Terry Pratchett: Unveröffentlichtes und Gesammeltes

(9 Kommentare.)

Vor einer Weile gab es für wenig Geld – waren es 50 Euro? – fast das ganze Werk von Terry Pratchett als epub, oder jedenfalls ohne DRM, zu kaufen. Also nicht nur die Scheibenweltromane, sondern auch späte Kooperationen und die weniger bekannten Romane, und insbesondere einige Sammlungen mit Werken aus Pratchetts Jugendzeit oder den frühen Jahren als Journalist. Die muss man alle nicht lesen, aber ich habe es getan und halte hier meine Notizen fest.


A Blink of the Screen

(Gesammelte regulär veröffentlichte Kurzprosa, 1963 bis 2009, teilweise aus der Scheibenwelt, teilweise nicht.)

Rincemangle, the Gnome of Even Moor (1973)

Diese Geschichte hat mich an die erste Episode von Gravity Falls und an Gremlins 2 erinnert. Es gibt eine Menge Gnome, die in einem Kaufhaus leben und es sich dort behaglich gemacht haben; sie müssen allerdings fliehen und machen das mit einem LKW, den sie lenken in Form eines wackeligen Konstrukts von aufeinander stehenden Gnomen. Hat Pratchett dann wohl später zu Truckers erweitert, das ich aber nicht gelesen habe.

The High Meggas (1986)

Wenn sich die Scheibenwelt-Geschichten nicht als so erfolgreich herausgestellt hätten, wäre das hier vielleicht der Beginn einer Reihe gewesen, schreibt Pratchett. Das ist klassische, fast schon altmodische Science Fiction, insofern als sie neue Ideen präsentiert: Es gibt relativ einfache, preiswerte, batteriebetriebene Geräte, mit denen man in Parallelwelten springen kann. Immer nur so eine nach der anderen; die nächsten Nachbarn unterscheiden sich nur wenig von unserer Ausgangswelt (irgendwann in der nicht zu fernen Zukunft, etwa die Standardzukunft der Abenteuer-SF der 1940er Jahre), aber je nach Entfernung kumulieren diese Unterschiede, in einigen Kilos Entfernung it die Welt schon sehr anders, und nur wenige wagen sich in die Bereiche, in denen die Entfernung in Megas gemessen wird. Die menschenmeidende, legendäre Hauptfigur der Geschichte macht das, bekommt aber Besuch von zwei anderen Personen, von denen eine schurkisch ist und die andere nicht. Was für den Umgang mit diesen Nachbardimensionen angedeutet wird, klingt interessant: Rechtliche Probleme der Kolonialisierung und taktische des Nahkampfes.

Tatsächlich enthielt das Buchpaket auch fünf Bände der Long-Earth-Reihe, die Pratchett ab 2012 zusammen mit Stephen Baxter verfasste. Diese Reihe greift die Idee aus „The High Meggas“ wieder auf und macht tatsächlich eine Serie daraus. Habe ich aber nicht gelesen bisher.

Twenty Pence, With Envelope and Seasonal Greeting (1987)

Das klingt erst einmal launig: Die auf einer Weihnachtskarte abgebildeten Figuren werden sozusagen; es handelt sich um einen Bus voller Reisender in einer Winterlandschaft. Die Weihnachtskarte steht, englischem Brauch folgend, neben anderen Weihnachtskarten aufgeklappt oder angelehnt auf einem Kaminsims. Allerdings ist diese Welt der Weihnachtskarten und der dort abgebildeten Szenen, die ebenfalls quasi-lebendig werden, für die Reisenden völlig verwirrend, irrational, phantasmagorisch, sie gehorcht keinen ihren bekannten Regeln. Beschrieben ist das wie ein Lovecraftscher Albtraum aus einem grotesk unverständlichen Universum.

Hollywood Chickens (1990)

Aus der Kalauer-Konstruktionsbasis „Why did the chicken cross the road?“ macht Pratchett hier eine schöne Geschichte. Der Auslöser war wohl eine Notiz über einen Unfall auf einer Schnellstraße, bei der ein Haufen Hühner entkam und sich auf einem Stück unzugänglichen, weil von Straßen begrenzten Land niederließ.

