Abistreich 2008

Heute war wieder Abistreich. „Der wird anders als in den letzten Jahren“, habe ich Schüler vorher sagen hören. Nu. Ich wartete eher skeptisch in der vierten Stunde mit meiner Klasse darauf, dass es endlich losging. Wir begannen gar nicht erst mit dem Unterricht, und das war vielleicht schade.

Denn es fing ganz gut an. Wir wurden nicht alle mit vorgehaltenen Wasserpistolen auf den Sportplatz geschickt. Stattdessen kam eine launige Durchsage. Dann erst mal nichts. Vermutlich sollte dann der Unterricht weiterlaufen, damit der einige Minuten später von der nächsten Durchsage unterbrochen wurde. Aber natürlich lief da gar kein Unterricht. (Vielleicht hätte die erste Durchsage lauten sollen: „Fangen Sie ruhig schon mal an mit Unterricht, der Abistreich dauert noch etwas.“ Dann hätte man vielleicht wirklich etwas unterbrechen können.)

Die Durchsagen selber waren gemischt. Ein paar launige Scherze. Ein paar Insider-Witze, die in manchen Klassen Schulterzucken auslösen. Aber ein paar gingen in die richtige Richtung. Herr X solle jetzt mal allen Schülern etwas Nettes sagen. Herr Z solle vor dem Schulgebäude Kippen aufsammeln. Mehr davon! Mit meiner Klasse haben wir nach neuen Ideen gesucht. „Herr Rau möge mal alle elektrischen Geräte, die er dabei hat, auf sein Pult legen.“ Oder: „Jeder Lehrer erzählt jetzt mal seiner Klasse seinen Lieblingswitz.“ So eine Art Simon Says über die Schulsprechanlage.

Danach kamen eine Handvoll Abiturienten in die Klassen. Die, die zu mir kamen, kannte ich nicht, sie stellten sich nicht vor, wir warteten, dass irgend etwas passiert. Vermutlich dachten die, dass da noch irgendwo Unterricht läuft. Dann gingen sie wieder. Nicht ganz durchdacht.

Dann kam ein Abiturient, um mit uns das Alle-die-wo-Spiel zu spielen. Neunte Klasse, ein bisschen spät dafür, aber alle machten mit. Das Alle-die-wo-Spiel kennen die meisten Schüler von Klassensprechertagen und ähnlichen Veranstaltungen: Man sitzt im Stuhlkreis, ein Stuhl weniger als Schüler, ein Schüler steht in der Mitte. Der sagt dann: „Alle, die wo…. “ zum Beispiel: „Jeans anhaben.“ Und dann stehen alle, die wo Jeans anhaben, auf und wechseln schnell den Sitzplatz. Währenddessen versucht auch der in der Mitte einen Platz zu ergattern, bis am Schluss ein anderer in der Mitte steht – und die nächste Frage stellt.

Der Witz am Spiel ist natürlich auch der, interessante Fragen zu stellen. Wer am morgen nicht geduscht hat. Wer schon mal geschummelt hat. Wer schon mal… nur der gute Geschmack setzt hier Grenzen. (Beliebte Metafrage: Alle die wo beim Alle-die-wo-Spielen heute schon mal geschwindelt haben.) Man stellt und beantwortet da manchmal auch Fragen, die man sonst umgehen würde. Beispiele aus der Klasse will ich nicht bringen, aber ich weiß jetzt mehr über meine Schüler, als ich eigentlich wissen will.

So oder so zog sich das Spiel hin, und keiner wusste, was Weiteres geplant war. Irgendwann kam dann auch eine Durchsage, dass jetzt alle in den Pausenhof kommen sollen. Zu diesem Zeitpunkt verschwanden die ersten Schülergruppen nach Hause, viele gingen aber auch in den Hof, und die humorvoll-fröhlich-dynamischen Lehrer gingen mit, um dort an üblichen Spielchen teilzunehmen und wasserpistolenbewerten Schülern auszuweichen. Ich blieb mit den anderen Grantlern im Lehrerzimmer, Kaffee trinken.

