The Whistler

1. Die Filme
2. Erste Folgen
3. Radio
4. Das Handy
5. Vergleichendes

Kapitel 1: Die Filme

Ich bin der Whistler. Niemand kennt mein Gesicht. Ich weiß viele Dinge, denn ich wandere durch die Nacht. Ich weiß viele seltsame Geschichten. Ich weiß die tiefsten Geheimnisse von Männern und Fraue, die das Dunkle gesucht haben. Ja, ich kenne ihre unbeschreiblichen Ängste, von denen sie nicht zu sprechen wagen.

Dazu eine Silhouette unter einer Straßenlaterne oder ein Schatten an einer Hauswand: Ein Mann im Mantel mit Hut. Und dann pfeift er eine ungewöhnliche Erkennungsmelodie und erzählt eine Geschichte – eine seltsame Geschichte eben, über Menschen, die das Dunkle gesucht haben, und ihre Ängste, von denen sie nicht zu sprechen wagen.

So fing ein Film an, den ich etwa 1986 im Fernsehen sah. Schwarzweiß, nur etwa 60 Minuten lang, aus den 40er Jahren. Ein nicht ganz sauberer Privatdetektiv, eine Erbschaft, eine lange zurückliegende Geschichte – und am Schluss war das Objekt, hinter dem sie alle her waren, zerstört, und alle Hauptdarsteller tot. Hat mir sehr gut gefallen. Der Whistler selbst sorgte nur für den Rahmen, und kommentierte zwischendurch mal das Geschehen, danach verschwand er wieder in der Nacht.

Im Laufe einiger Monate danach wurden noch mehr Filme aus der Whistler-Reihe gezeigt. Jeder Film war nur gut 60 Minuten lang, Hauptdarsteller war fast immer Richard Dix, der natürlich immer andere Rollen spielte. Der Whistler sorgte für den Rahmen, und die Geschichten waren voller skuriller bis schmieriger Nebenpersonen, alle mit einer überraschenden Wendung am Schluss, und alle gingen sie nicht gut aus. Die Filme waren B-Produktionen: Billig produziert, mit Schauspielern aus der zweiten oder dritten Reihe, es waren Genrefilme mit oft hanebüchener Handlung. Diese Filme sind trotzdem liebenswert, und die Whistler-Reihe sowieso, denn sie wächst über die Grenzen der B-Filme hinaus. (Und ohne B-Filme hätte ich im selben Jahr noch weniger mit dem Blues Brothers-Titel „B Movie Box Car Blues“ anfangen können.)


Richard Dix in The Whistler

Die einzelnen Filme sind:

The Whistler/Der Whistler (1944) (William Castle)
The Mark of the Whistler/Das Zeichen des Whistler (1944) (William Castle)
The Power of the Whistler (1945)
The Voice of the Whistler (1945) (William Castle)
Mysterious Intruder/Der geheimnisvolle Gast (1946) (William Castle)
The Secret of the Whistler (1946)
The Thirteenth Hour (1947)
Return of the Whistler (1948)

Regisseur der Hälfte der Filme war William Castle. William Castle wurde später bekannt als Regisseur und Produzent von billigen Horrorfilmen mit überzogenen Reklameeffekten: Bei The Tingler wurden die Kinositze verkabelt, um die Besucher an einer besonders spannenden Stelle zu erschrecken; bei anderen Filmen wurde für die Zuschauer eine Lebensversicherung abgeschlossen; Plastikskelette wurden an Seilen durchs Kino gezogen; die Zuschauer durften über das Ende des Films abstimmen.

(Ein Vorteil des Jahres 1986. Damals gab es noch kein nennenswertes Privatfernsehen, man kam mit maximal sechs Fernsehsendern aus, und gegen Mitternacht war Sendeschluss. Die Fernsehauswahl war begrenzt, und das hatte einen Vorteil: Man schaute das an, was kam. Und wenn nichts anderes lief, dann schaute man auch mal etwas an, das man nicht kannte, und von dem man vielleicht gar nicht so viel erwartete. Heute läuft zu jeder Zeit irgendein Film, den man schon kennt, und man muss nicht mehr auf unbekanntes Material ausweichen. Heute wäre ich vielleicht nicht auf die Whistler-Reihe gestoßen.)

Kapitel 2: Erste Folgen

In den 80er Jahren gab es auch noch AFN (American Forces Network), einen Radiosender für im Ausland, also hier, stationierte US-amerikanische Soldaten. Und da hörte ich zufällig im Radio eine Episode von The Whistler:

I am the Whistler, and I know many things, for I walk by night. I know many strange tales hidden in the hearts of men and women who stepped into the shadows. Yes, I know the nameless terrors of which they dare not speak.

