Cory Doctorow, Little Brother (incl. epub)

Ich bin ein Schüler an der Cesar Chavez High in San Franciscos sonnigem Mission-Viertel, und damit bin ich einer der meistüberwachten Menschen der Welt.

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Little Brother ist ein Roman für Jugendliche, 2008 erschienen. Der Autor Cory Doctorow (Wikipedia) ist in Internetkreisen bekannt als Aktivist, Autor, Blogger und Journalist und für ein rotes Cape.

Das Buch spielt in einer so nahen Zukunft, dass sie fast schon Gegenwart ist. Schüler in San Francisco haben Laptops statt Schulbüchern, mit einem Betriebssystem, das auf den Schulgebrauch ausgerichtet ist und den Benutzern wenig Kontrolle über den Rechner gibt und gleichzeitig ihre Benutzung kontrolliert. Videokameras mit Gesichtserkennung auf den Schulfluren sind kürzlich verboten worden, als Ersatz experimentiert die Schule mit Schritterkennungs-Software, um den Aufenthalt der Schüler zu überwachen. Computerversierte Schüler wissen allerdings, wie man diese Systeme austrickst.
Dann verüben Terroristen einen Angriff auf San Francisco, in der Größenordnung vergleichbar dem Angriff auf New York 2001. Die staatliche Heimatschutzbehörde ergreift Maßnahmen, die nach und nach zu einem immer größeren Überwachungsstaat in Kalifornien führen, bis hin zu Guantanamo-artigen Geheimgefängnissen. Eine Reihe von Jugendlichen, allen voran der 17-jährige Marcus, wehren sich gegen die Beschneidung ihrer Bürgerrechte – sie wehren sich vor allem mit kleinen digitalen Sabotagemaßnahmen und Happenings.

Der Titel des Buches – eine Anspielung auf George Orwells 1984, in der der Große Bruder die personifizierte Überwachung darstellt – bezieht sich auf eine Stelle, an der nach Namen für die lose Verbindung aufmüpfiger Jugendlicher gesucht wird. Dabei fällt auch „Little Brothers“, sozusagen als die kleinen Brüder des großen Überwachers, die sich gegen dessen Methoden wehren.

Ich halte das Buch für Science Fiction im besten Sinn, nämlich mit der Betonung auf dem ersten Wort. Denn die Geschichte selber ist eher dünn. Der Überwachungsstaat entsteht eben nicht nach und nach, auch wenn ich das oben geschrieben habe – sondern er ist sofort da. Gleich am Anfang werden Marcus und seine Freunde von der Heimatschutzbehörde festgehalten und misshandelt, einfach weil sie zufällig zu einer ungünstigen Zeit an einem ungünstigen Ort waren. Das ging ein bisschen arg schnell. Und die Charaktere sind schon sehr zweidimensional. Von Erwachsenen ist man das in Jugendbüchern gewöhnt, aber auch die Jugendlichen sind holzschnittartig. Viel telling, wenig showing.

Dafür werden Konzepte und Erkenntnisse vorgestellt, wenn auch nicht immer besonders elegant. „Erlaubt mir an dieser Stelle eine kleine Abschweifung, um das zu erklären“ schreibt der Ich-Erzähler, und das macht der dann auch. Alan Turing wird vorgestellt, die Entschlüsselung des Enigma-Codes, RFID-Chips und wie man sie unbrauchbar macht, Bayessche Filter und Histogramme, das Falsche-Positivergebnisse-Paradoxon, Internet-Protokolle und asymmetrische Verschlüsselung nach öffentlichen Algorithmen. Außerdem schadet es gar nicht, dass Schüler mal von Linux hören, von LARP (einschließlich Vampirrollenspiel im Hotel, wie ich es aus Erzählungen kenne), von Alternate Reality Games.

Hier werden Technik und Populärkultur ernst genommen; übliche Lektüre im Deutschunterricht ist dagegen Level 4 – Die Stadt der Kinder von Andreas Schlüter für die zugegeben etwas jüngeren Schüler: Dort werden die Kinder auf magische Weise in die Welt des Computerspiels befördert und müssen sich dort ohne Erwachsene zurechtfinden.

