Gestern Ex geschrieben

(Ex = Extemporale = Stregreifaufgabe: In Bayern kurze unangekündigte schriftliche Prüfung über den Stoff der letzten Stunde und Grundwissen. Zählt als mündliche Note.)

Ich hatte mich so darauf gefreut, im Blog posten zu können: “Heute habe ich eine Ex geschrieben. Es gab nicht den geringsten pädagogischen Grund dafür. Der einzige Grund war, dass ich Zahlen auf dem Papier stehen haben muss, damit ich andere Zahlen ins Zeugnis eintragen kann.”

Bei Noten ist es nämlich oft so: Sie haben zwar viele Aufgaben (Überprüfen des Wissens des Schülers; Rückmeldung an den Lehrer, wie der Stoff angekommen ist; Rückmeldung an den Schüler, wie sehr er den Stoff verstanden hat; Objektivierung der eigenen Einschätzung; Ermunterung; Aufforderung), aber die wichtigste Aufgabe ist mitunter die, dass man keinen Ärger mit der Schulleitung kriegt und die keinen mit dem Ministerium. Weil halt am Schluss etwas auf dem Zeugnis stehen muss, was einer formalen (nicht: inhaltlichen) Überprüfung standhalten kann.

Das glaube ich immer noch. Nicht in jedem Fach und schon gar nicht bei jedem Schüler. Aber doch.

Allerdings habe ich die Ex jetzt korrigiert, und ich muss mich korrigieren: Nein, das war durchaus sinnvoll und interessant. Diesmal. Als Feedback für mich, was bei wie vielen Schülern angekommen ist und was nicht.

11 Antworten auf „Gestern Ex geschrieben“

  1. > Weil halt am Schluss etwas auf dem Zeugnis stehen muss, was einer formalen (nicht: inhaltlichen) Überprüfung standhalten kann.

    Immerhin können Schüler durch Exen etwas für ihre mündlichen Noten tun. Finde ich deutlich besser als wenn überhaupt keine Exen geschrieben und auch nicht ausgefragt wird (“Ich möchte den Schülern diesen Stress ersparen”) und dann kurz vor dem Zeugnis “aus der Erinnerung” heraus irgendwelche UB-Noten gegeben werden. Das ist dann die reinste Willkür und man kann denen, die man nicht mag schön eine reinwürgen.

  2. Stimmt. Aber ich bin auch der Meinung, dass Vokabeltests (oder Exen) in Englisch oder den Fremdsprachen allgemein überbewertet werden. Ein Großteil der Notengebung findet ja eh schriftlich statt, wozu dann noch mehr schriftlich abfragen? Gerade in einer gesprochenen Sprache wie Englisch sollte mehr auf die mündliche Beteiligung im Unterricht geachtet werden. Aber das kommt natürlich auch immer auf die Lerngruppe an, manche brauchen sicherlich den Notendruck um überhaupt etwas zu tun.

  3. In NRW haben wir so was wie Exen und Ausfragen nicht – trotzdem sind wir in der Lage, mündliche Noten zu geben. Dazu muss man sich (besonders in der Oberstufe, in der die mündliche Note – wir sagen auch SoMiNo = sonstige-Mitarbeits-Note – 50% der Gesamtnote ausmacht) halt so viele Notizen wie möglich machen. In meinem LK z.B. schreibe ich mir nach (fast) jeder Stunde zu möglichst jedem Schüler etwas auf, z.B. “still, aber denkt mit”, “beteiligt sich, nervt aber andere durch Quatschen”, “(gute) HA vorgelesen” oder so etwas. Die Schüler sind mit ihren Noten auch eigentlich immer einverstanden und schätzen sich selbst meist noch etwas schlechter ein.

  4. hmmm schriftliche “Exen” die dann zur muendlichen bewertung fuehren – das ist pervers im eigentlichen Wortsinne. Einer meiner Englischleher hat das problem der muendlichen Noten recht geschickt geloest gehabt: Er hat immer mal wieder sich am Anfang der Stunde jmd nach vorngeholt allein oder zu zweit und zu den letzten Stunden befragt oder nen Dialog sprechen lassen oder sowas, hat aber dann nicht einfach eine Note gegebn und gut sondern hat die Klasse danach korrigieren lassen – das macht die sache irgendwie transperent – auch wenn ich da natuerlich im nachhinein Datenschutzbedenken habe…

  5. > sondern hat die Klasse danach korrigieren lassen

    Dieses Verfahren finde ich unter dem Gesichtspunkt der Solidarität unter Schülern ungut. Schüler dürfen sich gerne bei Referaten, Prüfungen etc. gegenseitig loben, korrigieren bzw. kritisieren sollte m.E. in erster Linie der Lehrer. Man sollte Schüler nicht in eine Lage bringen, wo sie gezwungen sind ein “Kameradenschwein” zu sein und einen Mitschüler “in die Pfanne zu hauen”.

  6. Also zwischen “in die Pfanne hauen” und Fehler korrigieren ist doch ein riesieger Unterschied, wenn es zu ersteren kommt, dann liegt da was in der Klasse schief. Wenn Sie das ihren Schuelern nicht zutrauen, koennen sie ja das identifizieren der Fehler selbst machen und trozdem alle fragen wie es richtig sein mueste.