Kurz zusammengefasst: Roy hat früher mit Dan und Paul erfolglos in Mexiko nach Gold gesucht. Er kehrt nach Riondo zurück, als ihm Lola, die Betreiberin des örtlichen Cafés, schreibt, dass Dan sich die langersehnte silberne Uhr gekauft hat. Manuel, Lolas Freund und der örtliche Sheriff, ist über Roys Rückkehr nicht erfreut.

Roy macht sich auf zu Dan; leider ist Paul, der andere Partner, auch aufgetaucht. Paul improvisiert gerne auf der Gitarre:

Welcome back to Riondo, Roy,
And if I may be so bold,
May I ask, did you come to see an old pal,
Or did you come for gold?

Oh yes, we’re right back in Riondo,
Two of the unholy three.
We’re going to take Dan’s gold away,
Half for you and half for me.

Ein feines Pärchen: Sie wollen Dans Gold. Nachdem es Roy nicht gelungen ist, Paul abzuhängen, stürzt er Paul einen Felsen herunter.

Oh my partner, he does not like me,
He slipped out of town and fled,
But I found him now, By this oak tree,
And I’ll stick with him till I’m dead.

Seine Leiche am Fuß des Felsens ist allerdings verschwunden. Roy tötet danach den in einer Blockhütte lebenden Dan, verbirgt die Leiche unter den Bodendielen, und flieht mit dem Gold, das dort versteckt gewesenen ist. Unweit der Hütte gerät er in Treibsand: Denselben Treibsand, in dem schon Pauls Leiche versunken ist. Das schwere Gold zieht Roy herunter. Da taucht Manuel, der mexikanische Sheriff auf. Manuel überlegt kurz, ob er Roy einfach untergehen lassen soll, aber dann macht er sich doch auf, den Versinkenden zu retten. Dazu braucht er nur einen Ast, oder ein langes, flaches Stück Holz – wie die Bodendielen in der Blockhütte…

Und das alles in gut zwanzig Minuten. Spannend; das Lied als Leitmotiv; einige Wendungen, die ich gar nicht erst erwähnt habe; mehrfache Ironien (das geraubte Gold zieht ihn herunter; die Bodendielen bringen Verdammnis statt Rettung; und letztlich auch die Zeile des im Treibsand versunkenen Paul „And I’ll stick with him till I’m dead“).

Jetzt wollte ich mehr über den Whistler wissen. Die Namen der Drehbuchautoren, die ich aus dem Abspann der Filme hatte, halfen mir nicht weiter. Aber die Story für zumindest einen der Filme (The Mark of the Whistler) stammte von Cornell Woolrich – zu diesem Autor fand ich viel Material. Ich schrieb einen Brief an AFN, nachdem ich mühsam deren Adresse herausgekriegt hatte, ob sie mir vielleicht Informationen zu „The Whistler“ schicken könnten. Immerhin bekam ich eine Antwort: Zwei Zeilen Formbrief, dass sie mir leider bei meinem Anliegen nicht weiterhelfen könnten.

Damit war erst mal aus mit Recherchen. Das Web gab es damals noch nicht; mein Krimilexikon erwähnte nur knapp, dass die Filme auf einer alten Radioserie basierten; ich hatte noch keine Erfahrung im Recherchieren. Damit ruhte die Angelegenheit – auch wenn mich der Anfang der Radioepisode, die ich nur unvollständig auf Kassette aufgenommen hatte, schon interessierte.

(In der Woche nach der Whistler-Sendung darauf kam eine Episode von The Green Hornet. Die hatte ich ganz aufgenommen. Danach muss ich das Interesse verloren haben; oder die Sendungen wurden eingestellt, oder kamen zu unregelmäßig.)

Kapitel 3: Radio

Zehn Jahre später hatte ich OTR (Old Time Radio) entdeckt. Und jetzt weiß ich, dass The Whistler eine Radioserie war (eine von oh so vielen), die von 1942-1955 in den USA lief. Jede Episode beginnt damit, dass Dorothy Roberts das Whistler-Thema pfeift (komponiert von Wilbur Hatch), darauf hört man:

I am the Whistler, and I know many things, for I walk by night. I know many strange tales hidden in the hearts of men and women who stepped into the shadows. Yes, I know the nameless terrors of which they dare not speak.