Ist Little Brother als Schullektüre geeignet oder nicht? Man kann auf jeden Fall tolle Sachen damit machen:

  • Das englische Original hat Doctorow unter der Creative-Commons-Lizenz BY-NC-SA freigegeben. Das heißt, solange man den a) Autor nennt und b) das ganze nicht kommerziell ist, darf man mit dem Buch machen, was man will (eine Verfilmung, ein Comic, eine gekürzte oder erweiterte Ausgabe), solange man c) das entstandene Produkt unter den gleichen Bedingungen auch anderen zur Verfügung stellt. Man braucht weder die Erlaubnis des Autors noch eines Verlages dazu. Über CC-Lizenzen sollten Schüler Bescheid wissen.
  • Das Buch gibt es als rororo-Taschenbuch in einer Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn. Rowohlt hat für die Rechte am Buch sicher bezahlt, es handelt sich ja um eine kommerzielle Verwendung. Ich habe das Buch allerdings in der Übersetzung von Christian Wöhrl gelesen. Der hat das Buch auch übersetzt und stellt seine Version als pdf öffentlich zur Verfügung, natürlich ebenfalls unter der CC-BY-NC-SA, wie es die Lizenz ja vorsieht. Man kann Schüler die Übersetzungen vergleichen lassen; mir selber gefallen an der Wöhrl-Übersetzung etliche Sachen nicht. Deshalb habe ich mir an über hundert Stellen kurze Notizen in mein pdf-Dokument gemacht (am Tablet gelesen, dort geht das mit einfachem Daumendruck). Nur zwei davon betreffen Schreibfehler, der Rest sind Stellen, die ich erst mit dem Original vergleichen möchte, bevor ich sie beurteile. Wenn ich das Buch mit Schüler lese, würde ich auf jeden Fall eventuell vorher und sicher nachher eine verbesserte Übersetzung davon erstellen, die ich dann der nächsten Klasse zur Lektüre anbieten könnte.
  • Weil man das ja darf, hat jemand die Wöhrl-Übersetzung auch in das eBuch-Format .epub umgewandelt, aber wohl automatisiert aus der pdf-Datei, jedenfalls sind die Dateien, die ich gefunden habe, unbrauchbar. Deshalb habe ich die pdf-Datei überarbeitet und mache das Buch hiermit als sauber formatierte .epub-Datei zugänglich.
    Ich würde natürlich die Schüler überreden, ihr Tablet oder Smartphone mal als Lesegerät auszuprobieren. Von selber kommt sicher kaum einer auf die Idee, Romane dort zu lesen, da ist die Schullektüre doch ein guter Anlass.
  • Mit der Übersetzung von Wöhrl darf man ja alles machen, was man mit dem Original auch darf, also hat Fabian Neidhardt das Buch als Hörbuch aufgenommen und stellt es zum öffentlichen Gebrauch zu Verfügung.
  • Tvtropes.org ist ein riesiges Wiki, auf dem man Stunden verbringen kann. Dort wird etwas gesammelt, das eigentlich nicht Trope, sondern Topos heißt. Topoi sind feste – vielleicht sogar vorformulierte – Bilder und Motive der Literatur (später auch: in Film, Fernsehen, Comics, Computerspielen und anderen Medien). Die gibt es schon sehr lange. Tvtropes kennt die Kategorien „Older Than Dirt“ (vor dem griechischen Alphabet), „Older Than Feudalism“ (von dort bis zum Fall Roms), „Older Than Print“ (von dort bis zum Buchdruck) und so weiter. Die Bezeichner der Topoi sind meist etwas alberner als „locus amoenus“ oder andere traditionelle Toposnamen.
    Auf der Tvtropes-Seite von Little Brother sind über 50 Topoi aufgezählt, die sich im Buch finden lassen: Von „Adults Are Useless“ und „Anti-Hero“ und „Blonde Republican Sex Kitten“ bis „Would Hurt a Child“, „Your Terrorists Are Our Freedom Fighters“ und „Your Radio Hates You“. Die kann man Schüler suchen lassen, oder man kann sie diskutieren, anzweifeln, erklären, Beispiele aus anderen Büchern finden. Eine deutschsprachige Sammlung von Schullektüren-Topoi ist übrigens auch ein Projekt, das ich im Hinterkopf habe.
  • Referat oder Diskussionsrunde zu der Fortsetzung des Buchs, Homeland.
  • Vergleich mit anderen Dystopien.
  • Als Basis für Diskussion und – je nach Altersstufe – Erörterungen. In einer Unterrichtsstunde im Buch wird selbst diskutiert:

    „Unter welchen Umständen sollte die Regierung bereit sein, die Bill of Rights außer Kraft zu setzen?“, fragte sie und drehte sich dabei an die Tafel, um die Zahlen von eins bis zehn untereinanderzuschreiben.

Und dann ist natürlich die Aktualität des Romans. 2010 gab es einen Skandal um eine Schule in Philadelphia (Zeitungsartikel): die Schule spionierte die Schüler mit den in die Schülerlaptops eingebauten Kameras zu Hause aus, ohne deren Wissen natürlich. Und gestern lese ich, dass eine Schülerin aus Texas vom Unterricht suspendiert wurde, weil sie sich weigerte, den Schülerausweis mit eingebautem RFID-Chip zu tragen. (Tatsächlich war das schon im Januar, aber sie kehrt dieser Tage zur Schule zurück; das Gericht gab der Schule Recht, trotzdem benutzt die Schule das Überwachungsprogramm inzwischen nicht mehr.) Dazu noch die aktuellen gesellschaftlichen Themen Vorratsdatenspeicherung, NSA-Bespitzelung, Handy-Rasterfahndung. Lesenswert auch das Interview zu Trusted Computing: Windows 8 macht sich auf den Weg, Hardware zu propagieren, die das Installieren von Linux erschwert macht und die Kontrolle der installierten Programme ermöglicht.

Was gegen das Buch als Schullektüre spricht:

  • Es ist nicht wirklich gut geschrieben. Vielleicht lag’s an der Übersetzung, vermutlich eher an den zweidimensionalen Figuren. Andererseits weiß ich nicht, ob das Schüler stören würde. In dem Alter habe ich auch recht platte Sachen gelesen und genossen.
    Was mir übrigens fehlt: eine Demonstration echter Zusammenarbeit. Schön wäre eine Erzählung vom Wachsen eines Wikis oder anderer Zusammenarbeit; hier wird das nur behauptet und nicht gezeigt. Und ich hätte gerne einen glaubwürdigen Vertreter des Themas Sicherheit und Überwachung, als ernst zu nehmenden Gegenspieler der Jugendlichen.
  • In welcher Jahrgangsstufe soll man das lesen? Auf Englisch frühestens in der 10. Klasse, denke ich, vorher ist nicht genug Sprache da. Oder doch schon in 9? Besteht dann die Gefahr, dass die ganze Technik überlesen wird? Im Deutschunterricht… am liebsten in der 8., so was das Niveau des Buchs betrifft. In dem Alter muss man sie auch das Interesse an Technik und Informatik etwas fördern, und der Inhalt dürfte die Schüler in diesem Alter sehr interessieren. Andererseits ist ein bisschen Sex drin, einmal Geschlechtsverkehr offstage, einmal heftiges Fummeln. (Ist das Rummachen unmittelbar vor der Pressekonferenz, die sie dadurch fast verpassen, unrealistisch oder sind rebellische Teenager wirklich so planlos? Die Frauenfiguren sind in Ordnung, aber jede einzelne der Jüngeren steht auf den Helden. Na ja.)
  • Einige Male wird positiv die Piratenpartei genannt – in Schweden. Dass die deutsche Piratenpartei damit nicht gemeint ist, muss man den Schülern sagen, trotzdem ist das manchen Eltern vielleicht schon zu politisch. Wir erinnern uns: wenn man irgendwas mit Hexen und Zauberern liest, gibt es häufiger aus religiösen Gründen Protest, als man denkt.
  • Irgendein Elternteil arbeitet immer bei Microsoft. Wenn der Internet Explorer als „Microsofts Crashware-Dreck, den kein Mensch unter 40 freiwillig benutzte“ bezeichnet wird, und wenn Firmen, die die Lizenz erworben haben, für Microsoft-Spielekonsolen zu schreiben, „Blutgeld an Microsoft gezahlt“ haben, dann muss man sich auf etwas Ärger vorbereiten.
  • Jugendsprache zu lesen ist meistens etwas peinlich; bei der Beschreibung von Stadtvierteln in San Francisco ist von „Nutten“ und „Transen“ und „pissen“ die Rede, aber das dürfte kein Problem sein.
  • Das Buch zitiert mehrfach die amerikanische Unabhängigkeitserklärung: wenn ein Volk nicht mehr will, was die Regierung tut, darf das Volk sich wehren. Hm.
    Erstmal ist die Bevölkerung von San Francisco mit dem Vorgehen der Heimatschutzbehörde ja voll einverstanden. (Die Presse erfüllt ihre Rolle der Aufklärung aber auch nicht.) Trotzdem reklamiert Marcus das Recht für sich, aktiven Widerstand zu leisten. Das hätte ich gerne etwas differenzierter. Andererseits, vielleicht ist das ein guter Anlass zur Diskussion.