Bei Pratchett pflanzen sich diese Hühner fort, entwickeln sich, entwickeln – wohl – eine eigene Kultur und Technologie, und versuchen die Straße zu überqueren. Experimente zeigen, dass das nicht so einfach ist; sie gehen zu Katapulten über und sehr viel moderner Technologie. Das alles ist aber von außen erzählt, aus Zeugenaussagen, die das Verhalten der Hühner ohne jegliche Phantasie lapidar kommentieren.

I don’t see why everyone’s so excited. So some kids fill an old trashcan with junk and fireworks and stuff and push a damn chicken in it and blow it up in the air … It’d have caused a hell of a lot of damage if it hadn’t hit one of the bridge supports on the far side. Bird inside got all smashed up. It’d got this cloth in there with strings all over. Maybe the kids thought the thing could use a parachute.

Wir erfahren nie, was in den Hühnern vorgeht, sie bleiben uns fremd und nichtmenschlich:

Yeah, well, maybe sometimes I used to take a chicken but there’s no law against it. Anyway, I stopped because it was getting very heavy, I mean, it was the way they were acting. The way they looked at you. Their beady eyes.

Am Schluss sind die Hühner unter Zurücklassung eines Artefaktes weg; beim Lesen denkt man sich etwas dazu, die Nachbarn und Beobachtenden bleiben weiterhin naiv: „It may have had some religious significance.“

Erinnert an den Film Chicken Run (2000).

Troll Bridge (1992)

Der gealterte Cohen the Barbarian, der in frühen Scheibenwelt-Romanen auftaucht, begleitet von einem sarkastischen Pferd, trifft auf den letzten Troll, der noch wirklich unter einer Brücke wohnt. Der erzählt ganz stolz seiner mäßig interessierten Familie, dass er bald vom legendären Cohen getötet werden wird, aber der hat keine Lust, uns sie unterhalten sich über das Altern und das Vergehen der Zeit.

Once and Future (1995)

Ein Zeitreisender ins frühmittelalterliche England hilft dazu, dass das Land den König kriegt, den es braucht. Das mit dem Schwert im Stein: läuft über Magnete. Es ist ein bisschen wie bei Mark Twain, der auch genannt wird: „I became a big man in the neighbourhood. It’s amazing the impression you can make with a handful of medicines, some basic science, and a good line in bull.“

Im Labor versucht er, Penicillin herzustellen; aus dem Handbuch des Zeitreisende von Kathrin Passig und Aleks Scholz wir, dass das ein häufiger Tipp für Zeitreisende, aber gar nicht so leicht ist.

The Sea and Little Fishes (1998)

Zu lang. Aber das hier notiert:

Many people could say things in a cutting way, Nanny knew. But Granny Weatherwax could listen in a cutting way. She could make something sound stupid just by hearing it.


Dragons at Crumbling Castle

(Geschichten aus der Bucks Free Press, 1966 bis 1973, aus der Kolumne „Children’s Circle“, geschrieben gleich im Anschluss an Pratchetts Schulzeit. Kleine absurde Märchen, mit Quasi-Kapiteln aus dem späteren Roman Carpet People.)

The Abominable Snowman (1969)

Das hier nur wegen der Lachenden Mönche:

Do you know, they reckon that there are 7,777,777,777,777 jokes in the world, and when they’ve all been told, the world will come to an end, like switching off a light. There’ll be no more need for it, see.”

Die gehen natürlich auf Arthur C. Clarke zurück, und wiederum abgewandelt erscheinen sie im Scheibenwelt-Roman Thief of Time.


A Stroke of the Pen

(Nach der Bucks Free Press arbeitete Pratchetts bei der Western Daily Press, hier sind die absurden geschichten aus dieser Zeit. „Strange things happen in Blackbury.“ Enthält Spuren des späteren Romans Strata.)

