Ikonoklastische Fundstücke

Ich mag ja solche inkorrekten Erkenntnisse. Auch weil ich weiß, dass manche Dinge gegen die Intuition und trotzdem wahr sein können. Deshalb:


“Young children who are smacked by their parents grow up to be happier and more successful than those who have never been hit, research claims.”
Laut einer (amerikanischen) Studie sind Erwachsene, die im Alter von 2–6 Jahren auch schon mal einen Klaps von ihren Eltern gekriegt haben, im späteren Leben erfolgreicher und zeigen auch weniger negatives Verhalten (Depressionen, Gewalttätigkeit). Wer auch zwischen 7 und 11 Jahren noch geschlagen wurde, zeigt allerdings weniger wünschenswertes Verhalten, ist aber immer noch erfolgreicher. Und wer mit 12 Jahren oder später noch geschlagen wird, zeigt im Durchschnitt schlechteres Verhalten und ist weniger erfolgreich.
Ist natürlich nicht PC. Und muss auch gar nicht sauber sein; ich kenne die Studie nicht, aber eine bloße Korrelation sagt natürlich noch gar nichts über Kausalität aus. Trotzdem, auch heilige Kühe können wissenschaftlich untersucht werden. Allerdings: selbst wenn sich die Studie bestätigen sollte (was bei derartigen Studien kaum möglich ist), sollte man Kinder nicht schlagen. Positives Verhalten als Erwachsener und Erfolg ist schließlich nicht alles.


Und das nächste:

Schulleitern droht Strafe: Der Rheinland-Pfälzer Nordrhein-Westfalener Schulleiter Jack Onkelbach und sein Stellvertreter Werner Blug hatten eine Stellenanzeige in der Rheinischen Post aufgegeben, in der sie – enttäuscht vom dortigen Kultusministerium – eine neue Schulministerin suchten. Sie hatten allen Grund dazu (siehe Link), trotzdem wurde jetzt ein Disziplinarverfahren gegen sie eingeleitet. Unter anderem seien sie ihrer “Pflicht zur Mäßigung und Zurückhaltung bei politischer Betätigung” nicht nachgekommen.
Respekt. So eine Schulleitung gefällt mir. Nicht jeder Verweis ist ein Zeichen dafür, dass man ein schlechter Schüler ist; nicht jedes Disziplinarverfahren ein Makel. Ich bin selber leider zu brav. (via TeachersNews)


Gibt es eine Net Generation? Nö. Ich klaue mal das Zitat von Rolf Schulmeister beim verlinkten Jochen Robes:

“Der bedeutsamste Vorwurf, den man den Schreibern der Millenials oder der Net Generation machen kann, ist der, dass sie mit dem Klischee der Generation die fundamentale Diversität der Jugend bzw. der Lernenden zukleistern und damit genau jene Lernercharakteristika verdecken, die für Erzieher und Pädagogen, für Lehrer und Hochschullehrer essentiell sind.”

Schüler sind zu verschieden, als dass sie alle der Web.20-Digital-Native-Generation angehören sollten, auch wenn die “Propagandisten der Net Generation” manchmal anders klingen. Gefällt mir. Aber ich habe mich noch nicht damit beschäftigt, Schulmeisters Arbeit noch nicht mal gelesen, zugegeben.


Die Ethnologin Danah Boyd untersucht – eben auch schon wieder wissenschaftlich – das Verhalten von Social-Media-Nutzern.

The Microsoft researcher, who has made a career from studying the way younger people use the web, doesn’t think much of the widely held assumption that children are innately better at coping with the web or negotiating the hurdles of digital life. Instead, she suggests, they’re pretty much like everyone else.

Das klingt nachvollziehbar. Interessant finde ich auch ihren Gedanken, dass Jugendliche genauso wie Erwachsene ihre Privatsphäre schätzen – nur dass die Wohnung zu Hause für sie weniger privat ist als Teile vom Web, weil sie dort die Hausherren sind und in der WOhnung nun mal nicht.