Das Buch ist aber so schön aktuell und würde den Schüler gut gefallen. Nächstes Jahr habe ich wohl eine 8. und eine 10. Klasse in Deutsch. In 10 ist keine Zeit dafür, da muss man sich mit dem 18. Jahrhundert beschäftigen. Ist 8 zu früh? Ein Referat ist natürlich immer drin. (Rowohlt empfiehlt ab 14 Jahren – im Lauf der 8. werden die meisten Schüler 14, einige sind es schon vorher, sehr selten erst später.)

Links:

Fußnote:

Von Wired gibt es die 12-teilige Videoserie Codefellas (Youtube). Darin spionieren Special Agent Henry Topple, der noch sehr an den Verkleidungen und Geheimoperationen des kalten Kriegs hängt, und die junge Hackerin – bald seine Vorgesetzte – Nicole Winters im Auftrag der Regierung den Menschen hinterher.

8 Gedanken zu “Cory Doctorow, Little Brother (incl. epub)

  1. Schöne Zusammenstellung, danke!

    »Ist 8 zu früh?« – Ich befürchte das, ja. Kind 2 (just 8. Klasse) liest es hier zuhause gerade (und ist angetan), aber ich habe schon vorher überlegt, ob’s die richtige Lektüre ist. Nicht so sehr wegen der oben genannten Bedenken, sondern eher wegen der Darstellungen staatlicher Gewalt (bis hin zum Waterboarding), die, wie wir wissen, nicht unrealistisch sind, als verbindliche Lektüre aber zu Problemen führen können. Die anderen Schwächen des Buches halte ich des aufklärerischen Impetus wegen – denn der steht im Vordergrund und nicht das Literatur schaffen Wollen – für verzeihlich.

    Nicht-viel-Leser unter den S werden aber vermutlich eher überfordert sein, und da hilft es vermutlich auch wenig, dass die meist weniger lesenden Jungs durch Technikbeschreibungen geködert werden.

    Vielleicht nicht als Klassenlektüre, sondern als eines von mehreren Büchern zur Auswahl in Gruppen zu lesen und zu präsentieren (o. ä.)?

  2. Für die 9. Klasse spricht, dass – in Bayern, am Gymnasium, im technologischen Zweig – im Informatikunterricht zum Beispiel Verschlüsselung in Thunderbird (portable) gezeigt werden kann, oder von Hand ausgeführte Internet-Protokolle. Auch wenn’s für diese Jahrgangsstufe nicht zum Lehrplan gehört.

    Gegen die 9. Klasse spricht, dass ich nächstes Jahr keine habe.

  3. Schöner Artikel! =)
    Habe das Buch vor 3 Wochen gelesen und auch schon überlegt, ob es sich für den Englischunterricht eignet…

  4. He, Herr Rau, wir kennen uns! Danke für den superinformativen Artikel – woher nimmst du die Zeit!! – werde das Buch evtl. im Rahmen eines Leseabends in unserer Schulbibliothek einsetzen. Vielleicht krieg ich sie damit, die Mittelstufe… LG aus München, auch an I.!

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