Mir ist egal, was der Autor meinte

By | 12.5.2016

(Bild: Was der Autor meinte vs. Was dein Deutschlehrer denkt, was der Autor meinte.)

War sicher lustig gemeint, und sollte vielleicht einfach die Deutschlehrer auf die Palme bringen. Aber viele Leute scheinen echt zu glauben, das dass an diesen Gedanken etwas dran ist. Und das liegt an einem Missverstehen.

Also: Mir als Lehrer und Leser ist egal, was der Autor meinte. Und hoffentlich – zugegeben, hoffentlich – ist das bei allen anderen Lehrern auch so.

Warum uns egal ist, was der Autor meinte:

(a) wir wissen es ohnehin nicht (es sei denn, wir hätten Briefe von ihm gelesen, und das ist selten der Fall),
(b) der Autor weiß nicht unbedingt, was er tut, und
(c) seine Meinung ist genau so viel oder wenig interessiert interessant wie die Meinung jedes anderen. Autoren meinen sicher oft, sie haben unglaublich witzige und spannende Geschichten geschrieben. Das kann mir aber egal sein, wenn ich die nun mal nicht spannend oder witzig finde.

(2005 habe ich schon mal viel dazu geschrieben, 2014 ein wenig.)

Schauen wir uns das vermeintlich überzeichnete Beispiel oben an. „Die Gardinen waren blau“, schreibt ein Autor, und der Deutschlehrer interpretiert mächtig viel heraus. Dabei meinte der Autor nur: „Die Gardinen waren blau.“
Dass der Autor sich dabei nichts gedacht hat, ist gut möglich. Und doch: Wieso ausgerechnet blau? Die Farbe des Meeres, des Himmels und der Ferne? Ob der Autor das beachsichtigt hat, weiß ich nicht, aber blau ist in unserer Kultur natürlich mit diesen Dingen assoziiert. Und: das bedeutet außerdem, dass derjenige, der das Zimmer eingerichtet hat, der Typ Mensch ist, der blaue Gardinen gewählt hat. Oder dass man das zumindest denkt. Wer schon mal engliche Studentenwohnungen gesehen hat, weiß, was es da für Farbalternativen gibt. Überhaupt: Wer hat denn schon blaue Gardinen?

Es ist eine Illusion, man könnte – als Autor etwa – einfach so eine Farbe zufällig herausgreifen, etwa „blau“. Der Mensch ist völlig dazu ungeeignet, zufällige Daten zu erzeugen. Da lassen sich immer Muster finden. So sehr wir auch Individuen sind: Entscheidungen werden auch getroffen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Normen und Konventionen. Das gilt für Autoren wie für alle anderen ebenso.

Ganz schwach ist, sich darauf zu berufen, die beschriebene Szene sei aber wirklich so passiert, und die Gardinen seien nun mal blau gewesen. Erstens ist sicher nicht alles unverändert geblieben, warum ausgerechnet die Gardinen? Zweitens hätte der Autor auch viele andere Details beschreiben können, lässt die aber sicher weg (ich sag nur: der Lampenschirm); warum werden ausgerechnet die Gardinen genannt?

Und doch müsste man sich eigentlich anschauen, woher dieser Witz, dieses Unbehagen über die Interpretationen der Deutschlehrer kommen. Eine kleine Rolle spielt die genialische Vorstellung vom Künstler als jemand, der mehr zu sagen hat als andere; daneben sind sicher viele Deutschlehrer schuld, wenn sie von Schülern verlangen, den Absichten eines Autors hinterherzuspekulieren; und es liegt an einer allgemeinen Schwierigkeit, Texte als interpretationsbedürftig zu akzeptieren. Aber das gibt dann vielleicht mal einen anderen Beitrag.

14 thoughts on “Mir ist egal, was der Autor meinte

  1. Hauptschulblues

    Ich erinnere mich noch gut an meine Deutschlehrerin Frau Dr. R.-S.: „Was will der Autor damit sagen?“ Dagegen rebellierten wir vehement. Wir wollten immer wissen: Wie wirkt der Text auf uns? Was hat er mit uns zu tun? Mit welchen Mitteln arbeitet er/sie? Was bedeutet das Thema in der heutigen Zeit? usw.
    Es waren heiße Diskurse.
    Sie mochte z.B. Dürrenmatt nicht. „Dürr und matt schreibt er.“ Frisch, Andersch, der junge Handke, „Grass, oh Gott! Uwe Johnson? Wer ist denn das?“
    Renate Rasp? „Hören Sie doch auf mit der!“

  2. Maximilian Buddenbohm

    Das Unbehagen kann man teils leicht erklären, in meinem Fall etwa durch zwei Namen: Brecht und Kafka. Interpretiert bis zum Erbrechen, immer nur mit der Frage nach dem Warum, nie mit der genau so naheliegenden nach dem Wie. Grau-en-voll, beim Herrn Keuner werde ich heute noch aggressiv. Der Dichter als Übergeist, jedes Komma aufgeladen mit Bedeutung, Sinn und Tiefe.Die Podeste viel zu hoch, die Regeln viel zu starr, das Deutbare zu begrenzt, es gab nur exakt definierte richtige Antworten, im Grunde wie in Mathe. Na, das ist allerdings lange her.

