Alles über: den Notenschluss

Weil eine Klasse heute fragte, hier ein Überblick.

Am bayerischen Gymnasium gibt es ein Jahreszeugnis, und mehr oder weniger kurz davor einen Notenschluss. Der Notenschluss ist ein Termin, um den ich mir als Schüler nie einen Gedanken gemacht habe, glaube ich; aber heute ist er Schülern und Schülerinnen sehr bewusst. Dabei wissen sie ihn meistens nicht, denn dieser Termin soll ihnen nicht mitgeteilt werden – aus historischen Gründen, glaube ich mal, ein guter Grund dafür fällt mir sonst nicht ein.

Es gibt keinen zentral vorgegeben Notenschluss, das heißt, jede Schule legt ihren eigenen Notenschluss fest. Das ist der Termin, zu dem alle Lehrkräfte ihre sämtlichen Einzelnoten eingetragen haben – früher auf Papier, heute an einem Rechner – und zu dem sie sich entschieden haben, welche Note in ihrem Fach im Zeugnis stehen soll. Manchmal gibt es zudem hausinterne Ausnahmen und Sonderregeln, auch wieder aus historischen Gründen und nicht wirklich legitimiert, aber das sind dann eher so randständige Fächer, bei denen die Notenbildung fürs Kollegium ohnehin nur mäßig transparent ist.

Dieser Termin ist aber manchmal nur ein frommer Wunsch. So wie Schüler und Schülerinnen ihre Aufgaben nicht rechtzeitig erledigen, kommt es immer wieder vor, dass Lehrkräfte diesen Termin nicht einhalten. Dann muss man denen hinterherlaufen und sich verschiedene Erklärungen anhören. So oder so beginnt die Klassleitung aber zu diesem Zeitpunkt, das vorläufige Zeugnis zu erstellen. Vorläufig heißt: die Noten können sich immer noch ändern: es können weitere Einzelnoten hinzukommen, und auch sonst kann sich die endgültige Note ändern. Denn: Die Zeugnisnote wird erst durch eine Sitzung der Klassenkonferenz festgelegt.

Das sind Sitzungen, etwa eine Woche nach Notenschluss, auf Basis der vorläufigen Zeugnisse. Stimmberechtigt sind alle Lehrkräfte, die in der Klasse eingesetzt sind, also Deutsch, Englisch, Mathematik, aber auch katholische und evangelische Religion, Ethik, Sport männlich und weiblich, sprich: die stimmen auch ab über Schüler:innen, die sie gar nicht kennen. Meist sind so zwölf bis achtzehn Lehrkräfte in einer Klasse, je höher und gemischter die Klasse, desto mehr. Davon muss mehr als die Hälfte anwesend sein (oder reicht die glatte Hälfte? ich müsste nachschauen), damit die Konferenz Entscheidungsfreiheit ist. Da immer mehrere solcher Sitzungen gleichzeitig stattfinden, kann es geschehen, dass in einer Klassenkonferenz nicht genügend Lehrkräfte sind. Dann geht man in die anderen Räume und ruft: „Ist hier noch jemand für die 9b? Wir brauchen noch zwei Leute.“ Und dann geht halt jemand aus der 8b-Konferenz, der auch in der 9b eingesetzt ist, zu der hinüber. (Oft kann man wählen, zu welcher Konferenz man geht. Dann nimmt man die, wo es wichtiger ist.)

Worüber die Konferenz abstimmt: Vor allem über die Zeugnisnoten. Meistens wird der ursprüngliche Notenvorschlag übernommen, aber bei Noten in einem Grenzbereich kann man sich immer so oder so entscheiden, und das sollte nachvollziehbar sein für die Kollegen und Kolleginnen. (Deshalb auch die Einzelnoten.) Ich habe da schon sehr barocke Regelungen erlebt, was auf Wunsch der Schulleitung wie warum begründet werden muss, aber das sind Details, die ich hier nicht schreiben kann. Besonders wichtig ist das natürlich immer dann, wenn es um die Noten 5 oder 6 und Nichtbestehen geht.

Theoretisch kann aber auch nach der Klassenkonferenz eine Note noch geändert werden, einfach indem die Konferenz noch einmal für zehn Minuten konferiert, etwa in einer Pause. Das habe ich auch schon erlebt, bei neuen Erkenntnissen, Attesten, sicher nur bei wichtigen Sachen.

