1. Ein Notenkommentar für 11 Punkte
Ein geeigneter Kommentar unter einem Deutsch-Abitur, das mit 11 Punkten bewertet wurde, sieht so aus:
Die Aufgabenbearbeitung zeigt eine differenzierte, textnahe und funktionale Analyse und Deutung des Gedichts von $AUTORIN hinsichtlich wesentlicher inhaltlicher, formaler sowie sprachlicher Elemente, ein darauf aufbauendes, schlüssig begründetes, fundiertes sowie aspektreiches Textverständnis, einen hinsichtlich relevanter Aspekte differenzierten Vergleich beider Gedichte.
Die Aufgabenbearbeitung zeigt eine stringente und gedanklich klare, aufgaben- und textsortenbezogene Strukturierung, das bedeutet eine Darstellung, die die Vorgaben der geforderten Textform bzw. Textsorte sicher und eigenständig umsetzt, eine Darstellung, die die primäre Textfunktion berücksichtigt (durch den klar erkennbaren Ausweis von Analysebefunden und ihre nachvollziehbare Verknüpfung mit Interpretationsthesen), eine erkennbare und schlüssig gegliederte Anlage der Arbeit, die die Aufgabenstellung und die Gewichtung der Teilaufgaben berücksichtigt, eine kohärente und eigenständige Gedanken- und Leserführung.
Die Aufgabenbearbeitung zeigt eine sichere Verwendung der Fachbegriffe.
Die Aufgabenbearbeitung zeigt eine angemessene sprachliche Integration von Belegstellen im Sinne der Textfunktion, ein angemessenes, funktionales und korrektes Zitieren bzw. Paraphrasieren.
Die Aufgabenbearbeitung zeigt einen der Darstellungsabsicht angemessenen funktionalen Stil und stimmigen Ausdruck, präzise, stilistisch sichere, lexikalisch differenzierte und eigenständige Formulierungen.
Die Aufgabenbearbeitung zeigt eine sichere Umsetzung standardsprachlicher Normen, d. h. eine annähernd fehlerfreie Rechtschreibung, wenige oder auf wenige Phänomene beschränkte Zeichensetzungsfehler, wenige grammatikalische Fehler trotz komplexer Satzstrukturen.
Das weiß ich, weil solche Formulierungshilfen in den Abiturhinweisen für Lehrkräfte enthalten sind. In dieser Ausführlichkeit ist das neu. Im ersten Absatz des Kommentars geht es um die Verstehensleistung (70% der Note), die weiteren fünf Absätze betreffen verschiedene Aspekte der Darstellungsleistung (30% der Note); wir sind nämlich gehalten, Verstehens- und Darstellungsleistung getrennt auszuweisen.
2. Vorteile dieser Formulierungen
Das ist schon nicht unpraktisch. Beim Notenfinden überlege ich mir nämlich wirklich, ob „eine erkennbare und schlüssig gegliederte Anlage der Arbeit, die die Aufgabenstellung und die Gewichtung der Teilaufgaben berücksichtigt,“ vorliegt oder nicht. Wenn nicht, dann spricht das für keine 11 Punkte. Gibt es „eine im Ganzen noch schlüssig gegliederte Anlage der Arbeit, die die Aufgabenstellung und die Gewichtung der Teilaufgaben ansatzweise berücksichtigt,“ dann sind das mindestens 5 Punkte.
3. Abwandlungsgedanken
Ich stelle mir das so vor, dass man bei den einzelnen Kriterien (es sind 3 beim Verstehen und 14 beim Darstellen) jeweils ein „meistens“ ergänzen kann, um es etwas abzuschwächen, oder „besonders“, wann man es aufwerten möchte. So erhält man dann 12 oder gar 13 bis 15 Punkte beziehungsweise 10 oder gar 9 bis 8.
Es gibt auch Beispieltexte für 5 Punkte, aus denen kann man dann auch Formulierungen für 6 oder 7 beziehungsweise 4 und weniger Punkte ableiten kann.
So hilfreich diese Formulierungen bei der Entscheidungsfindung vielleicht sind: Inhaltlich sind sie natürlich so generisch, dass sie zu jedem Gedichttext passen, und das ist auch das Ziel, glaube ich: Bloß nicht konkret werden! Nach allem, was ich gelegentlich höre, wird bei eventuellen Gerichtsverfahren vor allem überprüft, ob die Begründung zu Note passt, nicht ob der Aufsatz zur Note passt. Ähnlich beim Kolloquium, der mündlichen Abiturprüfung, wo wir früher gehalten waren, konkret mitzuprotokollieren, was der Kandidat oder die Kandidatin gesagt hat – jetzt wird geraten, alles andere als das zu tun. Vielmehr schreibt man so Sachen wie „vollständig beantwortet“ oder „mit kleineren Lücken“, ohne aber zu sagen, worum es genau ging.
4. Verbotene Überlegungen
Das verführt mich alles dazu, mir einen Abiturkommentargenerator zu basteln. Man kreuzt bei den 17 Kriterien jeweils an, ob man die 11-Punkte-Formulierung, die 11-Plus- oder die 11-Minus-Formulierung möchte, ebenso stehen 5-Punkte, 5-Plus und 5-Minus zu Verfügung, und aus dem Ergebnis wird dann nach entsprechender Gewichtung die Endnote berechnet und der Text ausgegeben. Das wäre natürlich streng verboten, so vorzugehen!
Noch verbotener wäre es, am Anfang eine Note vorzugeben (etwa: 10 Punkte) und sich dann den passenden Text ausgeben zu lassen. Man könnte es auch so machen, dass man die Punkte vorgibt und dann die passenden standardisierten Kriterienformulierungen angezeigt werden, nur dass man die danach noch anpassen kann. Für jede Aufwertung muss man etwas anderes abwerten und umgekehrt, so dass es bei der gewünschten Note bleibt.
Da verbietet sich natürlich rechtlich und pädgogisch!
5. Fußnote
Früher gab es die Abituraufgaben und -Lösungen digital zum Download, über dienstliches Postfach. Nicht über ByCS, wo die Aufgaben mit großer Verspätung, gar nicht, ohne Lösungen oder nicht zum Download eingestellt werden! Dieses Jahr gab es das leider nicht mehr, schade. Urheberrecht oder Sorge um unzulässige Verbreitung? Muss ich halt wieder die Papierlösungen einscannen und speichern.
Nachtrag
Nur als prrof of concept, wie so etwas aussehen könnte:

In den Zellen B4, B6, B8 und B10 wählt man aus einem Dropdownmenü aus, in Zelle D2 erscheint der zusammengebaute und bereinigte Text, in Zelle D1 die Punkte, die man natürlich so rechnerisch ermitteln darf.
Die Texte für die Dropdownmenüs werden aus den folgenden Tabellenblättern bezogen, wo sie jeweils aus Präfix, Hauptteil und Suffix zusammengebaut werden.
Ausgeführt sind nur etwa ein Viertel der Kriterien, das würde dann schnell unübersichtlich werden; man müsste das also noch etwas umstellenn, denke ich.
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