Daraufhin erzählt der Whistler eine Geschichte, die manchmal gut ausgeht, meist aber nicht. Häufig geht es um betrogene Betrüger. Gerne mal übernimmt ein Flüchtling oder Kleinganove die Identität eines anderen (eines Toten bei einem Zugunglück, eines verschollenen Erben, eines für tot gehaltenen Verschwundenen), nur um festzustellen, dass er mit der neuen Identität jede Menge Schwierigkeiten und Verfolger übernommen hat – und letztlich für eine Tat büßen muss, die er gar nicht begangen hat, die aber in ironischem Verhältnis zu seinem eigenen Verbrechen steht.
Oder es geht um ausgeklügelte Mordpläne, die dann doch an einem Detail scheitern. In „Brief Pause For Murder“ (9. August 1946 und 11. September 1949) verschafft sich ein Radiomoderator ein Alibi für einen Mord, indem er einen Kollegen erpresst und vor allem sich selber auf Schallplatte aufnimmt, wie er eine Sendung moderiert. Während der halben Stunde Schallplattenaufnahme führt er den Mord aus, aber dann hört er beim Zurückfahren im Auto, wie die Schallplatte hängt und die Nadel immer wieder zurückspringt. (Einige Details sorgen dafür, dass der Plot nicht ganz so unwahrscheinlich ist, wie er hier klingt.)

Auch sonst klingen viele Geschichten wie Columbo-Episoden: Nur entdeckt nicht der Kriminalinspektor das verhängnisvolle Detail, sondern ein ironischer Zufall oder der Verfolgungswahn des Täters selbst entlarvt die Tat. Triefend vor Ironie sagt der erzählende Whistler kurz vor dem Finale etwa: „It all worked out so perfectly, didn’t it, Roger“ oder: „Yes, Roy, you have it all figured out, haven’t you?“ Und dann fängt es an schlecht auszusehen für Roger, oder Roy, so wie in „Return to Riondo“ (8. Januar 1950) – so heißt nämlich die Episode, die ich 1986 bei AFN gehört hatte. Fünfzehn Jahre hatte es gedauert, bis ich die Geschichte endlich ganz anhören konnte, da ich ja nicht mal ihren Titel wusste.

Yes, Roy, you have it all figured out, haven’t you. […] You have only to pack all the gold you can carry into knapsacks, strap them onto your back and then hurry to the river. At its edge you stop a moment […], wondering for a fleeting moment about Paul’s body. What became of him? And then you have another idea. You can cover your tracks, can’t you, Roy […]. You wade along the river’s edge, ankle-deep […] and then a sudden clutching fear grips you as your feet seem to give way and you begin to sink. Now you know what happened to Paul’s body. It fell into quicksand, Roy, and you’ve walked into the same quicksand.

Der hinzugekommene Manuel entscheidet sich doch für die Rettung, und das mit den Worten:

I know this quicksand. You need something long and flat, something you can hold on to while I pull you out. […] I will tear up the floorboards in Dan’s Shack […] I’m sure under these circumstances your old partner Dan Bosley will not mind my pulling them up.

Paukenschlag und Pfeifen.

Kapitel 4: Das Handy

Seit meiner Fahrt mit dem Leistungskurs Deutsch habe ich auch ein Handy. Ich habe schon gelernt, dass es Spaß macht, telefonierend durch die Stadt zu laufen – obwohl ich es hasse, wenn Fußgänger vor mir ein Handy benutzen: Die stellen sich nämlich keineswegs aus dem Weg, sondern werden nur langsamer und stehen allen anderen im Weg.
Jedenfalls hat mein mp3-fähiges Handy als Klingelton eben jenes Whistler-Thema. Es hat sich als gute Wahl herausgestellt: Ich selbst erkenne es bereits beim ersten Ton, und jeder andere identifiziert das Pfeifen erst mal gar nicht als Handyton.

Kapitel 5: Vergleichendes

Anders als bei den meisten Filmen und Hörspielen gibt es bei The Whistler einen echten Erzähler, wie man ihn sonst nur aus der Epik kennt. Erzählt wird im epischen Präsens (das ist das, was Schüler in der Unterstufe am Höhepunkt ihrer Erlebniserzählung verwenden sollen). Es handelt sich dabei allerdings weder um einen Ich-Erzähler, noch um einen Erzähler in der 3. Person, sondern um einen Du-Erzähler. Den habe ich sonst nur erlebt in einem missglückten Unterstufenaufsatz, und vor allem in dem Roman Complicity von Iain Banks (deutsch: Verschworen). Nochmal zum Veranschaulichen:

Yes, Roy, you have it all figured out, haven’t you. […] You have only to pack all the gold you can carry into knapsacks, strap them onto your back and then hurry to the river. At its edge you stop a moment […], wondering for a fleeting moment about Paul’s body. What became of him? And then you have another idea. You can cover your tracks, can’t you, Roy […]. You wade along the river’s edge, ankle-deep […] and then a sudden clutching fear grips you as your feet seem to give way and you begin to sink. Now you know what happened to Paul’s body. It fell into quicksand, Roy, and you’ve walked into the same quicksand.

