Alles über: Anrechnungsstunden

By | 14.10.2011

Anrechnungsstunden sind eine heimliche Währung der Schule. Es gibt sie auch außerhalb Bayerns, dort heißen sie so ähnlich.* Wenn ein Lehrer eine Anrechnungssstunde hat, muss er dafür eine Unterrichtsstunde weniger geben – und hat dafür eben eine andere Aufgabe gekriegt.

Der Schulleitung – zumindest am Gymnasium, die Spielräume an anderen Schularten sind kleiner – steht eine bestimmte Anzahl von Anrechnungsstunden zur Verfügung, abhängig von der Schülerzahl. Genaue Daten sind schwer zu bekommen. Diese Stunden kann sie an Lehrer verteilen. Von den Stunden sind einige verbindlich festgelegt. Die Schulleitung hat zum Beispiel feste Anrechungsstunden, so dass sie – abhängig von der Schulgröße – nur noch vier oder nur zwei Unterrichtsstunden halten muss. Weiterhin gibt es eine feste Anzahl von Stunden – wiederum abhängig von der Schulgröße – gemeinsam für die Mitarbeiter der Schulleitung (darunter den Stellvertreter) und die Oberstufenbetreuer. Das sind, sagen wir mal, um die 40 Anrechungsstunden, aber wie die auf die beteiligten Personen verteilt werden, liegt im Ermessen der Schulleitung. Auch für die Personalräte gibt es zusammen eine bestimmte Anzahl von Anrechungsstunden, ebenso für die Verbindungslehrer. Feste Stunden gibt es auch für Seminarlehrer, Praktikumslehrer, Beratungslehrer, wohl auch Schulpsychologen. Wer sonst ein explizites Anrecht auf Anrechnungsstunden hat, weiß ich nicht – diese Informationen sind in jahrzehntealten KMBeks vergraben.

Übliche Verdächtige für weitere Anrechungsstunden sind: Mitarbeiter beim Jahresbericht oder bei der Homepage, Suchtbeauftragte, Medienwart, Fachbetreuer, Systembetreuer, Bibliotheksbetreuer, Sammlungsleiter, Stundenplanersteller, Unter- und Mittelstufenbetreuer, Vertretungsplaner. Das kann man im Prinzip für jede Art Aufgabe verteilen, die so anfällt. Man kann manche dieser Arbeiten auch unhonoriert lassen, dann werden sie natürlich weniger fröhlich oder gar nicht erledigt.
Welche Aufgabe mit wieviel Anrechungsstunden honoriert wird, ist von Schule zu Schule teilweise sehr verschieden. Ein Grund ist sicher die jeweils unterschiedliche Situation vor Ort, aber auch die Tradition spielt eine gewisse Rolle. Klar ist natürlich, dass keine Anrechungsstunden für Aufgaben verteilt werden, die originär zur Schulleitung und deren Mitarbeitern gehören, denn die sind ja schon mit dem festen Pool abgegolten.

(Es gibt dazu gelegentlich noch Anrechungsstunden, die aus einem anderen Pool als dem der Schule stammen. Zum Beispiel haben die Ministerialbeauftragten in ihrem Etat auch eine Anzahl davon, die sie Mitarbeitern an den Schulen zukommen lassen.)

Allen Schulen gemein ist der begrenzte Vorrat an Stunden. Allen Lehrern gemein ist die Überzeugung, mehr zu arbeiten als man eigentlich sollte. Tatsächlich ist auch die Mehrarbeit, die man mit manchen Jobs hat, durch die dafür gewährten Anrechungsstunden nicht ausgeglichen. Das bringt mich – als wäre es zufällig – zu meiner eigentlichen Frage: Wieviel muss ich eigentlich arbeiten für so eine Anrechungsstunde? Wieviel Arbeit macht, so rein zeitlich, eine 45-Minuten-Unterrichtsstunde eigentlich im Jahresschnitt, deren Äquivalent die Anrechnungssstunde doch ist?
In meinem Referendariat war ich in einer Schule mit angeschlossenem Internat. Dort galten 120 Minuten Hausaufgabenaufsicht als Entsprechung einer Unterrichtsstunde. Sagen wir mal, 110 Minuten Arbeit pro Woche sollten schon drin sein. Das wären dann bei einem Lehrer, der nur Anrechungsstunden hat, 44 Stunden Arbeitszeit pro Woche – das gilt größenordnungsmäßig auch für einen Lehrer, der gar keine Anrechungsstunden hat. In den Ferien ist dann ja weniger.