Glücklicherweise erinnert mich Kathrin Passigs schon zu Recht vielerorts gelobtes “Standardsituationen der Technologiekritik” daran, dass ich vielleicht nur ein alter Zausel bin, der in die nächste Stufe der Technologiekritik gerutscht ist und die dadurch vorgeschriebene Rolle nun mustergültig erfüllt. (Der Text war leider zu lang für die Deutsch-Klausur.) Immerhin, in acht Jahren kriege ich schon meine erste altersbedingte Ermäßigung und muss ab dann fürs gleiche Geld eine halbe Unterrichtsstunde pro Woche weniger arbeiten. Das hat mich schon ein bisschen erschreckt, denn der Zeitraum bis dahin ist durchaus schon überschaubar.


Nachtrag: Ach ja, und hier noch etwas aus der FAZ zum Thema Vergleichbarkeit von Noten zwischen Bundesländern: Verglichen wurden Hamburg und Baden-Württemberg. Tenor: Für gleiche Leistung gibt’s in manchen Fächern (Mathematik) deutlich unterschiedliche Noten, in anderen Fächern (Englisch) eher vergleichbare. Problematisch werde es dann, wenn für die Universitätszulassung eben nicht nur der Abiturdurchschnitt, sondern einzelne Fachnoten herangezogen würden. Denn die seien bei einem Vergleich zwischen Bundesländern eben wenig aussagekräftig.

Das Wasserfallmodell

Wie entsteht eigentlich Software? Sicher ist meist nur: es gibt einen Auftraggeber mit bestimmten Wünschen, es gibt ein Team von Programmierern (denn größere Softwareprojekte werden kaum mehr von einzelnen Programmierern angegangen), und irgendwann gibt es dann eine mehr oder weniger lauffähige Software.

Es gibt verschiedene Wege, nach denen ein Team bei der Softwareentwicklung vorgehen kann. Der wohl bekannteste ist das Wasserfallmodell (Wikipedia). Es ist vielleicht schon ein bisschen altbacken, es gibt Kritikpunkte, es gibt Alternativen – aber für die Schule reicht es vorläufig. (Längere Fußnote dazu unten.)

Je nach Ausformung besteht das Wasserfallmodell aus 5–7 Stufen (je nach genauer Ausformung des Modells), entlang derer die Entwicklungsarbeit läuft. Am Ende jeder Stufe steht ein greifbares Dokument oder Produkt, von dem aus es dann weiter zur nächsten Stufe geht. Stellt sich heraus, dass für die aktuelle Stufe keine befriedigende Lösung gefunden werden kann, geht man beim erweiterten Wasserfallmodell zur letzten Stufe zurück und versucht es da noch einmal – und notfalls kaskadenartig noch weiter zurück:


(Maciej Jaros; GFDL ver. 1.2 or CC-by-sa ver. 2.5, 2.0, and 1.0; Wikipedia)

Etwas ausführlicher:

Konkret sähe das so aus:

  1. Planungsphase
    Der Lehrer als Kunde erteilt einen Auftrag. Er hätte gerne ein Programm zur Verwaltung von Schülern. Oder ein Spiel. Seine genauen Wünsche werden in einem Lastenheft festgehalten. Darin steht, was das Programm können soll. Wie das umzusetzen ist, ist erst mal nicht sein Problem.
  2. Definitionsphase
    Die Schüler übersetzen die Kundenwünsche in eigene Teilaufgaben. Was muss erledigt werden, wer kümmert sich um welchen Teil? Das wird im Pflichtenheft festgehalten. Wenn sich jetzt schon abzeichnet, das etwas so nicht geleistet werden kann, muss man zurück in die Planungsphase.
  3. Entwurfsphase
    Die Schüler entwerfen ein Modell des Projekts. Mit entsprechenden Tools oder mit Bleistift und Papier. Für solche Entwürfe gibt es verbreitete Normen, etwa die UML-Notation (Unified Modeling Language). Der Entwurf ist etwa ein Datenbankentwurf in Form eines Entity-Relationship-Diagramms oder ein Klassendiagramm.
  4. Implementierungsphase
    Anhand des Entwurfs wird jetzt programmiert. Wenn der Entwurf gut ist, geht das zügig. Oft wird man aber zurück zum Entwurf müssen und da etwas ändern, weil sich beim Programmieren herausstellt, das bestimmte Aspekte so nicht gehen. Am Schluss stehen die fertigen Programme.
  5. Testen und Einführen
    Die Teilprogramme werden zusammengebaut und getestet.
  6. Übergabe und Wartung
    Der Lehrer kriegt das Programm und das Handbuch (mit dem man wohl schon in früheren Phasen begonnen hat) ausgeliefert. Er kriegt eine Einführung in den Umgang mit dem Programm, außerdem steht das Team für Anpassungen und Wartung zur Verfügung.

