Evaluation – Der Ablauf

Es gibt eine externe Evaluation, der sich früher oder später alle Gymnasien mal unterziehen müssen. Ich kann die Richtigkeit oder Übertragbarkeit meiner Darstellung nicht gewähren, aber soweit ich das mitkriege, läuft die Evaluation so ab:

1. Die Schulleitung wird über die bevorstehende Evaluation informiert und gibt diese Informationen an die Lehrer weiter. Die Schulleitung erstellt eine Art Portfolio, um die Schule zu präsentieren. Das Portfolio (siehe ISB) enthält Statistiken, dazu werden verschiedene Kollegen, auf jeden Fall die Fachbetreuer angesprochen. Soll ja auch was drinstehen im Portfolio. Außerdem werden die respizierten Schulaufgaben aus dem Archiv geholt.

2. Das Evaluations-Team stellt sich bei der Schulleitung vor. Teams bestehen aus Gymnasiallehrern, eventuell einem Freiwilligen aus der Wirtschaft (z.B. Unternehmensberater oder so etwas).

3. Das Team stellt sich und seine Vorgehensweise in einer Versammlung dem Kollegium vor.

4. Ein gewisser Prozentsatz der Eltern und der Schüler kriegt Fragebögen (wie oben) zum Ausfüllen. Alle Lehrer können über WWW mit gemeinsamem Passwort einen Fragebogen ausfüllen.

5. Die Evaluatoren erscheinen an einigen Tagen in der Schule und besuchen dort vormittags Unterrichtsstunden. Dazu liefert die Schulleitung eine Liste von möglichen Stunden, jeweils durch alle Jahrgangsstufen, mit Schwerpunkten auf Deutsch, Englisch, Mathematik, aber alle Fächer sind vertreten. Zu jeder Stunde haben die Evaluatoren Auswahlmöglichkeiten, wen sie besuchen. Man ist als Lehrer also vorgewarnt, kommt aber vielleicht gar nicht dran. Über die Unterrichtsbesuche gibt es keine Rückmeldung an die Lehrer (schon mal aus Zeitgründen). Es gibt für die Unterrichtsbesuche eine Checkliste, nach der die Evaluatoren vorgehen (wie oben).

6. An den Nachmittagen dieser Tage führen die Evaluatoren Interviews mit Schulleitung, Verwaltungspersonal (Sekretärin, Hausmeister), verschiedenen Fachbetreuer-Gruppen, dem Personalrat, dem Sachaufwandsträger, dem Elternbeirat, Schülervertretern, der Schulleitung. Es geht beim Interview eher darum, eine gegebene Liste von 50 oder 60 Fragen zu beantworten. Wie sehr die differenzierten Antworten der Lehrer dann lediglich in einem angekreuzten „ja“ oder „nein“ münden, weiß ich nicht. Ich war gestern bei drei verschiedenen solcher Interviews dabei und konnte vergleichen, inwiefern verschiedene Gruppen auf die gleichen Fragen reagieren. Teilweise sehr interessant.
Trotz der gegebenen Fragen hatten wir Lehrer Gelegenheit, alles zu sagen, was wir wollten. Man muss halt überlegen, was man sagen will.
Was die Evaluatoren freundlich zur Kenntnis nehmen, aber ihre Kugelschreiber nicht in Bewegung setzt, ist Kritik an den durch das Kultusministerium geschaffenen Rahmenbedingungen. Es geht bei der Evaluation darum, was die Schule besser machen kann, und nicht, was das Kultusministerium besser machen kann.

7. Auf Basis dieses Materials erstellt das Team dann einige Zeit später einen Bericht über die Schule. Darin werden die Stärken und Schwächen Entwicklungsfelder der Schule aufgezählt. Aufgenommen in den Bericht werden nur Stärken und Schwächen Entwicklungsfelder, für die das Team mindestens zwei Belege gefunden hat. Belege sind dabei die verschiedenen Interviews, die verschiedenen Fragebögen, die Unterrichtsbeobachtung, vielleicht auch das Portfolio. Da steht dann etwa: „Die Stimmung ist total miesepetrig und entwicklungsfeldig (Personalrat, Fachbetreuer, Elternbefragung)“.

