eine eigene Wikipedia-Seite, es geht dabei um das Foto eines Kleides, von dem die einen sagen, das Kleid ist schwarz-blau, und die anderen weiß-gold: Die Natur entsteht vielleicht nicht, wenn ich mich in ein bestimmtes Verhältnis zu ihr gebe, aber sie hängt doch davon ab. Ich sehe das Kleid übrigens als weiß-gold unr nur so; tatsächlich ist es aber wohl schwarz und blau. Einfach dem Link folgen oder Suchmaschine benutzen, es gibt viele Versuche, zu erklären, was hinter den unterschiedlichen Sichtweisen steckt. (Im Kurs heute: Mehr Blauschwarz-Seherinnen, aber schon halbwegs gleich verteilt.)

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Danach gab es, auch schon ein Weilchen her, einen Audioclip mit einem Wort, das – zu spät wohl, um SPOILER! zu warnen – in den einen Ohren wie Yanny und in den anderen wie Laurel klingt. (Und manchmal auch nach weder dem einen noch dem anderen, wenn man nicht weiß, was man erwarten soll, heißt es gelegentlich.) Tatsächlich höre ich “Laurel”, und so sehr ich mich bemühe, nichts anderes. Im Kurs heute: Wenigstens Schüler hörte ebenfalls Laurel – durch die Bank alle anderen: Yanny, oder etwas sehr Ähnliches. Einige Schülerinnen sagten nach der Aufklärung, sie könnten durch bewusstes Vorgehen entweder das eine oder das andere hören. Ich höre wieder mal nur eines, nämlich Laurel. Gilt wohl besonders für alte Ohren, die mit den Höhen Probleme haben, ist insgesamt aber schwierig – auch hierzu gibt es viel Theorie im Web.

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Weiter geht es dann mit dem Chandos-Brief, der Aufteilung der Welt durch Worte, etwa beim Farbspektrum, dann Sapir-Whorf, dann vielleicht noch gendergerechte Sprache – das übliche Programm.

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