The Blackbury Jungle

Jemand kauft Samen für eine Gartenausstellung, pflanzt sie, über Nach ist das ganze Dorf in einen Dschungel verwandelt. Ich habe mir das nur notiert, weil ich das für die Schule mal als Erzählung (und demnach nur in der Unterstufe) verwenden möchte. Da kann das die Stadt oder das Schulgebäude sein, das zum Dschungel wird. Die Klasse sammelt gemeinsam Plots suchen und alle suchen sich einen aus:

  • alter Mann will wie Tarzan an der Liane schwingen
  • Kinder spielen verstecken
  • einer versucht herauszufinden, wo die Samen herkamen
  • einer entdeckt eine merkwürdige Frucht
  • usw.

Mr Brown’s Holiday Accident

Eine Variation auf Theodore Sturgeons sehr viel bekanntere Erzählung „Gestern war Montag“. In beiden Geschichten fallen Menschen aus ihrem Leben und landen hinter den Kulissen. Heute und Morgen sind nur Bühnen, die von Bühnenarbeitern jeweils hergerichtet werden; die Menschen sidn Schauspieler, die Zeit wird in Akten gemessen. In beiden Geschichten gelingt es dem Menschen, wieder in sein Leben, also das Theaterstück, zurückzufinden.


A Slip of the Keyboard

Gesammelte nichtfiktionale Texte, auch alte und kurze, teilweise sehr kurze – Leserbriefe und Reden und Vorworte für Convention-Begleithefte etwa. Wenn das Material chronologisch geordnet ist, merkt man, wie Pratchett sich gelegentlich wiederholt, Gedanken wiederverwendet, das ist nicht uninteressant.

Profitiert habe ich immer wieder davon, dass Pratchett die „consensus fantasy world“ hinterfragt – also die generischen Fantasywelt, an die wir alle denken bei Fantasywelten, mit Königreichen, Feudalismus, Hexen und Zauberern, Drachen, Trollen, Elfen, Zwergen, Gnomen, die sich alle so verhalten, wie sie das in dieser generischen Fantasywelt nun einmal tun. Pratchett hat nichts gegen Tolkien, aber gegen die vielen schlechten Nachahmer der 1980er Jahre und danach:

J. R. R. Tolkien has become a sort of mountain, appearing in all subsequent fantasy in the way that Mt. Fuji appears so often in Japanese prints. Sometimes it’s big and up close. Sometimes it’s a shape on the horizon. Sometimes it’s not there at all, which means that the artist either has made a deliberate decision against the mountain, which is interesting in itself, or is in fact standing on Mt. Fuji.


Über die Zukunft, zur angelegentlichen Bildanalyse in der Schule:

We expect the future to be like a huge wave, carrying us forward. We expect to see it coming. Instead, it leaks in around our feet and rises over our heads while we are doing other things. We live in a science fiction world, and we haven’t noticed.

Schön ist die Vorlesung „A Genuine Absent-Minded Professor“ (2010) an der Universität von Dublin, in der Pratchett viel von seinem Werdegang als Journalist erzählt. Während der Schule bewarb er sich für später bei der Bucks Free Press, aus dem später wurde ein gleich. Die Gestalten, an die er sich liebevoll erinnert, sind ebensolche Originale wie bei anderen Zeitungsanekdoten: Wie die Zeitungsbesitzer lange mit dem Chefredakteur rangen, weil sich die Gelegenheit bot, die ersten Erdenbilder der jungen Apollo-Mission kurzfristig und als erste auf die Titelseite zu bringen und dafür den alten Inhalt nach hinten zu verlegen.

[U]s reporters listening at his office door heard his agonized voice as he defended the interests of High Wycombe against those of the universe. And he had a point; every national newspaper next day would carry the pictures of the moon, but only one newspaper would carry the affairs, the important affairs, of High Wycombe, not to mention Marlow, Lacey Green, Loosely Row, West Wycombe, and Speen.

[W]e set to work clearing the decks while he walked about grumbling, very nearly in tears. After all, the moon was just a lump of rock, right? And then suddenly the issue was happily resolved in his mind as he beamed and said with good grace, “Well I suppose the moon shines on High Wycombe just like everywhere else.” We nearly cheered!