Aber so einfach rechnen kann man vielleicht nicht immer. Ich kriege zum Beispiel eine Anrechungsstunde dafür, dass ich in diesem Jahr Fortbildungen gebe, sagen wir acht Stück davon, ganztägig, diese vorbereite und die Teilnehmer im Blended-Learning-Verfahren online betreue. Außerdem fahre ich dafür selber auf Fortbildungen. Wieviel Arbeits-/Anrechungsstunden entspricht das? Hängt das davon ab, ob die Fortbildungen an einem ansonst freien Tag sind oder ob meine regulärer Unterricht ausfällt, was man ja bei der Planung noch nicht wissen kann?
Und zuletzt kann mit Anrechungsstunden theoretisch auch besondere Qualifizierung honoriert werden – da greift in ganz kleinem Rahmen die Marktwirtschaft: wenn nur einer an der Schule sich mit einem Arbeitsgebiet auskennte, könnte der den Preis dafür in Anrechungsstunden in gewissen Grenzen aushandeln.

* Zum Beispiel Abminderungsstunden. Oder in Österreich: Dort wird wohl allgemein mit „Werteinheiten“ gerechnet. Interessant, wusste ich noch nicht. Ein Lehrer muss, glaube ich, zwanzig Werteinheiten pro Woche leisten, dabei entspricht eine Stunde Deutsch oder Englisch 1,167 WE und eine Stunde Chemie 1,050 WE. Sport ist 0,955 WE und und Bühnenspiel und Chorgesang nur 0,875 WE. Warum erfahre ich das erst jetzt? Das ist differenzierter als in Bayern, wo man im Aufwand nur zwischen Unter-/Mittelstufen-Sport, -Musik, -Kunst auf der einen und allen anderen Fächern und Wahlunterrichten auf der anderen Seite unterscheidet. In anderen Bundesländern (und dem von mir frequentierten Lehrerforum) gilt sogar: Du Sollst Alle Fächer Gleich Behandeln.

6 thoughts on “Alles über: Anrechnungsstunden

  1. Der Lehrerfreund

    In Baden-Württemberg ist der offizielle Kurs dieser: Für eine Stunde Deputatsnachlass müssen im Jahr 72 (Zeit-)Stunden Arbeit geleistet werden.

  2. Herr Rau Post author

    Das ist größenordnungsmäßig ja tatsächlich, was ich für Bayern ausgerechnet habe. Kann sein, dass es auch bei uns einen offiziellen Kurs gibt, aber von dem hätte dann noch niemals jemand gehört. — Ach, wenn man Kurse an einer Schule doch marktwirtschaftlich berechnen könnte… wieviel Pausenaufsichten entsprechen einer Präsenzstunde oder einer Klassleitung und so weiter…

  3. Andrea

    Hier in Rheinland-Pfalz beträgt das Deputat für Gymnasiallehrer 24 Wochenstunden zuzüglich einer halben Stunde ZAG (zusätzliche Arbeitsgemeinschaft, hier zählt aber fast alles, was man als Lehrer mit Schülern macht, z. B. auch Wandertag für Teilzeitkräfte an ihrem unterrichtsfreien Tag), die pro Schuljahr pro Vollzeitlehrerfall zu erbringen ist. Den offiziellen Umrechnungsschlüssel von Wochenstunden in Zeitstunden kann ich gerade online nicht finden, vielleicht gibt es ihn auch nicht? Aber ein paar Beispiele kann ich nennen:

    An einer Schule mit fünf Personalräten gibt es in Rheinland-Pfalz für den ÖPR sechs Anrechnungsstunden, die an meiner Schule so verteilt werden, dass der/die Vorsitzende zwei bekommt, die übrigen Mitglieder je eine. Üblicherweise tagt der ÖPR zwei Schulstunden pro Woche, der/die Vorsitzende nimmt zusätzlich in drei von vier Wochen an einer Sitzung der erweiterten Schulleitung teil. In dem Fall bedeutet eine Anrechnungsstunde also, dass man in Wirklichkeit mindestens doppelt so viel Zeit dafür arbeitet, denn Tätigkeiten des ÖPR in den Ferien (Unterrichtsverteilung, Stundenplan usw.) sind hier noch nicht mit eingerechnet.

