Moriturilyrik

Audioaufnahme:

Unten kann man mitlesen. Spaß und Husten gehabt während der Aufnahme. Ehrlich, beim Aufnehmen klang das total over the top, aber das Ergebnis selber klingt relativ zahm. Da hätte ich an einigen Stellen noch mehr aufdrehen können. Na, ich hab so schon den Monitor ziemlich vollgespuckt.

Der Unterschied zum Original ist natürlich der, dass Heinrich V mit in die Schlacht zieht, deshalb musste ich die vielen “wir” und “uns” im Text ersetzen; außerdem geht es bei Shakespeare nur um Männer, auch das passt nicht.

Zaghafte Lehrkraft: —— O hätten wir nun hier
Nur ein Zehntausend von des Landes Lehrern,
Das heut ohn Arbeit ist!

Das Ministerium: ————— Wer wünschte so?
Die kleine Lehrkraft? – Ach, nein, beste Lehrkraft:
Zum Tode ausersehn, seid ihr genug
Zu unsrer Bildung Schwund; und wenn ihr lebt,
Je kleinre Zahl, je größres Ehrenteil.
Wie Gott will! Wünsche nur nicht einen mehr!
Beim Zeus, ich habe keine Gier nach Gold
Noch frag ich, wer auf meine Kosten lebt;
Mich kränkts nicht, wenn sie meine Kleider tragen;
Mein Sinn steht nicht auf solche äußre Dinge:
Doch wenn es Sünde ist, nach Ehre geizen,
Bin ich das schuldigste Gemüt, das lebt.
Nein, Lehrkraft, wünsch mehr Lehrer nicht von mir;
Bei Gott! ich geb um meine beste Hoffnung
Nicht soviel Ehre weg, als ein Mann mehr
Euch würd entziehn. O wünsch nicht einen mehr!
Ruf lieber aus im Lande, Lehrkraft, du,
Dass jeder, der nicht Lust zu lehren hat,
Nur hinziehn mag; man stell ihm seinen Pass
Und stecke Reisegeld in seinen Beutel:
Ihr wollet nicht in des Gesellschaft sterben,
Der die Gemeinschaft scheut mit eurem Tode.
Das heutge Jahr heißt des Corona Jahr:
Der, so es überlebt und heim gelangt,
Wird auf den Sprung stehn, nennt man dieses Jahr,
Und sich beim Namen Covid 19 rühren.
Wer da am Leben bleibt und kommt zu Jahren,
Der gibt ein Fest am heilgen Abend jährlich
Und sagt: «Auf morgen ist Coronajahr!»
Streift dann den Ärmel auf, zeigt seine Narben
Und sagt: «Coronajahrs empfing ich die.»
Die Alten sind vergesslich; doch wenn alles
Vergessen ist, wird er sich noch erinnern
Mit manchem Zusatz, was in diesem Jahr er
Für Stunden hielt: dann werden eure Namen,
Geläufig seinem Mund wie Alltagsworte:
Herr Rau und Herr Mess, Tommdidomm, und Georg
Tobias, Rabenfroh, Againman, Zeiserl,
Bei ihren vollen Schalen frisch bedacht!
Von wack‘ren Eltern lernt das Kind die Märe,
Und nie von heute bis zum Schluss der Welt
Wird der Coronatag vorübergehn,
Dass man nicht euch dabei erwähnen sollte,
Euch wen’ge, wen‘ge, glückliche Geschwister:
Denn wer auch heut sein Blut für mich vergießt,
Der ist verschwistert, und der heutge Tag
Wird adeln seinen Stand (den Dienstgrad nicht).
In Ministerien des Staates Diener
Verfluchen einst, dass sie nicht hier gewesen,
Und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht,
Der mit euch lehrte im Coronajahr.

Originalübersetzung von August Wilhelm von Schlegel hier.

Ob es sinnvoll ist, die Schulen offen zu halten (mein Landkreis hat einen 7‑Tage-Wert von 240) und die Klassen nicht zu teilen, kann ich tatsächlich nicht beurteilen. Mulmig ist mir schon dabei, und zumindest geteilte Klassen hätte ich mir weiterhin gewünscht. Aber vielleicht ist die Wirksamkeit dieser Teilung auch nur Wunschdenken.

