Jugendsprache (9. Klasse, gesammelt)

Alles, was ich bisher als Lexikon der Jugendsprache angepriesen gesehen habe, ist kaum brauchbar. Es enthält allerlei Scherz- und Neckworte, vielleicht sogar tatsächlich von Jugendlichen zusammengetragen, aber ein Großteil davon hat nie ernsthaft zu irgendeiner Jugendsprache irgendwo gehört. Meine Neuntklässler haben mal bei ihren Facebook-Kontakten nur mal kurz danach gesucht, was Jugendliche tatsächlich verwenden. Die Schülerergebnisse, von mir nur alphabetisch sortiert:

Assi: Unterschicht
Cheater: jemand der betrügt
chillen: relaxen, abhängen
düsen: sich schnell bewegen
ends-: (positiv/verstärkend)
episch: (positiv)
fuck: (Ausruf)
Gaser: Lustige Leute
gay: (negativ)
grindig: (negativ)
Kein Ding: Kein Problem
Kein Peil: keine Ahnung
Kein Plan: keine Ahnung
Kobold: schlecht aussehend, nichts könnend
krass: (positiv)
laser: (positiv)
läuft: (positiv)
Like: (Ausruf)
madig: (negativ)
Mok: Dreck
Mook: hat keine Anhnung von Computern
Mucke: Musik
nice: (positiv)
Noob: Anfänger
Oida, Alter: (Anredeform)
Opfer: (negativ)
ranzen: schlafen
raven: (?)
schwul: (negativ)
Sees: Hallo, Servus
sick: krank (positiv gemeint)
strike: (Ausruf)
THX: Danke (netzschriftlich)
wayne: egal
zocken: spielen (mit Computer)

Die meisten Begriffe kenne ich, ein paar habe ich noch nie gehörtaber . Einige – Noob, THX – dürften nur schriftlich und im Netz auftauchen. Klar erkennbar die vielen Wörter, die irgendwie positiv oder negativ besetzt sind, aber darüber hinaus keine Bedeutung haben. Das dürfte bei Erwachsenen nicht anders sein, “hervorragend, brilliant, ausgezeichnet” werden wohl auch oft synonym verwendet.

Ansonsten habe ich mal die These ausprobiert, die in einem Zeitungsartikel im Schulbuch aufgestellt wird: die Jugendszene sucht gesellschaftlich positiv besetzte Wörter und verwendet sie negativ, und umgekehrt ebenso. Mal kurz die Schüler gefragt, was zur Zeit negativ besetzt ist:

  • Gaddafi
  • Regime
  • Plagiat

Und was positiv ist:

  • umweltschonend
  • Integration

Also ausprobieren:

  • “Der neue Deutschlehrer ist echt umweltschonend.” (Abwertend gemeint.) Funktioniert.
  • “Spitzenleistung. Volles Plagiat.” (Respektvoll gemeint.) Funktioniert.

39 Antworten auf „Jugendsprache (9. Klasse, gesammelt)“

  1. Hm, ja, naja. Jugendsprache und Szenesprache überschneiden sich da, wir haben auch über Fach- und Geheimsprachen und deren jeweilige Abgrenzungs- und Geheimhaltungsfunktion, neben anderen. Und mit dem Web gibt es vielleicht auch erstmals eine schriftliche Jugendsprache, das gab’s vorher noch nie.

    Aber gibt es ernsthaft Jugendliche, die das Wort n00b benutzen? Außerhalb eines Szeneforums? Muss man die nicht auslachen?

  2. Voll knorke! So sagen doch die Jugendlichen… oder?

    Ich hätte da noch anzubieten die gern genommenen
    “A(t)ze” – Kumpel; “dissen” – mobben/ausschließen und “funzen” – funktionieren

    Peinlich wird Jugendsprache erst, wenn sie von Erwachsenen benutzt wird, um sich anzubiedern. Die schlagen dann vorher in den erwähnten Lexika nach und reden plötzlich von “Kids” statt von Kindern und Jugendlichen – grauenhaft und endpeinlich! Jedem seine Sprache – sonst kommen sich die Jugendlichen auch vera***** vor.

  3. Warum nicht? Man unterhält sich doch auch mündlich auf dem Schulhof und auf dem Campus über Online-Rollenspiele, Offline-Rollenspiele, Erstsemester im eigenen Studiengang, Computerprogrammierung… in all diesen Zusammenhängen kann ich (24) mir sehr gut vorstellen, das Wort mündlich zu verwenden, und fände das auch bei zehn Jahre jüngeren Leuten nicht überraschend.

