Für eine Öffentlichkeit schreiben: Geniale Idee

Selber darauf gekommen bin ich nicht, aber wenigstens erkenne ich eine gute Idee, wenn ich sie sehe: Kollege Z. im Treppenhaus der Schule, er geht nach oben, ich nach unten, um uns herum wuselnde Schüler, Zeit nur für einen kurzen Zuruf: „Was hältst du davon: Ich lasse jetzt die Schüler in mein Poesiealbum schreiben.“

Und in diesem Moment war alles klar. „Genial“, habe ich noch gerufen, dann war ich schon weiter. Kollege Z. hat jetzt also ein Poesiealbum, ich habe ein Poesiealbum und Kollegin N. auch. Und wir wetteifern, wer am meisten Einträge hat.

Das da oben ist nicht mein Album, sondern das der Kollegin. Meines ist nämlich unterwegs bei Schülern. Das von Kollege Z. auch, aber er ist mir mindestens zwei Schüler voraus. Wenn man auf der anderen Seite des Albums sitzt, dann merkt man erst, wie sehr man darauf wartet, dass die Schreiber ihren Eintrag endlich hinter sich bringen und das Buch wieder abgeben.

Mögliche Spielregeln, alle vom Kollegen: Je nach Jahrgangsstufe und Geschlecht gibt es Punkte für jeden Eintrag, am meisten zählen männliche Mittelstufenschüler. Oder: wenn man von jeder Klasse, die man in einem Jahr unterrichtet, einen Schüler oder eine Schülerin im Album hat, dann darf man das Buch Lehrern zum Eintragen geben. (Auch hier wieder: Physiklehrer zählen doppelt.)

Wir werben gerade noch mehr Lehrer und Lehrerinnen an unserer Schule an. Warum ich die Idee so toll finde: Meine Schüler und Kollegen müssen für eine kleine Öffentlichkeit schreiben und sich präsentieren. Ich habe ein Erinnerungsstück, ich lerne Schüler kennen. Für Schüler ist das eine andere, indirektere Möglichkeit der Rückmeldung. Und es ist insgesamt herrlich und herzlich wenig digital.

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18 Thoughts to “Für eine Öffentlichkeit schreiben: Geniale Idee

  1. Die Idee gefällt mir.
    Wie man selbst auf Rückgabe seines Büchleins wartet, freudig auf schön gestaltete Seiten sieht und sich mit den Sprüchen und freien Einträgen auseinandersetzt, das ist mir noch bekannt aus der Zeit, in der ich selbst so ein Poesiealbum bei Mitschülern und Lehrern herum gab. Es ist bestimmt spannend, diese Sache in die andere Richtung zu schicken und die Schüler ins eigene Buch eintragen zu lassen.

  2. Finde ich auch eine sehr schöne Idee. Vor allem müssen die Schüler ganz schön nachdenken, um sich zu präsentieren und nicht einfach einen altbackenen Spruch aus dem Poesiealbum der Eltern abkupfern.

  3. Es scheint so einfach. Nichts als etwas, was Schüler tun, übernehmen.
    Aber: Es zeigt: Ich habe Interesse an dir, meinem Schüler. Du bekommst keine Aufgabe, sondern du wirst gebeten, weil du ernst genommen wirst.
    „Sag etwas, was sich von selbst versteht, zum erstenmal, und du bist unsterblich.“
    Freilich, wenn viele Lehrer das machen, wird es bald zu einer unerwünschten Plage. Dann könnte Frustration zu halbwegs unerwünschten Rückmeldungen im Spickmich-Format führen. Im Einzelfall vielleicht hilfreich, in der Masse weniger.

  4. Wir haben auch noch eines :-))
    Mein Mann war, neben vielem anderen, auch mal Lehrer. Und er hatte zu Anfang ganz viele 5er und 6er mit Poesiealbumtrick.
    Er hat jedem, der ihn hat reinschreiben lassen, seines mitgegeben.
    Mal sehen, wer erster ist :-))
    Es machte unheimlich viel Spaß. Aber in einigen Fällen sah es doch stark nach Elternarbeit aus was da stand.

  5. Nein, eigentlich nicht. Ich rechne mit Selbstdarstellung, vorsichtigen Ratschlägen und Freundlichkeit. Für Anbiederei ist das alles wieder zu absurd, hoffe ich, und selbst wenn: irgendwann glaubt man auch das, was man schreibt; das kann also nicht schaden.

    Croco, aber klar! Darauf hätte ich auch früher kommen können, Album gegen Album.

    Apanat, ich denke, so viele Lehrer, dass es lästig wird, werden es nie werden. (Und es darf natürlich nicht der Eindruck entstehen, den Lehrern gehe es ums Punktesammeln. Das ist nur Herumalberei. Es geht wirklich ums Interesse.)

  6. Das find ich echt sehr nett.
    Hätte mir auch Spaß gemacht solche Einträge zu verfassen. Denn es gibt ja doch einige Lehrer, die man/ich richtig mag. Und wann hat man schon Gelegenheit das mitzuteilen? Sich auch mal zu bedanken. Persönlich hätte ich mich das wohl kaum getraut.
    Und wenn ehrliches Interesse dahintersteckt, und der Lehrer dem Eintrag mit freudiger Erwartung entgegensieht, umso besser.