Das Konzept des Fremden, der einem Passanten eine Geschichte erzählt, ist alt. Meistens stellt sich der Fremde selbst als Teil der Geschichte heraus – als Pointe unzähliger Horrorgeschichten, oder bei „The Ancient Mariner“ von Coleridge.

Für eine Serie ist so etwas weniger geeignetet, also hält sich der Whistler aus der Handlung heraus. Ähnlich war es vorher bei der Radioserie The Shadow (1930-1954) : Bis der Shadow dann Woche um Woche Teil der Handlung wurde, damit aber die die Erzählerrolle aufgab. Der Mysterious Traveler (1943-1952) saß im Zug und erzählte dort seine Geschichten.

Bei DC Comics gibt es einen Phantom Stranger, der zumindest in seiner eigenen Serie ebenfalls Erzähler ist, aber auch aktiv in das Geschehen eingreift. Weil DC Superheldencomics produziert, trägt der Phantom Stranger statt Trenchcoat ein Cape, und das Gesicht liegt nicht nur im Schatten des Hutes, sondern hat auch noch eine kleine Maske gekriegt. Außerdem sind seine Geschichten Geistergeschichten.

Drei Goldgräber, die sich gegenseitig umbringen, gibt es auch bei Emanuel Geibel. Allerdings sind in dieser Ballade alle drei ähnlich schuldig und habgierig, während in der Whistler-Episode von oben zumindest einer der drei schuldlos bleibt:

Die Goldgräber

Sie waren gezogen über das Meer,
Nach Glück und Gold stand ihr Begehr,
Drei wilde Gesellen, vom Wetter gebräunt,
Und kannten sich wohl und waren sich freund.

Sie hatten gegraben Tag und Nacht,
Am Flusse die Grube, im Berge den Schacht,
In Sonnengluten und Regengebraus,
Bei Durst und Hunger hielten sie aus.

Und endlich, endlich, nach Monden von Schweiß,
Da sahn aus der Tiefe sie winken den Preis,
Da glüht es sie an durch das Dunkel so hold,
Mit Blicken der Schlange, das feurige Gold.

Sie brachen es los aus dem finsteren Raum,
Und als sie’s fassten, sie hoben es kaum,
Und als sie’s wogen, sie jauchzten zugleich:
„Nun sind wir geborgen, nun sind wir reich!“

Sie lachten und kreischten mit jubelndem Schall,
Sie tanzten im Kreis um das blanke Metall,
Und hätte der Stolz nicht bezähmt ihr Gelüst,
Sie hätten’s mit brünstiger Lippe geküsst.

Sprach Tom, der Jäger: „Nun lasst uns ruhn!
Zeit ist’s, auf die Mühsal uns gütlich zu tun.
Geh, Sam, und hol uns Speisen und Wein,
Ein lustiges Fest muss gefeiert sein.“

Wie trunken schlenderte Sam dahin
Zum Flecken hinab mit verzaubertem Sinn;
Sein Haupt umnebelnd umschlichen ihn sacht
Gedanken wie er sie nimmer gedacht.

Die andern saßen am Bergeshang.
Sie prüften das Gold, und es blitzt‘ und es klang.
Sprach Will, der Rote: „Das Gold ist fein.
Nur schade, daß wir es teilen zu Drein!“

„Du meinst?“ – ‚Je nun, ich meine nur so.
Zwei würden des Schatzes besser froh -“
‚Doch wenn -“ „-Wenn was?“ „Nun nehmen wir an,
Sam wäre nicht da“ – „Ja, freilich dann -“

Sie schwiegen lang; die Sonne glomm
Und gleißt‘ um das Gold; da murmelte Tom:
„Siehst du die Schlucht dort unten?“ – „Warum?“
„Der Schatten ist tief, und die Felsen sind stumm.“

„Versteh ich dich recht?“-„Was fragst du noch viel!
Wir dachten es beide und führen’s ans Ziel.
Ein tüchtiger Stoß und ein Grab im Gestein.
So ist es getan und wir teilen allein.“

Sie schwiegen aufs neu. Es verglühte der Tag.
Wie Blut auf dem Golde das Spätrot lag;
Da kam er zurück, ihr junger Genoss,
Von bleicher Stirne der Schweiß ihm floss.

„Nur her mit dem Korb und dem bauchigen Krug!“
Und sie aßen und tranken mit tiefem Zug.
„Hei lustig Bruder! Dein Wein ist stark;
Er rollt wie Feuer durch Bein und Mark.

