Wer Probleme mit dem Ausüben von Macht hat, sollte kein Lehrer werden

Im P-Seminar der Oberstufe in Bayern arbeiten die Schüler nicht nur an einem Projekt, sie erhalten auch Informationen über die Berufswelt. Unter anderem gibt es dazu die BuS-Selbsterkundungshefte. (Bus: Berufs- und Studienwahl.) Wie nützlich die sind, kann ich noch nicht sagen – vermutlich schon einigermaßen, obwohl die Behauptung am Ende von Heft A schon gewagt optimistisch formuliert ist: „Wahrscheinlich drängen sich auf der Grundlage all der gesammelten Daten über Ihre Einstellungen, Werte, Fähigkeiten, Schwächen usw. bestimmte konkrete Berufe auf.“ Von Aufdrängen sprechen die meisten meiner Schüler nicht.

Diese Hefte sind dazu da, dass Schüler sich Gedanken machen, welche Berufe sie interessieren, und dass sie überprüfen können, ob ihre Ziele und Wünsche auch dazu passen. Notiert habe ich mir dazu zwei Fundstellen aus Heft A:

Wer Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren und außerdem viel Freizeit haben will, sollte nicht unbedingt einen Managementposten anstreben.

Das ist, fürchte ich, realistisch, und die Empfehlung ist sinnvoll. Mich stört nur die Kombination der beiden Bedingungen (Beruf/Familie und Freizeit). Gemeint ist vermutlich, dass bereits jeweils eine der Bedingungen ein Ausschlusskriterium für den Managementposten ist. Dann soll man das auch so schreiben.

Dann gibt es noch dieses Fundstück:

Unterschätzen Sie nicht die Wichtigkeit von Werten für die Berufswahl! Wer z.B. Macht verabscheut, aber einen Beruf wählt, der zwangsläufig mit Macht verbunden ist (z.B. der des Lehrers), wird sich in diesem Beruf immer wieder selbst im Wege stehen und mit seinem Beruf weder glücklich sein noch Erfolg haben.

Allgemein stimmt diese Aussagen, und das Beispiel im Besonderen auch: Lehrer üben Macht aus, darüber sollten sie sich klar sein. Formal geschieht das vor allem dadurch, dass sie Noten machen, über Vorrücken entscheiden und Abschlüsse verleihen. (Diese Sachen sind für mich die anstrengendstem am Lehrersein, die ich einerseits gerne abgeben würde, die andererseits Ursache für unsere Besoldung sind.)
Außerdem üben wir im lehrerzentrierten Unterricht Macht dadurch aus, dass wir bestimmen, was passiert. Und das tun wir, mindestens so lange, wie es Lehrpläne gibt, also solange Schüler zu bestimmten Zeitpunkten etwas lernen sollen, ob sie wollen oder nicht.

Geht es auch anders? Beschreibt das zweite Zitat ebenso wie das erste einen Ist-Zustand, der sich irgendwann einmal ändern sollte? In Einzelfällen sowieso. Aber ein ganzes Schulsystem umzubauen, dass es ohne Machtverhältnisse funktioniert, also ohne dass eine oder alle Parteien auf unterschiedliche Weise Druck ausüben können – das kann ich mir nicht vorstellen. „Denn ist nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?“, fragt der schmierige Patriarch im Nathan, um allerdings gleich hinzuzufügen: „Zu sagen: — ausgenommen, was die Kirch‘ an Kindern tut.“ Man möchte manchmal aktualisieren: „Ausgenommen, was ein Lernbegleiter an Kindern tut.“

Selbst Rousseau will Macht ausüben bei der Erziehung. Der Schüler soll es nur nicht merken:

Folgt mit Eurem Zögling den umgekehrten Weg. Lasst ihn immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen.

Zitat aus Emile, aus Wikipedia übernommen, weil ich Emile ja nie gelesen habe und darauf hoffe, dass das auch wirklich so da drin steht.


Fundstück: Das GBlog hat Gedanken zu einer Kritik der Kompetenzorientierung zusammengestellt. Geht es am Ende darum, dass Schüler genau die Kompetenzen erwerben sollen, die es ihnen erlauben, in einer unwirtlichen Berufwelt zu funktionieren, ohne diese zu hinterfragen? Ist mir etwas zu theoretisch, der Artikel, aber ich bin auch mehr so middlebrow statt highbrow.

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5 Thoughts to “Wer Probleme mit dem Ausüben von Macht hat, sollte kein Lehrer werden

  1. Doch steht da drin, ich habe Emile nämlich gelesen, aber nur weil mir ein ehemaliger Dozent eine roussausche Einstellung sttestiert hat und ich wissen wollte was er meint.
    Das mit dem Macht ausüben ist so eine Sache. Natürlich üben Lehrer Macht aus nur ob es soo „natürlich“ rüberkommt ist eine andere Frage.

  2. Beruht Macht nicht schon von je her unter anderem auf Wissensvorsprung? Und muss der Begriff „Macht“ automatisch negativ besetzt sein?

  3. Das ist alte „Denke“. Heute gilt: Stärke statt Macht. Haim Omer hat hierzu geforscht und sehr praktischen Anleitungen verfasst!

  4. @Jürgen: Nach Weber bedeutet der klassische Machtbegriff, seinen Willen gegen Widerstand anderer durchsetzen zu können (!). Und insofern muss man als Lehrer tatsächlich Macht ausüben. Negativ vielleicht nur dann, wenn man zu demonstrativ Macht ausübt – eigentlich reicht doch fast immer das Wissen um die Macht des Lehrers.

  5. schade, daß keiner von euch auf der LERNLUST STATT SCHULFRUST veranstaltung war. das modell das dort von lehrern und schülern lustvoll vorgestellt wurde, scheint ohne machtdemonstrationen auszukommen. die schüler haben regelrecht von ihrer schule geschwärmt. und die lehrerin von ihren schülern.

    dort ging es auch nicht um wissenskompetenz oder -vorsprung der lehrer. dort wurden auch die schüler als schulexperten vorgestellt und in der 7. und 8. klasse gibt es keine noten und sitzenbleiben gibt es auch nicht

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