Deutliche Worte zu Guttenberg

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Nachtrag: Video vom Bayerischen Rundfunk aus unbekannten Gründen von Youtube entfernt. Hier noch zu sehen.

(Prof. Dr. Oliver Lepsius)

(Kognitive Dissonanz.)

Für uns an der Schule ist diese Affäre ein willkommenes Lehrstück. Plagiate kommen in Deutschaufsätzen ab der 10. Klasse vor, und in Referaten sowieso. Tatsächlich scheinen manche Schüler ganze Passagen aus im Web gefundenen Interpretationen auswendig zu lernen, die sie dann im Aufsatz wiedergeben. Das ist klar ein Plagiat, aber kein Unterschleif – man darf also nicht die Note 6 dafür geben. Unzufriedene Lehrer trösten sich damit, dass solche Texte aus inhaltlichen Gründen ohnehin bestenfalls nur Note 5 sind.

(Twitter schlägt dafür die Noten “gutt” und “sehr gutt” vor.)

Unschön ist diese Notlösung allemal. Was macht man, wenn ein Schüler Passagen wörtlich abschreibt – und das kommt, wie gesagt, vor – und die Quelle nennt? Wenn das zusätzlich zu eigener Leistung geschieht, muss man das loben. Und wenn nicht? Rechtslage unsicher. Ich habe jedenfalls schon 6er für Referate direkt aus dem Web verteilt. Selbstverständlich muss man den Schülern zuvor beibringen, wie man mit Material anderer Leute umgeht.

– Wenn es stimmt, dass so viele Leute dem Guttenberg treu bleiben, dann zeigt das, welchen Stellenwert Wissenschaft in unserer Gesellschaft hat, nämlich keinen besonderen. An der Uni spielt man in seiner Sturm-und-Drang-Phase mit Zettelchen und Stiften, aber letztlich ist das nicht wichtig. Das Papier am Schluss zählt, ob Doktor oder Abitur. Dass es zuvor um Bildung, Haltungen und Arbeitstechniken geht, möchten viele nicht glauben. Dabei könnte man diese Bildung, Haltungen und Arbeitstechniken ja auch später mal brauchen. Wie sagte der Motivationstrainer neulich an unserer Schule? Niemanden interessiert, was man in der Vergangenheit geleistet hat, wichtig ist nur, was man aktuell leistet. Ja und nein. Hier eher nein.

12 Antworten auf „Deutliche Worte zu Guttenberg“

  1. Bei der angesprochenen gesellschaftlichen Treue zum ehemaligen Doktor spielt vielleicht auch ein ausgeprägtes Wir-und-die-Denken eine Rolle. Ich erlebe immer noch gelegentlich Bemerkungen, bei denen Nicht-Akademiker ihren Unterschied zu den “Studierten” betonen. Mal ironisch, mal nicht. Und bei Facebook kreist jetzt die Seite “Studenten und Akademiker gegen Karl-Theodor zu Guttenberg”, die wohl Gräben vertieft, wie sich auch in den Pinnwand-Kommentaren ablesen lässt.
    Die Seite versteht sich wohl als Reaktion auf “Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg” (der Dr. aus diesem Seitentitel ist mittlerweile entfernt :) ). Vielsagend: Der Seite der Guttenberg-Unterstützer folgen bis heute (27.02.) über 302 000 Menschen, den Studenten und Akademikern bislang knapp unter 4 000.

  2. Tatsächlich scheint mir die entscheidende Frage zu sein, ob die Gemeinschaft der Forschenden und Lehrenden (vulgo: scientific community) bereit ist, für ihre Deutungshoheit auf ihrem ureigenen Feld einzustehen. Wenn man jeden Banklehrling mit Abitur ausstattet, muss man sich nicht wundern, wenn Wissenschaftlichkeit an Wert verliert, und das erfolgreiche Durchlavieren, Mogeln und Betrügen dann als “clever” gilt.
    Wenn man Fächern, deren wissenschaftliche Grundlage auf sehr wackligen Beinen steht, ein immer größeres Gewicht in Schule und Studium beimisst, muss man sich nicht wundern, wenn der wissenschaftliche Standard absinkt.
    Wenn man der digitalen Schwarmintelligenz anhängt, darf man sich nicht wundern, dass für wahr und richtig gehalten wird, was die Mehrheit der Schwärmer dazu erklärt, ganz einfach weil sie die Mehrheit ist. (Tausend Fliegen können nicht irren…)
    Wenn in unserer Gesellschaft antiintellektuelle Sentiments, die Missachtung wissenschaftlicher Standards, die nicht ‑wissenschaftliche Weltsicht und der Betrug am lautesten beklatscht und am höchsten dotiert werden (Bankmanager, Fußballergehälter, Raabismus) scheint es mir an der Zeit, sichtbar zu machen, dass der Elfenbeinturm eben auch ein Turm ist.