Komm, tu uns Bescheid“ – „Ich trank schon vorher;
Nun sind vom Schlafe die Augen mir schwer.
Ich streck ins Geklüft mich.“ – „Nun, gute Ruh!
Und nimm den Stoß, und den dazu!“

Sie trafen ihn mit den Messern gut;
Er schwankt‘ und glitt im rauchenden Blut.
Noch einmal hob er sein blass Gesicht:
„Herr Gott, im Himmel, du hältst Gericht!

Wohl um des Goldes erschlugt ihr mich.
Weh euch! Ihr seid verloren wie ich.
Auch ich, ich wollte den Schatz allein
Und mischt‘ euch tödliches Gift in den Wein.“

Fast die gleiche Geschichte erzählt Chaucer übrigens in „The Pardoner’s Tale“ in den Canterbury Tales, es wird sich also um europäisches Novellengut handeln.

Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales

Als ich in der 11. Klasse war, hielt unser damaliger Englisch-Referendar Peter Ringeisen eine Stunde zu Geoffrey Chaucer. Eigentlich war es nur eine halbe Stunde: Ich habe gerade das Arbeitsblatt von damals herausgekramt; die linke Hälfte ist altenglisch, die rechte der Anfang eines mittelenglischen Chaucer-Textes, den ich heute noch auswendig kann. Das muss mich damals sehr beeindruckt haben.

Ich hab dann auch später sowohl im Englisch- als auch im Deutsch-LK jeweils eine Stunde zu Chaucer gehalten, unter anderem mit den weiter unten stehenden Texten.

chaucer

Geoffrey Chaucer lebte von etwa 1340-1400 in England. Er arbeitete am Hof, war Page und beim Militär, machte Karriere als Beamter. Außerdem war er Dichter, und sein Hauptwerk sind die Canterbury Tales.

Die Rahmenhandlung der Canterbury Tales erzählt, wie eine Pilgergruppe von London aus nach Canterbury aufbricht. Die Reisenden treffen sich in einer (historisch belegten) Wirtschaft und sind so begeistert, dass der Wirt und der Erzähler Chaucer gleich mitkommen. Neben ihnen gibt es Nonnen, Ritter, Handwerker aller Art, Priester. Auf dem Weg erzählen sie sich in einer Art Wettbewerb gegenseitig Geschichten, und diese Geschichten bilden eben die Canterbury Tales. Chaucer befindet sich damit in bester Novellen-Tradition.

Vor jeder Geschichte gibt es den von Chaucer erzählten Prolog des jeweiligen Geschichtenerzählers. Interessant sind nämlich nicht nur die Geschichten (lustige, traurige, dramatische Erzählungen), sondern auch die Erzähler, und der Grund, warum sie jeweils diese Geschichte erzählen (als Reaktion auf andere Geschichten, um bestimmte Mitreisende zu ärgern).

Chaucer ist der älteste englische Dichter, den man als Muttersprachler heute noch einigermaßen und mit viel gutem Willen lesen kann. „Mittelenglisch“ nennt man das, was damals gesprochen wurde; in der Schreibung ist das dem heutigen Englisch ziemlich ähnlich, es wurde nur anders ausgesprochen: Vereinfacht gesagt, jeder Buchstabe, der geschrieben wurde (und heute noch geschrieben wird), wurde auch als Laut ausgesprochen
Vor dem Mittelenglischen gab es das Altenglische, noch ohne französischen Einfluss, also rein Angelsächsisch. Als 1066 die Normannen England eroberten, brachten sie viele nordfranzösische Wörter mit, die sich nach und nach mit dem Altenglischen vermischten und zum Mittelenglischen führten. „Neuenglisch“ ist das, was heute (und seit etlichen hundert Jahren) gesprochen wird.

„The Miller’s Tale“ ist eine der besten Geschichten aus den Canterbury Tales. Schon in der 12. Klasse hatte ich mir eine neuenglische Übersetzung von Chaucer gekauft und diese Erzählung gelesen: Vermutlich hauptsächlich deshalb, um „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum besser zu verstehen. Ein geniales Lied mit rätselhaftem Text. Unter anderem heißt es:

And so it was that later
As the miller told his tale
That her face, at first just ghostly
Turned a whiter shade of pale.

Leider hat mir Chaucer dabei auch nicht weitergeholfen. (Ebensowenig wie die Tatsache, dass mein Songbook damals die Zeile als „as the mirror told his tale“ wiedergab. Überhaupt wird sich bei diesem Lied gerne verhört, wie man bei misheard lyrics nachschlagen kann.)