Ich könnte mir schon vorstellen, so auch in der Schule vorzugehen. Allerdings wüsste ich auch gerne Alternativen zur Projektplanung an Schulen. Denn so richtig passt das Wasserfallmodell nicht auf die Lernsituation. Der Lehrer sieht vielleicht schon Fehler auf der ersten oder zweiten und vor allem dritten Ebene, auf die die Schüler dann erst in der vierten Phase stoßen und wieder zurück zum Reißbrett müssen. Das ist frustrierend und zeitraubend – mehr Zeit, als eine funktionierende Softwarefirma hat und mehr Zeit als man in der Schule hat. (Dabei ist es schon wichtig, dass Schüler Zeit haben, Fehler zu machen und sie zu verbessern. Das haben Sie fast nie. Trotzdem musss man sie nicht jeden Fehler machen lassen.)

Vielleicht passt ja ein andere Entwicklungsmodell besser auf die Situation in der Schule.

(Weitere Gedanken zu Softwareentwicklung in der Schule in diesem Blogeintrag.)

Bücher 2009

Weil man das jetzt so macht – und ja, weil ich gerne Listen mache: Das sind die Bücher, die ich letztes Jahr gelesen habe. Über viele habe ich hier im Blog etwas geschrieben. Das überraschendste und ergiebigste: Stalky & Co von Kipling.

  1. Lewis C. Epstein, Denksport Physik
  2. Jack Finney, Time and Again
  3. Hubert Schleichert, Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren
  4. Stephen Fry, The Ode Less Travelled
  5. Ulla Hahn (Hrsg.), Gedichte fürs Gedächtnis
  6. Elizabeth Gaskell, Cranford
  7. SMITH Magazine, Not quite what I was planning
  8. Joseph von Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts
  9. Beowulf (Übersetzung Martin Lehnert )
  10. Alan Bennett, The Uncommon Reader
  11. David Lodge, The Art of Fiction
  12. Tom Blech, Lexikon des schulischen Elends
  13. Wolfgang Krämer, Lukasburger Stilblüten 1
  14. Craig Tylor, Return to Akenfield
  15. Steven Johnson, The Ghost Map
  16. Klaus Modick, Bestseller
  17. Gordown W. Dahlquist, The Dark Volume
  18. Oliver Polak/Jens Oliver Haas, Ich darf das, ich bin Jude
  19. Martin Schmitt, Buch ohne Titel
  20. Alan Bennett, The Clothes They Stood Up In/The Lady in the Van
  21. Seth Grahame-Smith/Jane Austen, Pride and Prejudice and Zombies
  22. Julie Zeh, Corpus Delicti
  23. N. D. Wilson, 100 Cupboards
  24. Philippe Bertrand, Patacloc
  25. Ian McEwan, On Chesil Beach
  26. Ray Bradbury, We’ll Always Have Paris
  27. P. G. Wodehouse, Ukridge
  28. Kai Weyand, Schiefer eröffnet spanisch
  29. Alessandro Baricco, Seide
  30. J. L. Carr, The Harpole Report
  31. Beat Gloor, staat sex amen
  32. G. K. Chesterton. The Club of Queer Trades
  33. Charlie Todd/Alex Scordelis, causing a scene
  34. P. G. Wodehouse, Quick Service
  35. P. G. Wodehouse, Galahad at Blandings
  36. P. G. Wodehouse, Love Among the Chickens
  37. David Lodge, Changing Places
  38. David Lodge, Small World
  39. John Steinbeck, Tortilla Flat
  40. Mark Twain, A Connecticut Yankee In King Arthur’s Court
  41. Horace McCoy, They Shoot Horses, Don’t They?
  42. Dashiell Hammett, The Maltese Falcon
  43. Kingsley Amis, Lucky Jim
  44. Mary Ann Shaffer/Annie Barrows, The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society
  45. John Kendrick Bangs, A House-Boat on the Styx
  46. Dietrich Weichold, …und nebenbei ein toter Lehrer
  47. J. L. Carr, The Battle of Pollocks Crossing
  48. John Kendrick Bangs, The Pursuit of the House-Boat
  49. Dietrich Weichold, Mailäuten
  50. G. K. Chesterton, The Poet and the Lunatics
  51. Harper Lee, To Kill A Mockingbird
  52. P. G. Wodehouse, If I Were You
  53. Christine Brückner, Wenn du geredet hättest, Desdemona
  54. P. G. Wodehouse, Money in the Bank
  55. Lev Grossman, The Magicians
  56. John O’Hara, BUtterfield 8
  57. Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott
  58. Kingsley Amis & Robert Conquest, The Egyptologists
  59. Frank Richards, Billy Bunter’s Rebellion
  60. Susan Rich (ed.), Half-Minute Horrors
  61. Rudyard Kipling, Stalky & Co
  62. Herta Müller, Atemschaukel
  63. Audrey Niffenegger, Her Fearful Symmetry
  64. Mrs. Oliphant, A Beleaguered City
  65. Val Andrews, Sherlock Holmes and the Greyfriars School Mystery
  66. David Hughes, But for Bunter
  67. Leonard Cohen, The Favourite Game
  68. Klaus Modick, Der Schatten der Ideen
  69. Paul Shipton, Bug Muldoon and the Garden of Fear
  70. Paul Shipton, Bug Muldoon and the Killer in the Rain
  71. Robert Löhr, Das Erlkönig-Manöver
  72. Dan Kieran/Ian Vince, Three Men in a Float
  73. Neil Gaiman, The Graveyard Book
  74. P. G. Wodehouse, Aunts Aren’t Gentlemen

