Das filmende Klassenzimmer

Bei den Bavaria Filmstudios in München gibt es seit 1990 das Projekt „Das filmende Klassenzimmer“. Dabei kommt eine Schulklasse um 9 Uhr morgens mit einer Idee für einen kurzen Film an. Mit einem Drehbuchautor wird die Idee diskutiert und zu einem drehbaren kleinen Film erweitert. Um die Mittagszeit herum wird mit dem Drehbuachautor als Regisseur und einem Kameramann gedreht; die Schüler tragen Kabel oder spielen mit. Das dauert gute zwei Stunden. Danach gehen die beiden Profis den Film schneiden, die Schüler haben während dieser Zeit Mittagspause und machen dann die Bavaria-Filmtour mit (wie sie für jeden Besucher angeboten wird). Zum Schluss, so gegen halb fünf, fünf, schaut man sich den geschnittenen Film an und kriegt eine Kopie auf VHS-Kassette und DVD.

Insgesamt: Es lohnt sich. Peter und Bernhard haben uns sehr gut betreut; vor allem das Gespräch zwischen den Schülern und dem Drehbuchautor Peter war sehr gut. Peter fasste zusammen und spiegelte zurück, was er von den Ideen der Schüler verstanden hatte und zeigte damit Lücken in ihren Formulierungen. Die Wörter „irgendwie“ und „aus irgendeinem Grund“ erklärte er für verboten, was sehr befriedigend für den Lehrer war: Genau das gleiche sagen wir den Schülern auch immer.

Dazu erfahren die Schüler Wissenswertes aus dem Filmgeschäft: Wie umfangreich ein Drehbuch ist, wie lange man für eine Produktion braucht, wie viele sendefertige Minuten man im Schnitt am Tag dreht (Telenovela: 30-40 Minuten, Tatort: 5 Minuten, Filmproduktion 2-3 Minuten).

Die Tour ist nur mäßig interessant, aber einmal kann man sie ja machen.

Unser Film hatte begonnen als Mord im Landhaus mit ermittelndem Detektiv und wurde schließlich zu einem Mord auf einer Party, bei dem die jugendlichen Gäste und Gastgeber selber den Mörder stellen wollten, und ein Geständnis durch Folter erzwingen wollten. Zwar gesteht dann doch noch ein anderer, aber die letzten Worte lassen daran zweifeln, ob dieses Geständnis wirklich echt ist. Das alles in siebeneinhalb Minuten – fast schon monumental.

Da unser Stück ein Kammerspiel war, brauchten wir keine Außenaufnahmen. (Außerdem war es bitterkalt draußen.) In einer Ecke unseres Drehraumes stand ein altes Sofa und ein Regal mit Krimskrams drin – unter anderem folgende Bücher:

Ich frage mich dann immer, wie solche Bibliotheken zusammengetragen werden.

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4 Thoughts to “Das filmende Klassenzimmer

  1. Toll! Das muss ich mir merken! Das lässt vermutlich tiefer in die Arbeitsweise von Filmemachern blicken, als jedes ArbeitsblattLehrervortragDokufilmgegucke. Klasse. Notiz an mich…

  2. War alles in allem ganz okay :); alle Informationen zum Filmgeschäft waren interessant, auch wenn die Fragen am Ende eventuell sogar zu umfangreich beantwortet wurden (ausschweifen ist ja prinzipiell nicht schlecht, aber…). Immerhin haben wir an dem Tag einiges gelernt.

    Ansonsten war ich überrascht, dass unser Film so „lang“ war – ich hätte ihn eher auf 3-4 Minuten geschätzt – aber naja, ich bin ziemlich schlecht im Schätzen.
    Insgesamt ist der Film meiner Meinung nach ganz gut geworden, auch wenn mir mindestens zwei eher unschöne Stellen aufgefallen sind:
    Besonders negativ aufgefallen ist mir der Mord an sich – Tanzen: gut, Stimmung. Licht aus: okay. Schrei und Licht an: da hat „irgendwas“ (jaja, man versucht ja schon, das zu vermeiden) gefehlt – jedenfalls hatte ich beim nachträglichen Filmschauen nicht den Eindruck, dass die Zeit für einen Mord gereicht hätte. Vielleicht hätte man zwischendrin jemanden zeigen sollen, der das Licht wieder anschaltet…
    Der andere Kritikpunkt bezieht sich auf das Messer – da hat man eine Tatwaffe, und benutzt sie im Film nicht einmal? Mir hat da irgendwie ein bisschen der Pseudodetektiv gefehlt – irgendwie muss doch jeder, der auch nur einmal einen Detektiv- oder Kriminalroman gelesen hat, schon allein aus der Position der Waffe relativ zum Körper die wahnwitzigsten (falschen) Sachen schließen können.
    Ansonsten fand ich den Film aber dafür, dass er an einem einzigen Tag alle Stufen durchlaufen hat, die ein richtiger Kinofilm in anderthalb bis zwei Jahren, ausgesprochen gut – verbesserungswürdig, sicher, aber gut.

    Alles in allem also ein seeehr langer Ausflug, der sich aber auch eindeutig gelohnt hat.

  3. Ah, noch was. Könnte man die Kommentare nicht als Block- statt als linksbündigen Text darstellen? Die sind meiner Meinung nach einfacher und angenehmer zu lesen, und…Ihre Einträge sind ja auch Blocktexte.

  4. Tja, irgendein Unterschied muss ja noch sein zwischen Kommentar und eigenem Eintrag. :-) Ernsthaft; es gab mal einen Grund, warum ich das so wollte, und vielleicht er mir auch mal wieder ein.

    „[J]jedenfalls hatte ich beim nachträglichen Filmschauen nicht den Eindruck, dass die Zeit für einen Mord gereicht hätte“ – das ist der sehr selektive Realismusanspruch, den Peter auch schon kritisiert hatte. Wenn du sagst, dass der Zuschauer mehr Zeit braucht, um die neuen Informationen zu verdauen: Das kann ich verstehen. (Das stimmt vielleicht auch; ich muss mir den Film noch einmal anschauen.) Aber dass das in echt nicht möglich gewesen wäre, ist für einen Film unwichtig. Fiktion hat andere Regeln.

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