Lynne Truss, Talk to the Hand

Der Ellenbogentest: Ist deine Haut am Ellenbogen so jung und glatt, dass sie nach dem Beugen sofort wieder glatt anliegt, dann ist dieses Buch nichts für dich.
Noch zu jung, tut mir leid.
Bitte weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen.
Ich kann da auch nichts machen, hat die Autorin so gesagt. Am Rande.

– Letztes Jahr erschien Eats, Shoots & Leaves, ein unerwarteter Bestseller von Lynne Truss. Darin beklagte Truss lauthalst, aber nicht ohne ironischen Sinn für ihre eigene Absurdität, die mangelhafte Zeichensetzung, der sie sich allerorts ausgesetzt sah.
Ich habe versucht, mit diesem Satz den Spagat zu vermitteln, den Truss in jenem Buch schlägt – zwischen Ernst und Humor, Selbstironie, Eifer, Liebe zur Sprache, Zorn. Truss ist keine Apokalyptikerin, sie beklagt sich nicht darüber, dass alles schlechter wird. Aber sie kann einfach nicht schweigen angesichts der vielen fehlenden Kommas und Apostrophen. “I see dead punctuation”, sagt sie, so wie der kleine Junge im Film The Sixth Sense die Geister von Verstorbenen sieht.

Jetzt hat Lynne Truss ihr nächstes Buch veröffentlicht. Und es ist keine einträglich-einfache Fortsetzung, wie sie vielleicht zu erwarten gewesen wäre, aber vielleicht doch eine Variation des Themas: Es geht um Höflichkeit und Unhöflichkeit, um “The Utter Bloody Rudeness of Everyday Life”, so der Untertitel.
Und das ist ein viel heikleres Thema als die Zeichensetzung. Wer sich an Sprache stört (wie das Sprachblog), ist schöngeistig, wer an falschen Apostrophen hängen bleibt und sich eine Meinung zum Semikolon leistet, ist auf liebevolle Weise altmodisch, ein Original, hat einen Spleen. Aber wer die Gegenwart zu unhöflich findet, der ist vielleicht nur spießig, kleinkariert oder elitär.

Insofern begann ich Talk to the Hand mit gemischten Gefühlen. Aber das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es geht nicht um Etikette, nicht darum, mit welchem Löffel man welche Haare spaltet. Es geht nicht um willkürliche Manieren, die hauptsächlich dazu sind, sich von anderen abzugrenzen.

Es geht darum, dass die Autorin auf dem Handy angerufen wird und ihr ein Tonband etwas verkaufen will. Es geht darum, dass sie Bahn fährt und die Leute neben ihr rücksichtslos laut Musik hören. Es geht um das Fehlen von freundlichen Bitte-Danke-Ritualen, um inkompetente Call Center und Warteschleifen, um das Ignorieren von Mitmenschen. Lynne Truss zitiert dabei viel aus dem köstlichen Watching the English von Kate Fox. (Da fühlt man sich gleich gut, wenn man das Buch auch gelesen hat.) Und ein bissen Anthropologie ist dann auch hängen geblieben, denn Truss versucht zu erklären, wo dieses unhöfliche Verhalten herkommt.

Eine ihrer Thesen: Leute benehmen sich in der Öffentlichkeit immer mehr so, als ob sie allein und zu Hause wären. Daher das ungenierte Ausplaudern privater Informationen am Handy, die laute Musik, die Füße auf den Stühlen. Der Sinn dafür, dass man den öffentlichen Bereich mit anderen teilt, fehlt. Das erklärt auch, warum die Menschen, wenn man sie bittet, doch ihren Müll bitte nicht auf den Boden der S‑Bahn zu werfen, so aggressiv-irritiert reagieren. (“Fuck off.”) Wie kommt man denn dazu, diese Leute in ihrem privaten Bereich zu belästigen, einzudringen in ihre Privatsphäre, sich einzumischen?

(Ich bin selbst auch einer dieser Leute, die regelmäßig S‑Bahn-Passagiere bitten, ihren Mp3-Player leiser zu stellen. Das funktioniert meistens übrigens ganz gut, ganz selten wird man gebeten, etwas anatomisch vermutlich völlig Unmögliches zu tun. Die meisten Leute stellen ihre Geräte leiser, manchmal sogar bereitwillig. Ich weiß auch nicht, warum ich das mache; sicher einmal, weil mich die Musik nervt, vermutlich will ich mir aber auch etas beweisen.)

Als weiteren Faktor sieht Truss mangelnde Empathie: Die mangelnde Bereitschaft oder Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen. Wenn ich es nicht eilig habe, und das ist so gut wie nie der Fall, gehe ich nie bei Rot über die Ampel, solange dort andere Leute warten. Die kommen sich dann nämlich dumm vor, wenn sie warten und andere nicht, und das muss ja nicht sein.

Zum Bitte-und-Danke-Sagen: Man hält einem anderen die Tür auf, der sagt “Danke” und man selber “Bitte” und die Transaktion ist erledigt. Man fühlt sich daraufhin: erleichtert, gerechtfertigt, bestätigt, wahrgenommen und als guter Mensch. Das alles, ohne dass man sich irgendwie für den anderen interessiert. Bleibt das “danke” aus, fühlt man sich: erbost, enttäuscht, unsichtbar, zornig, schlecht, wütend.

Die Höflichkeit, die mit Klassenbewusstsein verbunden war, gibt es nicht mehr, und das findet auch Lynne Truss eine gute Sache. Aber sie zählt zwanzig Gründe auf, weshalb man früher zu bestimmten Personengruppen besonders höflich war – Gründe, die nichts mit Klassendenken zu tun haben:

they are older
they know more than you
they know less than you do
they have educational qualifications in the subject under discussion
they are less fortunate than you
they have achieved status in the wider world
they are your boss
they work for you
they are a policeman/teacher/doctor/judge

Ah, wo sind sie hin, die Zeiten.

Schließen will ich mit einer Schopenhauer-Parabel, die auch Truss erzählt:

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen.
Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.
Und diese Entfernung nannten sie Höflichkeit und feine Sitte.

So ist es. Und vielleicht bin ich auch noch einen Klacks höflicher in Zukunft. Heute auf der Post hat das schon mal sehr gut geklappt.

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