  3. irgendwie hab ich schon wieder ein problem: wieso wird sie sache so sehr an der wissenschaft aufgehängt? gestohlen ist gestohlen, und fremdes eigentum – auch wenn (vielleicht sogar gerade wenn) es geistiges ist – ist fremdes eigentum. und punkt.

    das trifft einen musiker, der ein paar tonfolgen irgendwo – und da oft sicherlich unbewusst – als eigene angibt, und ebenso einen schriftsteller, der die idee eines anderen zu einem werk klaut. wie viele prozesse sind da schon geführt worden?

    denken wir doch einmal an die tatzengeschichten, die legendäre sachertorte, oder auch an die vielen prozesse wegen patentsverletzungen. gelten da jeweils andere massstäbe weil es sich um verschiedene themen handelt?

    es ist jedem frei gestellt zu zitieren, nur die quellen müssen angegeben werden. sogar in ganz privatem rahmen habe ich schon gehört dass jemand gesagt hat “den spruch hast du von mir, sag das gefälligst dazu!”. sogar krawattenknoten tragen den namen ihres “erfinders”, und wehe …

    die ganze situation mitsamt den unterschiedlichen reaktionen scheint mir manchmal weniger ein zeichen für wissenschaftliches fehlverhalten, sondern mehr ein zeichen für den – man verzeihe mir die theatralik – niedergang der sitten. ehre und anstand hat man, oder auch nicht. egal ob akademiker, hilfsarbeiter, schriftsteller oder koch, männlein oder weiblein. vielleicht bin ich aber auch einfach schon zu alt und engstirnig, da kann ich dann aber sehr gut damit leben.

  4. Danke für den Film mit den deutlichen Worten! Es tut einfach nur gut, so etwas ausgesprochen zu hören, denn jeder, der studiert oder studiert hat, kann doch eigentlich nur sprachlos den Kopf schütteln. Ich denke ebenfalls: Entweder hat der Minister kriminelle Energie oder ein ernsthaftes psychisches Problem, und dem Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit hat er mit seiner Dummheit obendrein geschadet.

  5. Wenn ich eine CD klaue, oder ein patentiertes Verfahren für meinen Profit ausbeute, ist das natürlich Diebstahl. Innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft gilt neben den strafrechtlich relevanten Sachverhalten aber auch noch das Prinzip der wissenschaftlichen Redlichkeit, zu der unter anderem gehört, dass ich dem Wissenschaftler zunächst mal glaube, dass eine Idee, die er als die seine erklärt auch seine ist. Diesen Vertrauensvorschuss ausgenützt bzw. missbraucht zu haben, um sich einen Statusvorteil zu verschaffen ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist. Wenn der Herr zu Googleberg ein paar Seiten geklaut hat, ist der materielle Schaden vermutlich gering oder gar nicht richtig zu beziffern, bei einem Gerichtsverfahren wird dann entsprechend auch eine symbolische Strafe festgesetzt. Das ist bei der illegalen Verwertung eines Patents etwas ganz anderes.
    Grundsätzlich gilt in der Wissenschaft die Vorstellung, dass der Wissenschaftler nach wissenschaftlicher Wahrheit strebt. Dies gilt auch dann, wenn völlig konträre wissenschaftliche Ansichten aufeinanderprallen. Imn vielen Bereichen des Geschäftslebens haben die Akteure ein zumindest flexibel zu nennendes Verhältnis zur intersubjektiv überprüfbaren Wahrheit (siehe z.B ein x‑beliebiges Heft der Stiftung Warentest). Damit ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass andere Berufsgruppen, z.B. Pferde- oder Diamantenhändler, nicht auch spezifische Ansprüche an die Redlichkeit in ihrer Branche stellen.

  6. Vielleicht erwartet man Ehre und Anstand in der Politik schon gar nicht mehr? Und erst ab jetzt auch nicht wisenschaftliche Redlichkeit?

    Diebstahl… anders als bei Musik erwarte ich in der Wissenschaft ja geradezu, dass Material von anderen genommen wird. Der finanzielle Schaden ist gering, Herr Larbig beschreibt allerdings, wie demjenigen, der eben nicht zitiert wird, dennoch die vereinbarte Anerkennung verwehrt wird.

  7. Die Antwort, wie es zu solch einer drastischen Fehleinschätzung kommt, hat Herr Rau mit dem Link auf das Buch “Mistakes were made…”, das inzwischen auch auf Deutsch unter dem Titel “Ich habe recht, auch wenn ich mich irre” erschienen ist, ja schon gegeben und lässt mich (als Psychologin mit einem guten alten universitären Diplom und einer Diplomarbeit, die ich im Nachhinein für sehr unteridisch und vor allem wirr halte und von der ich der Überzeugung bin, der Zweitbenoter hat sie nie gelesen!) nur noch müde lächeln.

    Wie man es Kindern beibringt, was richtig und was falsch ist und wo man die Grenzen zieht, weiß ich nicht. Gelegenheit macht Diebe. Und Gelegenheit ist im Zeitalter des Immer-und-alles-verfügbar von Information mehr als genug vorhanden.

  8. Bei Methoden und Werdegang von zu Guttenberg kenne ich mich wenig aus, ich weiß unter anderm nicht einzuschätzen, wie sehr er sich darin überhaupt von anderen Politikern unterscheidet. Deswegen kann ich das nicht gut zum Thema machen. Politisch neutral muss ich als Lehrer nicht sein, aber natürlich darf ich Schüler nicht parteipolitisch beeinflussen. – Arroganz halte ich, ganz ehrlich, ohnehin für eine lässliche Sünde. Sie darf halt nicht dazu führen, die Realität falsch einzuschätzen.

  9. *lach*
    “Arroganz halte ich, ganz ehrlich, ohnehin für eine lässliche Sünde. Sie darf halt nicht dazu führen, die Realität falsch einzuschätzen.”
    Da ist aber, gleich welcher Coleur, in bezug auf Politiker mehr der Wunsch der Vater des Gedanken ;-)

  10. Entweder hat seine Frau/sein Bruder/ein Leihschreiber die Arbeit geschrieben und erkannte sie wirklich nicht…er ist also doof.
    Oder er kannte sie und hat betrogen, gibt es aber nicht zu, weil er es nicht einsieht.…er ist also ein Hochstapler.
    Beides ist fatal.

    Danke für das Video.
    Klare und deutliche Spache, ein aufrechter Mann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.