  3. Herr Rau Post author

    Kann man da etwas machen? Wenn das tatsächlich die Deutschlehrer mit ihrem Dichterverständnis sind, dann muss man ihnen das abgewöhnen. Aber vielleicht ist das nur ein Missverständnis, wie es sich ja auch in der scherzhaften Grafik oben zeigt: Im Venn-Diagramm wird diese Art Deutschlehrer beschrieben mit „Was dein Deutschlehrer denkt, was der Autor meinte“; im Text darunter heißt es aber „Was dein Deutschlehrer denkt“, vielleicht platzsparend als Ellipse, vielleicht werden diese zwei Sätze aber auch als synonym betrachtet. Dann sagt der Deutschlehrer zwar das richtige, und das falsche kommt an, und Ursache wäre eher ein Widerwille, irgendwas herauszuinterpretieren aus einem Text.

  4. MK

    Volle Zustimmung an Herrn Rau. Wenn einen die Meinung des Autors zu irgendwelchen Themen interessiert – warum auch immer –, kann man ihn fragen (wenn er noch lebt), oder seine Ego-Dokumente (Briefe, Tagebuch etc.) lesen. Dafür braucht man nicht seine literarischen Werke zu interpretieren.

    Die Frage „Was will der Autor dem Leser sagen?“ führt ziemlich in die Irre, besser ist schon „Was sagt der Text dem Leser?“, noch besser „Was ist die Frage, auf die der Text antwortet?“ Der Text als sprachliches Kunstwerk ist interessant, nicht die Meinung des Autors zu irgendwelchen politischen, gesellschaftlichen etc. Themen. Ohnehin kann der Autor gar nicht eine einzige Bedeutung in einen Text hineinschreiben, die der Leser/Interpret dann ebenso passiv wie eindeutig decodieren muss. Vielmehr entsteht Bedeutung erst im Dialog zwischen Text und Leser, der Leser konstruiert also erst Bedeutung.

    Das alles sieht die universitäre Literaturwissenschaft aber eigentlich auch schon seit Jahrzehnten so. Frage mich, warum das in den Schulen noch nicht so angekommen ist?

  5. Pensionist

    Klugschnack:

    Aber viele Leute scheinen echt zu glauben, das_s_ an diesen Gedanken etwas dran ist.

    seine Meinung ist genau so viel oder wenig interessiert wie …
    besser: seine Meinung interessiert genau so viel oder wenig wie …

    Einen Deutschlehrer korrigieren macht Spaß!

  6. Herr Rau Post author

    Danke fürs Korrigieren, Pensionist! Meine Ruh ist in, meine Feder stumpf, liegt an Abikorrekturmarathon, damit ich mir ab jetzt Urlaub gönnen kann.

    >Frage mich, warum das in den Schulen noch nicht so angekommen ist?
    ( ) es ist angekommen bei den Lehrern, kommt aber nicht bei den Schüler an, oder
    ( ) vielleicht ist es noch nicht bei allen Lehrern angekommen; die Englisch-Deutsch-Lehrer sind vielleicht mehr vom new criticism beeinflusst als die Geschichte-Deutsch-Lehrer, denen der historische Autor vielleicht näher liegt. Aber vielleicht denke ich da auch nur zu sehr an gegenwärtige Kollegen.

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  8. jan

    Wunderbarer Kommentar, der auch viele meiner Karikaturen zerpflückt.. :-D

  9. Thomas

    „Der Mensch ist völlig dazu geeignet, zufällige Daten zu erzeugen“
    Sollte das nicht UNgeeignet heißen?

  10. Nina

    Man sollte generell nicht davon ausgehen, dass der Autor die Person ist, von der die Äußerung ausgeht, sondern je nach Textart der Sprecher, der Erzähler, das lyrische Ich usw.

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  12. Frau Taugewas

    Ich musste so lachen bei der Grafik. Tatsächlich hatte ich eine Deutsch-LK-Lehrerin, die stets darauf achtete, allerhöchstens die Gedanken des Erzählers zu analysieren, keinesfalls die des Autors. Trotzdem las ich alles über den jeweiligen Autor und versuchte allerhand daraus abzuleiten. Im Studium hab ich dann den Boden unter den Füßen wiedergefunden. Manchmal _will_ der Schüler es einfach anders sehen als der Lehrer ;) Das gehört zum Erwachsenwerden.

    Schöne Grüße:)

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