  7. Die Idee ist Klasse! Aber mag man als SchülerIn auch, dass die MitschülerInnen mitlesen, was man für die Lehrerin/den Lehrer ganz persönlich schreibt, wie Astrid vorschlägt? Doch nur dann ist es ja wirklich interessant und geht über Allgemeinplätze hinaus. Könnt ihr da aus eueren Erfahrungen etwas mitteilen?

  8. Zunächst ist die Sache ja nur ein Einfall gewesen. Mittlerweile zieht er seine Kreise, für Berichte ist noch etwas zu früh. Mir fällt auf, dass die angesprochenen Schüler, und ich spreche sie nicht immer gezielt an, so dass auch Ausweichmöglichkeiten bleiben, sehr positiv reagieren. Mein Eindruck ist, dass ältere Schüler die öffentliche Darstellung bei gleichzeitiger personaler Mitteilung interessiert. Zwar soll es bei der Freiwilligkeit auf seiten der Schüler bleiben, dennoch habe ich mir vorgenommen auch Schüler, die aufgrund ihrer Leistungen oder aus disziplinarischen Gründen ein gespanntes Verhältnis zu mir haben, die Chance zu einem Eintrag anzubieten. Möglicherweise sorgt der Kommunikationszusammenhang ja für die Behutsamkeit, in der Kritik gerade deswegen ankommt, weil sie nicht auf Spick-mich-Niveau ausgedrückt wird. Ob sich wer traut, kann ich aber nicht einschätzen.
    Ich würde der Idee auch eine gewisse inhaltliche Wende geben wollen. Besser als „Poesiealbum“ fände ich den Ausdruck Stammbuch. Dann könnten vielleicht auch Jungen und Mädchen jenseits der rosaroten Glanzbildphase etwas damit anfangen.

  9. Ihr Blog beeindruckt mich immer wieder, Herr Rau. Mit dem Album zeigen sie Interesse an Ihren Schülern – den Eindruck hatte ich in meiner Schulzeit trotz braven Verhaltens höchstselten. Weiter so !

  10. Auch mir gefällt die Idee. Und ich befinde mich umgehend in einem Zwiespalt. Tun wir Lehrer immer öfter die Dinge, die mal unsere Schüler getan haben? In den Lehrerforen schilderte unlängst eine Userin die Beschwerde von Eltern, dass das Löschblatt nicht mehr im Heft zu finden sei. Hintergrund: An Grundschulen sind es mittlerweile nicht selten wir Lehrer, die den Schulbedarf besorgen, verteilen und dann dem Geld hinterherrennen, weil es andersrum offenbar nicht mehr klappt. Besetzt man mit den Poesie-/Stammalben wieder ein Terrain, das doch eigentlich nicht das unsere ist?

  11. So wie Lesen oder Schreiben mit der Hand? Das waren ja auch mal Terrains, in denen Erwachsene Vorbilder sein sollten. Nur kenne ich so wenig Erwachsene, die das tun. Auf Elternabenden, die überwiegend von Müttern besucht werden, sage ich das manchmal recht unverblümt: Wenn der Papa zuhause kein Buch in die Hand nimmt, woran soll der Sohn dann das lebenslange Lesen lernen? Von der Mama lernt er’s nicht, von der lernt ein 13-jähriger doch gerade sich rollenspezifisch abzugrenzen.
    Tatsächlich wird den Lehrern immer häufiger abverlangt, sich auch noch um den letzten Sch.. zu kümmern. Aber ich sehe da schon einen Unterschied, ob es sich um rein organisatorische Hilfestellung handelt, weil Eltern mit diesen in Grundschulen heute üblichen Schulbedarfslisten und der diesen gegenüberstehenden Warenflut nicht mehr zurechtkommen, oder ob sich Lehrer um ein (fast vergessenes) Detail der Schriftkultur bemühen.

  12. Schöne Idee! Schade nur, dass das mit den Kleinen in der GS einfach noch nicht so funktioniert.
    Ich würd in Ihr Poesiealbum jederzeit gern reinschreiben. Denke immernoch gerne an Shakespeare und Vivienne Westwood zurück. Wieviel zählen denn ehemalige Schüler???

    Liebe Grüße

  13. Hallo Maria, schön von Ihnen zu hören! Ehemalige geben besonders viele Extrapunkte, weil man die so selten trifft. (Aber bei den Punkten muss ich vorsichtig sein: eingie Schüler glauben, dass wir ernstlich zählen. Machen wir natürlich nicht.) Ich hoffe, es geht Ihnen gut und macht Ihnen Spaß.

  14. Was ist denn aus dem Poesiealbum geworden? Sind schon alle Seiten voll oder hat ein Schüler es irgendwann nicht mehr zurückgegeben?

    Ich bin jetzt seit 3,5 Jahren Lehrerin und habe noch nicht einmal ins Poesiealbum oder Freundebuch schreiben müssen. Ich sehe diese Bücher auch gar nicht mehr. Wurde diese Möglichkeit der Selbstdarstellung durch facebook und instagram ersetzt?

  15. Über die letzten Sommerferien habe ich das einfach vergessen. Danke für die Erinnerung. Das Buch gibt es noch, ist aber noch lange nicht voll. Und ja – von Schülern habe ich in den letzten Jahren auch kein Poesiealbum mehr gekriegt. Ich habe da zwar auch nie Unterstufe gehabt, aber es stimmt wohl einfach, dass man das jetzt nicht mehr hat. Irgendwann kommt das aber sicher wieder mal.

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