In „The Miller’s Tale“ geht es um einen alten Tischlermeister (carpenter) mit einer deutlich jüngeren Frau, Alisoun. Die fängt mit dem Untermieter Nicholas, einem Studenten, ein Verhältnis an. Um vom Tischler nicht gestört zu werden, reden sie ihm ein, dass eine zweite Flut (wie die von Noah) droht, und dass er sich in seine Tröge innen unter das Dach hängen soll. Wenn die Flut komme und das Wasser das obere Stockwerk erreicht habe, brauche er dann nur die Seile durchzuschneiden und er und seine Frau könnten in den zu Booten umfunktionierten Trögen davonfahren. Natürlich schläft der brave Mann ein und Alisoun stiehlt sich zu Nicholas.
Absolon ist ein Mann aus dem Dorf, der ebenfalls mit Alisoun etwas anfangen möchte. Er will bei Alisoun fensterln, die ist aber schon mit Nicholas beschäftigt. Sie versprichst Absolon einen Kuss, streckt ihm aber nur ihren Hintern aus dem Fenster, den Absolon in der Dunkelheit küsst.


Ersten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

The wyndow she undoth, and that in haste.
„Have do,“ quod she, „com of, and speed the faste,
Lest that oure neighebores thee espie.“

This Absolon gan wype his mouth ful drie.
Derk was the nyght as pich, or as the cole,
And at the wyndow out she putte hir hole,
And Absolon, hym fil no bet ne wers,
But with his mouth he kiste hir naked ers
Ful savourly, er he were war of this.

Abak he stirte, and thoughte it was amys,
For wel he wiste a womman hath no berd.
He felte a thyng al rough and long yherd,
And seyde, „Fy! allas! what have I do?“

„Tehee!“ quod she, and clapte the wyndow to,
And Absolon gooth forth a sory pas.

„A berd! a berd!“ quod hende Nicholas,
„By Goddes corpus, this goth faire and weel.“

Ich liebe vor allem Alisouns „Tehee“. Weiter: Absolon holt sich wutentbrannt vom Dorfschmied eine noch heiße Pflugschar („kultour“) und bittet dann wieder bei Alisoun am Fenster um einen weiteren Kuss, will sich aber eigentlich nur rächen. Er bietet ihr einen Ring als Geschenk an. Der Student Nicholas will Absolon noch mehr – hier passt: verarschen – und steckt seinen eigenes Hinterteil heraus. Und lässt einen fahren. In diesem Moment rammt Absolon die heiße Pflugschar nach oben. Nicholas schreit nach Wasser. Der Tischler wacht durch das Geschrei auf, hört die Rufe nach „Wasser! Wasser!“ und denkt, die Flut ist da. Also schneidet er die Seile durch und kracht mit seinem Trog ein Stockwerk nach unten auf den Boden. Die Nachbarn kommen zusammengelaufen, Chaos und Verwirrung überall.
Perfektes Timing.


Zweiten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

„Why, nay,“ quod he, „God woot, my sweete leef,
I am thyn Absolon, my deerelyng.
Of gold,“ quod he, „I have thee broght a ryng.
My mooder yaf it me, so God me save;
Ful fyn it is, and therto wel ygrave.
This wol I yeve thee, if thou me kisse.“

This Nicholas was risen for to pisse,
And thoughte he wolde amenden al the jape;
He sholde kisse his ers er that he scape.
And up the wyndowe dide he hastily,
And out his ers he putteth pryvely
Over the buttok, to the haunche-bon;
And therwith spak this clerk, this Absolon,
„Spek, sweete bryd, I noot nat where thou art.“

This Nicholas anon leet fle a fart,
As greet as it had been a thonder-dent,
That with the strook he was almoost yblent;
And he was redy with his iren hoot,
And Nicholas amydde the ers he smoot.

Of gooth the skyn an hande-brede aboute,
The hoote kultour brende so his toute,
And for the smert he wende for to dye.
As he were wood, for wo he gan to crye,
„Help! water! water! help, for Goddes herte!“

This carpenter out of his slomber sterte,
And herde oon crien „water“ as he were wood,
And thoughte, „Allas, now comth Nowelis flood!“
He sit hym up withouten wordes mo,
And with his ax he smoot the corde atwo.
And doun gooth al; he foond neither to selle
Ne breed ne ale, til he cam to the celle
Upon the floor, and ther aswowne he lay.

