Big Rock Candy Mountain, zweites öffentliches Üben, und Hemingway

Inhaltsverzeichnis:

  1. Musikalische Versuche
  2. Das Lied und sein Hintergrund
  3. Hobo Stories
  4. Hemingway
  5. Seminar-Idee

1. Musikalische Versuche

Okay, Zeit für das zweite öffentliche Üben:

Nachtrag: drittes und letztes öffentliches Üben.

Hier der Anfang meiner aktuellen Tabulatur für die Clawhammer Ukulele:

Gibt’s auch als pdf, als midi und als tux – das ist die Quelldatei für für den TuxGuitar tab editor (Java), mit dem ich midi und pdf erzeugt habe. Den finde ich für meine Zwecke praktischer als das verbreitetere PowerTab. Die midi-Datei kann man übrigens auch in andere Tabulaturprogramme importieren und erhält so die Noten.

Ukulele geht schon besser, beim Singen aber keine Fortschritte. Frau Rau sagt betont immer nichts, wenn ich singe. Ein Problem ist, dass im ersten Teil des Liedes etliche Noten sind, die unterhalb des nicht allzu großen Tonumfangs der Ukulele liegen. Ich weiß noch nicht, wie ich die am besten begleite und beim Singen treffe.

2. Das Lied und sein Hintergrund

Zum Lied selber (Wikipedia): In neueren Versionen für die Grundschule gibt es das als heiteres Kinderlied mit abgewandeltem Text. Das Original gewinnt aber viel Witz dadurch, dass das Schlaraffenland, das darin beschrieben ist, ein Schlaraffenland für hoboes ist, für Landstreicher der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. The boxcars are all empty, das sind die Güterwaggons, in die man sich verbotenerweise geschlichen hat, the railways bulls are blind, das sind die Bahnpolizisten, die die Landstreicher gerne mal aus dem fahrenden Zug werfen, und träumen kann man nur von Polizisten mit Holzbeinen (sie können einen also nicht verfolgen) und von Bäumen, auf denen die abgelegte Kleidung („handouts“) ebenso wächst wie Zigaretten.

Hinter dieser Ebene des Liedes steckt aber noch eine weitere. Das Lied beginnt ja mit einem hobo, der in ein Landstreichercamp („hobo jungle“) kommt und dort von diesem Hobo-Paradies zu erzählen beginnt, und das mit der Aufforderung, mit ihm zu kommen. Darauf schließen sich drei oder vier (melodisch davon verschiedene) Strophen an, die die Vorzüge dieses Schlaraffenlands preisen und die den Hauptteil des Lieds ausmachen.
Harry McClintock sang das Lied bereits in den 1890er Jahren, dreißig Jahre vor der ersten Aufnahme, und diese ursprüngliche Form enthielt eine abschließende Strophe, die in der Aufnahme ausgelassen wurde:

The punk rolled up his big blue eyes
And said to the jocker, „Sandy,
I’ve hiked and hiked and wandered too,
But I ain’t seen any candy.
I’ve hiked and hiked till my feet are sore
And I’ll be damned if I hike any more
To be buggered sore like a hobo’s whore
In the Big Rock Candy Mountains.“

Ein „punk“ ist ein jugendlicher Streuner (oder allgemeiner: abwertend für einen Jugendlichen), der „jocker“ ist die Figur der Rahmenhandlung, die den Leuten im hobo jungle die Geschichte erzählt und den Jungen zum Mitkommen überreden will – um ihn sexuell auszubeuten oder eine sexuelle Partnerschaft einzugehen. Klingt weit hergeholt? Solche homosexuellen – daneben auch rein pragmatische – Hobo-Partnerschaften gab es regelmäßig. Der ältere Partner heißt jocker oder wolf und lässt den jungen für sich betteln. Der junge heißt lamb oder gonzel/ganzel (Quelle).

Fußnote: Dashiell Hammett nennt in The Maltese Falcon den jungen Ganoven Wilmer gunsel. Rezipiert wurde das als Slangausdruck für „Gangster“ (immerhin steckt „gun“ drin) und wanderte von dort aus wohl tatsächlich auch in Slang-Wörterbücher in dieser Bedeutung. Wie das Hammett gemeint hat, weiß ich nicht. Aber Wilmer ist der jüngere Begleiter des älteren Gutman, und Joel Cairo scheint zumindest einmal den Versuch gemacht zu haben, bei ihm zu landen.

