Holmesiana

War im Kino, Sherlock Holmes gucken. Hat mir gut gefallen. Als Film gut – wenn es auch mehrere überflüssige Szenen darin gibt, die weder die Handlung voranbringen noch etwas zur Charakterisierung der Personen beitragen noch Atmosphäre erzeugen. Schön: die Boxkampszene, überflüssig: das Spektakel in der Werft. Immer wieder enttäuschend: Showdown hoch oben auf einem historischen Wahrzeichen. Das mochte ich bei X-Men schon nicht, und bei Holmes wird das für jeden, der sich minimal in London auskennt, lächerlich – aus den Katakomben des Parlaments spaziert man quasi direkt auf die Spitze der Tower Bridge. Aber trotzdem ganz okay. Robert Downey Jr. als Holmes, Jude Law als Watson und Kelly Reilly als Mary Morstan waren sehr gut, wenig überzeugend fand ich nur Hans Matheson als Lord Coward.


Als Sherlock-Holmes-Interpretation war der Film noch besser. Wieder wurden der Figur neue Seiten abgewonnen oder die alten Seiten für eine neue Zeit dargestellt. Hier die stichpunktartige Beschreibung von Holmes, die Watson erstellt hat, kurz nachdem sie zusammen in die Baker Street zogen (A Study in Scarlet):

  1. Knowledge of Literature.—Nil.
  2. Philosophy.—Nil.
  3. Astronomy.—Nil.
  4. Politics.—Feeble.
  5. Botany.—Variable. Well up in belladonna, opium, and poisons generally. Knows nothing of practical gardening.
  6. Geology.—Practical, but limited. Tells at a glance different soils from each other. After walks has shown me splashes upon his trousers, and told me by their colour and consistence in what part of London he had received them.
  7. Chemistry.—Profound.
  8. Anatomy.—Accurate, but unsystematic.
  9. Sensational Literature.—Immense. He appears to know every detail of every horror perpetrated in the century.
  10. Plays the violin well.
  11. Is an expert singlestick player, boxer, and swordsman.
  12. Has a good practical knowledge of British law.

Zu ernst darf man diese Liste nicht nehmen; wenige Zeilen zuvor hat Holmes Watson versichert, dass er keine Ahnung davon hat, ob sich die Erde um die Sonne dreht oder umgekehrt, und dass es ihn auch nicht interessiert. Die Forschung geht davon aus, dass Holmes hier seinem zu neugierigen Mitbewohner einen Bären aufbindet, zumal Holmes an anderer Stelle durchaus astronomische Kenntnisse beweist.
Aber ein guter Faustkämpfer ist Holmes, und das zeigt er in der Verfilmung auch. Der Kampfstil hätte für meine Verhältnisse noch etwas viktorianischer sein können (fisticuffs), aber wenigstens gab es auch kein Hong-Kong-Gehoppse. Beim Faustkampf zeigt Holmes zweimal seine analytischen Fähigkeiten, indem er quasi in die Zukunft schaut (so würde man das in einem Superheldenfilm nennen). Schön gemacht, aber noch schöner wäre es, wenn er diese Fähigkeiten auch in einem Zusammenhang hätte zeigen dürfen, der für den Plot und nicht nur für die Charakterisierung wichtig gewesen wäre. Das geschieht nur einmal ansatzweise, als man im Nachhinein erfährt, dass Holmes bereits vorausgesagt hat, aus welchem Fenster er nach einer gewissen Zeit stürzen würde.

Sehr schön ist auch die Szene, in der Holmes Watson erklärt, was er bei und nach ihrem ersten Besuch von Irene Adler herausgefunden hat; der Zuschauer ist hier ähnlich überrascht wie es sonst nur pflichtgemäß Watson ist. Aber auch dieses erzählerische Mittel wird nur bei der Exposition eingesetzt und nicht mehr später im Film. Klar darf man es nicht überstrapazieren, aber einmal vielleicht noch an zentralerer Stelle?