Weil ich’s auch noch mit aufgenommen habe: Hier der berühmte Anfang der Rahmenhandlung der Canterbury Tales. Wie auch für die Aufnahmen oben gilt: Mein Mittelenglisch ist etwas rostig. Immer wieder setzt sich doch die gewohnte neuenglische Aussprache durch. Und auch die verschiedenen langen e- und o-Laute (offen bzw. geschlossen) halte ich nicht immer sauber getrennt.

Whan that aprill with his shoures soote
The droghte of march hath perced to the roote,
And bathed every veyne in swich licour
Of which vertu engendred is the flour;
Whan zephirus eek with his sweete breeth
Inspired hath in every holt and heeth
Tendre croppes, and the yonge sonne
Hath in the ram his halve cours yronne,
And smale foweles maken melodye,
That slepen al the nyght with open ye
(so priketh hem nature in hir corages);
Thanne longen folk to goon on pilgrimages,
And palmeres for to seken straunge strondes,
To ferne halwes, kowthe in sondry londes;
And specially from every shires ende
Of engelond to caunterbury they wende,
The hooly blisful martir for to seke,
That hem hath holpen whan that they were seeke.

Who’s on First

– Ein Klassiker des englischsprachigen Klamauks ist der Sketch „Who’s on First“. Mit Abstand am berühmtesten ist die Fassung von Abbott und Costello, obwohl der Text tatsächlich eine noch ältere Vaudeville-Nummer ist.
Ich hatte ihn mal Schülern im Englisch-Grundkurs auf CD vorgespielt, danach konnten sie den Text mitlesen. Ein Wochenende später hatten zwei Schüler die Nummer zu Hause aufgenommen – ohne Hilfe oder Hinweise von mir. (Ich hätte schon noch welche geben wollen: Vielleicht ist es aber gut, dass der Lehrer mal keine Finger drin hat.) So faul sind sie also gar nicht.

Abbott: Well Costello, I’m going to New York with you. The Yankee’s manager gave me a job as coach for as long as you’re on the team.
Costello: Look Abbott, if you’re the coach, you must know all the players.
Abbott: I certainly do.
Costello: Well you know I’ve never met the guys. So you’ll have to tell me their names, and then I’ll know who’s playing on the team.
Abbott: Oh, I’ll tell you their names, but you know it seems to me they give these ball players now-a-days very peculiar names.
Costello: You mean funny names?
Abbott: Strange names, pet names…like Dizzy Dean…
Costello: His brother Daffy
Abbott: Daffy Dean…
Costello: And their French cousin.
Abbott: French?
Costello: Goofé
Abbott: Goofé Dean. Well, let’s see, we have on the bags, Who’s on first, What’s on second, I Don’t Know is on third…
Costello: That’s what I want to find out.
Abbott: I say Who’s on first, What’s on second, I Don’t Know’s on third.
Costello: Are you the manager?
Abbott: Yes.
Costello: You gonna be the coach too?
Abbott: Yes.
Costello: And you don’t know the fellows‘ names.
Abbott: Well I should.
Costello: Well then who’s on first?
Abbott: Yes.
Costello: I mean the fellow’s name.
Abbott: Who.
Costello: The guy on first.
Abbott: Who.
Costello: The first baseman.
Abbott: Who.
Costello: The guy playing…
Abbott: Who is on first!
Costello: I’m asking you who’s on first.
Abbott: That’s the man’s name.
Costello: That’s whose name?
Abbott: Yes.
Costello: Well go ahead and tell me.
Abbott: That’s it.
Costello: That’s who?
Abbott: Yes.

PAUSE

Costello: Look, you gotta first baseman?
Abbott: Certainly.
Costello: Who’s playing first?
Abbott: That’s right.
Costello: When you pay off the first baseman every month, who gets the money?
Abbott: Every dollar of it.
Costello: All I’m trying to find out is the fellow’s name on first base.
Abbott: Who.
Costello: The guy that gets…
Abbott: That’s it.
Costello: Who gets the money…
Abbott: He does, every dollar of it. Sometimes his wife comes down and collects it.
Costello: Whose wife?
Abbott: Yes.

PAUSE

Abbott: What’s wrong with that?
Costello: All I wanna know is when you sign up the first baseman, how does he sign his name?
Abbott: Who.
Costello: The guy.
Abbott: Who.
Costello: How does he sign…
Abbott: That’s how he signs it.
Costello: Who?
Abbott: Yes.

PAUSE

Costello: All I’m trying to find out is what’s the guys name on first base.

Abbott: No. What is on second base.
Costello: I’m not asking you who’s on second.
Abbott: Who’s on first.
Costello: One base at a time!
Abbott: Well, don’t change the players around.
Costello: I’m not changing nobody!
Abbott: Take it easy, buddy.
Costello: I’m only asking you, who’s the guy on first base?
Abbott: That’s right.
Costello: Ok.
Abbott: Alright.

