Vom Erörtern

Gestern habe ich mir den aktuellen (und demnach vorläufigen) Deutsch-Lehrplan für die nächsten drei Jahre genauer angeschaut. Für die schriftlichen Aufgaben gibt es immer noch die zwei Hauptstränge, die sich von der Unterstufe bis zum Abitur durchziehen: Das Interpretieren und das Erörtern.

Der erste Strang beginnt mit der einfachen Textzusammenfassung, heißt im Jahr darauf Inhaltsangabe, dann Erweiterte Inhaltsangabe – weil bei dieser noch Zusatzfragen dazukommen, zum Beispiel zu Erzählperspektive, Stilmittel oder Gattungsmerkmalen. Dieser Zusatzteil wird immer wichtiger, bis die eigentliche Inhaltszusammenfassung nur noch ein kleiner Teil der Interpretation beziehungsweise Analyse ist.

Das Erörtern beginnt mit der Begründeten Stellungnahme, heißt danach Erörtern – und zwar zuerst in Form einer steigernden (auch: linearen) Erörterung. Der liegt eine Entscheidungsfrage zugrunde: Soll mann…? Was spricht für…?
Dann kommt die antithetische (auch: pro-kontra) Erörterung. Argumente für beide Seiten einer Frage werden angeführt.
Und im G9-Lehrplan gab es auch noch eine dialektische Erörterung (auch: Problemerörterung). Die ist möglicherweise aus dem G8-Lehrplan verschwunden, zumindest taucht dort das Wort “dialektisch” nicht mehr auf, nur noch noch “antithetisch”. Dialektik heißt: Synthese, und ein Thema zu finden, das sich für echte Dialektik eignet, war schwer, und viele Deutschlehrer haben es auch nicht versucht – und die meisten Schüler waren damit ohnehin überfordert.
Zu häufig waren Aufsätze mit quasi-dreigliedrigem Aufbau: Zuerst ein Block mit Pro-Argumenten, dann einer mit Kontra-Argumenten, und dann in der Gliederung eine einzelne Zeile, die dann auch noch “eigene Meinung” hieß. Grrr. Eines meiner pet peeves. Alles in der Erörterung sollte eigene Meinung sein, denke ich. Sonst müsste man ja lügen.

Die Themen müssen natürlich so gewählt sein, dass Schüler die – tatsächlich vorhandenen – Argumente für beide Seiten nachvollziehen können. Dass dabei die einen Argumente überzeugender sein können als die anderen, ist selbstverständlich.

– In der 9. Klasse machen meine Schüler gerade die antithetische Erörterung, und ich habe versucht, ihnen das zu erklären.
Dabei kam ein interessanter Punkt zum Vorschein: Eine Schülerin brachte als Beispiel die Argumente für oder gegen ein Haustier. Das Argument der Mutter: “Haustiere machen zu viel Arbeit” könne man doch nicht selber schreiben, ohne zu lügen. Der Meinung könne man doch nicht sein, wenn man ein Haustier will.

Und das stimmt. In dieser Formulierung ist das nämlich auch kein gutes Argument für eine Erörterung. Denn diesem Argument kann man tatsächlich nicht viel entgegensetzen.
Richtig muss es in der Erörterung heißen: “Haustiere machen viel Arbeit”. Ohne “zu”. Das ist eine Aussage, mit der beide Seiten leben können. Und sie stimmt ja auch. Ob es zu viel Arbeit ist, das ist aber tatsächlich Ansichtssache.

Eine Antwort auf „Vom Erörtern“

  1. Jedenfalls ist die Stellungnahme (ein Wort, das ich übrigens grad in der Denkschrift zum Schlieffenplan las – was für ein kriegerisches Wort für so ein unkriegerisches Unterfangen wie die Erörterung!) ein schwieriges, schwieriges Geschäft für die meisten 7.Klassler. Ich finde, es fällt vielen Kindern in dem Alter so schwer, zu überlegen, wie ihr Argument auf die “Gegenseite” wirkt – muß wohl der vielzitierte Umbau im Hirn sein, der ihnen das alles als so schleierhaft erscheinen lässt!

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