Tom Jones I

“One always tends to overpraise a long book because one has got through it.” (E. M. Forster) Das gilt vermutlich nicht für lange, sondern auch für vor mehr als hundert Jahren erschienene Bücher. Insofern ist mein eventuelles Lob hier mit einem Körnchen Salz zu nehmen: Das Buch ist alt und lang.

Vor einiger Zeit reizte mich keines der ungelesenen Bücher im Regal mehr als der seit Studienzeiten nicht mehr gelesene Henry Fielding, und so habe ich in den Pfingstferien The History of Tom Jones, A Foundling (1749) wiedergelesen. Noch ist das Buch voller Post-its und anderer Zettelchen, und weil ich in einem halben Jahr eh nicht mehr weiß, was ich mit denen eigentlich wollte, habe ich die entsprechenden Stellen aus dem E‑Text kopiert und will sie in meinem Blog festhalten.

Tom Jones ist ein dickes Buch um die Abenteuer des jungen Tom Jones, der, obschon ein Findling und womöglich unehelich geboren, als Gentleman aufwächst. Schließlich wird er durch Intrigen und Missverständnisse von zu Hause vertrieben, als sich eine Liebe zu Sophia anbahnt – der Tochter des benachbarten squire. (Gutsherr? Landjunker? Landadel, ohne unbedingt adlig zu sein, mit Geld und gerne mal Friedensrichterfunktion, nicht unbedingt sehr gebildet.) Daraufhin schlägt sich Tom abenteuernd und von verschiedenen Leuten begleitet durchs Land und nach London.
Tom ist nicht ganz unschuldig an seinen Mühen; zwar ist er eigentlich gutmütig und freundlich, aber unüberlegt und erliegt Versuchungen gar zu leicht. Ganz am Schluss kriegt er seine Sophia und kommt zur Ruhe.

Das erste Drittel des Buches spielt auf dem Land, Tom wächst heran, Schäferspielchen mit der Jägerstochter, Ärger mit den Hauslehrern. Im zweiten Drittel verlässt Tom Jones sein Heim; Sophia flieht ebenfalls von zu Hause, ihr Vater hinterher, und zwei, drei, vier andere Gestalten laufen auch vor anderen weg oder ihnen hinterher. Man trifft sich immer wieder in den Gaststätten am Wegesrand, meistens liegt Tom gerade mit einer Frau im Bett und schwört sich danach, seiner Sophia in Zukunft treu zu sein.
Aus diesem Teil des Buchs könnte man ein schönes Brettspiel machen, so in der Art von Scotland Yard oder dem ähnlich aufgebauten (The) Fury of Dracula. Man weiß nie, wer einen im nächsten Gasthof erwartet, welche Route eine Person genommen hat, die den Gasthof gerade verlassen hat, und ob die Frau im Cape im Zimmer oben die Geliebte ist oder jemand anderes. Dazu Tagebücher, Briefe und ein Muff als zu verlierende und zu findende Gegenstände.
Das letzte Drittel des Buchs spielt in London, Tom wird Liebhaber von Lady Bellaston, Entführungen werden geplant, bis es am Schluss doch ein glückliches Ende gibt. Alle Missverständnisse und Intrigen klären sich auf und Toms standesgemäße Herkunft stellt sich heraus.

Es hat sehr viel Spaß gemacht, das Buch zu lesen. Das lag vor allem am auktorialen Erzähler. Dieses Buch macht kein Hehl daraus, dass es ein Buch ist, dass eine Geschichte erzählt wird – tatsächlich behauptet das Buch, eine “history” im Sinne der Geschichtsschreibung zu sein.
Das merkt man schon an den ursprünglich zusammenfassenden, von Fielding ironisch missbrauchten Überschriften für jedes Kapitel:

  • Containing matters which will surprise the reader
  • Containing what the reader may, perhaps, expect to find in it
  • Containing five pages of paper
  • Of THE SERIOUS in writing, and for what purpose it is introduced

Diese letzte Überschrift ist typisch für die Kapitel, mit denen jedes der 28 Bücher beginnt, in die Tom Jones eingeteilt ist: In diesen Kapiteln werden literaturtheoretische Themen erörtert, allerdings sehr tongue-in-cheek. Das Kapitel “Containing five pages of paper” erklärt nur, welche Funktion bestimmte ornamentale Passagen in literarischen Werken haben, unter anderem die, das Publikum auf die nächste Szene vorzubereiten:

Thus the hero is always introduced with a flourish of drums and trumpets, in order to rouse a martial spirit in the audience […] Again, when lovers are coming forth, soft music often conducts them on the stage, either to soothe the audience with the softness of the tender passion, or to lull and prepare them for that gentle slumber in which they will most probably be composed by the ensuing scene.

