Gelesen: Bernhard Spring, Folgen einer Landpartie (2010)

Das Buch ist ein Krimi oder wird jedenfalls als solcher verkauft: “Ein historischer Halle-Krimi” aus der Reihe TatortOst. Ich mag Krimis – Hammett und Chandler aus den einen, den englischen Whodunnit aus den anderen Gründen. Bei letzterem gibt es oft einen Mehrwert: Der klassische Krimi mit seinen Serienfiguren verlangt, dass die Figur in jeder neuen Geschichte an einen neuen interessanten Ort kommt oder in einem neuen Milieu arbeitet. Ich habe Krimis gelesen, die in der Briefmarkensammlerszene spielten, unter Comicsammlern, bei englischen Moriskentänzern, auf einer Buchhandelsmesse. Man kriegt immer so ein bisschen interessante Information mit.

Ein bisschen anders sind die Regionalkrimis. Die erschienen Mitte der 1980er an meinem Horizont. Frieder Faist, Schattenspiele (1984) war mein erster – spielte in meiner Heimatstadt Augsburg, ich erkannte viel wieder. Und zehn Jahre später oder so ging das mit dem Allgäu los. Da gibt es keinen Mehrwert in Folge eines neuen Milieus, nur Freude über das Wiedererkennen des bekannten – und wer nicht aus der Gegend stammt, für den ist vielleicht das das Interessante.

Dazu möchte ich auch die historischen Krimi gesellen. Die sind wie Regionalkrimis, nur in der Zeit. Da war sicher Umberto Ecos Der Name der Rose Auslöser für viele andere Bücher.

Folgen einer Landpartie ist ein historischer Krimi. Die Hauptperson und der ermittelnde Detektiv, wenn man so viel, ist der junge Joseph von Eichendorff, der eben als 17-jähriger Student in Halle eingetroffen ist. Später wird er einer der bekanntesten romantischen Schriftsteller werden, und das ist ja auch der Grund, warum er Hauptperson ist. Ähnliches gibt es in Das Erlkönig-Manöver von Robert Löhr aus dem Jahr 2007, wo Goethe, Schiller, Kleist und Konsorten spannende Abenteuer erleben.

Der junge Eichendorff, aus dessen Perspektive in 3. Person erzählt wird, ist als Ermittler uninteressant und unfähig. Am Ende fragt er sich selber: “Nun dämmerte es Eichendorff langsam. O nein, wie hatte er sich doch auf dem Irrweg befunden! Warum hatte er nicht schon viel zeitiger bemerkt, wer der eigentliche Täter war?” und wenige Zeilen darauf: “Natürlich! Wie hatte Eichendorff nur so blind sein können!” Das hatte ich mich beim Lesen schon lange zuvor gefragt. Und da fehlt mir dann doch der auktoriale Erzähler, der mir versichert, dass Eichendorff alles richtig macht oder eben wirklich äußerst nachlässig ist – an beidem könnte ich mich reiben. So fehlt diese Erzählinstanz als Autorität, und das stört mich. Selber beurteilen und werten ist schön und gut, aber mit einem starken auktorialen Erzähler liest man weniger allein.

Eichendorff handelt auch nicht. Er befindet sich zufällig zur Tatzeit als Gast auf einem Anwesen, auf dem jemand zu Tode kommt. Ja, er schaut sich den Tatort an, einmal, und findet dort etwas, aber das war es an Ermittlung. Er befragt eigentlich keine Zeugen, sucht keine Spuren, überführt keinen Täter und bildet sich dabei doch ein, den Fall zu lösen (nachdem er den Großteil des Buchs über sehr, sehr beschränkt denkt) – bildet sich überhaupt ein, dass es einen Fall gibt. Außer ihm und seinem Bediensteten Jakob glaubt nämlich niemand an ein Verbrechen, und niemand erfährt von Eichendorffs Verdacht, seiner Vermutung, seiner Lösung. Und das ist dann schon wieder reizvoll. Und das finde ich dann schon wieder sehr reizvoll, so dass ich mit dem Kriminalfall, wenn es den einen gibt (und Eichendorffs Datenbasis dafür ist tatsächlich sehr kümmerlich), halbwegs versöhnt bin. Umberto Ecos Krimi ist die Geschichte eines Irrtums, hier wird die Hypothese nicht mal mehr an der Realität überprüft.

Wir erfahren ansonsten Biographisches über den jungen Eichendorff (hat mich nicht interessiert) und immerhin ein wenig Zeitgeschichte, wenn auch genug für meinen Geschmack. Armut, Hunger, Prostitution, Juden, Napoleon, Ständeordnung, Theaterbau, Goethe, immerhin angerissen.

Wenn ich mal dazu komme, so in ein, zwei Jahren, will ich etwas über Manly Made Wellmans Kurzgeschichten-Serienhelden Silver John schreiben, der in den sehr ländlichen Appalachen mit einer Gitarre umherzieht und phantastische Abenteuer erlebt. In denen geht um authentische und dazuerfundende Folklore, Hexergestalten und Fabelwesen, und die Geschichten gefallen mir sehr gut. So etwas hätte ich gerne auf Deutsch, die Wahrheit über Lorelei oder die schöne Lau und den Blautopf und das Stuttgarter Hutzelmännlein. Gerne mit Eichendorff als Helden, oder Chamisso.

(Es gibt wohl einen weiteren Eichendorff-Krimi von Spring, dann wohl mit einem älteren Eichendorff.)

2 Antworten auf „Gelesen: Bernhard Spring, Folgen einer Landpartie (2010)“

  1. Guten Tag Herr Rau, vielen Dank für Ihre interessanten Gedanken zu meinem Buch, auf die mich mein Verlag aufmerksam gemacht hat. Erstaunlich, dass es den Weg in Ihre Hände gefunden hat, da es doch schon im Dezember 2009 erschienen ist. Der Roman war mein Debüt, umso dankbarer bin ich für Ihre milde Kritik. Viele Grüße und weiterhin viel Spaß mit der Krimilektüre!

  2. Das ist aber schön zu lesen!

    Dezember 2009 – ich bin ziemlich sicher über die Wikipedia-Seite zu Eichendorff darauf gekommen.

    “weiterhin viel Spaß mit der Krimilektüre!” Vielen Dank! Ich würde ja insbesondere gerne noch den zweiten Eichendorff-Krimi lesen – aber aus Platzgründen und nach Erfahrungen aus einem Umzug (noch muss ich Platz für etliche Kartons voller Bücher finden) lese ich dieses Jahr alles als E‑book. Und die Verschwundene Gräfin gibt es anscheinend gar nicht digital.

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