Abschied von den Abiturienten

Gestern war die Abifeier. Ich war nur kurz dort, da ich keine Buffet-Karte hatte und deshalb nicht groß mit den Schülern plaudern konnte… ich habe den Jahrgang ja auch nicht unterrichtet in den letzten zwei Jahren. Ehrlich gesagt, ich hätte ich mich sicher irgendwie reinschleichen können. Aber, um ein Zitat abzuwandeln, das mir neulich begegnet ist:

I certainly have not the talent which some people possess of conversing easily with those I have never seen before I have not seen for some time (and will not see again for even longer).

Ich bin überhaupt ganz schlecht im Verabschieden. Auch im Kennenlernen. ich bin dann verdruckst und stehe in einer Ecke und nehme die Farbe der Tapete an. (It’s a gift.) Wenn ich dann mal Vertrauen und Mut gefasst habe, haue ich ähnlich auf die Pauke wie in meinem Blog, aber wer mich zum ersten Mal trifft, der muss verwundert sein ob meiner Unauffälligkeit.

Vom aktuellen Abiturientenjahrgang kannte ich nur wenige. Vor allem eine Klasse, die ich in der 7. in Deutsch unterrichtete, in der 8. und 9. in Englisch und in der 11. dann wieder in Deutsch. Immer auf Wunsch. Schulversuchszweig Europäisches Gymnasium, daher eine sehr kleine Klasse. Ein Kollege bezeichnete die Klasse gerne als Rau-Elite-Klasse. Scherzhaft natürlich, ganz scherzhaft. In den letzten zwei Jahren habe ich sie dann aus den Augen verloren, kannte sie nur noch aus Erzählungen, aber zum Abschied wollte ich sie mir eben noch ansehen. Sind schon sehenswerte junge Menschen, denen ich alles Gute wünsche und die ich in ein paar Jahren wiedersehen möchte.

Ich war gerührt, dass ich in der Abizeitung auch einige Male kurz vorkomme. Ich denke immer, ich bin gleich vergessen. Ein Schülerjahr sind ja wie sieben Menschenjahre Erwachsenenjahre, oder so ähnlich.

— Fußnote: Die Schülerzeitung kostet 5 Euro, hat viele gute Ideen und Telefonbuchformat. Jeder Schüler kriegt zwei Seiten, davon eine mit einem Fragebogen. Interessante Fragen: Note des Übertrittszeugnisses, peinlichstes Erlebnis in der der Schullaufbahn und die Lieblingsschullektüre. Beim ersten fühlt man sich manchmal bestätigt und manchmal verwundert; die anderen beiden sind als Evaluation tatsächlich praktisch. Das könnte es jährlich geben. Einige haben als Lieblingsschullektüre tatsächlich Salingers “Der Fänger im Roggen” angegeben. Das hat eben jene Klasse in der 7. Klasse in Deutsch gelesen. Und ich erinnere mich natürlich, das ging gut. Ich halte das Buch immer noch für ein Meisterwerk. Man kann es als Erwachsener lesen oder als Schüler, aber dann auf Deutsch und viele Jahre vor dem etablierten Lesezeitpunkt. In der 11. oder 10. Klasse ist das zu spät. —

Mit dem Abitur verlässt uns auch unsere nichtoffizielle Schulbloggerin. Nicht das einzige Blog aus unserer Schüler, aber das aktivste. Im letzten Jahr hat es immer mehr Leser unter den Lehrern gefunden. Nach und nach erfahren nämlich immer mehr, dass es so etwas wie Blogs überhaupt gibt, und dass eines aus unserer Schule kommt. Mir fallen mindestens sechs Lehrer ein, die regelmäßig mitlesen, und weitere bekommen das erzählt. “Wo steht denn das?”, heißt es im Lehrerzimmer immer wieder mal, und die Antwort wandelt sich langsam von: “Im Internet. Bei Nina im Blog” (vom Bekannten zum Unbekannten) zu: “Bei Nina im Blog”, mit dem Nachsatz “Im Internet” erst, wenn die erste Antwort unverstanden bleibt.

Wie sehr ich dieses Blog vermissen werde, fällt mir erst jetzt langsam auf. Ich behaupte: Es tut einer Schule gut, wenn ein analytischer, sprachlich geschickter Schüler (oder eben eine Schülerin) mit Fingerspitzengefühl aus dem Schulleben bloggt. Das ist ein Rückmeldungskanal, wie es ihn sonst nicht gibt – Schülerzeitung erscheinen seltener und sind weniger aktuell. Öffentlich die Meinung zu sagen und sich Kommentaren auszusetzen ist etwas, das Schüler sonst nicht tun, das geschieht sonst unter der Hand oder in abgeschlossenen Foren, oder in Form der Abizeitung, die allerdings eben keine Diskursmöglichkeit bietet und nicht mitten im laufenden Betrieb steht.

5 Antworten auf „Abschied von den Abiturienten“

  1. Nina ist schon im vorigen Eintrag (Abistreich) in den Kommentaren erschienen.

    Übrigens sagte ich mal zu einer Bekannten, die sich fürchterlich beschwerte, weil ich sie übersehen hatte: “Du integrierst dich heute so gut in die Wand.”

  2. Danke, Frau Klugscheisser. Ich dachte, ich habe inzwischen so oft auf das Blog hingewiesen, dass ein weiterer Link wie Werbung aussähe… aber klar, jeder Blogeintrag ist für jemanden der erste Blogeintrag, und der freut sich über den Link.

    (Sie erinnern sich vielleicht nicht an meine tapetliche Unauffälligkeit bei unseren seltenen Zusammentreffen, Frau Klugscheisser, aber genau das ist es ja.)

  3. Und so missverstehen wir uns alle und immer wieder. Ich gehe ja selber erst mal davon aus, dass andere Leute grundsätzlich Wichtigeres und Interessanteres tun als ich. Ich war mal der einzige Beamte auf einer Hochzeit mit Heavy-Metal-Rockband. Das prägt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.