Der meistgelesene Autor ist wohl Wodehouse. Kein Wunder, der liest sich leicht und hat viel geschrieben. Wiedergelesene Bücher: 12. Aus Blogs gezogen: mindestens 9.

Sigmund Freud, Zur Psychologie des Gymnasiasten

Zugegeben, aus dem Titel hätte man vielleicht noch mehr herausholen können. Aber immerhin: “Wir übertrugen auf sie den Respekt und die Erwartungen von dem allwissenden Vater unserer Kindheitsjahre und dann begannen wir, sie zu behandeln wie unsere Väter zu Hause. Wir brachten ihnen die Ambivalenz entgegen, die wir in der Familie erworben hatten, und mit Hilfe dieser Einstellung rangen wir mit ihnen, wie wir mit unseren leiblichen Vätern zu ringen gewohnt waren.”

Vielleicht mal als Sachtext für die Oberstufe.

Sigmund Freud, Zur Psychologie des Gymnasiasten

Man hat ein sonderbares Gefühl, wenn man in so vorgerückten Jahren noch einmal den Auftrag erhält, einen »deutschen Aufsatz« für das Gymnasium zu schreiben. Man gehorcht aber automatisch wie jener ausgediente Soldat, der auf das Kommando »Habt Acht!« die Hände an die Hosennaht anlegen und seine Päckchen zu Boden fallen lassen muß. Es ist merkwürdig, wie bereitwillig man zugesagt hat, als ob sich in dem letzten Halbjahrhundert nichts Besonderes geändert hätte. Man ist doch alt geworden seither, steht knapp vor dem sechzigsten Lebensjahr, und Körpergefühl wie Spiegel zeigen unzweideutig an, wieviel man von seinem Lebenslicht bereits heruntergebrannt hat.
Noch vor zehn Jahren etwa konnte man Momente haben, in denen man sich plötzlich wieder ganz jung fühlte. Wenn man, bereits graubärtig und mit allen Lasten einer bürgerlichen Existenz beladen, durch die Straßen der Heimatstadt ging, begegnete man unversehens dem einen oder anderen wohlerhaltenen älteren Herrn, den man fast demütig begrüßte, weil man einen seiner Gymnasiallehrer in ihm erkannt hatte. Dann aber blieb man stehen und sah ihm versonnen nach: Ist er das wirklich oder nur jemand, der ihm so täuschend ähnlich ist? Wie jugendlich sieht er doch aus und du bist selbst so alt geworden! Wie alt mag er heute wohl sein? Ist es möglich, daß diese Männer, die uns damals die Erwachsenen repräsentierten, um so weniges älter waren als wir?
Die Gegenwart war dann wie verdunkelt und die Lebensjahre von zehn bis achtzehn stiegen aus den Winkeln des Gedächtnisses empor mit ihren Ahnungen und Irrungen, ihren schmerzhaften Umbildungen und beseligenden Erfolgen, die ersten Einblicke in eine untergegangene Kulturwelt, die wenigstens mir später ein unübertroffener Trost in den Kämpfen des Lebens werden sollte, die ersten Berührungen mit den Wissenschaften, unter denen man glaubte wählen zu können, welcher man seine – sicherlich unschätzbaren – Dienste weihen würde. Und ich glaubte mich zu erinnern, daß die ganze Zeit von der Ahnung einer Aufgabe durchzogen war, die sich zuerst nur leise andeutete, bis ich sie in dem Maturitätsaufsatze in die lauten Worte kleiden konnte, ich wollte in meinem Leben zu unserem menschlichen Wissen einen Beitrag leisten.