Kennengelernt habe ich die Szene über Henry V von und mit Kenneth Branagh. (Aber Data hat auch mal Henry V auf dem Holodeck gespielt.) Hier der Ausschnitt:

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Ein ähnliches Morituri-Gedicht ist “The Charge of the Light Brigade” von Tennyson, über die Schlacht bei Balaklava – Krimkrieg, Großbritannien gegen Russland, Kavallerie in einer militärisch aussichtslosen Aktion gegen Artillerie geschickt. Eklatante Fehlentscheidung, wohl schlichtweg Ignoranz oder Desinteresse oder halt ein Fehler; es ist viel darüber geschrieben worden. Sehr lebendig in der englischen Gedankenwelt, nicht zuletzt eben wegen des Gedichts von Tennyson (Wikipedia). “Cannon to the right of them, cannon to the left of them”, “All in the valley of Death rode the six hundred”.

Die Bilder stammen aus dem gleichnamigen Film, der Ton stammt aus dem Film-Soundtrack von Manfred Mann – aber gerade dieses Stück taucht im Film nicht auf, und vom ganzen Soundtrack gibt es bei imdb keine Spur, die nennen nur einige andere Lieder. Und auf Manfred-Mann-Discografien wird das Lied, da erste des Soundtracks, auch selten erwähnt. Kurios.

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Der Angriff der leichten Brigade fand übrigens an einem 25. Oktober statt, an St. Crispin, just wie Henrys Rede in Shakespeare (zur Schlacht von Azincourt). Um zwei Wochen verpasst.

Fußnote: Die Schlacht gab der englischen Sprache neben Balaklawa (Sturmhaube, Skimütze) auch den Cardigan (Strickjacke).

Vergleiche auch das Lied 5–4‑3–2‑1, ebenfalls von Manfred Mann: https://www.elyrics.net/read/m/manfred-mann-lyrics/5„4„3„2„1‑lyrics.html Und weitere Liedfassungen zu diesem historischen Ereignis gibt es natürlich auch.

Bei Wikipedia gesehen, dass es eine deutsche Nachdichtung von Theodor Fontane gibt, schau an:

Balaklawa

Der Angriff der Leichten Brigade

25. Oktober 1854
(Frei nach Alfred Tennyson)

»Eine halbe Meil’, eine halbe Meil’,
Auf Sattel und Schabracke,
Vor, in Sturmeseil’,
Vor, zur Attacke.
Zählt nicht der Kanonen Zahl,
Hinein, hinein ins Todestal …«
(Alle hören’s verwundert)
»Vorwärts, Leichte Brigade, vor« -
Und hinein ins Feuer- und Höllentor
Reiten die Sechshundert.

Leichte Brigade, der Siegespreis
Ist heute hoch, ist heute heiß,
Aber kein Murren, nicht laut, nicht leis,
Keines, obwohlen ein jeder weiß,
’s ward irgendwo geblundert -
Vorwärts; sie fragen und zagen nicht,
Vorwärts; sie wanken und schwanken nicht,
Vorwärts, gehorchen ist einzige Pflicht,
Ins Todestal,
In voller Zahl,
Reiten die Sechshundert.

Vorwärts! Kanonen rechts und links,
Kanonen in Front , gewärtig des Winks,
Selbst die Feinde sehen’s verwundert.
Schrapnell und Kartätschenschuss,
Todesgruß und Todeskuss,
Falle, was da fallen muss,
In den Höllenrachen, ins Todestal,
Noch voll in Zahl,
Reiten die Sechshundert.

Säbel heraus! Die Klingen fein
Blinken und blitzen im Sonnenschein,
Und die Leichte Brigade, nun ist sie hinein,
Fast über sich selber verwundert;
Ihre Säbel, in Rauch und Pulverqualm,
Singen manch einem den letzten Psalm,
Aber endlich, aus Qualm und Rauch
Und ermattet bis auf den letzten Hauch,
Abgejagt und abgehetzt,
Müssen sie rückwärts, rückwärts jetzt -
Nicht mehr Sechshundert.