Auf jeden Fall neu interpretiert, aber naheliegend: der eifersüchtige Holmes, der Watson gram ist, weil der wegen seiner Verlobten die gemeinsame Bude aufgibt. Manchmal wirken Holmes und Watson aber etwas zu sehr wie ein stereotypes schwules Paar beim Streiten.


Ich mag Holmes, habe den ganzen Kanon in jüngeren Jahren gelesen und kenne und schätze die Variationen. Aus Gründen, die ich dereinst in meinem magnum opus darlegen werde (ein Blogeintrag, der seit zehn zehn Jahren halbfertig ist und zu Ende geschrieben werden will), bietet sich Holmes für solche Wiedererfindungen besonders an. Eine meiner liebsten ist diese hier:


Nicholas Meyer, The Seven-Per-Cent Solution. New York: Dutton 1974.

Verfilmt als Kein Koks für Sherlock Holmes, so auch der Titel der ersten deutschen Ausgabe; inzwischen heißt sie Sherlock Holmes und der Fall Sigmund Freud. Die Geschichte: Holmes fühlt sich verfolgt von Professor Moriarty, dem “Napoleon des Verbrechens”. Er verschanzt sich in seiner Wohnung und berichtet Watson atemlos von dem gefährlichen Netz, das der gefährliche Professor um ihn gezogen hat. Diesen Ausgangspunkt kennt auch der Kanon, ab hier entwickelt sich die Handlung anders. Als sich Moriarty als harmloser Mathematiklehrer herausstellt, diagnostiziert Watson bei Holmes paranoiden Verfolgungswahn, ausgelöst durch übermäßigen Doregnkonsum. Durch einen Trick lenkt Watson den immer noch genialen Holmes nach Wien, zur größten Autorität, was Drogen und psychische Störungen betrifft, Sigmund Freund. In Wien deckt Holmes eine Intrige auf, wird mehr oder weniger geheilt (wobei die Psychoanalyse interessante Details aus Holmes’ Kindheit enthüllt), und im spannenden Finale rasen zwei Züge um die Wette.

(Auf der Hinfahrt reisen Holmes und Watson eine Weile zusammen mit einem Herrn Rassendyll, angeblich aus Tirol, tatsächlich gerade aus Ruritanien kommend. Das ist auch so ein Herr, der weit herumkommt. Auch der junge Flashman erlebt Abenteuer in Ruritanien, und im Alter von über siebzig Jahren legt sich Flashman erfolgreich mit Holmes’ zweiter Nemesis, Colonel Sebastian Moran, an. Man kennt sich halt.)


Eine Holmes-Ausgabe für Aficionados sind die zwei Bände The Annotated Sherlock Holmes von William S. Baring-Gould.

Die Geschichten sind chronologisch geordnet, also der Biographie Holmes’ folgend, wie überhaupt das Buch natürlich davon ausgeht, dass Holmes eine reale Person ist. Bilder und Karten ergänzen die Geschichten, sehr ausführliche Randbemerkungen und Kommentare weisen auf Positionen aus der Holmes-Forschung zu vom Text aufgeworfenen Fragen hin und machen sicher ein Drittel der Bände aus. Nehmen wir nur mal die Sache mit den Reichenbach-Fällen. Bekanntlich stürzten Holmes und Moriarty dort ab, beide kamen ums Leben. So dachte jedenfalls auch Watson einige Jahre, bis Holmes in “The Adventure of the Empty House” unvermittelt wieder auftaucht. Was bei den Reichenbach-Fällen und in den Jahren danach wirklich geschah, ist eine Frage, auf die Holmes (beziehungsweise sein im Unklaren gelassener Chronist Watson) nie völlig befriedigende Antworten gegeben hat. Vielleicht hat sich deshalb die Holmes-Forschung so intensiv damit beschäftigt. Baring-Gould reißt auf zwei Seiten nur einige der wichtigsten Theorien an, zusammen mit ihren Vertretern und deren Argumenten. Wer will, kann anhand der genannten Titel gerne tiefer in die Forschung einsteigen. Die Hauptrichtungen:

  1. Sowohl Holmes als auch Moriarty überlebten den Sturz. (Weil Moriarty gar nicht wirklich existiert hat. Weil Moriarty und Holmes dieselbe Person waren. Weil Moriarty einen Doppelgänger benutzt hat.)
  2. Beide starben in Wirklichkeit und die danach spielenden Fälle Holmes’ sind reine Erfindung Watsons. Das würde manche Unterschiede zwischen dem frühen und dem späten Holmes erklären: der frühe nimmt Kokain und Morphium, der späte nicht. (Aber das kann natürlich auch auf Freuds Therapie in Wien zurückgehen.) Der frühe respektiert das Gesetz mehr als der späte, kennt sich besser unter Spionen aus, spielt mehr Geige, zitiert auf Deutsch und Französisch (was der späte nie tut). Anthony Boucher, geschätzter Krimi- und Science-Fiction-Autor, ging ursprünglich davon aus, dass Mycroft den gestorbenen Sherlock durch einen angelernten Nachfolger ersetzen ließ.
  3. Auch die Theorie, dass Moriarty allein überlebte, hat Vertreter, gilt aber als unwahrscheinlich.

(Von Baring-Gould gibt es auch eine Biographie Holmes’ und eine von Nero Wolfe, in der Baring-Gould eine Idee aus dem Baker Street Journal aufgreift und Wolfe zu einem Sohn von Holmes und Irene Adler macht.)


Holmes-Leser sind wie die Leser von Superhelden-Comics gründliche Leser, wie man sie sich als Literaturtheoretiker nur wünschen kann. Da wird argumentiert mit dem gesamten Instrumentarium, das wir in der Deutsch-Oberstufe vermitteln wollen: mit Autorenintention, Erscheinungsweise, redaktionellen Einschränkungen, Biographie des Autors, aber natürlich vor allem auch textimmanent. Allein das folgende Panel, Platz 5 auf einer Liste mit “The Top 70 Most Iconic Panels in Marvel History”, hat zu zahllosen Interpretationen geführt:


Amazing Spider-Man 121, writer: Gerry Conway; art: Gil Kane; inks: John Romita, Tony Mortellaro; Juni 1973

Warum musste Gwen Stacy sterben, welche Brücke war es, woran starb sie genau, welche Absicht und welche Wirkung (in diesem Fall ist das nicht das gleiche) hat das “Snap” rechts unten… Comic-Fans diskutieren so etwas gerne. (Wikipedia zu The Night Gwen Stacy Died.) Ookla the Mok singen in “Stop Talking About Comic Books Or I’ll Kill You” zwar verständlicherweise:

Stop talking about comic books or I’ll kill you.
I don’t care if the Hulk could defeat the Man of Steel.
I’m gonna rearrange your face if you continue to debate
whether Logan’s claws could pierce Steve Roger’s shield.

– aber die Art und Weise, wie diese Fragen diskutiert werden, ist vorbildlich.


Noch kurz zum Film: Wann fing das eigentlich an, die Kombination von später Viktorianik (oder frühes Edwardian) und phantastischen Elementen?

Einerseits ist das vielleicht schon in der Zeit angelegt, siehe Bram Stokers Dracula. Und schon in Young Sherlock Holmes (1985) gibt es einen ägyptischen Kult, wenn auch – wie im aktuellen Holmes – keine echte Magie dahintersteckt.

Pseudo-Wissenschaft (mit Tesla im Grenzbereich) gibt es auch in The Prestige (2006), basierend auf einem Roman von Christopher Priest (1995). Dann ist da noch The Glass Books of the Dream-Eaters (2006) von G.W. Dahlquist, auch mit okkulter Wissenschaft.