Ich bin dann Arzt geworden, aber eigentlich doch eher Psychologe, und konnte eine neue psychologische Disziplin schaffen, die sogenannte »Psychoanalyse«, welche gegenwärtig Ärzte und Forscher in nahen wie in fernen fremdsprachigen Ländern in Atem hält und zu Lob und Tadel aufregt, die des eigenen Vaterlandes natürlich am geringsten.
Als Psychoanalytiker muß ich mich mehr für affektive als für intellektuelle Vorgänge, mehr für das unbewußte als für das bewußte Seelenleben interessieren. Meine Ergriffenheit bei der Begegnung mit meinem früheren Gymnasialprofessor mahnt mich, ein erstes Bekenntnis abzulegen: Ich weiß nicht, was uns stärker in Anspruch nahm und bedeutsamer für uns wurde: die Beschäftigung mit den uns vorgetragenen Wissenschaften oder die mit den Persönlichkeiten unserer Lehrer. Jedenfalls galt den letzteren bei uns allen eine niemals aussetzende Unterströmung, und bei vielen führte der Weg zu den Wissenschaften nur über die Personen der Lehrer; manche blieben auf diesem Weg stecken und einigen ward er auf solche Weise – warum sollen wir es nicht eingestehen? – dauernd verlegt.
Wir warben um sie oder wandten uns von ihnen ab, imaginierten bei ihnen Sympathien oder Antipathien, die wahrscheinlich nicht bestanden, studierten ihre Charaktere und bildeten oder verbildeten an ihnen unsere eigenen. Sie riefen unsere stärksten Auflehnungen hervor und zwangen uns zur vollständigen Unterwerfung; wir spähten nach ihren kleinen Schwächen und waren stolz auf ihre großen Vorzüge, ihr Wissen und ihre Gerechtigkeit. Im Grunde liebten wir sie sehr, wenn sie uns irgendeine Begründung dazu gaben; ich weiß nicht, ob alle unsere Lehrer dies bemerkt haben. Aber es ist nicht zu leugnen, wir waren in einer ganz besonderen Weise gegen sie eingestellt, in einer Weise, die ihre Unbequemlichkeiten für die Betroffenen haben mochte. Wir waren von vornherein gleich geneigt zur Liebe wie zum Haß, zur Kritik wie zur Verehrung gegen sie. Die Psychoanalyse nennt eine solche Bereitschaft zu gegensätzlichem Verhalten eine ambivalente; sie ist auch nicht verlegen, die Quelle einer solchen Gefühlsambivalenz nachzuweisen.
Sie hat uns nämlich gelehrt, daß die für das spätere Verhalten des Individuums so überaus wichtigen Affekteinstellungen gegen andere Personen in ungeahnt früher Zeit fertig gemacht werden. Schon in den ersten sechs Jahren der Kindheit hat der kleine Mensch die Art und den Affektton seiner Beziehungen zu Personen des nämlichen und des anderen Geschlechts festgelegt, er kann sie von da an entwickeln und nach bestimmten Richtungen umwandeln, aber nicht mehr aufheben. Die Personen, an welche er sich in solcher Weise fixiert, sind seine Eltern und Geschwister. Alle Menschen, die er später kennen lernt, werden ihm zu Ersatzpersonen dieser ersten Gefühlsobjekte (etwa noch der Pflegepersonen neben den Eltern) und ordnen sich für ihn in Reihen an, die von den »Imagines«, wie wir sagen, des Vaters, der Mutter, der Geschwister usw. ausgehen. Diese späteren Bekanntschaften haben also eine Art von Gefühlserbschaft zu übernehmen, sie stoßen auf Sympathien und Antipathien, zu deren Erwerbung sie selbst nur wenig beigetragen haben; alle spätere Freundschafts- und Liebeswahl erfolgt auf Grund von Erinnerungsspuren, welche jene ersten Vorbilder hinterlassen haben.
