Geringschätzung der Schule

Neulich hat der Philologenverband tatsächlich einmal einigermaßen witzig auf den Wunsch einiger GEW-Landesverbände reagiert, nach EM-Spielen mit Deutschland auf Hausaufgaben und Prüfungen zu verzichten: Nach EM-Spielen keine Prüfungen? Vorschlag von GEW und Kultusminister nicht weitreichend genug! In der Pressemitteilung wird vorgeschlagen, das auszuweiten auch auf nichtdeutsche Spiele (“[a]n bayerischen und baden-württembergischen Schulen finden sich regional differenziert auch bedeutsame Anteile von Kindern anderer Nationalitäten”) beziehungsweise auf “Germany’s next Topmodel” oder “DSDS”, um die Mädchen nicht zu benachteiligen. Glücklicherweise steht unten drunter: Nicht ganz ernst gemeinte Pressemitteilung. Normalerweise ist so eine Fußnote ja ein Zeichen für schlechte Schreibe; Ironie muss man auch so erkennen können.

Ich wusste beim ersten Lesen aber tatsächlich nicht, was daran übertrieben ist und was nicht. Unser aller Kultusminister hält die EM-prüfungsfreien Tage tatsächlich für eine sinnvolle Idee. Vielleicht könnte man noch, ähnlich wie bei Werbeaktionen mancher Elektrogroßmärkte, für jedes Tor der Deutschen den Schulaufgabenschnitt um ein Zehntel nach oben heben.

16 Antworten auf „Geringschätzung der Schule“

  1. Als Fußballmuffel wird man bei uns sowieso diskriminiert. Vor allem als Mann. Das muss einen einfach interessieren. Die ironische Pressemitteilung ist da ganz konsequent. Um den Fußballmuffel nicht zu diskriminieren, müsste dann auch die Weltmeisterschaft im Sportklettern, wichtige Schachspiele und Golfturniere zu klausurfreier Zeit führen. Aber vielleicht sollten wir das mit dem Fußball einfach machen. Schließlich haben wir ja auch keine muslimischen oder jüdischen Feiertage, sondern nur christliche. Und da mehr Menschen an Fußball als an Gott zu glauben scheinen ist das schon OK. Der Rest soll halt bitte zum Glauben finden oder die Fresse halten.

  2. Also wenn man sich das Bildungsniveau von Deutschland im Internationalen Vergleich ansieht dann dürfte man feststellen für so einen Unsinn keine Zeit ist. Schule ist wichtiger als Fußball ‚Olympiade oder die HitGiganten der 90 Jahre. Wieso machen sich führende Persönlichkeiten mehr Gedanken um die EM als um die Schulische Bildung in unseren Land ich gehen davon aus das Zauberwort heißt Profit und mit Bildung alleine kann man diesen nicht schnell genug verbuchen.

  3. Vorletzte Woche war Chelsea Flower Show, wenn da nicht gerade Pfingstferien gewesen wäre, hätte ich auch auf schulaufgabenfreier Zeit bestanden.

  4. Richtig… da war ich ja sogar in England und das Fernsehen war voll davon. Bin aber nicht hingefahren. Für mich dann bitte nach der Oscarnacht erst später anfangen.

    Eigentlich möchte ich aber tatsächlich an einer Schule unterrichten, an der man auf solche Fußballspiele oder Vergleichbares Rücksicht nehmen kann. Aber den Stellenwert der Schule erhöht man so nicht. Letztes Jahr war der Papstbesuch wichtiger als Unterricht, diesmal ist Fußball wichtiger als Prüfungen.

  5. Ganz pragmatisch gesehen frage ich mich, warum Herr Schneider bei all seinem guten Willen dann so dämlich war, die Realschule Abschlussprüfungen genau in die EM-Zeit zu legen. Die Termine stehen seit Anfang des Schuljahres fest, die EM Spielzeit ja auch, da hätte das doch problemlos möglich sein können.

    Wenn man schon Liebkind machen will, soll man dass doch auch konsequent durchziehen, vor allem wenn man Kindern Konsequenz vorleben will.

    Oh, und unser Chef meinte, der Kommentar von Herrn Schneider wäre nur eine Empfehlung gewesen, keine Anweisung, bzw. Bekanntmachung – die Lehrer die ihre Arbeiten schon am Anfang des Schuljahres geplant haben (und sich nicht mit der EM auskennen, weil sie von Fußball nichts halten) sind in den Augen der Öffentlichkeit wieder mal die Bösewichte.

    Gott sei Dank habe ich durch Zufall einen Tag für die 4. Englischschulaufgabe erwischt, an dem Deutschland nicht spielt.

    Ich plädiere für Notenabschaffung während der ganzen Spielzeit, dann haben alle was davon (die will ich dann auch nicht mehr reinholen müssen).

    /Sarkasmus Ende

  6. Man stelle sich vor, dass in einem börsennotierten Unternehmen der Vorstand sagt: “Kommt’s Leute, jetzt seid’s doch nicht so…habt Verständnis für die Leute, die einfach in dieser Zeit nicht leistungsfähig sind! Soll doch die Produktion zurückgehen, man lebt nur einmal! Mach ma locker!”