  4. Was den Noob betrifft, kann ich auch bestätigen, dass das auch mündlich verwendet wird. Wahrscheinlich aber wirklich nur von Leuten, die zumindest wissen, was eine LAN ist.

  5. Habe ich wieder was gelernt… wie gesagt, Randbereich von Jugend‑, Szene- und Fachsprache, kann aber durchaus vom einen ganz in den anderen Bereich wandern.

  6. Um Missverständnissen vorzubeugen, mein Kommentar bezog sich ebenfalls auf das Wort “Noob”.

  7. “Aber gibt es ernsthaft Jugendliche, die das Wort n00b benutzen? Außerhalb eines Szeneforums? Muss man die nicht auslachen?”

    Warum nicht? Die Verenglischung oder Umgangssprache findet nach m.M. v.a. Verwendung da man schneller und präziser Sachen ausdrücken kann.
    Wenn ich mich den halben Tag in digitalen Welten aufhalte und mit digitalem Sprachgebrauch chatte, warum sollte ich dies nicht auch in den “offline Alltag” miteinfließen lassen?

    Alles in allem finde ich die oben rausgepickten Beispiele aber schon eher überholt, dass hab ich vor 8 Jahren auch schon benutzt.

    Noob gerne auch als Nub und Nap. Auch WTF findet gerne mal Einfluss im Alltag.

  8. “raven” sollte vom englischen Ausdruck einer “rave” kommen – eine Party bzw. Disco – was in diese Richtung geht. In den USA sind die meisten raves mit Drogen verbunden, die Konnotation wird bei den Schülern aber wahrscheinlich nicht mit dabeisein…

  9. Was ich denn mit “moschen”, “aggro” oder “dissen”

    Ich glaube, auch Jugendsprache ist stark regional gefärbt. Grindig hat hier definitiv noch niemand gesagt, das gute alte “Cool” und “Voll cool” höre ich dagegen mehrmals täglich…

  10. Mein Sohn scheint das Wort noob im alltag zu gebrauchen – sein Beispiel für seine ignorante Mutter: noob bedeute soviel wie Niete. Wenn er eine hundertprozentige Torchance habe und das Tor dennoch nicht treffe, würde man ihn als noob beschimpfen.

  11. Gut, nehme alles zurück, stimmt ja auch – Wörter bedeuten das, als was sie verwendet werden. Und Wandel machen sie ja ohnehin durch.

    Die Fundstücke oben stammen aus einer Hausaufgabe, keiner längeren Sammlung, daher fehlt “dissen”, das Schüler hier wohl auch auch verwenden. Längere Sammlung und Asuwertung wäre schönes Projekt.

    “Grindig” kenne ich auch als normales Dialektwort, das nichts mit Jugend zu tun hat. Klar sammeln Schüler, die den Dialekt nicht sprechen, das als Jugendsprache. Synchron können sie ja schlecht beurteilen, ob ein Wort, das sie bei einem anderen aufschnappen, Jugendsprache oder Dialekt oder Szenesprache ist. “Zocken”, “tote Hose”, vielleicht auch “raven” waren mal Szenewörter, die zu Jugend- oder Umgangssprache geworden sind, jeweils unter abschwächendem Bedeutungswandel.

  12. Die 12jährige Nachbarin meiner Mutter sagte neulich zu ihr: “Das ist voll lol.” Auf Nachfrage erklärte sie: “Na, das ist halt so wie technisch cool.” Aha!!! Aber ein gutes Beispiel dafür, dass Chat-Sprache in einigen Peer Groups (und vielleicht darüber hinaus) in den mündlichen Sprachgebrauch übergeht.

  13. Tolles Thema, aber erkennen die Schüler auch, warum wir uns beispielsweise hier an dieser Stelle nicht einig sind, ob diese und jene Konstruktion zur “Jugendsprache” gehört?

  14. Vielleicht ein paar. Die große Erkenntnis, glaube ich, war die, dass Jugendsprache nicht nur etwas ist, was die Jugend halt so spricht, sondern dass man darüber hinaus Aussagen über Jugendsprache machen kann wie: damit grenzen sich Jugendliche von Erwachsenen (oder sagen wir: anderen) ab. Das ist den Sprechern nämlich nicht bewusst.

    Ich sollte vielleicht wirklich mal auf Lehrplan und Buch pfeifen und dafür einmal ein anständiges Projekt durchziehen, wie eine gründliche Sammlung und Analyse von Jugendsprache.