Kanonen rechts, Kanonen links,
Kanonen im Rücken, gewärtig des Winks;
Verdoppelt jetzt Salv’ um Salve kracht,
Rückwärts, rückwärts wogt die Schlacht,
Und wen es aus dem Sattel schoss,
Den Reiter zertritt sein eigen Ross,
Das Fahnentuch mit flatterndem Band
Geht schon in dritt’ und vierte Hand,
Ist zerschossen und zerzundert,
Der Tod mäht rascher von Schritt zu Schritt,
Leichte Brigade, was bringst du noch mit?
Dein Siegesritt war ein Todesritt,
Ein Todesritt der Sechshundert.

Wird je verblassen euer Ruhm?
Nimmer. Ihr strahlt in Heldentum,
Und die Welt, sie staunt und wundert.
Hoch unsre Balaklawa-Schlacht,
Und die Leichte Brigade, die’s gemacht,
Hoch die Sechshundert!

Theodor Fontane

“’s ward irgendwo geblundert”, nun ja. Fontane mochte solche Themen, siehe auch “Das Trauerspiel von Afghanistan” um den ersten Anglo-Afghanischen Krieg und den Marsch von 3000 indischem Militärpersonal und 12000 britischen Zivilisten aus dem verlorenen Kabul, von denen einer allein das Ziel Dschalalabad erreichte. (Berühmtes Gemälde dazu.) Ich finde es schön, wie einfach damals noch Gedichte nachgedichtet werden könnten.

7 Antworten auf „Moriturilyrik“

  1. Es scheint offenkundig, was diese Kamikaze-Regelung begründet: Ein reiner Distanzunterricht ist auf Regierungssicht politisch nicht vermittelbar und technisch auch nach einem halben Jahr Pandemie weder auf der Lehrer- noch auf der Schülerseite umsetzbar. Mit einer Schichtunterichtlösung entgleist auch dieses Schuljahr wieder auf der organisatorischen und juristischen Seite (Prüfungen). Bleibt also nur der “Regelbetrieb”. Im Corona-Jahr fangen Witze so an: Diskutieren Politiker und Juristen mit einem Virus…

  2. Mulmig, oh ja.
    Wir haben jetzt (erst) den ersten “positiven Fall” (Schülerin). Anweisung des Gesundheitsamts (BW): Alle (!), d.h. die Mitschüler:innen und Lehrkräfte der Klasse, sind als Kontaktperson zweiten (!!) Grades anzusehen. Begründung: Maskenpflicht & Lüften reichen ja.
    Wörtlich: “Durch die von den betroffenen Personen, sowie der Schule getroffenen Vorkehrungen ist eine Ansteckung jedoch gering. […] Die Schule darf weiterhin besucht werden!”
    (alle Satzzeichen originalgetreu)
    Ick freu mir und werde weiterhin FFP2-Masken selber kaufen – mal sehen, ob ich sie von der Steuer als Arbeitsmaterialien absetzen kann.
    Weiterlächeln…

  3. Ich so:
    “Maorilyrik…äh? Was? Nö. Was steht da?”
    Und weiter unten:
    “Baklava?”
    Na gut, der zweite Verleser ist meiner Fresslust geschuldet.

  4. Vielen Dank für diese wunderbare Umdichtung, ich hatte zeitweilig wirklich Gänsehaut. Am Lautesten gelacht bei “den Dienstgrad nicht”:-).
    In Augsburg gibt es übrigens ab morgen wieder geteilte Klassen, zumindest an den Stadtschulen. Ich wünsche uns allen gutes Durchhalten durch diese größte Farce im Schulsystem seit Langem.

  5. >Baklava
    Schrieb ich auch regelmäßig, ist mir halt doch vertrauter.

    >ich sag‘s gleich, ich bin sehr anfällig für derlei Rhetorik.
    Ich übrigens auch. Ich tu mir schwer, Henry oder auch das Ministerium völlig zu verdammen. Man ist ja doch irgendwie nicht völlig ungern Bollwerk, und Dienstpflicht und so.
    Tennyson-Foto: Nein, kannte ich nicht, danke. (Muss mal wieder Flashman lesen, da kommt viele meines historischen Wissens wer. Auch bei Balaklava war er natürlich dabei.)

    >Am Lautesten gelacht bei “den Dienstgrad nicht”
    Ist witzig, aber ich sehe – dichterisch – die Stelle skeptisch. Sie fällt halt heraus. Ach, ich wusste einfach nicht, wohin ich will.

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