Distanzunterricht in Bayern – Rahmenkonzept (01.09.2020)

Auf den Seiten des Kultusministerium findet sich eine einseitige Kurzfassung (pdf) eines längeren Dokuments, das man da und dort im Web findet; ich weiß aber nicht, ob es wirklich öffentlich ist. Dieses Dokument legt für das kommende Schuljahr fest, wie die Schulen damit umgehen sollen, wenn Schulgebäude aufgrund der Pandemie ganz geschlossen werden müssen oder der Unterricht nur in halben Klassen stattfinden kann.

Zusammengefasst: Das Rahmenkonzept für den Distanzunterricht ist ein bisschen enttäuschend, aber ich hätte es vermutlich nicht anders gemacht.

1. Der Rahmenplan für den Distanzunterricht orientiert sich grundsätzlich am Stundenplan für den Präsenzunterricht.

“Grundsätzlich” mag ich, das lässt begründete und sinnvolle Ausnahmen zu. Orientierung am Stundenplan heißt: Wenn an diesem Tag Englisch ist, soll sich die Englischlehrkraft an diesem Tag auch irgendwie melden. Man kann auch einen Wochenplan machen, aber dann soll drin stehen, was an welchem Tag zu machen ist. Das scheint mir ein sinnvoller Kompromiss zu sein, weil das ja nicht sein, dass die Schülerin das auch an genau dem Tag machen muss.

2. Jeder Tag beginnt mit einem (virtuellen) „Startschuss“ – z. B. mit einem „Guten-Morgen-E-Mail“ oder einer Videokonferenz.

Der Grund kann nur der sein, dass manche Schüler und Schülerinnen sonst nicht aus dem Bett kommen, sondern gammeln. Die haben wohl den Schuss nicht gehört! Mit dem Startschuss sollen die Kinder dann die Arbeitsaufträge für diesen Tag kriegen, und einen Überblick über Termine.

Der Startschuss ist auch zu feuern, wenn die Hälfte der Klasse zu Hause ist. Wie man das macht, bleibt den Schulen überlassen. Minimalform: An diesem Tag enden Abgabefristen für Aufgaben-Einreichungen. Ziel: Auch die Schüler und Schülerinnen zu Hause dürfen nicht einfach später oder im Urlaub arbeiten. Ich verstehe das, weil schwache (nicht unbedingt: junge) Schüler und Schülerinnen mit dieser Freiheit überfordert sind.

“Weckruf” war zu pathetisch, oder zu nah an der Wahrheit?

3. Die Schülerinnen und Schüler sind zur aktiven Teilnahme am Distanzunterricht verpflichtet (vgl. Art. 56 Abs. 4 Satz 3 BayEUG).

Das heißt – beispielsweise – Anwesenheitskontrollte, irgendwie, am besten gleich mit dem Startschuss. Wenn die ganze Schule sich gleichzeitig bei Mebis oder Teams oder dem schuleigenen System einloggt, um Guten Morgen zu sagen, wird das nicht gutgehen. Aber Schüler und Schülerinnen können die Anwesenheitskontrolle auch per Telefon oder E‑Mail vornehmen.

Die virtuelle Anwesenheitskontrolle muss man auch machen, wenn nur die Hälfte der Klasse zu Hause ist: Auch die müssen früh aufstehen. Dass das schwieriger wird, technisch, ist klar. Wer soll das machen – die Lehrkräfte sind ja alle im Unterricht. Es wird also darauf herauslaufen, dass die zu Hause irgendwo einchecken, also die virtuelle Stechuhr betätigen, und dann ihre Aufträge abarbeiten – die sie wahrscheinlich schon in den Tagen zuvor als Wochenaufgabe erhalten haben.

4. Die von den Lehrkräften gestellten Arbeitsaufträge sind verbindlich.

Gut. Mir ist nicht klar, was der Unterschied zum vorhergehenden Punkt ist. Heißt “Teilnahme am Distanzunterricht” nur, dass man in die Konferenz muss, aber keine Aufgaben erledigen muss? Merkwürdige Vorstellung von Teilnahme. Tatsächlich wird das auch nicht näher erläutert, außer dass die Arbeitsaufträge eindeutig und klar formuliert sind, also was bis wann freiwillig oder verpflichtend zu tun ist. Das ist wichtig, und das haben auch etliche Schüler und Schülerinnen zu recht beklagt. Aber daraus einen eigenen Stichpunkt machen?

5. Mündliche Leistungsnachweise können grundsätzlich auch im Distanzunterricht durchgeführt werden.

Gut. Klar, behutsam, aber dass das grundsätzlich möglich ist, halte ich für sinnvoll, solange nicht das ganze Notensystem überhaupt revolutioniert wird. Ohne Noten ist ja am besten, aber das führt dazu, dass man auch nicht durchfallen kann (so wurde das im vergangenen Schuljahr gehandhabt), und das würde noch weitreichendere Änderungen mit sich bringen, für die jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist. Man könnte ja schon mal mit weniger Noten und Prüfungen anfangen?