    (Ach ja, und dass schriftliche Facebook-Jugendsprache etwas anderes ist als mündliche Kommunikation, das waren allen sofort klar.)

  15. “Das ist den Sprechern nämlich nicht bewusst.”

    Du meinst den jungen Leuten ist nicht bewusst, dass sie sich durch diese , ihre Sprache von den Erwachsenen abgrenzen? Das kann ich kaum glauben. Überschreitet man nämlich als Erwachsener die Sprachgrenze, wird man sofort wieder auf sein eigenes terrain zurückverwiesen. Als Nichtjugendlicher/ Nichtmitglied der peer group sollte man das Privatgelände der Jugendsprache möglichst nicht betreten. Das wirkt höchstpeinlich! Und ich bin froh, dass die jungen Leute das so empfinden!

  16. Interessanter Nebenaspekt: Ich hatte vor kurzem zum ersten Mal das Vergnügen, in einer Englisch-Hausaufgabe (11. Kl.) zu lesen: “It’s wayne if he helps her or not.” (sic(k))

  17. Ich glaube auch, dass es der Mehrzahl der Jugendlichen nicht bewusst ist oder dass sie es zumindest nicht adäquat artikulieren können. Sie sagen vielleicht, dass Erwachsene keine jugendsprachlichen Elemente anwenden sollen, aber ein Nachhaken nach dem “Warum” wird wohl nicht immer überzeugende Argumente oder Erklärungen hervorbringen. Wenn ich so recht darüber nachdenke, das würde mich wahrscheinlich an das Gespräch zwischen Artus und den sich auflehnenden Bauern aus “Monty Python and the Holy Grail” erinnern.

    http://www.youtube.com/results?search_query=Ritter+der+Kokosnuss+Teil+%282%2F9%29+&aq=f

  18. “Wayne” war eines der Wörter, die ich noch nie gehört hatte. (Aber ich unterrichte ja auch kein Englisch mehr.)
    Erinnert mich an Joey aus Friends. “It’s a moo point.” (“It’s like a cow’s opinion. It just doesn’t matter. It’s moo.”)

    Ich glaube, Neuntklässler (und natürlich nicht nur die) wissen erst einmal nicht, dass ihre Sprache ebenswo wie ihre Mode nicht völlig frei gewählt ist, sondern von anderen, teilweise überzeitlichen Faktoren bestimmt wird. Das hört man erst einmal nicht gern.

  19. Ich könnte die Liste noch um einige Interessante Wörter ergänzen, die ich so auf schnappe (arbeite mit 7.Klässern zusammen):

    Ghettokeule (Schlägerin)
    Oida (ausruf)
    pfotzen (jemanden schlagen)
    linken (klauen)

    Die sind mir so adhoc eingefallen.

  20. Stimmt, die ganzen Chat-Abkürzungen werden hier auch gebraucht. LOL, ROFL, CU und manchmal HDGL! kommt auch im Gesprochenen vor.

    Es ist schade, dass es keine vernünftigen Lexika gibt, aber ich glaube, es überlebt sich auch schnell.

  21. Ich habe mir auch mit Interesse diverse Bücher zum Thema “Jugendsprache” angesehen … und dachte immer, dass dort die (nord)deutschen Ausdrücke gesammelt werden. Österreichische Ausdrücke fand ich dort selten.

    Aus deiner Sammlung kann ich ca. die Hälfte übernehmen, die finden sich auch südlich des Weißwurstäquators. Die andere Hälfte würden wir hier nicht verstehen. Und in sechs Monaten ist wieder alles anders …

    lg teach

  22. Danke für diese tolle Idee! Meine 9 hat das am Freitag als kleinen Auftrag mit in die Ferien genommen (Landeshauptstadt, südlich des besagten Äquators). Bin gespannt auf die Ergebnisse! :-)

    (Muss gestehen, auch die “Der Schüler an seinen durchlauchtigten Lehrer”-Idee hier geklaut zu haben. Das Ganze hat sehr, sehr gut funktioniert, war offenbar sehr motivierend und selbst die “Alles doof”-Pubertierenden haben ganz tolle Ergebnisse abgeliefert. Und einen 2er-Schnitt in der Lyrik-KA!! :-)). Herr Rau, sie sind super.)