Gleichzeitig bereitet dieses Kapitel selbst die Szene vor für das erste Erscheinen unserer Heldin Sophia, die im darauf folgenden Kapitel so eingeführt wird:

A short hint of what we can do in the sublime, and a description of Miss Sophia Western.

Hushed be every ruder breath. May the heathen ruler of the winds confine in iron chains the boisterous limbs of noisy Boreas, and the sharp-pointed nose of bitter-biting Eurus. Do thou, sweet Zephyrus, rising from thy fragrant bed, mount the western sky, and lead on those delicious gales, the charms of which call forth the lovely Flora from her chamber, perfumed with pearly dews, when on the 1st of June, her birth-day, the blooming maid, in loose attire, gently trips it over the verdant mead, where every flower rises to do her homage, till the whole field becomes enamelled, and colours contend with sweets which shall ravish her most.
So charming may she now appear! and you the feathered choristers of nature, whose sweetest notes not even Handel can excell, tune your melodious throats to celebrate her appearance. From love proceeds your music, and to love it returns. Awaken therefore that gentle passion in every swain: for lo! adorned with all the charms in which nature can array her; bedecked with beauty, youth, sprightliness, innocence, modesty, and tenderness, breathing sweetness from her rosy lips, and darting brightness from her sparkling eyes, the lovely Sophia comes!

In “Showing what is to be deemed plagiarism in a modern author, and what is to be considered as lawful prize” erklärt der Erzähler, warum man von antiken Autoren klauen darf und von modernen nicht:

The learned reader must have observed that in the course of this mighty work, I have often translated passages out of the best ancient authors, without quoting the original, or without taking the least notice of the book from whence they were borrowed.
[…] To fill up a work with these scraps may, indeed, be considered as a downright cheat on the learned world, who are by such means imposed upon to buy a second time, in fragments and by retail, what they have already in gross, if not in their memories, upon their shelves; and it is still more cruel upon the illiterate, who are drawn in to pay for what is of no manner of use to them. A writer who intermixes great quantity of Greek and Latin with his works, deals by the ladies and fine gentlemen in the same paultry manner with which they are treated by the auctioneers, who often endeavour so to confound and mix up their lots, that, in order to purchase the commodity you want, you are obliged at the same time to purchase that which will do you no service.
[…] The ancients may be considered as a rich common, where every person who hath the smallest tenement in Parnassus hath a free right to fatten his muse. Or, to place it in a clearer light, we moderns are to the antients what the poor are to the rich. By the poor here I mean that large and venerable body which, in English, we call the mob. Now, whoever hath had the honour to be admitted to any degree of intimacy with this mob, must well know that it is one of their established maxims to plunder and pillage their rich neighbours without any reluctance; and that this is held to be neither sin nor shame among them. And so constantly do they abide and act by this maxim, that, in every parish almost in the kingdom, there is a kind of confederacy ever carrying on against a certain person of opulence called the squire, whose property is considered as free-booty by all his poor neighbours; who, as they conclude that there is no manner of guilt in such depredations, look upon it as a point of honour and moral obligation to conceal, and to preserve each other from punishment on all such occasions.

Aber auch außerhalb dieser Kapitel ist der auktoriale Erzähler stets präsent. Hier setzt er zu einer Erklärung eines Vergleichs an, der dem Leser ansonsten vielleicht zu kryptisch erscheint:

The sagacious reader will not from this simile imagine these poor people had any apprehension of the design with which Mrs Wilkins was now coming towards them; but as the great beauty of the simile may possibly sleep these hundred years, till some future commentator shall take this work in hand, I think proper to lend the reader a little assistance in this place.

Den auktoriale Erzähler hat man ja heute gerne mehr im Hintergrund, manchen Leuten mag er auch zu aufdringlich sein. Implizite, neutrale Erzähler gehören für mich in die Kurzgeschichte; ein Roman soll für mich außerdem weit ausladend beginnen und nicht mitten in einer Handlung, wie es für Kurzgeschichten üblich ist. Im Roman hat man doch Zeit und Platz.