Also: Referate, Ausfragen, Präsentationen können benotet werden. Projektarbeit und Portfolios auch. Gut! Aber zögerlichere Schulleitungen und Kollegien hätten da sicher gerne noch mehr Rechtssicherheit: Darf ich von einer Schülerin wirklich verlangen, dass sie mir ihre gelernten Vokabeln in der Videokonferenz aufsagt? Und wenn dann, ups, die Internetverbindung plötzlich, uh, wackelt? Darf ich eine Onlinepräsentation verlangen? Darf ich ein Erklärvideo verlangen? (Klar, ich muss vorher beibringen, wie es geht.) Bei allen Punkten bin ich mir rechtlich nicht sicher. Pädagogisch schon.

Schriftlich wird grundsätzlich nur im Präsenzunterricht geprüft. Auch hier bedeutet die Einschränkung: Wer weiß, wie das geht, kann das auch anders machen. Aber da sind hohe technische und rechtliche Hürden zu überwinden, denke ich.

6. Die Lehrkräfte halten direkten Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern, geben ihnen regelmäßig aktiv und kontinuierlich Rückmeldung und sind für sie zu festgelegten Zeiten erreichbar.

Richtig, und sollte selbstverständlich sein..

7. Die für den Präsenzunterricht geplanten Brückenangebote werden auch im Distanzunterricht fortgesetzt.

Klar. Das sind so Zusatzstunden verschiedener Art, um Lücken aus dem letzten Schuljahr zu schließen.

Also:

  • Die Punkte 6 und 7 sind selbstverständlich – aber ich fürchte, man muss Punkt 6 doch einmal deutlich hinschreiben.
  • Punkt 1 heißt, dass sich kein Fach drücken soll, und dass den Schülern und Schülerinnen mindestens so etwas Stabiles wie der Stundenplan als Gerüst gegeben werden soll, weil die Schwachen das sonst nicht können. An meiner Schulart und Schule brauchen große Teile der Klassen das nicht so eng, aber wenn man wirklich jeden mitnehmen will, muss man das halt machen.
  • Die Punkte 2 bis 4 sind eigentlich nur ein Punkt. Sind in Ordnung, bis auf diese Startschuss-Weckruf. Der wird technisch aufwendig und ist kaum nötig.
  • Punkt 5, die Noten: Schade, dass Noten und Prüfungen weiter die gleiche Rolle spielen. Für eine Revolution ist nicht der richtige Zeitpunkt, aber ein paar Prüfungen weniger, das wäre doch gut. Aus anderen Bundesländern, deren Ferien schon zu Ende sind, habe ich gehört, dass halt jetzt in den ersten Wochen frenetisch Noten gemacht werden, damit man dann die Minimalzahl hat. Hier hätte ich mir noch mehr Rechtssicherheit gewünscht. Aber vielleicht geht es ja auch ohne.

Pädagogisches Herz des Konzepts scheint mir das morgendliche Wecken zu sein. Hier stand ganz klar der Wunsch im Vordergrund, die Schüler und Schülerinnen nicht allein/verlottern zu lassen, und da das bei manchen nötig ist, ist es vermutlich sinnvoll, wenn auch schade. Umsetzung: Asynchron mit einer Mebis-Umfrage mit 1 Option “Schon wach?” und Anzeige derer, die noch nicht abgestimmt haben. Muss man halt jeden Tag kopieren und umbenennen. Synchron: Mit beliebiger Video- oder Chatlösung, auf eigenem Server oder über Mebis.

Lohnt es sich, auf Basis des Konzepts eine schuleigene Ausformung dessen zu entwickeln? Ich bin da ein bisschen halbherzig, weil ja doch jederzeit wieder Änderungen kommen können.

8 Antworten auf „Distanzunterricht in Bayern – Rahmenkonzept (01.09.2020)“

  1. Hmh.
    Meiner Meinung nach geht hier das KM über die Möglichkeiten und Fähigkeiten vieler Schulen hinweg.
    Nicht alle bayerischen Schulen haben die technischen Voraussetzungen für Mebis. In den Grund- und Mittelschulen haben bei weitem nicht alle Lehrkräfte entsprechende Forbildungen gemacht.
    Ich weiß von Schulen, an denen sich die Systembetreuer geweigert haben, für die Lehrkräfte persönliche Accounts einzurichten. Grund: Faulheit (wirklich!).
    Es werden trotz Weckruf und virtueller Präsenzpflicht weiter viele Schüler, vor allem männliche, wegbrechen (Erfahrungen der letzten Monate).
    Diese Anmerkungen beziehen sich nur auf die Mittelschule, die hat heutzutage durchaus eine besondere Klientel. Es gibt aber in diesem Bereich auch gut funktionierende Beispiele.
    Aber: Wie soll es denn sonst gehen in der Pandemie?
    Ich wüsste auch nicht wie.