Fazit: Gute Ansätze. Und immerhin wurde die Kette der Jahr für Jahr gleichen Abistreiche unterbrochen. Vielleicht baut der folgende Jahrgang darauf auf.

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14 Thoughts to “Abistreich 2008

  1. Najaaaaa. Geht besser.

    Bei uns war’s aber auch nicht soooo toll. Die Lehrer mussten DSDS-Teilnehmer sein, waren Germanys Next Topmodel, Stand Up Comedians…

    Viele sind auch früher gegangen und mehr als die Hälfte der Lehrer war auch nicht da. Alles in allem ein Streich, den man gut und gerne vergisst.

  2. Mir fällt gerade auf, dass ich mich an den Abistreich meines Jahrgangs nicht mehr erinnern kann. Es lag wohl weniger am Alkohol oder an der Tatsache, dass zur Fertigstellung der Abizeitung einige schlaflose Nächte vorangegangen waren… sondern eher daran, dass er wie all die Abischerze die Jahre zu vor gewesen sein könnte. Aber was weiß ich schon? Nichts mehr.

  3. Unser diesjähriger Streich liegt nun ei-zwei Wochen zurück, war aber „unterirdisch“ – ohne Fantasie. Viele Kollegen, die schon mehrere Abistreiche erlebt haben, waren regelrecht enttäuscht. Irgendwie freut man sich dann doch drauf – und wenn dann nichts kommt…

  4. Heh. Ich habe jetzt übermorgen erstmal Realschule Abschlussprüfung schriftlich. Und zur Notenverbesserung könnten sich die Schüler danach auch noch fürs Mündliche anmelden.

    Dafür hattest du mit der Abi-Vorbereitung sicherlich mehr Theater.

  5. Seltsam, die Nummer mit den Durchsagen lief bei uns heute auch. Zwei Stunden lang. So dass irgendwann die Schüler der Klasse die ich weiter unterrichten durfte / sollte sagten die Durchsagen würden nerven, ob man das nicht abstellen könne usw.

  6. Ich würde fast sagen das Wort „Abiturstreich“ vermittelt schon die Langeweile, wie sie auch oben beschrieben ist.
    Bei uns heißt es „Abitursturm“. In der ersten Stunde müssen die Lehrer von der Abiturientia spielerisch den Schlüssel der Schule zurückerobern, während in den letzten beiden Stunden auf die gesamte Schule ein buntes Programm wartet: Abiband, Spiele, Musik und Feiern.

    Da geht kaum einer nach Hause!

  7. Bei uns muss der Abiturstreich immer mit dem Lehrprobenkalender abgeglichen werden. Das ist nicht einfach, und ähnlich bürokratisch fällt er oft aus. Aber letztes Jahr, da habe ich beim Walzertanzen mit einem entzückenden Kollegen gewonnen, das war nett. Das Walzertanzen wird allgemein in der Schule unterschätzt.

  8. Bei uns an der Schule wurden in mehreren Stockwerken mit Feuerlöschern randaliert… Polizei blabla.. 7000 € Schaden blabla.. Deswegen ist der Abistreich flöten gegangen.

  9. Abisturm klingt schön dramatisch. Abiband, Spiele, Musik und Feiern reicht im Prinzip völlig – aber das kann man gut oder schlecht machen. (Also, bis auf die Band, die ist eigentlich immer gut.) Sind die Abiturienten Gastgeber oder Gäste beim Feiern?
    Einem Kollegen schwebt schon ein P-Seminar (Gym-Lehrer Bayern wissen, was das ist) zum Thema vor.

    Tanzen wird überhaupt immer unterschätzt. I do a quite satisfactory foxtrot myself.