Ich frage mich bei Romanen eigentlich immer mehr, warum das Erzählen ausgerechnet mit dem gewählten Zeitpunkt beginnt und an einem bestimmten Punkt aufhört. Beim auktorialen Erzähler ist das klar: Er hat das so entschieden, aus Gründen, die man sich meist denken kann. Bei einem lediglich impliziten Erzähler ist mir das nicht klar. Warum versteckt sich der Erzähler? Tut er so, als gäbe es ihn nicht? Will er mich reinlegen? Warum tun Romane so, als wären sie keine? Gebt mir ein “Natürlich, eine alte Handschrift” oder ein “Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können”! Am einfachsten sind für mich Bücher wie The World According to Garp, das mit der Zeugung des Helden beginnt und mit seinem Tod endet. Das heißt, im allerletzten Kapitel gibt es noch einen Ausblick zu den anderen Personen in der Art von “was weiter mit ihnen geschah”. Das kenne ich von Dragnet (und in dessen Folge von anderen Polizeiserien), American Graffiti bei Dickens mindestens bei The Old Curiosity Shop und Hard Times. Und eben auch im letzten Kapitel von Tom Jones:

As to the other persons who have made any considerable figure in this history, as some may desire to know a little more concerning them, we will proceed, in as few words as possible, to satisfy their curiosity.

Dort wird abgerechnet mit den Helden und Schurken, und zwar ganz im wörtlichen Sinn. Blifil, der Intrigant, wird verstoßen, bleibt aber Familienmitglied und kriegt von Squire Allworthy £200 im Jahr. (Und noch einmal £100 darauf von Tom.) Ist Methodist geworden und strebt eine Karriere in der Politik an. Der ebenfalls garstige Thwackum kriegt nichts, darf aber seine Pfarrei behalten. (Seine alten Aufgaben übernimmt ein gewisser Abraham Adams, den Fieldings Leser aus Joseph Andrews kennen.) Mrs Fitzpatrick wird erfolgreich geschieden und kommt gut mit den Resten ihres Vermögens zurecht. Mrs Waters kriegt eine Pension von £60 im Jahr, heiratet Parson Supple, der ein living kriegt. Black George ist davongelaufen, Tom Jones verteilt Geld an dessen Familie, vor allem an Molly. Partridge kriegt £50 im Jahr und wird wohl bald um Molly werben.

Ich musste an viele andere Bücher beim Lesen denken: Einmal an Goethes Werther, den großen deutschen Bestselller nur wenige Jahrzehnte später. Was für eine dröge, langweilige, selbstverliebte Figur, dieser Werther! Tom Jones liebt das Leben, die Frauen, weint und jammert auch viel, lacht aber auch und ist überhaupt viel unkomplizierter. Werther, mit Verlaub, ist ein Depp. Während Tom Jones schon auch mal mit einer Frau ins Bett steigt, ist es das höchste der Gefühle für Werther, wenn beim Pfänderspiel, bei dem die Damens Ohrfeigen verteilen, er das Gefühl hat, Lotte habe bei ihm ein wenig fester zugehauen als bei den anderen. (Eine meiner Lieblingsstellen im Buch.)
Allerdings kriegt man vom Innenleben Werthers tatsächlich mehr mit als von dem Toms. Ich verstehe durchaus, warum so viele tatsächliche und geistige Teenager auf den Werther abfuhren.
Dann ist da noch Eichendorffs “Aus dem Leben eines Taugenichts”. Anders als Werther ist der Taugenichts ein ähnlicher Herumtreiber wie Tom Jones. Allerdings bleibt da alles sittsam. Der Taugenichts kriegt sein Happyend, weil sich seine Angebete doch überraschend als ebenso nicht-adlig herausstellt wie er selber; Tom kriegt Sophia, weil er überraschenderweise doch standesgemäß gezeugt ist – beides finde ich enttäuschend. Andererseits ist das heute nicht besser: der Oger Shrek kriegt seine Geliebte erst dann, als die sich ebenfalls als Ogerin entpuppt. Die große Überraschung im Film war die, dass nicht er sich als Mensch, sondern sie sich als Ogerin herausstellt – gemischte Paare sind aber immer noch nicht erlaubt.

