Die Wörter und die Dinge

Ich bin mit dem Deutsch-Leistungskurs an der Jahrhundertwende angelangt – Gegenströmungen zum Naturalismus, also Impressionismus und Symbolismus und fin de siècle und l’art pour l’art (statt: Kunst = Natur – X, wie wir im Deutschgeschäft sagen) und Stefan George und Rilke und Hofmannsthal. Eine Zeit, die ich mag.

Ein Thema der Zeit: Abkehr von der realistisch-naturalistischen Wirklichkeitswiedergabe durch die Kunst:

Die Kunst will jetzt aus dem Naturalismus fort und sucht Neues. Niemand weiß noch, was es werden möchte; der Drang ist ungestalt und wirr; er tastet ohne Rath nach vielen Dingen und findet sich nirgends. Nur fort, um je­den Preis fort aus der deutlichen Wirklichkeit, ins Dunkle, Fremde und Ver­steckte – das ist heute die eingestandene Losung für zahlreiche Künstler. (Hermann Bahr, „Symbolismus“)

Eine neue Methode der Wirklichkeitswiedergabe, die trotz nicht-realistischer Methode der Wirklichkeit doch wieder verblüffend nahe kommt, ist in der Malerei der Impressionismus. Gerade die Lichteffekte, das Flimmern von Laub an den Bäumen im Sonnenschein, sehen dann doch wieder aus „wie echt“. Auch hierzu Hermann Bahr:

Denken wir uns, Leonardo hätte zufällig die Technik des Impressionismus entdeckt. Er hat ja viel versucht und gern herumprobiert. Es wäre ihm also zugestoßen wahrzunehmen, dass die Farbe, in Flecken oder Punkten aufgetragen, eine Macht, eine Wahrheit erhält, die ihr sonst fehlt, und dadurch verführt, hätte er ein solches Bild gemalt, das, in der Nähe ein unerklärliches Gewimmel, auf einige Entfernung erst seine Form annimmt. Das hätte ihn gewiss gereizt. Schon weil es schwer ist. Auch weil es recht ein Vergnügen für seine mathematische Neigung gewesen wäre. [..] Und nun mögen wir uns ihn bei der Arbeit einmal von Messer Bandello besucht denken, der gern, wenn er Zeit hatte, zu ihm kam, auf einen kleinen Plausch und um ihm zuzusehen. Dem hätte er stolz seine Erfindung gezeigt und hätte ihm erklärt, wie es ihm durch sie möglich geworden, manche Erscheinungen, besonders gewisse Reflexe des Lichtes, einzufangen, die so flüchtig sind, dass die meisten Menschen sie gar nicht gewahren, sondern erst jetzt, da er sie gemalt, allmählich auf sie achten würden. Und wir meinen den klugen Bandello fast zu sehen, wie er neugierig zuhört, die Worte des Meisters an seinem Bilde prüft, ein paarmal nickt, aber dann doch, als jener verstummt, leise und fast ein wenig spöttisch lächeln muß, indem er sagt: „Wohl erinnere ich mich, Messer Leonardo, solche Erscheinungen, wie Ihr sie nennt, und besonders der ganz eigenen Reflexe, die sich manchmal auf die Körper legen, wie Wolken über den Himmel ziehen; und es ist mir oft ein Spaß gewesen, das zierliche weiße Näschen einer hochgeborenen und wohlgestalten Dame, wenn wir durch den Garten in der Sonne gingen, plötzlich an der Spitze grasgrün gefleckt zu sehen, ganz wie Ihr es hier auf Eurem komischen Bilde gemalt habt. Aber Ihr wisst so gut wie ich, mein werter Freund, dass das Näschen deswegen doch nicht grün ist, sondern weiß bleibt und es nur unsere Sinne sind, die uns täuschen. […] Ferner erlaubt mir, Euch zu sagen, dass ich hier, dicht an das Bild herantretend, mich gar nicht auskennen kann und keineswegs weiß, was es denn eigentlich sein soll. Nun habt Ihr freilich von mir verlangt, mich fünf Schritte weit aufzustellen; dies sei die Bedingung. Aber erlaubt mir, zu bemerken, Messer Leonardo, daß das nicht die Bedingung der Natur ist. Die Natur entsteht nicht erst, wie Euer Bild, wenn ich mich in ein bestimmtes Verhältnis zu ihr gebe. Sie vergeht nicht, wenn ich es verlasse, die Natur ist immer da, ob ich bin oder nicht. Euer Bild wird erst, wenn ich es ansehe.

Man entdeckte: Das mit der einfachen Wiedergabe der Natur ist gar nicht so einfach. Der Mensch kann nicht anders, als sich in ein Verhältnis zu ihr begeben, und er kann nicht anders, als sie nur mittelbar wahrnehmen. Das gilt nicht nur für die Wahrnehmung, sondern ebenso dafür, wenn man versucht, der Natur mit Worten Herr zu werden. Das Verhältnis zwischen Wörtern und Dingen ist komplizierter, als man lange angenommen hatte.