Von den Imagines einer gewöhnlich nicht mehr im Gedächtnis bewahrten Kindheit ist aber keine für den Jüngling und Mann bedeutungsvoller als die seines Vaters. Organische Notwendigkeit hat in dies Verhältnis eine Gefühlsambivalenz eingeführt, als deren ergreifendsten Ausdruck wir den griechischen Mythus vom König Ödipus erfassen können. Der kleine Knabe muß seinen Vater lieben und bewundern, er scheint ihm das stärkste, gütigste und weiseste aller Geschöpfe; ist doch Gott selbst nur eine Erhöhung dieses Vaterbildes, wie es sich dem frühkindlichen Seelenleben darstellt. Aber sehr bald tritt die andere Seite dieser Gefühlsrelation hervor. Der Vater wird auch als der übermächtige Störer des eigenen Trieblebens erkannt, er wird zum Vorbild, das man nicht nur nachahmen, sondern auch beseitigen will, um seine Stelle selbst einzunehmen. Die zärtliche und die feindselige Regung gegen den Vater bestehen nun nebeneinander fort, oft durch das ganze Leben hindurch, ohne daß die eine die andere aufheben könnte. In einem solchen Nebeneinander der Gegensätze liegt der Charakter dessen, was wir eine Gefühlsambivalenz heißen.
In der zweiten Hälfte der Kindheit bereitet sich eine Veränderung dieses Verhältnisses zum Vater vor, deren Bedeutung man sich nicht großartig genug vorstellen kann. Der Knabe beginnt aus seiner Kinderstube in die reale Welt draußen zu schauen, und nun muß er die Entdeckungen machen, welche seine ursprüngliche Hochschätzung des Vaters untergraben und seine Ablösung von diesem ersten Ideal befördern. Er findet, daß der Vater nicht mehr der Mächtigste, Weiseste, Reichste ist, er wird mit ihm unzufrieden, lernt ihn kritisieren und sozial einordnen und läßt ihn dann gewöhnlich schwer für die Enttäuschung büßen, die jener ihm bereitet hat. Alles Hoffnungsvolle, aber auch alles Anstößige, was die neue Generation auszeichnet, hat diese Ablösung vom Vater zur Bedingung.
In diese Phase der Entwicklung des jungen Menschen fällt sein Zusammentreffen mit den Lehrern. Wir verstehen jetzt unser Verhältnis zu unseren Gymnasialprofessoren. Diese Männer, die nicht einmal alle selbst Väter waren, wurden uns zum Vaterersatz. Darum kamen sie uns, auch wenn sie noch sehr jung waren, so gereift, so unerreichbar erwachsen vor. Wir übertrugen auf sie den Respekt und die Erwartungen von dem allwissenden Vater unserer Kindheitsjahre und dann begannen wir, sie zu behandeln wie unsere Väter zu Hause. Wir brachten ihnen die Ambivalenz entgegen, die wir in der Familie erworben hatten, und mit Hilfe dieser Einstellung rangen wir mit ihnen, wie wir
mit unseren leiblichen Vätern zu ringen gewohnt waren. Ohne Rücksicht auf die Kinderstube und das Familienhaus wäre unser Benehmen gegen unsere Lehrer nicht zu verstehen, aber auch nicht zu entschuldigen.
Noch andere und kaum weniger wichtige Erlebnisse hatten wir als Gymnasiasten mit den Nachfahren unserer Geschwister, mit unseren Kameraden, aber diese sollen auf einem anderen Blatt beschrieben werden. Das Jubiläum der Schule hält unsere Gedanken bei den Lehrern fest.