Über das endgültige Bestehen und Nichtbestehen des Schuljahrs, aber nicht über die Noten, entscheidet dann die Gesamtkonferenz. Was genau das heißt, weiß ich nicht – heißt das, die Gesamtkonferenz entscheidet doch über Noten, aber halt nur, wenn diese das Vorrücken verhindern? So macht es die Praxis; die Schulordnung drückt sich mitunter etwas unklar aus.

11 Antworten auf „Alles über: den Notenschluss“

  1. Da bin ich aber im Nachhinein noch froh, dass es an den Mittelschulen viel praktikabler geregelt ist. Dort ist es zwar mehr Arbeit für die Schulleitung, die Noten und Zeugnisse kontrolliert. Die Kolleg*innen sind entlastet, ohne die langwierigen Konferenzen.

  2. Weil Schulsystem und Eltern Jahr für Jahr an der Konditionierung der Schülerinnen und Schüler bezüglich der Ziffernnote arbeiten, ist aus den Noten ein Fetisch geworden. Die Konditionierung bewirkt bei den älteren Schülerinnen und Schülern, dass mit “Notenschluss” eine Art Maurerreflex einsetzt, der das Unterrichten “ohne Notendruck” erheblich erschwert. Reflexartig dann die Reaktion auf der Lehrerseite: Videos, wenn’s gut geht, ein Projekt, dies mit der Folge, dass Projekte aus Schülersicht entwertet werden, weil es darauf keine Noten mehr gibt. Dafür muss dann ein P‑Seminar in der Oberstufe diese verfehlte Pädagogik aus der Mittelstufe kompensieren…

  3. Mich würde interessieren, ob es üblich ist, den Schülern vor der Zeugnisvergabe die beabsichtigten Noten mitzuteilen. Und wenn ja, hätten sie dann ein (gut zu begründendes) Einspruchrecht?

  4. Beabsichtigte Noten vor dem Zeugnis mitteilen: Nein, das ist nicht üblich, denke ich, kommt aber sicher immer wieder mal vor. Oder zumindest früher, da war vieles laxer, als ich das heute kenne. Das als endgültige Noten mitzuteilen, wäre meist unklug, eben weil sich noch etwas ändern kann. Ein Einspruchsrecht in irgendeiner Form sehe ich so oder so nicht. Gegen das Vorrücken oder Nichtvorrücken kann man Widerspruch einlegen, da könnte man ganz vielleicht als Argument anführen: “Die muss sich böswillig umentschieden haben, weil” oder “So definitiv kann die Entscheidung nicht gewesen sein, weil es ja vorher hieß”. Das allein als Argument schein mir aber sehr dünn zu sein.

    Ausnahmen gibt’s immer: Wenn es für einen Schüler oder eine Schülerin besonders wichtig wäre, die Note vorher zu erfahren, würde ich das machen.

  5. Danke für die Erläuterung. Ich habe meine gesamte Gymnasialzeit in jedem Fach vor jedem Zeugnis gewusst, welche Zensuren mich erwarten. Das hat man uns in jedem Fach vor der gesamten Klasse mitgeteilt. Allerdings ist das lange her war in einem anderen Bundesland. Gelegentlich kamen Einsprüche, wenn z. B. der mündliche Beitrag vom Lehrer anders eingeschätzt wurde und man der Meinung war, ein bestimmter Mitschüler (oder man selbst) habe eine bessere Note verdient. Auch umgekehrt wurden zu gut ausfallende Noten von den Mitschülern nach unten korrigiert. Ob das alles vor oder nach den Zeugniskonferenzen war, weiß ich nicht; so viel Einblick hinter die Kulissen hatten wir damals natürlich nicht. Aber ich habe in Erinnerung, dass die Lehrer durchaus unseren Argumenten folgten, zumindest immer dann, wenn unsere Argumentation offenbar stichhaltig war und es sich nicht um das rein rechnerische Zusammenzählen von Zensuren aus den Klassenarbeiten handelte. Im zeitlichen Abstand denke ich, dass diese Schose eine Spezialität unserer Schule war. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der Gleiches aus seiner Schule berichtet. Viele meinen, dass ja Chaos ausbrechen würde, wenn man mit den Schülern jede Zeugnisnote im Vorfeld diskutieren müsste, oder dass ja jeder versuchen würde, für sich eine bessere Zensur herauszuschlagen. Das war aber nicht der Fall. Die Notenvorstellungsrunden gingen in den meisten Fällen kommentarlos ab, weil man lernte, sich und andere realistisch einzuschätzen. Wie sich das Ganze aus Lehrersicht darstellte, ist allerdings eine ganz andere Frage. Dazu kann ich nichts sagen, ich kenne ja nur die Schülerseite.