(Und hier fehlt eine Überleitung, von der ich nicht weiß, wie legitim sie wäre, da ich zu wenig über George und Hofmannsthal weiß.)

Dazu gehört auch der berühmte Chandos-Brief, in dem Hugo von Hofmannsthal seine Kritik an der Sprache als Ausdrucksmöglichkeit in ausdrucksvolle Worte fasst. Die Worte „zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“, schreibt er. Zuerst die abstrakten, aber dann hat er auch mit den konkreten Dingen Schwierigkeiten: „Eine Gießkanne, eine auf dem Feld verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, ein ärmlicher Kirchhof, […] und die tausend anderen ähnlichen [Gegenstände], über die sonst ein Auge mit selbstverständlicher Gleichgültigkeit hinweggleitet, kann für mich plötzlich in irgendeinem Moment, den herbeizuführen auf keine Weise in meiner Gewalt steht, ein erhabenes und rührendes Gepräge annehmen, das auszudrücken mir alle Worte zu arm scheinen.“

Sprachkrise eben. Diese führt dann einige Zeit später auch dazu, dass sich die Expressionisten eine eigene Sprache geben, und die Dadaisten sowieso. Um das Problem mit den Wörtern und den Dingen meinen Schülern ein bisschen begreifbarer zu machen, fange ich meist mit einem Gedicht von Michael Ende an, „Der wirkliche Apfel“, das so beginnt:

Ein Mann der Feder, berühmt und bekannt
als strenger Realist,
beschloß, einen einfachen Gegenstand
zu beschreiben, so wie er ist:
Einen Apfel zum Beispiel, zwei Groschen wert,
mit allem, was dazugehört.

Dieser Mann der Feder scheitert an seinem Projekt, er stellt fest, dass er zur treffenden Beschreibung des Apfels ja auch erklären muss, wo er herkommt und wie er schmeckt, die Jahreszeiten, den Baum, den Markt, und nach tausenden von Seiten immer noch nicht fertig ist. Mit der Sprache lässt sich der Apfel nicht vollständig erfassen. Der fiktive Mann der Feder zieht allerdings einer andere Konsequenz als der fiktive Lord Chandos aus diesem Ungenügen der Sprache:

Von da an ließ er es bleiben,
die Wirklichkeit zu beschreiben.
Er begnügte sich indessen
damit, den Apfel zu essen.

Ein schöner Paralleltext dazu ist der hier von Richard P. Feynman, Physiker und Autor verschiedener vergnüglicher naturwissenschaftlicher Bücher:

Ein Poet sagte einst „Das gesamte Universum liegt in einem Glas Wein“. Wir werden wahrscheinlich nie wissen, in welchem Sinn er das meinte, denn Poeten schreiben nicht, um verstanden zu werden. Aber es ist wahr, daß wir bei näherer Betrachtung eines Glases Wein das gesamte Universum sehen. Da sind die Dinge der Physik: die sich drehende Flüssigkeit, welche in Abhängigkeit von Wind und Wetter verdampft: die Reflexionen im Glas, und unsere Phantasie fügt die Atome hinzu. Das Glas ist ein Destillat der Erdgesteine, und in seiner Zusammensetzung sehen wir die Geheimnisse des Alters des Weltalls und die Evolution von Sternen. Welch seltsame Anordnung von Chemikalien befindet sich im Wein? Wie sind sie entstanden? Da gibt es die Fermente, die Enzyme, die Substrate und die Produkte. Dort im Wein ist die große Verallgemeinerung zu finden: Alles Leben ist Fermentation. Niemand kann die Chemie des Weines entdecken, ohne, wie Louis Pasteur, die Ursachen vieler Krankheiten zu entdecken. Wie lebendig ist der Rotwein, der seine Existenz dem Bewußtsein aufprägt, welches ihn beobachtet! Wenn unser kleiner Verstand aus irgendeiner Bequemlichkeit dieses Glas Wein, dieses Universum, unterteilt in Physik, Biologie, Geologie, Astronomie, Psychologie usw., dann erinnern wir uns daran, daß die Natur dies nicht kennt! Also wollen wir wieder alles zusammenfügen und endlich nicht vergessen, wozu es da ist. Lassen wir es uns noch ein letztes Vergnügen bereiten: Trinken wir es und vergessen alles!“

Zitiert nach: Gero von Randow (Hg.), Mein paranormales Fahrrad und andere Anlässe zur Skepsis, entdeckt im Skeptical Inquirer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993 (rororo science), S. 213. Von Feynman auch lesen: „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman“.

Die Parallelen finde ich interessant.