    …aber Schule ist ja egal…

  7. Na ja, wir wehren uns ja sonst auch – zu Recht – gegen Vergleiche mit der Wirtschaft. Und ich wünsche mir tatsächlich auch Unternehmen, die genau so etwas sagen. Bei börsennotierten Unternehmen wird es das aber leider nicht geben.

  8. Warum nicht, solange der Lehrer dann auch etwas kürzer treten darf – die Hausaufgaben und Vokabeltests werden dann halt später korrigiert, die Klassenarbeiten brauchen etwas länger, und die Unterrichtsvorbereitungen können natürlich auch nicht so tiefschürfend sein. Ach, wie schön könnte das Lehrerleben sein!

  9. Ganz ehrlich: Vor einem wirklich wichtigem Spiel in der Endrunde oder gar Finale frage ich tags darauf nicht ab, schriftliche Prüfungen auch nicht. In der Vorrunde ist business as usual.
    Allerdings kommt eines gar nicht sooo gut an: Texte über Fußball im Unterricht lesen. Die eine Hälfte motzt, weil sie lieber spielen will, die andere Hälfte nervt das Thema (Wurde gerade mal wieder ein neues Diktatheftchen zum Thema vone inem großen Verlage aufgelegt). Nicht jeder Schüler ist vom Thema begeistert, nur weil es eine KM-Empfehlung gibt…

  10. @Markus:
    außerdem fühlen sich die Schüler dadurch häufig nur “geködert”. Diktat ist eben Diktat, da kann Fußball auch nicht helfen. Anders wären sicherlich Auseinandersetzungen mit Inhalten, bspw. Produktionsbedinungen von Fußbällen / ‑schuhen in Geo fiele mir spontan ein.

  11. Unsere Schule liegt ja quasi direkt auf der Münchner Feiermeile, da war vor zwei Jahren natürlich schon Ausnahmezustand. So weit ich mich erinnere, haben die meisten Kollegen dem Rechnung getragen, denn die WM 06 war wirklich etwas ganz besonderes und hat alle entzückt. Dass deswegen Schulaufgaben verschoben wurden, das kam nicht vor. Aber alle waren gut gelaunt.

  12. Nun ja, es geht nichts über Benchmarking, geheiligt seien die Noten, nur Zahlen sagen etwas über einen Menschen aus. Kulturelle Aspekte, und darum geht es in diesem Fall, dürfen keine Rolle spielen, sonst kommt das ganze schöne Gefüge von Einschüchterung und Auslese ins wanken. Wo kommen wir denn dahin, wenn wir Schulaufgaben verschieben? Die Anarchie läßt grüßen oder zumindest die Lebensfreude – und die gilt es unter allen Bedingungen auszumerzen in unserem Schulsystem. Schule muss ein spaßfreier Ort bleiben, das war sie schon zu Zeiten von Heinrich Mann und es hat sich nichts geändert.
    Im übrigen findet sich die gleiche Einstellung auch bei Schulbefreiungen auf Grund z.B sportlicher Betätigungen (Teilnahme Deutsche Meisterschaft, Kadertraining etc.), es wird zwar befreit, aber es wird keine Rücksicht genommen – wozu auch, wir schöpfen ja in Deutschland aus dem vollen. Zudem sollten Lehrer sich insgesamt etwas weniger wichtig nehmen, schließlich dürfte sich kaum einer an der Uni mit Ruhm bekleckert haben (ist es eigentlich möglich dass Lehramtsstudium NICHT zu schaffen?) – also locker bleiben und feiern!

  13. @Thomas:
    es geht hier nicht darum. die Lebensfreude aus den Schulen zu verbannen. Im Gegenteil, ich begrüße Lebensfreude im Unterricht. Wenn aber gleichzeitig immer mehr von den Lehrern gefordert wird (um nur ein Beispiel zu nennen: Korrekturen) kann ich mit solche scheinheiligen Forderungen nichts anfangen. Denn die Arbeit bleibt ja doch, auch wenn gefordert wird sie zu verschieben. Dabei wird es zu den Sommerferien noch enger.

    Richtig ärgern tue ich mich über Deinen abschliessenden Absatz:

    > Zudem sollten Lehrer sich insgesamt etwas weniger wichtig nehmen, schließlich dürfte sich > kaum einer an der Uni mit Ruhm bekleckert haben (ist es eigentlich möglich dass
    > Lehramtsstudium NICHT zu schaffen?)

    Wie möchtest Du das beurteilen? Was bedeutet für Dich mit Ruhm bekleckern. Möchtest Du das in Semesterwochenstunden messen? Anzahl an Seminaren? (Meist ähnlich viel wie bei Diplomern oder Magistern, dafür aber 2 Fächer plus pädagogischem Teil) Oder wie sind Deine Kriterien? Ich kenne genügend Menschen die a) ein Lehramtsstudium abgebrochen haben oder b) auf Magister gewechselt haben. Außerdem, ja es ist möglich ein Lehramtsstudium nicht zu schaffen. Das kann sogar sehr schnell gehen. Natürlich stimme ich Dir zu, dass sich Lehrer nicht so wichtig und vor allem nicht allwissend geben sollten, aber Deine Bewertung kann ich weder nachvollziehen, noch teilen.

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