  6. Dass die Noten ausgerechnet werden, ist eine bayerische Spezialität, die die anderen Bundesländer durchaus mit Skepsis und Erinnerungen an Mathematik-Vorlesungen abgelehnt wird. (Aber auch in Bayern wird offiziell die Note nicht errechnet, de facto schon.) Wenn anderswo nicht gerechnet, sondern pädagogisch gefühlt wird, kann man dem Gefühl auch schlechter widersprechen, so dass da vielleicht auch gar nicht die Klassenkonferenz für Noten zuständig ist? Dann kann man die Noten leichter vorher mitteilen.

    Ich war ein recht guter Schüler und die haben sich damals nicht besonders für Noten interessiert. Vermutlich sind sie uns damals auch laut vorgelesen worden, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen zu fragen, was ich im Zeugnis kriegen würde. War ja auch nicht so wichtig.

    Mitarbeitsnoten wie in anderen Bundesländern gibt es in Bayern nicht, das kommt hinzu. Es gibt, theoretisch, klare Noten für klare Leistungen, die den Schülern und Schülerinnen zeitnah mitgeteilt werden, theoretisch. So können sich alle ohnehin ihren Schnitt ausrechnen. De facto sind Lehrkräfte da oft schlampig.

  7. In meiner Schule (Ba-Wü), 86–95, war es auch üblich, dass vor der Notenkonferenz die einzelnen Noten vor der Klasse mitgeteilt wurden, inklusive der schriftlichen und mündlichen Einzelnoten, auf denen sie beruhten. Die mündlichen Noten waren oft eine Überraschung (woher haben Sie drei mündliche Noten, ich habe mich doch nie gemeldet, etc.).

    Man konnte dagegen argumentieren, das geschah dann aber nicht vor der Klasse sondern bilateral in der Pause. Ich hab es einmal versucht, erfolgreich.

    Ich fand diese Praxis als Schülerin ganz gut.

  8. >woher haben Sie drei mündliche Noten, ich habe mich doch nie gemeldet, etc.
    Jaaaaa.…. theoretisch müsste man, hier eben, diese Noten recht bald nach dem Erteilen mitteilen. Dann kann es auch keine Überraschungen geben. Nach jeder solcher Note kann man theoretisch nachfragen, wiesoundwarum und dasseheichanders, aber Lehrkräfte ermutigen nicht dazu.

  9. Die Gesamtkonferenz entscheidet nicht über Bestehen und Nichtbestehen, sondern nur über das Nichtbestehen. Klingt spitzfindig, heißt aber: Wenn Klassenkonferenz 5x 4,59 auf 4 festgelegt hat, kommt der/die Kandidat*in durch und die Gesamtkonferenz keine Entscheidungsbefugnis. Diese hat sie nur, wenn die Klassenkonferenz das Nichtbestehen entschieden hat.

  10. Danke für die Klarstellung!

    (Und dennoch, wir sprachen schon darüber, hadere ich immer noch damit, dass die Klassenkonferenz die Note festlegt und die Gesamtkonferenz über das Nichtbestehen – dass das dann auch heißt, dass die Note eben doch geändert wird, hätte ich gerne expliziter. Aber soll sein, soll sein.)

  11. Da reden wir jetzt über verschiedene Bundesländer. In Niedersachsen entscheidet die Klassenkonferenz über Versetzung und Nichtversetzung. Das wissen aber die wenigsten und erwähnen nicht, welche Schülerinnen und Schüler versetzt sind. Hier gibt es auch, anders als in Bayern, mündliche Beteilungungsnoten und die Noten werden den Schülerinnen und Schüler durchaus vorher mitgeteilt, was natürlich unter Umständen zu Diskussionen führen kann. In den Zeugniskonferenzen wird nicht mehr über Noten diskutiert. Die liegen fest. Was ich befremdlich finde, ist, dass es keine festen Termine für die Konferenzen gibt. Bei uns sind die an zwei Tagen und eine nach der anderen, so dass auch alle Kolleginnen und Kollegen teilnehmen können. Ist aber natürlich anstrengend.

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