G.K. Chesterton, The Flying Inn

Vor fünfzehn Jahren habe ich das Buch mal auf Deutsch gelesen, jetzt wollte ich es auf Englisch lesen, konnte mich aber nicht wirklich aufraffen. Wie gut, dass es Librivox gibt – vorgelesene Bücher zum Herunterladen, von Liebhabern für Liebhaber, alle in der public domain. Die Qualität wechselt, vieles ist aber absolut brauchbar. Nur leider gab es The Flying Inn dort noch nicht, beziehungsweise nur als laufendes Projekt, wobei die einzelnen Kapitel nach und nach von verschiedenen Sprechern gelesen werden. Also habe ich angeklickt „Bitte benachrichtigen, wenn vollständig“ und nicht mehr darüber nachgedacht. Letzte Woche kam dann die Nachricht, und seit ein paar Tagen höre ich mir also das Buch an. Internet ist einfach toll.

Und was soll ich sagen: ich liebe Chesterton. Der Roman ist… einigermaßen bizarr. Veröffentlicht 1914. Nach längerem Krieg in Europa hat das Osmanische Reich großen politischen und auch kulturellen Einfluss gewonnen und kann die Friedensverhandlungen diktieren. Die beteiligten Mächte sind zum einen Deutschland, sind vor allem England – mit einem schmierigen englischen Premierminister, dem „Appeasement“ groß auf der Stirn steht. Seine Rede, mit der er den Antrag des Botschafters von Ithaka auf Rückgabe der bei der Eroberung von Pylos‘ geraubten (und in Harems verbrachten) Frauen ablehnt, ist wunderbar grässlich:

I will admit I am sufficiently old-fashioned to think any interference with the interior life of the family a precedent of no little peril. Nor will I be so illiberal as not to extend to the ancient customs of Islam what I would extend to the ancient customs of Christianity. A suggestion has been brought before us that we should enter into a renewed war of recrimination as to whether certain women have left their homes with or without their own consent. I can conceive no controversy more perilous to begin or more impossible to conclude. I will venture to say that I express all your thoughts, when I say that, whatever wrongs may have been wrought on either side, the homes, the marriages, the family arrangements of this great Ottoman Empire, shall remain as they are today.

Ithaka? Der vierte Partner am Verhandlungstisch ist die einzige Macht, die den Kampf im Mittelmeeraum noch nicht aufgegeben hat: der Zwergstaat Ithaka, unter der königlichen Führung eines irischen Abenteurers, eines der Helden des Romans.
Der zieht nach dem Friedensschluss mit einem Kumpan durch ein verändertes England. Das Hauptproblem: der Alkoholausschank ist verboten, es herrscht Prohibition. Alle Pubs werden geschlossen beziehungsweise schenken nur noch Limonade aus. Alle? Durch Ausnutzen von Schlupflöchern im Gesetz und andere Tricks betreiben die Helden eine Art Guerilla-Pub, pflanzen da und dort ihr Wirtshausschild auf und schenken Rum aus.

Die amerikanische Prohibition begann fünf Jahre nach der Veröffentlichung, der erste Weltkrieg zeitgleich. Islamkritisch ist der Roman sicher nicht; ich weiß wenig über die letzten Jahre des Osmanischen Reichs (außer das Schlagwort vom kranken Mann am Bosporus), aber Chesterton dürfte den Ausgangspunkt von der Islamisierung Englands, der zum de-facto-Alkoholverbot führt, gerade deshalb gewählt haben, weil er so völlig an den Haaren herbeigezogen schien. Nur als Metapher. Ist der Roman islamfeindlich? Wohl auch nicht. Jede Gruppe, ob Mehr- oder Minderheit, muss sich so weit als Metapher heranziehen und Vereinfachungen gefallen lassen. Eher gehört der Roman in das Genre der Dystopie und das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und befindet sich damit in bester britischer Gesellschaft.

2 Antworten auf „G.K. Chesterton, The Flying Inn“

  1. Hallo Herr Rau!

    Ich bin bei der Recherche für meine Diplomarbeit über ein Web-2.0-Buch von Ertelt/Röll (tatsächlich nicht digital, sondern in Pappe und Papier) auf ihre Homepage gekommen und bin nach ein bisschen Stöbern wirklich begeistert! Toll, wie kreativ man Schule auch nach langer Zeit noch sehen kann und wie innovativ sich Klassenzimmer und Web verbinden lassen. Ich wünsche mir jetzt, meine Lehrer hätten auch soviel Sinn für neue Technologien gehabt und Ihnen weiterhin viel Erfolg! ;)

    Beste Grüße,
    Dorothea

  2. Vielen Dank für das Lob. Es gibt ein paar von uns, die viel mit dem Web arbeiten und das ganz gut machen. (Und etliche, die das ohne Web auch tun.)

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