Gelesen: Ben Goldacre, Bad Science

Ich liebe die Terminologie der exakten Wissenschaft, Physik oder Mathematik. Wo gibt es in den Geisteswissenschaften solche Begriffe wie „Bonferroni’s correction for multiple comparisons“? Diesen schönen Begriff aus der Statistik habe ich aus Bad Science von Ben Goldacre.

In dem Buch zeigt Goldacre, welcher Schindluder mit echter Medizin, alternativer Behandlung und vor allem wissenschaftlich-medizinischer Berichterstattung in den Medien getrieben wird. Er hat gar nicht so viel dagegen, wenn Verbaucher Entscheidungen treffen, die er nicht nachvollziehen kann – aber die Verbraucher sollen wissen, was sie tun, und nicht auf irreführende oder falsche Informationen hereinfallen.
Deswegen sind die Themen Goldacres: was eine gute wissenschaftliche Arbeit ausmacht, wie man sie richtig liest und interpretiert, und wie und warum das in der Presse oft nicht geschieht. Sein Credo, glaube ich: wissenschaftliche Untersuchungen müssen öffentlich sein. Sie müssen in der Fachpresse (auch online) veröffentlicht werden, damit andere Wissenschaftler (und auch Laien) sie kritisch würdigen können, damit Versuchsaufbau und -durchführungen hinterfragt und wiederholt werden können. Eine unveröffentlichte Studie ist nichts wert.

Zwei Stellen wollte ich mir merken, wo wenn nicht hier im Blog? Zum einer der Unterschied zwischen den Ergebnissen einer Studie und den Schlussfolgerungen daraus. Goldacre nennt einen Times-Artikel, der das durcheinanderbringt. Eine Studie zeigte, dass Personen mit jüngeren Geschwistern seltener an der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose erkanken. Die Times dazu: „Laut der Studie ist MS ist wahrscheinlicher, wenn ein Kind während einer kritischen Entwicklungsphase keinen Ansteckungen durch jüngere Geschwister ausgesetzt ist.“ Das ist aber nicht das Ergebnis der Studie – das ist eine Erklärung des Ergebnisses, eine Hypothese, die vielleicht zutreffen mag. Aber die Studie hat nur gezeigt, dass jüngere Geschwister, aus welchen Gründen auch immer, irgendwie gegen die Entwicklung von Multipler Sklerose helfen.

Über der anderen Stelle steht das folgende Zitat aus Robert M. Pirsig, Zen and the Art of Motorcycle Maintenance:

The real purpose of the scientific method is to make sure nature hasn’t misled you into thinking you know something you actually don’t know.

Es gibt optische Illusionen, deren Wirkung man sich nicht entziehen kann:


(Quelle: Fibonacci, CC-BY-SA 3.0)

Die Linien sind parallel, und wir wissen, dass sie parallel sind, aber sie sehen trotzdem nicht parallel aus und werden das auch nie tun. Dass sie parallel sind, kann man dadurch zeigen, dass man ein Lineal nimmt und anlegt, die Linien misst.

Genauso wie es optische Illusionen gibt, gibt es auch kognitive Illusionen – Zusammenhänge, die sich dem Verstand aufdrängen, die logisch erscheinen, die intuitiv einsichtig erscheinen, aber trotzdem falsch sind. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist voll davon. Damit man nicht darauf reinfällt, muss man methodisch vorgehen und messen – das Lineal anlegen, die wissenschaftliche Untersuchung durchführen.
Der Mensch ist hervorragend darin, Muster zu erkennen. Das war ein großer evolutionärer Vorteil. Allerdings geht das soweit, dass man auch Muster erkennt, wo keine sind. Goldacre beschreibt mehrere Versuche mit Zufallsdaten, die von Menschen interpretiert werden – und auch bei dieser zufälligen Reihe kann der Mensch nicht anders, als Muster zu erkennen.

Ingesamt: schönes Buch, ein bisschen zu lang, ein paar Stellen wiederholen sich. Vielleicht hätte ein Lektor noch einmal drübergehen sollen. Trotzdem spannend.

Nachtrag: Bin eben auf einen aktuellen Blogartikel hingewiesen worden: „Wie Wissenschaft funktioniert“. An aktuellem Beispiel wird klar, wie wichtig das Veröffentlichen von Studien ist, wie wichtig die Methodik ist, und wie sehr Studien der Überprüfung bedürfen.

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4 Thoughts to “Gelesen: Ben Goldacre, Bad Science

  1. Buch verwunschzettelt, danke.

    Als angehender Wissenschaftler finde ich es schon sehr schwer, meine Gedanken, Auswertungen, und all sowas anderen Wissenschaftlern gut zu kommunizieren. Doch was macht man erst mit Otto-Normalmensch? Bisher hätte diese „Übersetzung“ von Journalisten gemacht werden sollen, aber so schlecht, wie es oft passiert, da können die Wissenschaftler sich überlegen, ob sie ihren Ruf in der Öffentlichkeit nicht selbst verteidigen und die Kommunikation mit der Masse z.B. über Blogs direkt anschieben sollen. Leider ist das sehr zeitaufwändig.

    Bewundernswert finde ich die Autoren in Bild der Wissenschaft oder Geo. Die lobenswerten Ausnahmen.

    Über die potentiell auf sensationsgeile Ausschlachtung von Forschungs“ergebnissen“ durch weniger spezialisierte Medien habe ich mich unlängst selbst ereifert: http://www.drni.de/blog/archives/967-Statistik.html

  2. Dazu auch:Wozu zahlen fälschen, wenn man sie auch erfinden kann? – wenn es keine Zahl gibt, dann erfindet man eine, und wenn keiner etwas anderes behauptet, dann gilt sie.

    Nicht ganz so schlimm, aber auch nicht seriös: Ausbildungsstand der Deutschlehrer mangelhaft – nicht mal mit entschuldigendem Fragezeichen dran. Da stellt sich etwas als belastbares Ergebnis hin, was auf einer freiwilligen Onlineumfrage besteht zu dem Thema, wie gut Grundschullehrer glauben, dass sie ausgebildet sind.

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