PAUSE

Costello: What’s the guy’s name on first base?
Abbott: No. What is on second.
Costello: I’m not asking you who’s on second.
Abbott: Who’s on first.
Costello: I don’t know.
Abbott: He’s on third, we’re not talking about him.
Costello: Now how did I get on third base?
Abbott: Why you mentioned his name.
Costello: If I mentioned the third baseman’s name, who did I say is playing third?
Abbott: No. Who’s playing first.
Costello: What’s on base?
Abbott: What’s on second.
Costello: I don’t know.
Abbott: He’s on third.
Costello: There I go, back on third again!

PAUSE

Costello: Would you just stay on third base and don’t go off it.
Abbott: Alright, what do you want to know?
Costello: Now who’s playing third base?
Abbott: Why do you insist on putting Who on third base?
Costello: What am I putting on third.
Abbott: No. What is on second.
Costello: You don’t want who on second?
Abbott: Who is on first.
Costello: I don’t know.ogether: Third base!

PAUSE

Costello: Look, you gotta outfield?
Abbott: Sure.
Costello: The left fielder’s name?
Abbott: Why.
Costello: I just thought I’d ask you.
Abbott: Well, I just thought I’d tell ya.
Costello: Then tell me who’s playing left field.
Abbott: Who’s playing first.
Costello: I’m not…stay out of the infield!!! I want to know what’s the guy’s name in left field?
Abbott: No, What is on second.
Costello: I’m not asking you who’s on second.
Abbott: Who’s on first!
Costello: I don’t know. ogether: Third base!

PAUSE

Costello: The left fielder’s name?
Abbott: Why.
Costello: Because!
Abbott: Oh, he’s center field.

PAUSE

Costello: Look, You gotta pitcher on this team?
Abbott: Sure.
Costello: The pitcher’s name?
Abbott: Tomorrow.
Costello: You don’t want to tell me today?
Abbott: I’m telling you now.
Costello: Then go ahead.
Abbott: Tomorrow!
Costello: What time?
Abbott: What time what?
Costello: What time tomorrow are you gonna tell me who’s pitching?
Abbott: Now listen. Who is not pitching.
Costello: I’ll break your arm if you say who’s on first!!! I want to know what’s the pitcher’s name?
Abbott: What’s on second.
Costello: I don’t know.ogether: Third base!

PAUSE

Costello: Gotta a catcher?
Abbott: Certainly.
Costello: The catcher’s name?

Abbott: Today.
Costello: Today, and tomorrow’s pitching.
Abbott: Now you’ve got it.
Costello: All we got is a couple of days on the team.

PAUSE

Costello: You know I’m a catcher too.
Abbott: So they tell me.
Costello: I get behind the plate to do some fancy catching, Tomorrow’s pitching on my team and a heavy hitter gets up. Now the heavy hitter bunts the ball. When he bunts the ball, me, being a good catcher, I’m gonna throw the guy out at first. So I pick up the ball and throw it to who?
Abbott: Now that’s the first thing you’ve said right.
Costello: I don’t even know what I’m talking about!

PAUSE

Abbott: That’s all you have to do.
Costello: Is to throw the ball to first base.
Abbott: Yes!
Costello: Now who’s got it?
Abbott: Naturally.

PAUSE

Costello: Look, if I throw the ball to first base, somebody’s gotta get it. Now who has it?
Abbott: Naturally.
Costello: Who?
Abbott: Naturally.
Costello: Naturally?
Abbott: Naturally.
Costello: So I pick up the ball and I throw it to Naturally.
Abbott: No you don’t you throw the ball to Who.
Costello: Naturally.
Abbott: That’s different.
Costello: That’s what I said.
Abbott: You’re not saying it…
Costello: I throw the ball to Naturally.
Abbott: You throw it to Who.
Costello: Naturally.
Abbott: That’s it.
Costello: That’s what I said!
Abbott: You ask me.
Costello: I throw the ball to who?
Abbott: Naturally.
Costello: Now you ask me.
Abbott: You throw the ball to Who?
Costello: Naturally.
Abbott: That’s it.
Costello: Same as you! Same as YOU!!! I throw the ball to who. Whoever it is drops the ball and the guy runs to second. Who picks up the ball and throws it to What. What throws it to I Don’t Know. I Don’t Know throws it back to Tomorrow, Triple play. Another guy gets up and hits a long fly ball to Because. Why? I don’t know! He’s on third and I don’t give a darn!
Abbott: What?
Costello: I said I don’t give a darn!
Abbott: Oh, that’s our shortstop.

THE END