Der auktorialste aller Erzähler ist für mich in The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (Wikipedia). Das Buch stammt etwa aus der gleichen Zeit wie Tom Jones, und Sternes A Sentimental Journey lieferte die Bezeichnung für die Epoche “Empfindsamkeit”, wenn ich mich recht erinnere.
Tristram Shandy ist ein lustiges, arg durcheinanderes Buch. Shandy will seine Lebensgeschichte erzählen, erzählt die aber so gründlich, dass er länger zum Schreiben als zum Leben braucht und sich deswegen wohl nie einholen wird. Im Kopf habe ich eigentlich nur noch zwei Szenen: In der einen steigt Shandy eine Treppe hinauf, Stufe um Stufe, Seite um Seite, mit einer Abweichung nach der anderen, unterbrochen von Erinnerungen und Einschüben, und kommt – endlich! – auf der vorletzten Stufe an. Da steigt er noch einmal ein oder zwei Stufen zurück und fängt wieder an von etwas anderem zu erzählen. Frustrierend! Ich wusste nicht, ob ich ärgern oder lachen sollte, so geschickt fühlte ich mich manipuliert.
In der zweiten Szene wird detalliert beschrieben, wie jemand – Tristrams Onkel? – mit der rechten Hand etwas aus der linken Hosentasche zu greifen versucht. Das haben wir schließlich alle schon mal gemacht, und es ist umständlich und lachhaft zugleich. Solche Details schaffen Verbindungen zwischen meiner Welt und der Vergangenheit. (Ähnlich der Stubenhocker Socrates am Anfang des Phädrus, der mit dem Versprechen auf ein schönes Gespräch vor die Stadt gelockt worden ist und jetzt über das Bächlein und Brücklein vor den Toren enthusiasmiert. Da habe ich mich auch wiedererkannt.)

So ähnlich stelle ich mir unseren deutschen Jean Paul vor. Ich habe noch nichts Längeres von ihm gelesen, bin an ein paar Versuchen gescheitert, aber nach allem, was ich so höre, müsste er eigentlich etwas genau für mich sein.

Vielen Dank fürs Lesen. Es folgen noch zwei weitere Einträge zu Tom Jones, die hauptsächlich aus Textstellen bestehen, die ich mir merken wollte.

7 Antworten auf „Tom Jones I“

  1. Hast du schon den Roman The Brief Wondrous Life of Oscar Wao von Junot Diaz gelesen? Ich musste beim Lesen oft an dich denken, wegen dem ganzen Comic-Superhelden-Kram – und den interessanten Erzählern. Diaz, der über eine Diktatur schreibt, beschäftigt sich mit den diktatorischen Eigenschaften des Erzählers, ja des Schriftstellers (Gott bewahre, dass die zwei die gleichen sein könnten). Sehr interessant, auch in seinem früheren Short Story-Band.

    Und nein, ich habe Tom Jones nicht gelesen. Das ist wohl eine Bildungslücke. Kommt schon noch.

  2. “Tom Jones” – herrliches Buch, ich habe bei der Lektüre allerdings nicht so fleißig Notizen gemacht. Auch lesenswert in der Richtung: “Moll Flanders”, ebenfalls von Fielding, und natürlich “Vanity Fair” von Thackeray – beide Titel kreisen um das burleske Thema und den Picaro. Man könnte natürlich noch auf Laurence Sterne, “Tristam Shandy” hinweisen, aber den Roman fand ich so grottig langweilig, dass ich ihn einfach zur Seite gelegt habe.

    Nele

    P.S. Die herorische Prügelszene auf dem Kirchhof fand ich übrigens auch als eines der Glanzlichter.

  3. P.S. Ups, den Sterne nennst du ja selber. Zu Jean Paul – kurz und amüsant ist “Dr. Katzenbergers Badereise”, sehr skurrile Charakterzeichung.

  4. Den Junot-Diaz-Roman habe ich auf meine Merkliste gesetzt, danke. (Bisher kannte ich nur die How-to-date-Kurzgeschichte von deinem Blog.) Superhelden und Erzähler, schön!
    – Moll Flanders habe ich auch gelesen, ist aber von Defoe. Und mir hat sogar Pamela Spaß gemacht, damals. Ach ja, das 18. Jahrhundert. Danke für den Jean-Paul-Tipp, damit fange ich dann mal an.

  5. Die französische Literatur (v. a. des 17. Jhr.s) kennt das natürlich auch; sehr lesenswert der “Roman comique” von Paul Scarron, in dem der Erzähler es besonders toll treibt; gibt’s – glaube ich – in Übersetzung antiquarisch als Reclamheftchen unter dem Titel “Die Komödianten”.

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