8. Zum vorläufigen Bericht kann die Schule kurz Stellung nehmen. Anekdotisch hört man von anderen Schulen, die bereits evaluiert worden sind, dass manche Evaluatorenteams ihre Sache gut machen, andere noch Entwicklungsfelder aufweisen.

9. Danach geht der Bericht ins Ministerium und an die Schulleitung. Zumindest der Großteil des Berichts wird allen Lehrern zugänglich gemacht. Mit dem Bericht kann die Schule machen, was sie will; es ist aber wohl nicht ratsam, ihn zu veröffentlich. Die Evaluation dient nicht, so heißt es, zum Vergleich von Schulen untereinander, und sei dafür ungeeignet. (Das glaube ich auch. Was nicht ausschließt, dass sie nicht doch dazu verwendet wird.)

10. Schließlich werden einige Schwächen Entwicklungsfelder der Schule herausgegegriffen und die Schule erklärt, an diesen Schwächen Entwicklungsfeldern zu arbeiten. Wie diese Auswahl stattfindet, das weiß ich nicht; es interessiert mich sehr.
Es heißt, so ein Entwicklungsfeld könne auch sein: „Wir wollen weiter so toll an unserem Integrationsprojekt arbeiten“, das wäre in diesem Fall also tatsächlich keine Schwäche.
Die Schule erklärt weiterhin, wie sie dabei vorzugehen gedenkt, und laut Auskunft de Evaluatoren gäbe es dazu auch verschiedene Arten der Unterstützung. Die Beispiele, die dazu genannt wurden, waren eher mager, will heißen, schon mal zwei oder drei Anrechnungsstunden für ein Jahr für diese Schule für diese eine Vorhaben. Als Maximalzuckerl.

11. Es gibt Sitzungen und Sitzungen und Sitzungen des Lehrerkollegiums. Heißt es.

12. Nach dem Ablauf einer angemessenen Zeitspanne erklärt die Schule postalisch, die gegebenen Entwicklungsfelder beackert und fruchtbar gemacht zu haben.

— Wir stecken gerade mittendrin in diesem Prozess. Über Sinn und Unsinn kann ich erst später etwas sagen. Es würde mich freuen, die Stärken und Schwächen meiner Schule Schwarz auf Weiß zu sehen, wenn sich dadurch etwas verbessert. Da habe ich noch Zweifel.

Außerdem habe ich als Lehrer den Eindruck, hier einen Schnellkurs im Mängelverwalten absolvieren zu müssen, der leider nicht durch eine überlegte Schulpolitik ergänzt wird. Mit der könnte man nämlich auch eine ganze Menge verbessern.

Das gilt schon fürs Kleine. Auf der einen Seite schreibt das Ministerium:

„Im Internet können Sprechstundenverzeichnisse […] wegen der notwendigen Einwilligungen der Betroffenen […] keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Der Sinn derartiger Verzeichnisse im Internet ist daher auch aus diesem Grunde fraglich. Dies umso mehr, als Eltern die entsprechenden Informationen ohnehin durch unmittelbare Kommunikation mit der Schule erfahren.“ (KWMBl I Nr. 9/2001)

Auf der anderen beklagte sich das Ministerium darüber, dass auf unserer Homepage zuviel Passwortgeschütztes steht. Wenn man nur immer wüsste – als Schulleitung wie als Lehrer – an welche Vorschriften man sich jetzt halten soll und an welche nicht. Es gibt einfach zuviele davon.

Ein Scherflein könnten die Lehrer aber auch zur Verbesserung beitragen: nachhaltige Arbeitsblätter, nachhaltiges Arbeitsmaterial (und zu beidem gehört die digitale Erreichbarkeit), Tausch davon; Konsens darüber, was in welcher Jahrgangsstufe wichtig ist; darauf achten, dass das dann auch gemacht wird.