  2. Ich bin nun keine Fachfrau für Schulrecht – aber ich verstehe Punkt 3 (aktive Teilnahme) nicht als virtuelle Anwesenheitspflicht zu einer bestimmten Zeit, sondern eher so, dass die Schüler*innen verpflichtet sind, z.B. Aufgaben tatsächlich zu bearbeiten (völlig egal, wann sie das genau machen). Mir klingt das (vertragsjuristisch gedacht) wie so eine typische Klausel, mit der man die Verantwortung auf die Gegenseite ablädt: dann soll sich hinterher keine*r Beschweren, dass ihr*ihm das in der Schule nicht beigebracht worden sei – es gab ein Angebot und die Pflicht, zur aktiven Teilnahme und wer es dann trotzdem nicht gelernt hat, ist selbst schuld.

  3. Volle Zustimmung, poupou, so klingt das. Die Konkretisierung dieses Punktes beginnt dann aber so: “Die aktive Teilnahme wird im Rahmen des Möglichen durch die Lehrkräfte überprüft. Dies kann bspw. wie folgt erfolgen: in Form einer „virtuellen Anwesenheitskontrolle“, die – wie im Präsenzunterricht auch – durch die Klassenleitung oder die Lehrkraft der ersten Stunde übernommen wird, z. B. im Rahmen der „Morgenrunde“ [oder] durch aktives Anmelden der Schülerinnen und Schüler bei der Lehrkraft (bspw. via E‑Mail oder telefonisch) [oder] über technische Möglichkeiten wie die verpflichtende Teilnahme an einer von der Lehrkraft erstellten Umfrage (z. B. im Kursraum einer mebis Lernplattform)”

  4. OK, das klingt dann in der Tat strikter. Allerdings würde ich es immernoch nicht so lesen wie “Schüler*in muss sich jeden Morgen um 7:30 melden”, sondern eher wie: jede*r Schüler*in muss regelmäßig ein Lebenszeichen von sich geben und demonstrieren, dass sie*er Zugang zu den angebotenen Unterrichtsmitteln hat. Das könnte dann auch irgendwann im Verlauf eines Tages sein, wenn es z.B. keine Videocalls o.ä. gibt, sondern eher Selbstlernmaterial und hängt vermutlich weniger von der Vorgabe sondern von Verabredungen des Kollegiums ab?

  5. Die Schulen haben Spielraum, aber “im Laufe des Tages” wird eindeutig präzisiert als: bis zu einem fest ausgemachten Zeitpunkt. Im Modell, dass das KM als Vorschlag präsentiert, ist das die erste Stunde, aber man kann natürlich davon abweichen.

  6. Was ist “Distanzunterricht”?

    Wenn es sich um Unterricht handelt,
    wer hat die Aufsichtspflicht?

    Wenn es die Eltern sind, dann haben sie aber ein Anspruch … wenigstens Mindestlohn/Sozialversicherung, Krankheit(!)…, weil sie beauftragt sind.

    Wie werden die Augen geschützt, wenn verpflichtend Bildschirmarbeit zu leisten ist.
    (Für quasi jeden Job gibt es eine Bildschirmschutzverordnung, aber für Schüler nicht, jedes Endgerät bei jeder Strahlung ist recht?!)
    Wer prüft die Arbeitsschutzbedingungen Ort? (In Klassenräumen sind quasi alle Ecken entschärft, zu Hause könnte jemand auf den Gedanken kommen, das Tablett-Arbeit in der Badewanne spannend ist.)

    Wer haftet für Schäden?
    Gibt es eine augenärztliche Untersuchung? Was ist mit Kindern, die nicht dürfen?

    Wenn es sich nicht um Unterricht handelt, um was handelt es sich dann, mit welcher Rechtsfolge?

  7. Ich weiß bei solchen Kommentaren nie, Alte Hippe, ob ich pädagogisch geduldig sein soll, oder deutlich meine Meinung sagen soll. Früher neigte ich zu letzterem, weil ich hauptsächlich (wenn auch tatsächlich nicht nur) in der Schule zu pädagogischem Handeln verpflichtet bin. Aber die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass das unserer Welt nicht gut tut. Also: Ich verstehe Ihre Sorgen und teile Sie zu einem Teil auch. Aber ich gewichte sie anders. Und die Antworten auf viele Ihrer Fragen lassen sich sicher im Web finden.

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