Aber so entspannt wie Ende und Feynman sieht der deutsche Dichter die Sprachkrise selten. Klaus Modick parodiert die „Sprachnot“ dieser Spezies in seinem Roman Ins Blaue. Kurt trifft seinen Freund Feuerstein in der Stammkneipe, und der flirtet gerade mit einer, wie sich herausstellt, Lyrikerin. „Geht alles nur um ein Thema. Um das Thema gewissermassen. Es geht bei allen Künstlern immer wieder nur um dies eine Thema“, sagt Feuerstein. Nein, nicht der Geschlechtsverkehr, wie Kurt meint, sondern: „‚Sprachnot‘, hauchte Petra.“ Sie schreibe davon, „warum sie, warum man eigentlich gar nicht schreiben kann. Über die Qual des Schreibens sozusagen. Über die Unmöglichkeit, auch nur das kleinste, das einfachste Ding durch Sprache zu benennen.“ Aber sie lässt sich leicht dazu überreden, aus ihrem Werk zu rezitieren.

(Klaus Modick: Vor zwanzig Jahren, vier, fünf Bücher gelesen, die mir sehr gut gefallen haben. Vor ein paar Monaten ein neues gelesen, das ich sehr mäßig fand. Bin ich älter geworden oder er? Oder er nicht?)

— An dieser Stelle leite ich dann über zur Sapir-Whorf-Hypothese und der Frage, wie sehr die Sprache das Denken determiniert oder wenigstens beeinflusst. Halbwegs aktueller Text dazu: „Eins, zwei, viele“ aus der SZ. Darin geht es um die etwa 200 Sprecher einer Sprache im Amazonas, Pirahã. In dieser Sprache gibt es keine Wörter für Zahlen größer als zwei, und selbst die Bedeutung der Wörter „eins“ und „zwei“ ist nicht ganz exakt. Das führt dazu, das die Sprecher dieser Sprache auch keine Vorstellung von Zahlen haben. (Siehe Beschreibung der Experimente im Text. Ist leider nur sehr oberflächlich und keineswegs eindeutig, aber zur Problematisierung reicht es. Wer weiter machen möchte: Pirahã bei Wikipedia. Keine Rekursion, keine Farbadjektive. Exkurs zu Farbadjektiven in verschiedenen Sprachen möglich.)

Dazu Bilder von Monet und Renoir, ein Pointillist oder zwei, und die bekannte Ceci n’est pas une pipe-Serie von Magritte, außerdem „Le bons sens“ und „Les deux mystères“. Vielleicht sollte ich das alles auch mal in einen Moodlekurs packen.

6 Antworten auf „Die Wörter und die Dinge“

  1. Danke für die Zusammenstellung und die vielen Texte, sehr schönes Thema.
    Wenn man will (und vielleicht willige Musik-Kollegen hat), kann man fächerübergreifend neben der Malerei noch die Musik der Jahrhundertwende einbeziehen. Das ist nicht ganz so ein“sicht“ig, aber erstaunlich parallel: Auch sie hatte ihre „Sprach-Krise“ (ein paar Schlagworte: Auflösung der Tonalität, Tristan-Akkord; Ganztonleitern und Pentatonik bei Debussy; „neue Sprache“ Zwölftonmusik bei Schönberg usw.).
    Klett bietet ein entsprechendes Arbeitsheft an: „Traum und Wirklichkeit – Malerei . Musik . Literatur der Jahrhundertwende“, dazu CD und Lehrerheft.

  2. Danke, ja. Und in James Moncao, Film verstehen (schönes Buch) sind zwei passende Texte dazu, wie das Aufkommen von Film und Fotografie den Roman bzw. die Malerei verändert hat. Das brauche ich dann im Expressionismus.

  3. Sehr guter Blog-Eintrag.
    Ich muss allerdings gestehen, mein Deutsch-Unterricht (damals in der Steinzeit) hat mich zuweilen schwer genervt. Das hing möglicherweise auch mit der Pubertät zusammen, gebe ich gerne zu.

    Viele Sachen habe ich erst später entdeckt, die wir (leider) nicht im Unterricht hatten. Spontan fällt mir Schillers „Der Geisterseher“ ein. Das war unserer Deutschlehrer-Kaste seinerzeit aber offensichtlich zu trivialer Stoff.

    Des Schriftstellers ringen nach Worten erstarrt heute ja in der Form. Beispiel Elfriede Jelinek – eigentlich unlesbar (für mich jetzt). Eine Rückbesinnung auf den Inhalt wäre wichtig (meiner Meinung nach), denn die Form ist eigentlich egal. Wenn in wohlgefeilten Worten nur unverständlicher Nonsense daherkommt, wird´s sehr, sehr mühsam.

    Was die Malerei angeht, so gibt es eine gute Verbindung, den Phantastischen Realismus. Mag ich sehr gerne.

  4. Hallo Herr Rau,
    ich bin kein allzu großer Fan von Wikipedia. Vor allem die deutschen Seiten sind oft nur eine Verstümmelung des englischsprachigen Oriiginals. Schon dort lesen sich die Einträge deutlich differenzierter.
    Stutzig wurde ich auch bei „Da gibt es die Fermente, die Enzyme,“ Ist das nicht dasselbe? Hat der Dichter das damals noch nicht googeln können? Vermutlich.
    Mit dem Parallelenziehen ist das so eine Sache. Es fließt nicht überall ein Fluß, nur weil Menschen Brücken bauen wollen.

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