  10. > Zu diesem Zeitpunkt verschwanden die ersten Schülergruppen nach Hause

    Das verhindern bei uns Schüler mit Wasserpistolen, die an allen Ausgängen stehen und niemanden rauslassen. Und das stundenlang, obwohl außer lauter Musik nichts geboten wird. Hat etwas dystopisch-Gefängnishaftes …

    > Ich blieb mit den anderen Grantlern im Lehrerzimmer, Kaffee trinken.

    Spielverderber! Mir blieb dieses Jahr immerhin das Weißwurst / kalte Ravioli / Negerkuss Wettessen erspart. Stattdessen wieder mal Apfel aus Wasserbottich und dann (ohne Hände) Gummibärchen aus Mehlbottich …

  11. >wieder mal Apfel aus Wasserbottich und dann … Gummibärchen aus Mehlbottich

    Da bin ich wirklich froh, dass es so etwas seit vielen Jahren bei uns nicht (mehr) gibt. An unserer Schule regt der Kollegstufenbetreuer an, sich etwas “Geistreiches” auszudenken – unter der strikten Vorgabe, keine Spielchen zu veranstalten, bei denen sich Lehrer zur Schadenfreude der Massen lächerlich machen müssen. Das letztere klappt immer, das erstere mit unterschiedlichem Erfolg – aber aus lauter Dankbarkeit für den Verzicht auf dämliche Spielchen beklatschen die Lehrer auch das nicht ganz so Geistreiche; und manchmal gibt es tatsächlich sehr witzige Ideen. In diesem Jahr war Teil I aufgezogen wie eine Oscar-Verleihung. In den verschiedenen Kategorien wurden die Nominierten per Beamer präsentiert – einer davon (oder eine Gruppe) war jeweils aus dem Kreis der Kollegstufenlehrer; besondere Mühe hatten sie sich mit der passenden Gestaltung des Filmplakats gegeben.
    In Teil II versteigerten die Abiturientinnen Gegenstände, die die Lehrer vorher spendiert hatten und die in einem persönlichen Zusammenhang mit dem Spender stehen sollten (ich habe eine zweisprachige Textausgabe des “Sommernachtstraums” zur Verfügung gestellt – mit zwei Fotos von mir in der Rolle des Bottom aus dem Jahr 1981). Der Erlös geht an ein Sozialprojekt in Honduras.
    Der Erfolg des Verfahrens zeigt sich darin, dass immer weniger Kollegen sich während des Abiturscherzes im Lehrerzimmer verschanzen, und dass die Stimmung gut ist.
    Am Anfang hatten die Schülerinnen Probleme damit, dass die Absolventen anderer Schulen sie wegen ihrer “braven” Feier aufzogen, inzwischen hat es sich (denke ich) einfach etabliert.

    Ich glaube nicht, dass ein Schüler zum Abschluss seiner Schullaufbahn einen gesteigerten Genuss des Abiturs dadurch gewinnt, dass er seinen LK-Lehrer in einer Wasserschüssel nach Äpfeln tauchen sieht. Es ist in den meisten Fällen wohl einfach eine Verlegenheitslösung, weil ihnen nichts Anderes einfällt.

  12. > Das verhindern bei uns Schüler mit Wasserpistolen, die an allen Ausgängen stehen und niemanden rauslassen. Und das stundenlang, obwohl außer lauter Musik nichts geboten wird. Hat etwas dystopisch-Gefängnishaftes …

    O ja. Das sind ja meine ganz besonderen Freunde. Die habe ich ja so ins Herz geschlossen, das kann ich hier gar nicht sagen. Als Erwachsener gehen sie mir auf den Senkel, und als junger Teenager noch mehr. Ich ermuntere meine Schüler auch, sich ja nichts von einem Menschen mit einer Wasserpistole sagen zu lassen.

  13. >Ich ermuntere meine Schüler auch, sich ja nichts von einem Menschen mit einer Wasserpistole sagen zu lassen.

    Und da soll noch einer sagen, an der Schule würde keine Bildung stattfinden. Solange wir Herrn Rau haben, ist ja alles in bester Ordnung!

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