Alles Gute zur Freiheit 2010: Ab heute gemeinfrei!

Seit heute sind die Werke folgender Autoren in der Regel und nach meinem Wissen gemeinfrei, da die Autoren seit mehr als 70 Jahren tot sind. Wir gratulieren zur Freiheit.

  • Ford Madox Ford
  • Sigmund Freud (viele Aufsätze für den Deutschunterricht!)
  • Zane Grey (sehr fleißiger Western-Schriftsteller, in manchen Kreisen sehr berühmt, gelesen habe ich sein wohl bekanntestes Buch, Riders of the Purple Sage)
  • Arthur Rackham, Illustrator (Wikipedia) – aber Vorsicht, wenn das illustrierte Werk nicht gemeinfrei ist
  • Joseph Roth (Hiob, Radetzkymarsch, vieles andere)
  • Ernst Toller (zum Beispiel das expressionistische Drama Masse Mensch)
  • William Butler Yeats

(Es gibt sicher noch mehr, hier eine Liste bei Wikipedia deutsch beziehungsweise englisch.)

Paul Shipton, Bug Muldoon

Ich wünsche allen Vorbeischauern ein schönes und gesundes neues Jahr! Die letzte Woche über war ich nicht da, sondern entspannen im Ausland, und abgesehen von in meinem Kopf herumgeisternden Klassendiagrammen für Informatikprojekte habe ich nichts für die Schule gemacht. Das war, wie gesagt, entspannend, aber dafür muss ich ich den nächsten Tagen hinklotzen.


Eben gelesen: Paul Shipton, Bug Muldoon and the Garden of Fear. Sehr nett. Bug Muldoon ist Privatdetektiv, der beste im ganzen Garten. Er hat eine Vergangenheit, über die er nicht redet, er hat ein Büro und die üblichen Probleme eines Privatdetektivs. Außerdem ist er ein Käfer.

Das Buch ist kurz (einmal Bahnfahrt München-Augsburg und zurück) und witzig. Die Parallele zwischen der Welt des Gartens und der des Privatdetektivs, wie man ihn von Raymond Chandler kennt, funktioniert ausgezeichnet. Ein Kennzeichnen für den Chandlerschen Helden ist ja, dass er sich in allen gesellschaftlichen Schichten herumtreibt – bei Colonel Sternwood und anderen feinen Leuten, bei kleinen Gangstern und großen Geschäftemachern. Und ähnlich rollenkonform verhalten sich auch die Insekten im Garten. Die Ameisen und die Wespen und die Ohrwürmer. It’s a jungle out there. Der Plot ist für ein so schmales Buch sorgfältig angelegt. Es beginnt natürlich mit einem Klienten und einem Routinejob, der dann eine etwas andere Wendung nimmt. Teilweise hat mich das Buch tatsächlich an Watership Down erinnert.

Am Schluss wird sogar Chandlers berühmter Satz aus “The Simple Art of Murder” zitiert: “It was as simple as that: through these mean flower beds a bug must walk who is not himself mean.” Dadurch, dass die Helden Insekten sind, gewinnt der Kriminalroman aber zusätzliche Möglichkeiten. So lässt sich schnell und fugenlos umschalten zwischen dem Private-Eye-Modus und dem Genre akrobatischer Luftkämpfe, Millenium Falcon lässt grüßen.

– Gut ist der auch zweite Band, Bug Muldoon and the Killer in the Rain, selbst wenn er mir weniger gefallen als der erste – er ist mehr Abenteuergeschichte und Road-Movie und weniger Detektivroman. Aber die lakonisch-metaphorische Sprache ist noch die gleiche:

Me, I wouldn’t go looking for wisdom underneath a dead old log, but then my thoughts run no deeper than a raindrop on cement. The way I see it, if you let your thoughts run too deep, you might just drown in them.


Hier zweimal Chandler aus Erinnerungsgründen:


Überhaupt, ich mag Genre-Literatur. Angefangen mit dem ältesten Genre überhaupt, dem Epos. Und darum lese ich jetzt weiter in meinem Black Lizard Big Book of Pulps, 1150 Seiten voller hard-boiled action.