Begegnet bin ich diesem Konzept in einer Kurzgeschichte, in der der jugendliche (glaube ich) Held vor einem wolf gewarnt wird, und dass damit eben nicht einfach ein Mann gemeint sei, der Frauen hinterherpfeift. (Ich dachte, das sei eine Hemingway-Geschichte gewesen, Recherche – siehe weiter unten – sagt, dass wohl doch nicht.) Als solcher ist der Begriff ja viel weiter verbreitet, auch mit dem dazu gehörenden wolf whistle, verewigt etwa in Tex-Avery-Cartoons. Tatsächlich ist das Wort in der Bedeutung „seducer“ seit 1847 belegt, seit 1917 auch für einen aktiven, dominierenden Homosexuellen (Historical Thesaurus of the OED). Ein Gay Slang Dictionary nennt als Ursprung: „prison early 1900’s“. Mehr dazu auch in diesem Glossar zur Hobo-Terminologie. Da heißt oder hieß ein unerfahrener jugendlicher hobo „preshun“ oder „possesh“, der in die Lehre zu einem „profesh“ geht. Jack London betont in seinem autobiographischen The Road (Gutenberg):

A boy on The Road, on the other hand, no matter how green he is, is never a gay-cat; he is a road-kid or a „punk,“ and if he travels with a „profesh,“ he is known possessively as a „prushun.“ I was never a prushun, for I did not take kindly to possession. I was first a road-kid and then a profesh.

Die Auszüge aus dem Buch klingen ziemlich interessant, ich werde es bald mal lesen. James L. Haleys Wolf: The Lives of Jack London verdanke ich den Hinweis auf den Aufsatz „Homosexuality among Tramps“ in Havelock Ellis‘ Studies in the Psychology of Sex. Habe ich noch nicht reingeschaut, kann für nichts garantieren.

3. Hobo Stories

Das Wort „hobo“ kenne ich schon lange. Der „hobo jungle“ taucht in Tom Waits wunderbarem „Kentucky Avenue“ auf, wo zwei Jungen auch die Flucht von zu Hause planen, oder davon träumen, oder zumindest einer von ihnen. („Church key“ für „Flaschenöffner“ habe ich auch aus diesem Lied.)
Bei Stephen King bin ich dem hobo jungle sicher auch begegnet.
Vielleicht in Jack-London-Geschichten?
Und dann natürlich Ernest Hemingway, zum Beispiel „The Battler“. Dort ist der jugendliche – oder doch schon später Teenager? – Nick Adams, Held einer Reihe von Hemingway-Geschichten, gerade von einem Bahnpolizisten aus dem fahrenden Zug geworfen worden. Er wird von einem Lagerfeuer angelockt und trifft dort ein paar hoboes, einer davon ein ehemals berühmter Boxer, und sie teilen ihre Lebensmittel. Die Situation wird tatsächlich ein bisschen brenzlig für Nick, aber Sexualität ist kein Thema in dieser Geschichte.

4. Hemingway

Beim Blättern im Hemingwayband bin ich auf zwei schöne Geschichten gestoßen, an die ich lange nicht mehr gedacht habe. „A Natural History of the Dead“, eine ganz untypische Geschichte. In durchaus poetischem Naturkundefilm-Tonfall (wie man ihn heute aus Fernsehsendungen über Eisbären oder die Tierwelt der Alpen kennt) beginnt der Bericht über einen Kriegsschauplatz:

It has always seemed to me that the war has been omitted as a field for the observations of the naturalist. We have charming and sound accounts of the flora and fauna of Patagonia […] Can we not hope to furnish the reader with a few rational and interesting facts about the dead?

Until the dead are buried they change somewhat in appearance each day. The color change in Caucasian races is from white to yellow, to yellow-green, to black. If left long enough in the heat, the flesh comes to resemble coal-tar, especially where it has been broken and torn, and it has quite a visible and tarlike iridescence.

Bitter. Hätte ich eher von Ambrose Bierce erwartet, so etwas.
Typischer ist „The Three-Day Blow“. Nick Adams besucht seinen Freund Bill, dessen Vater nicht zu Hause ist, in deren doch eher einfachen Behausung. Draußen stürmt es. Die beiden unterhalten sich erst mal über Sport und trinken Whiskey (und fragen sich, was Torf eigentlich ist) – und dann sprechen sie über die Bücher, die sie gerade lesen. Richard Feverel von George Meredith („It’s all right“), The Forest Lovers von Maurice Henry Hewlett („That’s the one where they go to bed every night with the naked sword between them“), Fortitude und The Dark Forest von Hugh Walpole („I’d like to meet him“) und – hooray! – G. K. Chesterton.

„‚He must be the best guy there is. Do you remember the Flying Inn?“

(Falls nicht erinnerlich: ich liebe Chesterton.) Nach einer kurzen Diskussion, wer besser ist, Chesterton oder Walpole, wollen sie beide zum Fischen mitnehmen. Danach geht das ernsthafte Whiskeyrtrinken los, sie bekennen sich zum Fischen und widersagen Baseball, erheben Trinksprüche auf Walpole und Chesterton, und im Hintergrund steht die ganze Zeit über Nicks Trennung von seiner Freundin/zukünftigen Braut Marjorie.

5. Seminar-Idee

Falls ich noch Englisch unterrichten würde, könnte ich mir gut ein Seminar „Landeskunde durch Lieder“ vorstellen – als W- oder P-Seminar. Die Leistung im W-Seminar wäre jeweils eine ausführliche Arbeit über ein einzelnes Lied, im P-Seminar könnte man die Lieder aufführen oder aufnehmen oder in die heutige Zeit übertragen, gerne auf Deutsch. Man müsste sich halt um die Rechte kümmern. Filme dazu: Dieses Land ist mein Land (Biographie von Woody Guthrie, 1976, mit David Carradine). Am Rande erwähnenswert: Boxcar Bertha (1972), nicht über Musik, aber mit Zügen in den 1930ern, etwas zu brutal für mich, aber auch mit David Carradine und eine ganz frühe Scorsese-Regie – in einer Rogar-Corman-Produktion, da schau her.