  7. Wenn Schüler an der Notengebung beteiligt waren, fand ich die Situation schon in der Schule schwierig: Die besten Freundinnen hätte man auf keinen Fall kritisiert, höchstens gelobt. Genauso ist auch nur bei beliebten Schülern nach der Bekanntgabe der mündlichen Noten eine “Verteidigungsreihe” aufgesprungen und hat 3 Mann hoch versucht, eine bessere Note auszuhandeln (“ich finde aber, die X ist besser als zwei minus…”). Ich fand das stressig für alle Beteiligten.

  8. @Jochen: Ich glaube nicht, dass es viele Lehrer gibt (ich kenne gar keine), die Schülern, die sie nicht mögen, eine reinwürgen wollen. Warum auch? So eine wichtige Rolle spielen einzelne Schüler im Leben eines Lehrer auch wieder nicht. Dass Lehrer Vorurteile haben und einzelne Schüler unter- oder überschätzen, keine Frage, das kommt vor.
    Diese UB-Noten aus der Erinnerung darf es zwar nicht geben, aber es gibt sie natürlich, und manchmal geht es auch gar nicht anders. Ich habe in meiner langen, bunten Geschichte schon mehrfach darauf zurückgreifen müssen. Früher, selbstverständlich. Aber dann bin ich doch nicht so blöd und mache eine Note daraus, die einem Schüler zum Nachteil gereicht; eher ist es so, dass man nur zwei mündliche Noten pro Halbjahr hat und (nach der noch gültigen GSO) drei braucht, ob pädagogisch notwendig oder nicht. Wir benoten eh viel zu viel und zu oft.

    @Björn: Ja, das Mündliche gehört aufgewertet. Exen mache ich in Englisch vor allem deshalb, weil ich meine Zahl von Noten brauche. Da kriegt man halt 30 Noten auf einen Rutsch.

    @Frau Lehmann: Klingt gut. Ich mache mir nicht oft genug solche Notizen, nehme es mir aber immer wieder vor.

    Zumindest in der Unterstufe, aber dieses Jahr auch in der 11. Klasse, rede ich mit der Klasse schon darüber, welche Note sie für eine gezeigte Leistung geben würden. Damit ich weiß, was die Schüler denken; damit sie wissen, was ich erwarte; damit wir einen Maßstab für gezeigte Leistungen haben. Das gilt vor allem für Vokabelabfragen (bei denen die Schüler ohnehin beteiligt sind, da sie auch Fragen stellen sollen und das auch tun) und Referate jder Art.
    Das ging bisher ganz gut, ich habe nicht den Eindruck, dass Animositäten ausgetragen oder erzeugt werden. Hängt vielleicht tatsächlich von der Klasse und vom Alter ab; am schwierigsten dürften wohl Siebtklässler sein.

    (Die Ex oben war übrigens eine Informatik-Ex, 10. Klasse. “Gegeben sind zwei Variablen x und y. Die Variablen sollen ihre Werte tauschen. Schreibe in drei Zeilen Code, wie das geht.” Solche Sachen.)

  9. > [Doro] Ich fand das stressig für alle Beteiligten.

    Sehe ich auch so. Ich mache es folgendermaßen: Wenn der Schüler am Ende der Stunde zu mir kommt und sich nach der Note erkundigt, frage ich ihn zunächst, was er denkt, dass er bekommen hat. Die Schüler wissen, dass das kein Kuhhandel wird, wo der Schüler eine absurd gute Note sagt und wir uns “in der Mitte treffen”. Ganz am Anfang des Jahres mache ich anhand einer guten Rechenschaftsablage meine Standards klar. Wenn der Schüler dann von sich aus die Note sagt, die er bekommen hat (fast immer der Fall) heißt das für mich, das ich nichts weiter erklären bzw. begründen muss. Wenn wir auseinanderliegen, muss ich meine Note erklären. Siehe auch http://www.jochenenglish.de/?p=279

  10. Ich finde es schön, dass ihr eure mündlichen Noten so transparent macht. Wie haltet Ihr es mit der Information der Eltern? Bei uns schreiben manche Lehrer (hauptsächlich in den Nebenfächern) die mündliche Note unter die (einzige!) Klassenarbeit. Da in dieser Klassenstufe meistens noch die Eltern die Arbeit unterschreiben sollten, hat man da schon eine gewisse Information. Leider steht da gar nichts dabei, wie diese Note entstanden ist – und wenn man Töchterchen fragt bekommt man auch nur eine sehr wachsweiche Antwort (ich denke, ich glaube und so weiter …)

    Liebe Grüße strelizie

  11. Den Eltern eine mündliche Einzelnote transparent machen zu wollen, halte ich für kaum möglich und wenig hilfreich. Ich informiere Eltern sicher auch nicht über jede einzelne mündliche Note. Das sind 700 Noten im Jahr. Die Eltern werden zum Halbjahr durchs Zeugnis oder jederzeit durch ihre Kinder informiert, das reicht. (Tatsache ist allerdings, dass die Schüler zwar über jede einzelne mündliche Note zeitnah informiert werden müssen, dass dies aber nicht immer geschieht. Bei mir auch nicht.)

    Im Idealfall weiß also das Kind, woraus sich der Durchschnitt der mündlichen Noten zusammensetzt. Warum das beim Ausfragen eine 3 und keine 2 war, das kann man vielleicht den Anwesenden transparent machen, anderen sicher nicht.

    Unabhängig davon ist das Zustandekommen der mündlichen Noten ein Graus und alles andere als objektiv, reliabel und so weiter. Jedenfalls solange eine feste Zahl solcher Noten vorgeschrieben ist. Deshalb begrüße ich die neue GSO, wo das nicht mehr so ist. Klar wird das neue Probleme geben, leider gefolgt von neuen Vorschriften.

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