Oder ist tatsächlich The League of Extraordinary Gentlemen (1999) ein Vorläufer? Allerdings kam auch schon 1986 die Rollenspiel-Erweiterung Cthulhu by Gaslight heraus. Da lag wohl etwas in der Luft. Siehe hierzu auch den Wikipedia-Eintrag zu Steampunk (abgeleitet von: Cyperpunk) mit den verwandten Kategorien Gaslight Romance, Western Steampunk, Dieselpunk und Steamgoth.

8 Gedanken zu “Holmesiana

  1. Sopp on 7.2.2010 at 9:20 sagte:

    Wegen solcher ausführlicher, literarisch hoch interessanter Beiträge lese ich Ihr Blog regelmäßig! Bitte mehr davon!

  2. Und erneut fällt mir auf, dass Sherlock Holmes irgendwie an mir vorbei gegangen ist. Ich kenne die Figur, aber mehr vom Hörensagen. Ich glaube, das sollte ich mal ändern.

    Ähnlich akribisch bei der Diskussion einzelner Dinge können übrigens auch Rollenspieler sein…

  3. Beelzebub Bruck on 7.2.2010 at 14:48 sagte:

    Es unterscheidet den Fachmann vom reinen Fan, dass man seine Auslassungen auch dann mit Vergnügen liest, wenn man von der Sache nur eine recht vage Ahnung hat. “Stop talking about comic books..” bezieht sich also demnach nicht auf Herrn Rau und auch nicht nur auf comic books. Ich bin wieder mal beeindruckt.

  4. Ja, Sherlock Holmes habe ich auch gerne gelesen. Ich mag ja sowieso Werke aus dieser Zeit. Ob ich mir den Film auch ‘mal ansehen soll? Ich mag ja immer die möglichst zeitnah entstandenen Filmproduktionen. Vor einiger Zeit habe ich (leider komplett Titel und Autor vergessen) eine aus den frühen 1940er Jahren stammende Verfilmung eines Werkes aus dem frühen 20. Jahrhundert gesehen; ich fand es sehr merkwürdig, daß Film und Werk zeitlich näher beieinander lagen als Film und meine Betrachtung des Films, obwohl damals schon der “moderne” Film ein “altes” Werk thematisierte.

    Das erinnert mich auch an meinen kürzlich erfolgten Literatur-Einsatz im Bio-Unterricht. Werde ich die nächsten Tage auch ‘mal drüber bloggen. Danke für die Anregung.

  5. Heute könnte ich vermutlich kein Holmes-Fan mehr werden, dazu erfordern die Geschichten vielleicht zu viel guten Willen. Aber wiederlesen, wiederlesen geht. Und natürlich mochte ich “Der Mann, der Sherlock Holmes war” immer sehr. Zu meinen Holmes-Exponaten gehören noch Bücher mit Holmes & Cthulhu, Holmes & Billy Bunter, Briefe an die Baker Street und weiterer Krimskram. Genug für ein W-Seminar zum Krimi – Wilkie Collins, Poe, Doyle, Christie, Hammett, Chandler, vielleicht noch Erle Stanley Gardner, und dann natürlich noch die vielen Gegenwartsautoren.

  6. Ich bin in meinem Leben nur “Sherlock Data Holmes” über den Weg gelaufen. Darum kann ich mich mit dem Prügel-Holmes aus dem Kino gar nicht anfreunden *g*

  7. Pingback: Watch this! #020 – In HD in 3D on Ice on VHS

  8. Für Fans und zu Forschungszwecken kann ich empfehlen: Sherlock Holmes by Gas-Lamp. Highlights from the First Four Decades of The Baker Street Journal mit um die sechzig Aufsätzen und Beiträgen zum Thema Holmes.

    (Daneben abgebildet, weil ich es kann, die erste Ausgabe des Baker Street Journal von 1946.)

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