Pratchett denkt gerne und stolz an seine Lehrzeit („indenture“) als Journalist zurück. Wenn er interviewt wird und testen will, ob der andere ein ordentlicher Zeitungsmensch ist, verlangt er: „‚Good, tell me the six defences for defamation of character?“ I am slightly cheered these days that some know what I am talking about.’“


Das muss man alles nicht gelesen haben, vieles ist auch wirklich nur für Komplettisten interessant, und das bin ich nicht einmal. Aber das war auch leicht zu lesen während einer Zeit, in der ich nicht viel Konzentration übrig hatte. Außerdem gibt das so geballt einen Einblick in Pratchetts Gedankenwelt, in seine Entwicklung, sein Wiederverwenden von Ideen, und man stößt immer wieder auch auf schöne Formulierungen.


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Kommentare

9 Antworten zu „Terry Pratchett: Unveröffentlichtes und Gesammeltes“

  1. Susann

    Ach, Pterry fehlt mir!
    Lustigerweise habe ich heute eben erst einen Podcast über Pratchett gefunden und gehört, der sinnigerweise „Prachat“ heißt und in dem die einzelnen Bücher – auch die von Ihnen genannten „Frühwerke“ – besprochen werden.

  2. Bleistifterin

    GNU Pterry!

    den Podcast kenne ich auch, höre ich auch ganz gerne

  3. (Das mit dem GNU war mir neu, ich erinnerte mich nicht mal mehr an die Verwendung in Going Postal. Wieder was gelernt. Gut, dass ich für noch mehr Podcasts keione Zeit habe, aber ich merke mir das.)

  4. […] Rau liest sich durch den unbekannten Teil des Terry-Pratchett-Werks und entdeckt schöne […]

  5. Da werde ich ganz nostalgisch! An „Trucker – Wühler – Flieger“ (die deutsche Übersetzung von „Rincemangle, the Gnome of Even Moor“) musste ich tatsächlich vor kurzem denken, weil mir aus irgendeinem seltsamen Grund die Szene einfiel, in der einer der schreibkundigen Mönche, welche bereits im Kaufhaus leben, erklärt, warum Frauen nicht lesen und schreiben lernen könnten („Davon läuft ihr Gehirn heiß!“). Während der junge Mönch da vor sich hin mansplained, wird im mehr und mehr bewusst, dass die junge der Lehrerin aus der Gruppe der Neuankömmlinge immer wütender wird.

    Aus dem Frühwerk von Pratchett kenne ich noch die „Teppichvölker“. Schöne, klassische Fantasy, die aber eben in einem Teppich spielt. Pratchett hat IIRC zu dem Buch später gesagt, er sei beim Schreiben des Textes noch so jung gewesen, dass er gedacht habe, eine Fantasy-Geschichte müsse immer mit einer großen Schlacht enden.

  6. Trucker – Wühler – Flieger: Die fehlen eben genau in der Sammlung, ich habe sie noch nie gelesen! (Teppichvölker waren im Set dabei, deshalb kenne ich die jetzt.)

  7. Du bekommst Post.

  8. >Du bekommst Post.

    Danke! Schon gesehen, antworte bald. So eine Nachricht ist trotzdem nicht schlecht: Ich kriege immer wieder mal keine Reaktion auf Antworten auf Fragen, die mich per E-Mail erreichen, so dass ich davon ausgehe, dass meine Mail entweder verschwunden ist oder die Leute unzuverlässig sind. Zumindest das erste kann ich ausschließen, wenn zusätzlich hier etwas in einem Kommentar steht, auf den ich antworten kann.

  9. Ich bin einfach mal davon ausgegangen, dass Du Dein Impressum auf Stand hast und ein Maxi-Brief ist jetzt auf dem Weg zu Dir. Ich habe die Gelegenheit genutzt, dass ich hier einen entsprechenden Umschlag und eine Postfiliale in der Nähe hatte.

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