Fachsitzungen, literarische Detektivarbeit, Online-Vorlesen

Mittwoch: Fachsitzungen

Am Mittwoch ist Buß und Bettag, ein Feiertag, der gestrichen wurde, aber schulfrei bleibt, so dass die Lehrer und Lehrerinnen den irgendwie reinarbeiten müssen. Ich dachte, das hätten wir für dieses Jahr schon zu Genüge getan, aber sei’s drum, schon okay. Jedenfalls hatte ich drei Fachsitzungen am Vormittag, jeweils per Videokonferenz. Unerwartet zwei Phänomen:

  1. Man ist gezwungen, einander ausreden zu lassen und kann einander schlechter ins Wort fallen, weil Konferenzsoftware damit nicht gut umgehen kann.
  2. Der parallele öffentliche Chat eröffnet ganz neue Diskussionsformen. Kurz Fragen klären, nachhaken, kommentieren – und das alles am Protokoll vorbei, vermute ich. Oder sind solche Backchannel-Chatverläufe protokollwürdige Teile von Sitzungen? (Und ja, nicht alle Kollegen und Kolleginnen können gleich gut gleichzeitig Videokonferenz und Chatstream im Auge behalten. Gelegentlich wurde der Wunsch nach Regelung leise laut.)

Am Nachmittag dann noch Vorlesungsvideokonferenz, dann war aber auch mal gut. Frau Rau erschrak über mein schwarzgefärbtes fusseliges Ohr, grusliger noch als bei Rudy Giuliani – der aus einer Kiste herausgekramte Kopfhörer hatte sich unbemerkt am und ums Ohr herum aufgelöst.

Donnerstag: Schau genau! (Detektivarbeit)

Manche Klassen in Deutsch lassen sich etwas zu sehr von außertextlichen Hinweisen auf Interpretationspfade locken, oder geraten von selbst darauf. Ähnlich wie es im Internet Godwin’s Law gibt (im Verlauf längerer Diskussionen nähert sich mit zunehmender Länge die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich einbringt, dem Wert Eins an), gibt es bei Gedichtinterpretationen die Regel, dass früher oder später das Gedicht als Warnung oder Nachwirkung des Nationalsozialismus verstanden wird. Ich warne explizit davor, aber manche sehen das vielleicht als Herausforderung, aus dem schlichten Blümchengedicht doch noch etwas mit Hitler zu ziehen.

Das war auch beim Werther-Ausschnitt im Schulbuch so. Die Schüler und Schülerinnen wissen, dass es eine Lotte gibt, und zack! wird der Text auf das Verliebtsein von Werther hin interpretiert. Dabei liegt der erst mal nur faul im Gras, von einer Frau oder Liebe ist da null die Rede.

Zu diesem Behufe, oder zum Üben dieses Behufes, oder zum Beheben dieses Behufes, habe ich am Donnerstag Detektiv spielen lassen. Die Schüler und Schülerinnen waren Profiler, die der Polizei helfen sollten bei der Suche nach einer bestimmten Person. Basis: Ein Textauszug, Fragment eines längeren Textes. Was können die Profiler über die Person sagen? Zu wenig ist schlecht, weil das der Polizei nicht viel hilft; übers Ziel hinausgeschossen ist schlecht, weil das die Polizei auf die falsche Fährte lockt. (Hitler?) So ist es ja bei jeder Analyse: Man muss schon schauen, was man zwischen den Zeilen erkennen kann, aber da nicht einfach irgendetwas herauslesen, was da nicht steht. Den Text vorzubereiten war Hausaufgabe, ich selber führte Protokoll beim Austausch darüber:

Protokoll
Profiler-Expertengremium
19.11.1820

Betreff: Gesuchte Person
Hinweise an die Polizei

Eigenschaften, Merkmale, Hinweise:

  • Wiederholungstäter (Diebstähle)
  • hat Deutsch gelernt von Gastgebern (?)
  • ist fremd hier, geflohen, untergeschlupft
  • ungebunden; hat keine Verwandten
  • zumindest manchmal egoistisch und gierig
  • Einzelgänger
  • entschlussfreudig, vllt???
  • Kind im Waisenhaus?
  • Selbstzweifel, weiß nicht, woher er kommt, keine Zukunft?
  • Alter: eher jung
  • Älteres Kind??
  • Junger Erwachsener oder älter?
  • Student?
  • sehr groß
  • scharfer Verstand
  • gebildet, liest gerne, studiert Texte [Plutarch, Werther]
  • schaut irgendwie komisch aus, hässlich
  • gegenwärtig nicht in fester Anstellung, kein fester Wohnsitz
  • hat Freunde
  • Jude?

(Im Originalprotokoll waren noch Zeilenangaben, weil ja alles belegt sein will, aber die bringen hier nichts.)

Gar nicht so schlecht. Manche Sachen sind unklar oder widersprüchlich, aber das passt schon auch gut zum Text.

Die Textvorlage – es geht darin um jemanden, der Goethes Werther für sich entdeckt und sich darin wiederfindet, das war der inhaltliche Anknüpfungspunkt – kann ich leider nicht abdrucken. In der gemeinfreien deutschen Übersetzung bei Gutenberg fehlt dieser Abschnitt nämlich, das 15. Kapitel ist einfach um ein, zwei Seiten kürzer. (Vermutlich ist es die Übersetzung der verbreiteten Ausgabe von 1831 und nicht der älteren, wenn auch nicht ursprünglichen, von 1818, was aber mit dieser Stelle nichts zu tun haben dürfte.) Kenner und Kennerinnen können den Text vielleicht so schon bereits identifizieren, ich schrieb auch schon mal davon.

Freitag: Vorlesetag

Heute war dann der bundesweite Vorlesetag. Da kommen bei uns sonst immer Externe an die Schule, ehemalige Lehrer und Lehrerinnen auch, und lesen vor. Diesmal ging das nicht. (Zumindest von Klett gab es Online-Vorgelesenes zum Download, nach Anmeldung.) Leider habe ich gar nicht daran gedacht, welche Möglichkeiten wir dank Videokonferenzlösung jetzt haben, und erst Frau Rau machte mich am Vortag darauf aufmerksam. Also am Donnerstag bei Twitter in die Runde gefragt, und schon bot eine waschechte Literaturwissenschaftlerin an, vorzulesen, und tat das auch, über Video, und beantwortete Fragen zu den Texten und zu Studium und Literaturwissenschaft und zu Uni und zu Doktorarbeiten, was halt so aus der Klasse kam. Das war schön. Eine Schülerin, die zu Hause geblieben war, sah von dort aus zu.

(Selber las ich kurz bei meiner 12. Klasse, aber das zog nicht so recht. Sehr erfolgreich dagegen in meiner 8. Klasse, in und auf Englisch, wo ich die Anfänge von Roddy Doyle, The Giggler Treatment und Neil Gaiman, Coraline präsentierte. Den Doyle vorzulesen macht wirklich selber sehr großes Vergnügen.)

5 Antworten auf „Fachsitzungen, literarische Detektivarbeit, Online-Vorlesen“

  1. Hmm, ich bin zwar gerade erst aus der DNB rausgewechselt, aber dort gibt’s laut Katalog eine Ausgabe der Urfassung von 1818. Wir könnten ja mal den neuen Digitalisierung-on-demand-Service der Ex-Kolleg:innen ausprobieren.

  2. Grundsätzlich gute Idee… aber inzwischen, und eben gar nicht so lange, gibt es auch englische Ausgaben der Version von 1818, die sind vielleicht lesefreundlicher…

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