Gottfried Keller, Die drei gerechten Kammmacher

Die Leute von Seldwyla haben bewiesen, daß eine ganze Stadt von Ungerechten oder Leichtsinnigen zur Not fortbestehen kann im Wechsel der Zeiten und des Verkehrs; die drei Kammacher aber, dass nicht drei Gerechte lang unter einem Dache leben können, ohne sich in die Haare zu geraten. Es ist hier aber nicht die himmlische Gerechtigkeit gemeint oder die natürliche Gerechtigkeit des menschlichen Gewissens, sondern jene blutlose Gerechtigkeit, welche aus dem Vaterunser die Bitte gestrichen hat Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern! weil sie keine Schulden macht und auch keine ausstehen hat; welche niemandem zu Leid lebt, aber auch niemandem zu Gefallen, wohl arbeiten und erwerben, aber nichts ausgeben will und an der Arbeitstreue nur einen Nutzen, aber keine Freude findet. Solche Gerechte werfen keine Laternen ein, aber sie zünden auch keine an, und kein Licht geht von ihnen aus; sie treiben allerlei Hantierung, und eine ist ihnen so gut wie die andere, wenn sie nur mit keiner Fährlichkeit verbunden ist; am liebsten siedeln sie sich dort an, wo recht viele Ungerechte in ihrem Sinne sind; denn sie untereinander, wenn keine solche zwischen ihnen wären, würden sich bald abreiben wie Mühlsteine, zwischen denen kein Korn liegt. Wenn diese ein Unglück betrifft, so sind sie höchst verwundert und jammern, als ob sie am Spieße stäken, da sie doch niemandem was zuleid getan haben; denn sie betrachten die Welt als eine große wohlgesicherte Polizeianstalt, wo keiner eine Kontraventionsbuße zu fürchten braucht, wenn er vor seiner Türe fleißig kehrt, keine Blumentöpfe unverwahrt vor das Fenster stellt und kein Wasser aus demselben gießt.

Eine schöne Geschichte. Als Schüler musste ich sie lesen und fand sie völlig uninteressant. Im Studium habe ich dann die Novellen Kellers entdeckt und jetzt bringen sie mich zum Lachen. Die Kammmacher sind aber auch schon besonders grotesk. In der Hoffnung auf Beförderung überbieten sie sich in Dienstbeflissenheit, und der eine, der schließlich nach einem konkreten Wettlauf das Ziel der sicheren Position erreicht, steht dann fast so dämlich da wie die anderen.

(Anlass für die Erinnerung: Mitgehörtes Gespräch an der Theke im Lehrerzimmer, Thema: Einteilung des Küchendiensts. “Ich bin nie in dieser Küche, warum soll ich da irgend etwas machen?” Gut, die strebsame Eifrigkeit der Kammmacher geht uns ab, aber ihr Gerechtigkeitsempfinden teilen manche Kollegen.)

6 Antworten auf „Gottfried Keller, Die drei gerechten Kammmacher“

  1. Die gute Jungfer Züs Bünzlin und das ihr zugedachte Papiertempelchen mit all den Schublädchen und doppelten Böden hat bei uns daheim eine große Rolle gespielt, ebenso wie Spiegel das Kätzchen. Als ich während dem Studium einmal krank zu Bette lag, dachte ich mir, ich könnte doch die Leute von Seldwyla zur Aufmunterung mal wieder lesen, aber ich fand sie dann doch ziemlich hintergründig, teils abgrundtief traurig und keineswegs nur heiter. Ich muss sie mir wohl wieder mal vornehmen.

  2. Oh ja, traurig können sie auch so ein. Oder jedenfalls desillusionierend. Dass ich dabei trotzdem lachen muss, rechne ich ihm aber hoch an.

    (Facharbeit, aus der nichts geworden ist, weil wohl doch zu wenig hergebend: Walter Moers’ Der Schrecksenmeister, ein Paralleltext zu Spiegel, das Kätzchen.)

  3. Besinne mich noch, dass die Kammacher-Erzählung das abschreckende Siegel “braucht man nicht zu lesen!” meiner leseverliebten Schwestern trug. Später kam dann “Martin Salander” hinzu, von meinem Deutschlehrer beigesteuert, der über Expressionismus promoviert hatte, uns den Anfang vom “Hochwald” auswendig lernen ließ, den “Nachsommer” propagierte und geschätzter Ratgeber Rolf Hochhuths war.
    Man muss schon etwas resigniert sein, damit man die Kammacher “Romeo und Julia auf dem Dorfe” vorziehen kann. Es ist eine realistischere, humorvollere Sicht auf die Welt. Dieser harte Blick auf Menschen gefällt mir aber auch heute noch nicht richtig, ein Grund, weshalb ich Flora Thompson so mag.

  4. “Romeo und Julia auf dem Dorfe” habe ich lange nicht mehr gelesen. Ich glaube, ich bin grundsätzlich ein Freund von nicht-realistischem Erzählen (daher auch meine Vorliebe für Genreliteratur, also Krimi und SF), und dazu gehört schon mal alles, was lustig ist, und Grotesken und Übertreibungen auch.

  5. Warum hat der Schriftsteller den Namen Kammacher gebraucht. Hat es einen Zusammenhang mit den Kammachers? Um was geht das Buch?
    Mein Geschlecht ist Kammacher, darum wundert es mich. Vielen Dank

  6. In der Geschichte geht es um drei angehende Handwerker, die den Beruf des Kammachers erlernen. Es geht um ihr Verhalten untereinander und um ihr Verhältnis zum ausbildenden Meister. Das eigentliche Handwerk selber spielt keine große Rolle, glaube ich.

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