Lieder für das Seminar, ganz spontan:

  • Strange Fruit (Billie Holliday) (Wikipedia)
  • Brother, Can You Spare A Dime (Rudy Vallee und viele viele andere) (Youtube: The Weavers, Youtube: Al Jolson)
  • Sacco and Vanzetti (Woody Guthrie)
  • Sixteen Tons (Merle Travis u.a.) (Wikipedia)
  • Fairytale of New York (Pogues)
  • Vive la Quinta Brigada (Christy Moore) (Youtube)
  • The Ludlow Massacre (Woody Guthrie)
  • Lousiana 1927 (Randy Newman)
  • Poverty Knock (trad., Chumbawamba) (Blogeintrag)
  • Tom Joad (eine Grapes-of-Wrath-Interpretation von Woody Guthrie)
  • The Biggest Ballof Twine in Minnesota (Weird Al Yankovic) (Youtube, aber kein Vergleich zur Studioversion)
  • Ten Cents A Dance (Version 1, Version 2, Version 3, weil die beste Version – die von Doris Day – in unserem Land bei Youtube nicht angeschaut werden kann)
  • Von mir aus auch „I don’t like Mondays“ und „Sunday, Bloody Sunday“, jede Menge irische politische Lieder, die 1930er sowieso.

8 Antworten auf „Big Rock Candy Mountain, zweites öffentliches Üben, und Hemingway“

  1. Was für eine schöne Idee. Da hätte ich auch mal Lust zu, ein Semester mit Landeskunde durch Lieder. Da trauere ich den Vorzentralabiturthemenzeiten nach. Jetzt kann man hier in Niedersachsen die Themen nicht mehr selbst festlegen.

  2. Da gäbe es noch mehr Gassenhauer der amerikanischen Folklore, z.B. „Staggerlee“ („The Ballad of Stack O Lee“ u.ä. Schreibungen) oder „The Ballad of Frankie and Johnny“. Zu finden sind diese Balladen natürlich fast alle im Archiv der Smithsonian Institution. Wenn du morgen in der Schule wärest, könnte ich dir die „Anthology of American Folk Music“, 1997 erschienen bei Folkways, mitbringen, falls du sie nicht ohnehin hast.
    („I am) „Only a Hobo“ ist auch ein früher Song von Bob Dylan, soweit ich mich erinnere.

  3. Das wird immer besser! Von der Ukulele lässt sich der Ton schwieriger abnehmen als von der Gitarre, da hilft nur mutig die Melodie durchzusingen. Ansonsten empfehle ich – zur Freude von Frau Rau und den Nachbarn – die Stimme vorher etwas warmzumachen, davon profitiert dann auch der Übergang von Kopf- zu Bruststimme. Was ich ein bisschen schief finde, ist die Ukulele, aber das liegt wahrscheinlich an der Aufnahme.

    Zur Seminaridee: die GEMA ist sehr kulant, was nichtöffentliche Geschichten im Rahmen des Unterrichts anbelangt. Aber ich frage auch immer lieber einmal zu viel als zu wenig, besonders, wenn es gefilmt und online gestellt werden sollte.

    Ich freu mich schon aufs nächste Üben! :-)

  4. @ vilsrip
    Unter uns Dylanologen sollte es keine Geheimnisse geben, denn es ist natürlich gerade andersherum. Nicht einmal „Blowing in the Wind“ ist ein von Herrn Zimmerman erdachter Song! Seine neueste Kunstausstellung zu Neuyork soll motivisch ähnlich plagiatverseucht sein wie eine Guttenberg-Galaxis und ansonsten kann es in hiesigen Breiten wohl nur der arme BB aus Augsburg in kreativer Amalgamtechnik mit Old Zimmy aufnehmen.

  5. @Frau Weh: Wenn die GEMA normalerweise kulant ist, sollte sie in diesem speziellen Fall nicht sogar ukulelant sein?

    @Beelzebub: Danke für diese mutige Klarstellung. Und waren wohl bei Bob „dem Baumeister“ Dylan auch mehrere Frauen tatkräftig als Tarnkappen-Autorinnen(1) tätig wie bei BB?
    ___________________
    (1)also genau genommen: sie waren Autorinnen, und BB hat ihnen eine Tarnkappe übergestülpt, quasi

  6. Die erste Muse Joan Baez hat bis heute ein ernsthaftes, zumeist öffentliches Beziehungsproblem mit Bobby, die allererste Muse aus New Yorker Tagen, Suze Rotolo (die vom „Freewheelin'“- Cover), ist erst kürzlich gestorben, kann also nichts mehr verraten und Sara Dylan hat sich in den 70ern von his Bobness millionenschwer scheiden lassen (Schweigegeld?). Das alles sollte uns zu denken geben…

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