Herr Buddenbohm zitiert die Baufortskala, die zur Beschreibung der Windstärke dient, „weil sie so schön klingt, nahezu lyrisch“. Und recht hat er. Auf Wikipedia kann man ihre Geschichte nachlesen und die Formulierungen dazu. Interessant sind speziell die Beschreibungen der beobachtbaren Wirkungen an Land, die zur Einteilung führen:
Windstärke 8
große Bäume werden bewegt,
Fensterläden werden geöffnet,
Zweige brechen von Bäumen,
beim Gehen erhebliche Behinderung,
Windstärke 9:
Äste brechen, kleinere Schäden an Häusern,
Ziegel und Rauchhauben werden von Dächern gehoben,
Gartenmöbel werden umgeworfen und verweht,
beim Gehen erhebliche Behinderung
Diese lapidare erhebliche Behinderung! Diese spitzbubenhafte Verwehung bürgerlicher Gartenmöbel! (Dann doch irgendwie verständlich, da es ja immer um leicht beobachtbare Phänomene geht.)
Windstärke 10:
Bäume werden entwurzelt,
Baumstämme brechen,
Gartenmöbel werden weggeweht,
größere Schäden an Häusern
Die Gartenmöbel-Saga geht weiter!
Windstärke 11:
heftige Böen, schwere Sturmschäden,
schwere Schäden an Wäldern (Windbruch),
Dächer werden abgedeckt, Autos werden aus der Spur geworfen,
dicke Mauern werden beschädigt, Gehen ist unmöglich
Das kam mir stilistisch sehr bekannt vor, und ich verglich:
Weltende
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten — liest man — steigt die Flut.Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
Dieses berühmte Gedicht von Jakob van Hoddis (von den Nazis umgebracht) stammt aus dem Jahr 1911. Bisher habe ich das ja immer mit der Edda verglichen:
Hrym fährt von Osten, es hebt sich die Flut;
Jörmungandr wälzt sich im Jötunmute.
Der Wurm schlägt die Brandung, aufschreit der Adler,
Leichen zerreißt er; Naglfar wird los.Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft.
Aber der Vergleich mit der Beaufortskala drängt sich noch mehr auf. Die moderne Fassung der Skala entstand 1906, und sei laut Wikipedia „in zahlreiche Wörterbücher und Enzyklopädien aufgenommen worden.“ Hoddis hätte sich daran bedienen können. Ich muss wohl ein Konversationslexikon auftreiben, das um das 1910 erschienen ist, und nachschauen, was da wirklich steht.
Denn die im Wikipedia-Beitrag verlinkten Formulierungen des Deutschen Wetterdienstes sind knapper, und die Weltende-Assoziation stellt sich weniger ein: https://www.dwd.de/DE/service/lexikon/Functions/glossar.html?nn=103346&lv2=100310&lv3=100390
Die tatsächliche Quelle der schönen Formulierungen ist, natürlich auch im Wikipedia-Beitrag verlinkt, ein Beitrag bei Heise online: https://www.heise.de/hintergrund/Zahlen-bitte-13-Stufen-des-Windes-Die-Beaufort-Skala-9809848.html. Und der nennt keine Quelle.
Irgendwo an einem Ende der Beaufort-Skala müssen Dichter oder Dichterinnen ihr Unwesen treiben, so oder so.
Nachtrag: @Zockbursche schlägt auf Mastodon vor:
Andersrum: Poesie in Beaufortskala messen.
Poesiestärke 10: Gemüter werden stark bewegt, Mauern im Kopf eingerissen. Gähnen ist unmöglich.
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