    Zweites Beispiel: Seiteneinsteigerbetreuung. Seiteneinsteiger sind Leute mit Diplom, die in Mangelfächern ins Lehramt einsteigen und ausgebildet werden, während sie schon 18/24 Stunden unterrichten. Sie werden voll bezahlt und müssen die übrigen 6/24 Stunden für die Ausbildung nehmen. Betreut werden sie hauptsächlich von Fachlehrern in der Schule (und natürlich von Seminarleitern), die dafür Anrechnungsstunden bekommen. Jeder Betreuungslehrer ist für ein Fach zuständig und bekommt dafür im ersten Ausbildungsjahr des Seiteneinsteigers eine Lehrerwochenstunde, im zweiten Ausbildungsjahr eine halbe Lehrerwochenstunde angerechnet. Ich betreue gerade einen Seiteneinsteiger in Mathematik und treffe mich mit ihm wöchentlich für 45 Minuten zu einer festen Besprechung. Dazu kommen gesonderte Termine vor Unterrichtsbesuchen und Lehrproben oder für die 2. Staatsexamensarbeit, Unterrichtsbesuche beim Seiteneinsteiger und Begleitung der Unterrichtsbesuche und Lehrproben inklusive Nachbesprechung. Obwohl es im zweiten Ausbildungsjahr weniger Anrechnungsstunden gibt, wird der Aufwand eher höher, da ja das Examen im letzten Halbjahr liegt. Ich schätze den tatsächlichen Aufwand also als ca. 2,5 bis 3 Mal die 45 Minuten ein. In einem experimentellen Fach wie Physik dürfte der Aufwand noch höher liegen, aber da wird „mein“ Seiteneinsteiger von einem Kollegen betreut.

    Bei uns gibt es noch Anrechnungsstunden für Sammlungsleitungen in den Naturwissenschaften, da müssen die jeweiligen Kollegen für die 45 Minuten unterschiedlich viel arbeiten, was aber auch damit zusammenhängt, wie gut die Fachschaft zusammenarbeitet und ihre Sammlung in Ordnung hält. Die tatsächliche Arbeitszeit dürfte auch hier das zwei- bis dreifache der 45 Minuten betragen. Für Fachkonferenzvorsitzende gibt es bei uns keine Anrechnungsstunden.

    Was Pausenaufsichten und Präsenzen angeht, gibt es bei uns an der Schule folgenden Schlüssel: Pro Vollzeitlehrerstelle sind 4,5 Aufsichtseinheiten pro Woche zu halten. Eine Aufsicht in einer 15minütigen großen Pause ist eine Einheit, Präsenz in einer ersten oder letzten Stunde (für den Ganztagsbereich) alle vier Wochen zählt auch als eine Einheit. Eine Aufsicht am Busbahnhof nach der 6. Stunde entspricht zwei Einheiten, obwohl sie de facto länger als 30 Minuten dauert. Klassenlehrer müssen nur 1,5 Einheiten machen, Stammkursleiter 3 Einheiten. Bis vor ein paar Jahren waren Aufsichten und Präsenzen getrennte Aufgaben, bis unser ÖPR vorgeschlagen hat, diese zusammenzufassen, da es Kollegen gibt, die das eine oder andere lieber machen – die Zusammenführung kam im Kollegium gut an, da man sich wünschen kann, wo man seine Einheiten ableistet. Für Aufsichten und Präsenzen gibt es aber natürlich keine Entlastung bei der Unterrichtsverpflichtung, das muss man wie die ZAG-Stunden ohne anderweitige Entlastung machen.

  4. Herr Rau Post author

    Danke für den Blick ins Land. Seiteneinsteigerbetreuung – wäre bei uns in den letzten Jahren dringend nötig gewesen – wird gewünscht, aber nicht unterstützt, findet also nicht ausreichend statt. Und ja, Sammlungsleiter kriegen bei uns auch eine Stunde. In deren Arbeit habe ich keinen Einblick. Bei uns kriegen die meisten Fachkonferenzvorsitzenden Stunden, die müssen dann aber auch die Arbeiten der Kollegen respizieren.

    — Aufsichten sind davon ganz getrennt. Die darf die Schule in Eigenregie verwalten, will heißen, das gehört zur Dienstpflicht des Lehrers und Hauptsache es findet statt. Wir haben 8 Einheiten pro Lehrer, und die verschiedenen Aufsichten und Klassleitungen sind dann eben unterschiedlich viel Einheiten wert. Ganz ähnliches System wie bei euch.

  5. Petra

    Diese Anrechnungsstunden haben unserer Schule buchstäblich das Genick gebrochen. Bei der Einrichtung einer Außenstelle einer Realschule sollte man denken, dass das Ministerium ein paar Stunden gewährt, damit die Lehrer zwischen den einzelnen Schulteilen umherfahren können (immerhin eine Strecke 15 Minuten)und eine eigene Verwaltung in der Außenstelle installiert werden kann.
    Für den Betrieb der Außenstelle wurde alles an Stunden geopfert und zusammengekratzt, was es an Anrechnungsstunden gab.
    Dafür entfielen dann Projektwochen, AGs, Ausflüge.
    Wir als Eltern haben beim Ministerium regelrecht um Ausgleichsstunden für die Außenstelle gebettelt, aber wirklich nur dumme Antworten bekommen – „Wegen bestehender Vorschriften, keine außergewöhnliche Belastung, bla,bla, bla….“
    Letztendlich war es für alle Schüler besser, die Außenstelle schließen zu lassen

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