  23. Zur Etymologie von “Wayne” fällt mir ein alter Spruch ein, den es schon zu meiner Jugendzeit gab, der aber auch heute auch noch von Schülern gemacht wird. Vielleicht ist “Wayne” nur die Abkürzung:

    Lehrer: “Na, wo sind Deine Hausaufgaben?”
    Schüler: “Wayne.”
    Lehrer: “Hääh?”
    Schüler: “Wayne interessiert das?!”

    Sehr frech, aber mit der Bedeutung “egal” für die Kurzform “Wayne” käme es hin.

  24. Ich denke, Jugendliche wissen sehr wohl, dass ihre Sprache anders ist, als die Geläufige. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auch “normal” reden können.
    Bei uns tauchten auf diversen Schüler-Portalen die krudesten Rechtschreibungen und Grammatiken auf – trotzdem gab es im Unterricht eher selten bis nie Probleme.
    Wenn ich will, kann ich auch nur mit lol, hdl, rofl, fail, Leetspeak etc. arbeiten, ohne richtiges Deutsch zu verlernen.

  25. Ich komme mir ebenfalls irgendwie alt vor. *g* Wo kommt dieses bescheuerte “laser” her?

    Sachen wie “Kein Plan” oder “funzen” sage aber selbst ich immer noch, das ist absolut geläufig. Bei manchen Dingen wie “episch” habe ich das gefühl, dass diese Art der Benutzung aus dem Englischen übertragen wurde (denn da ist ja “This is EPIC!” sehr geläufig). Beliebt in meiner Gegend ist auch “verpeilt” (entweder im Sinne von “vergessen” oder “seltsam”). *g*

    Viele Wörter sind sicherlich auch regionalbedingt, da stimme ich einigen Vorrednern zu. Ich habe Leute auch schon “lol” und Ähnliches sagen hören, auch die Web-Abkürzung “kA” für “Keine Ahnung” – das geschieht aber zumindest in meinem Bekanntenkreis immer mit einem kleinen Augenzwinkern.

  26. Erstmal an Sunshine: “laser” als positiv-belegtes Adjektiv erlangte durch das Lied “Nein, Mann” von Laserkraft 3D seine aktuelle Berühmtheit, um das zu verstehen muss man einmal das Musikvideo ganz gesehen haben: http://www.youtube.com/watch?v=HBjDZMJUduo

    Ansonsten mal allgemein: Das ist mein erster Kontakt mit bloggenden Lehrern, es ist sehr interessant auch mal “die andere Seite” (Ich bin noch Schüler) im ‘Web 2.0’ anzutreffen. Man merkt beim Lesen dieses Blogeintrages, dass ein Lehrer sich definitiv mehr in Schülernähe bewegt, als von Schülerseite aus durchschnittlich angenommen wird.
    Sieht man sich beispielsweise einmal die vom Langenscheidt-Verlag organisierte “Wahl des Jugendwortes” an, kommt man sich als Jugendlicher beim Lesen etwas seltsam vor – keines der dort nominierten Worte kommen in meinem oder dem Sprachgebrauch eines beliebigen Bekannten vor.

    Das kleine Lexikon in diesem Blogeintrag liegt um einiges näher an der Realität, da hier ein deutlich höherer Prozentsatz der Wörter (über 50%) auch in meinem Umfeld wirklich Verwendung findet. Der Rest ist wahrscheinlich regional bedingt, aber immerhin ist hier kein himmelschreiender Unfug wie “Das ist voll Raumschiff!”, “Tussitoaster” oder “Sprachfasching” (Zitate von der Langenscheidt-Jugendwortwahl) dabei.

    Das “Like!” kommt übrigens von Facebook, wo sich unter jedem Eintrag der kleine “Gefällt mir!”, in der englischen Ausgabe “Like!”, Button findet.

  27. Laser war mir auch fremd, danke für die Aufklärung. Bloggende Lehrer gibt es eine Menge, Vincent, das Spektrum reicht von Leuten, für die Schule im Blog nur ein Nebenaspekt ist, über die, die viel aus der Schule erzählen, bis zu Blogs, bei denen es fast nur um Bildungspolitik geht.

  28. @ Vincent: Ahh, daher kommt das. Ich hatte dieses… “Lied” erfolgreich verdrängt.

    *g* “Tussitoaster” kenne ich sogar, allerdings sagt das eigentlich nie jemand, ist mit bisher nur in irgendwelchen Berichten (über Jugendsprache?^^) begegnet.

    … Jetzt wird sogar schon dieses “Like” in den normalen Sprachgebrauch übernommen? Oh Gott. Tja, ich bleibe weiterhin konträr und ignoriere Facebook. Der Film war aber gut. ;)

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