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10 Thoughts to “Evaluation – Der Ablauf

  1. Vielen Dank für diese ’nachhaltige‘ Darstellung! Es wird auf uns wohl auch noch in dieser Form zukommen, obwohl wir erst eine Evaluation hinter uns haben, nämlich mit dem SEIS-Instrument der Bertelsmann-Stiftung (wie alle kirchlichen Schulen, soweit ich weiß). – Das läuft ziemlich ähnlich ab wie von dir beschrieben, nur abzüglich externer Besucher – SEIS heißt „Selbstevaluation in Schulen“. Die Fragebögen für Eltern, Schüler, Lehrer und Schulleiter werden zentral ausgewertet und von einem externen Gutachter kommentiert.
    Was bei der von dir dargestellten Evaluation ja besonders ^^ interessant ist: die Teilnahme eines Freiwilligen aus der Wirtschaft. Ich bin ja schon gespannt, wann die Wirtschaftsprüfungsunternehmen bei einem Check-Up von Siemens oder BMW einen Lehrer als Mitglied des Evaluationsteams mitnehmen …

  2. @rip
    Den Kalauer mit ‚SEIS drum‘ verkneife ich mir jetzt mal.

    > nachhaltige Arbeitsblätter

    Ich habe mal bei Wikipedia unter ‚Nachhaltigkeit‘ nachgesehen:

    „Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt die Nutzung eines regenerierbaren natürlichen Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise nachwachsen kann.“

    Natürliche, nachwachsende Arbeitsblätter, die in ihren wesentlichen Eigenschaften erhalten bleiben – hätte ich auch gerne ;-)

  3. Na gut, habe ich halt geblufft… :-) Aber ich dachte mir, wo man das Wort jetzt so sehr hat, oder hat man das am Ende gar nicht mehr?

  4. @Jochen: Danke fürs Verkneifen des Kalauers.
    @Herr Rau: Doch, doch, das Wort hat man. Das hat sich so nachhaltig durchgesetzt, dass es sicher nicht so schnell verschwindet.
    @Frau Rau: Prima! Synergien sind immer gut. Vor allem wenn sie nachhaltig genutzt werden :-)

  5. Wir hatten schon so eine Evaluation und nützen die Synergien jetzt ganz, ganz nachhaltig (zum Beispiel durch Einrichten eines Förderunterrichtsmodells*). Eigentlich fanden wir, dass unsere Schule und ihre (zahlreichen) Stärken und (wenigen) wiehießdasnochmalEntwicklungsfelder ganz gut getroffen waren. Ob der riesige Aufwand dafür gerechtfertigt ist, sei dahingestellt, wenn herauskommt, dass wir mehr Platz für Arbeitsmaterialien bräuchten (denkmalgeschütztes Gebäude, das aus allen Nähten platzt) und unsere Schüler sich mal am Riemen reißen sollten, so disziplinsynergiemäßig. Darauf wären wir auch selber gekommen.

    Immerhin, die Evaluatoren haben das gefunden, was uns selbst auf den Nägeln brennt – und drei Wahlunterrichtsstunden gibt es als Zuckerl auch.

    *muss ein bisschen Werbung machen: die Evaluatoren preisen allenthalben das „Berchtesgadener Modell“ an, das m. E. auf Selbstausbeutung beruht. Wir haben ein Konzept vom Gymnasium Weilheim übernommen, das wesentlich überzeugender daher kommt.

  6. Ha! Noch schöner als „Schwächen“ aka „Entwicklungsfelder“ klingt nur noch „Potentiale“!
    Und viel schöner als „Selbstausbeutung“ klingt „hohes Engagement“. :-)

  7. Was ist denn das Berchtesgadener Modell, falls das auch auf uns zukommt?

    „Immerhin, die Evaluatoren haben das gefunden, was uns selbst auf den Nägeln brennt“ – das ist schon mal ein erster Erfolg.

  8. In Bayern geht es ja viel zivilisierter als in NRW zu – bei uns kommen die Inspektoren unangemeldet in eine halbe (ehrlich!) Schulstunde, ohne mit dem Fachlehrer auch nur ein Wort über den Sinn der Veranstaltung Unterricht zu verlieren.
    Bei uns bekommt auch nur die Schule Empfehlungen. Wie sich aber „die Schule“ ändern kann, wenn sich nicht einzelne ändern, weiß ich nicht.
    Solange Fortbildung nicht vom Arbeitgeber bezahlt wird und möglichst nicht in der Arbeitszeit erfolgen soll, ist das Gerede von Evaluation sowieso nicht ernst gemeint.
    Nett fand ich oben: „Stärken und Schwächen Entwicklungsfelder“ (schade, hier ist „Schwächen“ nicht durchgestrichen).

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