Michael Maar, Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur

Ein Buch, das man Deutschlehrkräften schenkt, habe ich mir sagen lassen. Meine Mutter hatte ein bisschen hineingelesen und es dann an mich weitergegeben (ebenso wie bei und zusammen mit Matthias Heine, Krass. 500 Jahre deutsche Jugendsprache, das sich zumindest wegen der Ausführung zur Studentenszene in Deutschland zum Anfang des 19. Jahrhunderts gelohnt hat, über die ich zu wenig wusste).

Der Hauptteil des Buches besteht darin, dass Michael Maar Autoren und Autorinnen der deutschprachigen erzählenden Literatur mit ausgewählten Werken und Passagen vorstellt und jeweils als Beispiel für gelungenen Stil präsentiert. Stil ist für ihn etwas, das vom Plot losgelöst ist und das tendenziell – und eher sogar: möglichst – unverwechselbar ist. Guter Stil ist: kaum zu beschreiben, kaum zu erklären. Man fühlt es halt, oder, aber das bleibt unausgesprochen, man fühlt es eben nicht. Das gibt es überhaupt immer wieder bei Maar, dieses: “man kann es schlecht begründen, aber man merkt es sofort.” Einmal sogar ein: “Das ist so gut, das lässt sich gar nicht zitieren”, das mich an Werthers Überzeugung erinnert, gerade als Maler am größsten zu sein, wenn er nicht malt, sondern nur empfindet. Vermutlich hat Maar sogar recht damit, dass es sich nicht erklären lässt. Aber in meinem Starrsinn, und weil ich weder Dichter noch Feuilletonist bin, halte ich es für schlecht, es nicht einmal zu versuchen. (Vielleicht liegt es auch daran, dass man beim Erklären genau hinschauen muss? Mindestens zweimal unterlaufen Maar grobe Fehler, wenn er einmal einen Vers von Kleist, einmal einen von Unica Zürn als fehlerhaft moniert, der das mitnichten ist.)

Dennoch: Ich habe das alles sehr gerne gelesen. Gotthelf, “Die schwarze Spinne” und Perutz, Nachts unter der steinernen Brücke gleich zum Wiederlesen herausgekramt, Der schwedische Reiter (auch Perutz) und Stopfkuchen von Wilhelm Raabe zum Neulesen; die Novelle “Der Baron Bagge” von Alexander Lernet-Holenia, den ich bisher nur aus Torberg-Anekdoten kannte, habe ich gleich mal währenddessen gelesen. Da war insgesamt viel Wiedererkennens und Entdeckens dabei. Und lesen muss ich das ja, sonst ist die Lektüre eines solchen Literaturüberblicks ja nur eine Stufe über dem zufriedenen Auf- und Abblicken entlang fremder oder gar eigener Bücherregale.

Diesem Hauptteil vorangestellt sind zwei längere Abschnitte zu, hm, Grundwissen bei der werkimmanenten Textinterpretation? Stilmittel und Stildefinition und Satzbau und Wortarten solche Sachen; die Details habe ich vergessen. Im Anschluss an den Hauptteil kommt ein Exkurs zu Lyrik und ein Exkurs zur Darstellung von erotischen Szenen in der erzählenden Literatur. Das wirkt ein bisschen willkürlich. Ist schon interessant, aber warum ausgerechnet das und nicht das Wetter in der Literatur, oder Möbel? Vermutlich ist es nur mein Ordnungssinn, der mir ein ordentlicher aufgeräumtes Buch vorhält, oder ein durcheinanderes.

Wenigstens hatte ich dieses Buch auf dem 80. Geburtstag in der Familie dabei und konnte ein wenig entgegenhalten, als die Nichte – Ende der sechsten Klasse, sprachlich tatsächlich sehr begabt – einen kleinen gelben Reclam-Faust zückte und konzentriert darin las. Darauf gebracht hatte sie das Jugend-Sachbuch Theater! von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi (Amazon).

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